Als Fußgänger unterwegs in Wien

Montagvormittag in der Nähe einer größeren Straße. Berufsverkehr. Das Ziel: Straßenüberquerung. Zur Verfügung stehende Hilfsmittel: „Zebrastreifen“ – oder korrekt: „Fußgängerüberweg“. Der Begriff ist ein Witz. Das jedenfalls lehrt uns die Erfahrung. Denn es gibt wohl keinen sichereren Weg, eine Straße nicht zu überqueren, als an einem „Fußgängerüberweg“ darauf zu warten, dass sich hinreichend viele der unzähligen „Kraftfahrzeuglenker“ gleichzeitig dazu entschließen einem die Gnade des sicheren Übertritts zu gewähren. „Fußgängerüberweg“ – ein Begriff voll konzentrierten Autofahrer-Zynismus. Jedenfalls in Deutschland.

Umso überraschter war ich, als ich in Wien das erste Mal an einen „Fußgängerüberweg“ herantrat. Fort war sogleich aller Zynismus, der diesem Begriff für mich inne wohnte. Denn links wie rechts von mir bremsten die Karossen schon meterweit vor dem Überweg sachte (!!!) ab. Ein sicheres Passieren war so ohne Probleme möglich. Und inzwischen bin ich zu der Ansicht gelangt, dass Fußgängern hierzulande ein privilegierter, ein geschützter Status zukommt. Wahrscheinlich würden sogar die U-Bahnen vor Fußgängern halt machen. Empirische Pionierleistungen auf diesem Forschungsgebiet überlasse ich aber gerne anderen.

Ist Wien also ein Paradies für Fußgänger?  – Fast! Denn ein Feind stellt sich dem Fußgänger weiterhin, tagein, tagaus tapfer entgegen. Und das gleich massenhaft. Die Rede ist natürlich von anderen Fußgängern. Es scheint fast so, als sei ihnen die zuvorkommende Behandlung durch die anderen Verkehrsteilnehmer zu Kopf gestiegen. Wie kleine Louis oder besser: Leopolds schreiten die Wiener per pedes durch die Straßen ihrer Stadt. Rücksicht und Vorsicht wird vermieden wo es geht. Als nicht-Einheimischer hat man alle Hände – bzw. Füße – voll zu tun, all den beweglichen Hindernissen ausweichen. Man will ja schließlich niemanden anrempeln. Den Wiener stört das hingegen nur wenig. Wenn es tatsächlich einmal zur Kollision kommt, lässt er eben ein lakonisches „'Tschuldigung“ verlauten. Damit ist die Sache für ihn gegessen. Für den auswärtigen Gegenüber – in der Landessprache ein „G'scherter“ – jedoch nicht. Denn ein echter Wiener schafft es eine Entschuldigung genau so zu intonieren, dass beim um Entschuldigung „gebetenen“ Schuldgefühle erwachsen.

Zugegeben: Ich übertreibe ein wenig. Ich würde auch in Wien nicht blind über einen Zebrastreifen gehen und ich muss auch nicht jedem Fußgänger ausweichen (die Touristen ;)). Aber so ganz frei erfunden ist meine kleine schwarz-weiß-Malerei auch nicht. Denn es lassen sich – jedenfalls in meiner Wahrnehmung – sehr wohl „feine Unterschiede“ festmachen.

 

Florian Stabel

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien

Wien und die Geschichte

Was erwartet einen angehenden Historiker, der sich aufmacht, sein Studium für eine Weile in Wien fortzusetzen, so an Geschichte in der österreichischen Bundeshauptstadt?

Zunächst einmal ist da natürlich die universitäre Sphäre. An der Universität Wien sind gleich mehrere historische Institute untergebracht. Neben dem umfassendsten und größten, dem „Institut für Geschichte“, sind das etwa das „Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte“, das „Institut für Osteuropäische Geschichte“ und das allerdings nur teilweise zur Uni gehörige „Institut für Österreichische Geschichtsforschung“. Diese institutionelle Bandbreite schlägt sich selbstverständlich auch auf die Breite des Studien- und Lehrangebotes nieder. So bietet die Uni Wien neben einheitlichen B.A.- und Lehramtsstudiengang insgesamt neun Masterstudiengänge, die z.T. auch interdisziplinär angelegt sind. Neben dem wahlweise auch epochal spezialisierten „Master Geschichte“ sind das etwa die Master „Frauen- und Geschlechtergeschichte“, „Wirtschafts- und Sozialgeschichte“, „Historisch-Kulturwissenschaftliche Europaforschung“ und „Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften, Archivwissenschaft“.

Für Austauschstudierende sind diese verschiedenen Studiengänge an sich natürlich nur von geringer Bedeutung. Man ist ja nur für eine sehr begrenzte Zeit da. Der Vorteil, den man aber hat, ist derjenige, dass man quer zu den Trennlinien dieser ganzen Studiengänge die zugehörigen Lehrveranstaltungen nach Belieben belegen und so den eigenen Interessen auch einmal abseits dessen, was üblicherweise an der Heimatuni angeboten wird, nachgehen kann oder auch vielleicht ganz neue Interessenfelder für sich entdeckt.

Hat man dann erst einmal eine Wahl getroffen, ist man auch ganz schnell drin im Studi-Alltag. Der gestaltet sich nun nicht grundlegend anders als in Mainz auch. Mal abgesehen davon, dass man selbst in der Uni (trotz z.T. großen Bemühens) kaum Hochdeutsch zu hören bekommt (dafür muss man schon ins Theater), möchte ich hier drei Aspekte erwähnen: Erstens wird in den Lehrveranstaltungen selbst ein recht hohes Lesepensum verlangt. Zudem sind oftmals auch noch kleinere schriftliche Aufgaben und Zusammenfassungen anzufertigen. Zweitens sind die Wiener Studis ziemlich diskussionsfreudig, selbst in größeren Lehrveranstaltungen. Beides sind natürlich Beobachtungen, die sich auf die paar von mir besuchten, (gemessen am Gesamtangebot) wenigen LVs beziehen und somit nur schwer Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben können. Was ich aber so im Austausch mit anderen Austauschstudierenden erfahren habe, zielte alles in eine ähnliche Richtung.

Drittens und letztens wäre dann noch die technische Ausstattung ganz allgemein zu erwähnen. Und an dieser Stelle kriegt der Mainzer doch ein bisschen Heimweh, denn die Bedingungen in Mainz sind doch ein bisschen studierfreundlicher. Nur so viel: Der Selbstverbuchungsautomat (ich habe bislang nur einen einzigen entdeckt) in der Lehrbuchsammlung ist nicht von allzu geringem historischen Wert. Und so sind es lauter kleine Details, die den Studienalltag in der Summe doch etwas anders aussehen lassen, als in der Heimat.

Hinzu treten natürlich auch ganz andere Rahmenbedingungen, die die Stadt bietet. Wien ist nun einmal nicht Mainz. Und damit wäre ich auch bei meinem zweiten Punkt: Die Stadt und die Geschichte (außerhalb der Uni).

Zu aller erst denkt man hier an natürlich an die Habsburger, die hier schier ewige Zeiten residierten. Dieser große historische Zeitraum schrumpft jedoch im Alltagsbewusstsein der Wiener ganz schnell, ganz weit zusammen. Übrig bleiben dann noch der allgegenwärtige Franz Joseph (ja, Sissi natürlich auch ein bisschen...) und die von den Leuten längst zur „österreichischen Kaiserin“ verklärte Maria Theresia. Im Stadtbild präsent hingegen ist v.a. der Erstgenannte. Unter seiner Regie entstand quasi auf den Fundamenten der alten „Festung Wien“ (heutiger erster Bezirk) die große Wiener Prachtstraße, der „Ring“, an der die meisten der berühmtesten Sehenswürdigkeiten liegen: Staatsoper, Neue Hofburg und Heldenplatz, Parlament, Natur- und Kunsthistorisches Museum, Burgtheater, Rathaus; jedes einzelne dieser Gebäude im Stile der Zeit errichtet und das heißt: in historistischem Baustil. Programmatisch versuchte man hier jeweils die Architektur jener Epoche nachzuahmen, in der das jeweilige Gebäude in funktioneller Hinsicht seine Glanzzeit gehabt hätte. Das (völlig unpassende) „griechische“ Parlament ist hierbei wohl das einleuchtendste Beispiel.

Auch das Hauptgebäude der Universität (dort wo auch die meisten historischen Institute untergebracht sind) gehört zu diesen Prachtbauten am Ring. Die architektonische Ausstattung ist entsprechend, so dass insbesondere die ersten Uni-Besuche zu großen Highlights werden. Prachtvolle Stiegen, Großer Festsaal mit Deckengemälden von Gustav Klimt, Großer Lesesaal, Arkadenhof. Alles schon ein bisschen anders als im heimischen Philosophicum.

An dieser stelle drängt sich mir die Frage auf, was denn diesen neoabsolutistischen Prunk so reizvoll macht. Warum pilgern all die Touristen gerade dorthin? Was nimmt sie, was nimmt mich, was nimmt uns so für dieses Überdimensionierte, das Imperiale ein? Ist es der bloße Respekt für die architektonischen Leistungen? Die Bewunderung von Größe? Der Fakt des Außergewöhnlichen? Sind es ästhetische Gründe? Oder vielleicht doch einfach nur die Tatsache, dass dies eben die Dinge „sind“, die man „mal gesehen haben muss“...

Viel unscheinbarer und weit davon entfernt Touristenmagnet zu sein, hat sich eine andere historische Epoche ins Stadtbild eingebrannt: das „Rote Wien“, womit man im engeren Sinne die Phase sozialdemokratischer Alleinregierung in der Stadt zwischen 1918 und 1934 bezeichnet. In dieser Phase entstanden zahlreiche soziale Wohnungsbauten, wie etwa der Karl-Marx-Hof oder der Rabenhof, die bis heute das Stadtbild v.a. in den westlichen Bezirken mit prägen. Und auch nach 1945 erlebte der soziale Wohnungsbau in Wien unter sozialdemokratischer Federführung wieder einen Aufschwung. Wer offenen Auges durch die Stadt geht, erkennt die städtischen Bauten an den nicht gerade versteckt angebrachten Hinweisen.

Damit sind wir aber auch schon bei der aus deutscher Sicht spannendsten oder, je nach Perspektive auch langweiligsten, Periode österreichischer Geschichte. Ich möchte hier gar nichts groß inhaltlich dazu schreiben. Ich erwähne diese Periode v.a. deshalb, weil sich in Bezug auf diese für mich sehr deutlich feststellen ließ und lässt, dass ich doch – trotz all der Gemeinsamkeiten – in einem anderen Land bin. Für die gleiche historische Periode sind hier einfach ganz andere Daten wichtig, andere Erzählungen, andere Orte relevant. Das ist zwar alles in der Theorie völlig klar, aber als Erfahrung in der Praxis doch noch einmal viel eindrücklicher. Und nicht zuletzt um diese Eindrücke geht es ja gerade bei einem Auslandssemester. Die Theorie findet sich auch daheim, im schmucklos-praktischen Philosophicum, in der Seminarbibliothek.

Grüße dahin 😉
Florian Stabel

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien

Vienna calling – Wien in fünf Punkten erklärt: Punkt 5

Punkt 5: Die Christkindlmärkte – nicht erschrecken lassen von den Touristen auf dem Campus und im Universitätsgebäude

Historismus wohin man schaut. Das ist Wien. Eines dieser prächtigen Gebäude (vorzugsweise am „Ring“) ist das Hauptgebäude der Universität. So schön es von außen wirkt, so anstrengend ist es von innen, die Rede ist jetzt nicht unbedingt von den Lehrinhalten, sondern vielmehr von den Treppen, pardon „Stiegen“, denn diese gibt es hier zu Hauf. Das Universitätsgebäude verleitet einen auch gerne dazu sich zu verlaufen, denn vor lauter Stiegen sieht man den Wald nicht mehr und denkt man würde im Kreis laufen – ach nee, man ist ja tatsächlich im Kreis gelaufen.

Außer dem Hauptgebäude gibt es noch einen Campus mit mehreren Höfen sowie zahlreiche weitere Gebäude in der Stadt verteilt. Die Vorlesungsräume selbst schwanken zwischen „Wooooooooooooow!“ und der Atmosphäre eines Anatomiehörsaals ohne Steckdosen und Beinfreiheit.

Das größte Manko ist jedoch der Mangel an Kopierern sowie die Öffnungszeiten der Bibliotheken. Zur Verteidigung der Bibliotheken muss man jedoch sagen: generell ist es in Österreich mit den Öffnungszeiten etwas schwierig. Supermärkte haben gefühlte vier Stunden am Tag offen, Postfilialen gute zwei Stunden die Woche – da liegen die Bibliotheken im guten Durchschnitt.

Christkindlmarkt am Rathaus - der Touristenmagnet schlechthin

Das größte Plus sind wiederum die Weihnachts-, pardon Christkindlmärkte – und die gibt es wie Sand am Meer, einen sogar direkt auf dem Campus (wenn er denn mal geöffnet hat). Die Weihnachtsstimmung in Wien selbst ist überragend. Natürlich schwankt es wie überall zwischen kitschig und traumhaft, und doch kenne ich kaum eine Stadt, in der die Weihnachtsdekorationen so feinsinnig und abwechslungsreich sind wie in Wien – in der aber leider auch der Glühwein so viel kostet wie hier. Das liebe Geld ist leider so eine Sache. Und damit möchte ich die Exkursion schließen. Wien ist immer einen Besuch wert, hier zu leben ist eine fantastische Erfahrung, aber auch eine teure. Wer nach Wien reist sollte das beachten. Es gibt viel zu sehen, vorausgesetzt man ist dazu bereit überall den Eintritt zu zahlen, doch es lohnt sich!

Auch der Stephansdom erstrahlt in Weihnachtsbeleuchtung

Jelena Menderetska

 

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien

Mit dem Dijon-Programm in Sherbrooke, Québec (Kanada)

Quebecer und kanadische Fahne in Québec-Stadt
Quebecer und kanadische Fahne in Québec-Stadt

Als Geschichtsstudent in Kanada zu studieren leuchtet zunächst nicht jedem ein. "Welche Geschichte denn?", mag sich der ein oder andere fragen.
So auch eine eher widerstrebende Haltung von Seiten meines Mittelalter-Dozenten in Dijon, der mir ein Empfehlungsschreiben erstellen sollte: „Pourquoi vous allez faire vos études au Canada et ne pas en Italie, à Bologne?“
Der Hinweis, dass es auch eine Geschichte jenseits des Mittelalters gibt hat mich dann beinahe mein Empfehlungsschreiben gekostet…

Nach längerem Kampf mit diversen Visa-Behörden (Voraussetzung für die Studienerlaubnis in Kanada ist eine Aufenthaltserlaubnis in der Provinz Québec) landete ich dann tatsächlich Ende September in Montréal, nach spektakulärem Landeanflug über knallrote Ahornwälder.
Aufgrund einer längeren Streikphase, die sich gegen die Erhöhung der Studiengebühren in Québec richtete und sich ab Frühling 2012 zu einer regelrechten sozialen Bewegung ausgeweitet hatte,  war der Studienbeginn um einen Monat verschoben worden. Dies kam mir entgegen – meine Studienerlaubnis war erst kurz vor Abflug eingetroffen.

Blick vom Mont Royal auf Downtown
Blick vom Mont Royal auf Downtown Montréal

 Montréal konnte ich in den drei Tagen nach Ankunft (wieder)entdecken (ich hatte schon in der 11. Klasse ein Auslandsschuljahr am anglophonen John Abbot College verbracht): Eine wunderschöne, kosmopolitische Großstadt, die für viele die Vorteile New Yorks und Paris in einer Stadt vereint. Dies gilt auch aus sprachlicher Sicht, da sich die Stadt (grob entlang des Boulevard St. Laurent) in überwiegend frankophone und anglophone Stadtteile aufteilen lässt. So ist man ständig am Sprachen wechseln und als Neuankömmling dabei leicht überfordert.

Der "Lac des Nations" mit kleinem Weihnachtsmarkt
Winterliches Sherbrooke - Der "Lac des Nations" mit kleinem Weihnachtsmarkt

Mit dem Bus ging es dann in das etwa 200 km entfernte Sherbrooke, eine mittelgroße Regionalhauptstadt  von ca. 150 000 Einwohnern. Hier, in den hügeligen „Cantons de l’Est“ sollte ich also die nächsten 8 Monate studieren.

Eine Wohngemeinschaft hatte ich mir schon per Skype von Deutschland aus organisiert und ich wurde herzlich willkommen geheißen von meinen 5 Mitbewohnern, mit denen ich ein kleines Häusschen im Stadtzentrum bewohnen sollte: zwei Franzosen, je ein anglophoner und ein frankophoner Québécois und ein Kolumbianer, der an der anglophonen Bishop University studierte. An den ständigen Sprachenwechsel sollte ich mich dann erst nach ungefähr zwei Wochen gewöhnen.
Kleine, diverse Verständnisprobleme mit dem deftigen, jedoch liebenswerten „québécois“, der franko-kanadischen Sprachvarietät des Französischen, hielten jedoch, vor Allem im Umgangssprachlichen, oft bis zum Schluss an.
So der Busfahrer, der mich am ersten Tag kostenlos mitfahren lies, da er nicht auf Scheine herausgeben konnte: „[aʃɛit mwe yn bjɛr]“ (Kauf mir doch einfach nächstes Mal ein Bier).
An der Université de Sherbrooke wurde ich zu den Einführungstagen dann auch mit Bier empfangen – tatsächlich habe ich noch nirgends, nicht einmal in Deutschland, so viele begeistert Bierkenner und -trinker getroffen wie in Québec.

Als im Winter radfahrender Deutscher schafft man es in Sherbrooke sogar auf die Begrüßungsseite der Uni-Homepage
Als im Winter radfahrender Deutscher schafft man es in Sherbrooke sogar auf die Begrüßungsseite der Uni-Homepage

An den kanadischen Universitätsalltag gewöhnt man sich (zwangsläufig) schnell. Insgesamt kann man nur fünf Kurse pro Trimester belegen, und diese sind dann so arbeitsintensiv, dass viele auch nur vier belegen. Von Anfang an müssen Essays, kleine Hausarbeiten oder andere Arbeitsaufträge abgegeben werden, die alle in die Endnote mit einfließen. Bei den Kursen wird nicht zwischen Seminar und Vorlesung unterschieden – größere Hausarbeiten schreibt man aber vor allem in den sogenannten „activités de recherches“ wo zu einem bestimmten Thema geforscht wird. Die Kursgruppen sind kleiner als in Deutschland (zwischen 10 bis max. 40 Studenten) und die Dozenten, als auch die Studierenden,  versprühen eine Motivation, die anfangs nahezu beängsitgend wirkt. Die Themen sind auch allesamt sehr spannend – so belegte ich u.A. Geschichte Kandas bis 1840, Geschichte des zeitgenössichen Afrikas, Geschichte des osmanischen Reichs, Geschichte des traditionnellen Chinas – allessamt Themenbereiche die mir gänzlich neu aber dafür umso spannender waren.
Angenehm ist auch das entspannte Beziehungsverhältnis zwischen Dozenten und Studierenden, das in krassem Gegensatz zum autoritären Lerhstil in Frankreich aber auch in Deutschland steht. Die meisten Dozenten bieten Ihren Studenten das „Du“ an und auch in den Sprechstunden begegnet man sich auf Augenhöhe.
So wurde mir auch im zweiten Trimester ein Hiwi-Job in der Forschung angeboten bei dem ich deutsche Kolonialberichte auf den Forschungsschwerpunkt meines Dozenten hin untersuchen durfte.

Einmal in Kanada, erweist sich die Bürokratie als weit effizienter als man nach dem Visastress hätte annehmen können und ich hatte nie Schwierigkeiten mit der Univerwaltung, Bankeröffnung, Arbeitsvertrag oder auch Autokauf.

Tatsächlich lohnt es sich in Kanada für ein Jahr ein gebrauchtes Auto zu kaufen (ich konnte meines auch fast für Kaufpreis auch wieder verkaufen), da viele Ziele nur so erreichbar sind.
So kam bei mir dann auch die Natur nicht zu kurz: Im Winter habe ich zusammen mit Franzosen und Kanadiern einen Saisonskipass und eine Fahrgemeinschaft, in die nicht weit entfernten Skigebiete um Sherbrooke, aber auch in Vermont, USA, organisiert. Im Sommer ging es dann vor allem zum Kanuwandern oder in kleine „chalets“ am See.
Auch der von der Uni angebotene „Club de Plein Air“ hat viele spannende Ausfahrten angeboten  von Apfelplücken über Schneeschuhwandern bis Kanuwochenende.
Der schrecklich angekündigte kanadische Winter war dann letztendlich gar nicht so schlimm: höchstens drei Wochen lagen bei unter -25° C, wobei die Kälte angenehm trocken ist und auch meist dabei die Sonne scheint.

Schneeschuhwandern am Mont Mégantic
Schneeschuhwandern am Mont Mégantic

Je mehr man sich mit der sehr speziellen quebecer Identität auseinandersetzt, desto mehr schließt man diese auch ins Herz. Die herbe Sprache, das deftige Essen (Nationalgericht ist die „poutine“ – in Bratensoße getränkte Pommes mit frischem Cheddar), das gesunde „National“-Bewusstsein für die „Nicht-Ganz-Nation“ Québec, aber auch der Stolz auf den gemeinsam erreichten Gesellschaftswandel in den 1960er Jahren, von einer traditionellen, katholischen und ländlichen Gesellschaft hin zu einem der liberalsten Flecken der Welt – all das macht den Umgang mit Quebecern besonders erfrischend. Montréal als Zentrum der nordamerikanischen Frankophonie bietet dabei ein kulturelles Angebot und eine kosmopolitische Vielfalt, die man so selbst in Europa nicht findet.

Blick von den "Plaines d'Abraham"auf das Château Frontenac.  Hier fand 1759 die entscheidende Schlacht statt, die dem britischen General Wolfe gegen dem französischen Kommandanten Montcalm den Sieg einbrachte. Dies bedeutete das Ende der französischen Kolonie Nouvelle-France und der Beginn der britischen Vorherrschaft in Québec.
Blick von den "Plaines d'Abraham"auf das Château Frontenac.
Hier fand 1759 die entscheidende Schlacht statt, die dem britischen General Wolfe gegen den französischen Kommandanten Montcalm den Sieg einbrachte. Dies bedeutete das Ende der französischen Kolonie Nouvelle-France und der Beginn der britischen Vorherrschaft in Québec.

So entschied ich mich nach Ende meines Studiums im Mai, noch ein paar weitere Monate zu bleiben, das Jahr „komplett“ zu machen. Einen Monat reiste ich mit dem Auto durch Québec, bis hin zur Mündung des St. Lorenzstroms in der Gaspésie, einen Monat lebte ich in einem anglophonen Viertel im sommerlichen Montréal, und zwei Monate verbrachte ich auf einem epischen Road-Trip von New York nach Seattle, und von Vancouver Island quer durch Kanada zurück nach Montréal, mich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagend und die unberührte Natur in vollen Zügen genießend.

Der Rückflug am 1. September läutete dann das vorläufige Ende meines franko-amerikanischen Traumes ein. Die amerikanischen und kanadischen Weiten haben mir in diesem Studienjahr auf jeden Fall neue Horizonte erweitert.

 

Bärenbegegnung in der Gaspésie
Bärenbegegnung in der Gaspésie
Unterwegs im Jasper National Parc
Unterwegs im Jasper National Parc

Urs Gröner

Vienna calling – Wien in fünf Punkten erklärt: Punkt 4

Punkt 4: Nationalismus – Kinder auf einem Panzer scheinen nicht immer ein Grund zur Besorgnis zu sein, oder vielleicht doch?

Während in Deutschland der Nationalstolz ganz gut (außer zur Fußball-WM) aus der Öffentlichkeit vertrieben worden zu sein scheint, wird er in Österreich in einigen Situation doch sehr gerne ausgelebt. Das wohl beste Beispiel hierfür ist der Nationalfeiertag

– „der was? Ach, da haben wir frei? Na super!“

Parlamentsgebäude - eines der zahlreichen repräsentativen Bauten entlang des "Rings"

Wien ist natürlich eine tolle Stadt, es gibt aber einige Plätze, die man vor allem am Wochenende eher meiden sollte, quasi die Innenstadt, denn diese ist überfüllt von Touristen, die einen anrempeln (es sei denn man rempelt als erstes, es ist ein harter Existenzkampf, man mag es kaum glauben) und deren Kameras, vor die man automatisch läuft. Am vollsten ist die Stadt jedoch am Nationalfeiertag und diesmal tatsächlich von den Wienern selbst. An sich eine ganz nette Veranstaltung, erinnert einen so ein bisschen an den Johannisfest am Rhein, überall gibt es leckere Süßspeisen, die Eltern sind mit ihren Kindern da, Musik aus Lautsprechern und Panzer – „Ähm, was?“ Ok, zugegeben, das scheint wohl doch nicht so wie der Johannisfest zu sein. Zwischen den Menschenmassen finden auf einmal Truppenübungen statt, das Bundesheer verteilt Flyer und Kinder toben auf Panzern rum, während die Eltern die selbigen dabei fotografieren.

Ein Panzer als Spielwiese vor der Hofburg

Gewissermaßen bin ich froh, dass diese Inszenierung doch nur einmal im Jahr in solchen Ausmaßen stattfindet. Danach kann man die ständigen Etikettierungen auf den Lebensmitteln mit „Garantiert aus Österreich“ (als würde ich das Wasser nicht trinken oder die Kartoffeln, pardon Erdäpfel nicht essen, wenn sie aus einem anderen Land stammen) nur noch belächeln. Lustig, aber irgendwie auch traurig.

 

Jelena Menderetska

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien

Vienna calling – Wien in fünf Punkten erklärt: Punkt 3

Punkt 3: Das Wienerisch – oder: „Entschuldigung Herr Ober, aber könnten Sie das nochmal in Hochdeutsch wiederholen?“

Wenn man nun glaubt, nur weil man eine grobe Übersicht über die Variationen des Kaffees beherrscht, könne man sich an das Wienerische wagen und die Einheimischen täuschen man käme von hier, so sei man gewarnt, dass es nicht funktioniert. Das Wienerische ist ein sehr feinfühliger Dialekt und die Eingeborenen lassen sich von einem Piefke nicht täuschen. Eine ungekonnte Adaption jener sprachlichen Besonderheiten wird eher verspottet als dass die Bemühung gelobt wird.

Irgendeine Idee wer oder was Rauchfangkehrer sind?

Man gewöhnt sich ja irgendwie an alles und doch kann in manchen Situationen das Wienerisch eine Hürde in der Kommunikation darstellen. Und manchmal wundert man sich plötzlich, warum man einer Vorlesung so entspannt folgen kann bis man merkt – ach ja, ist ja eine Dozentin aus Koblenz. Und ja, man sieht das Hochdeutsch als das Wahre an und wenn man mit einem „Kollegen“ (Kommilitonen existieren hier nämlich nicht) aus Kasachstan, der erst seit einigen Wochen deutsch lernt, kocht oder einkaufen geht, versucht man ihm automatisch verständlich zu machen, dass es ja eigentlich an der Kasse (nicht „Kassa“) nicht „Sackerl“, sondern Tüte heißt. Auch nennt man es Mülleimer und nicht „Mistkübel“, und eigentlich heißt es auch Kartoffel und nicht „Erdäpfel“, Tomate statt „Paradeiser“... die Liste ist ewig. Man kann sich denken, wie seine Reaktion ausfällt

– „Ich dachte deutsch wäre immer gleich.“ Nein, gewiss nicht, auch wir Piefkes lernen hier eine Fremdsprache.

– „Vielleicht sollte ich dann lieber deutsch in Deutschland lernen.“ Kein Kommentar.

Lange Nacht der Museen - Führung durch das Österreichische Staatsarchiv gehört da einfach dazu!
Prunksaal in der Hofburg - der Name ist Programm

Jelena Menderetska

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien | Verschlagwortet

Vienna calling – Wien in fünf Punkten erklärt: Punkt 2

Punkt 2: Das Wiener Schnitzel und die Sachertorte – oder: Das Einmaleins der Wiener Kulinarität

Die Betonung der garantiert österreichischen Herkunft einiger Produkte scheint den Österreichern manchmal wohl doch recht wichtig zu sein

Wien hat viele Köstlichkeiten zu bieten, leckeren Wein beim Heurigen, oder auch nur eine Käsekrainer beim Würstelstand, doch eines sollte man auf jeden Fall in Wien besuchen: In einer Seitengasse, völlig unscheinbar, existiert es – das Paradies namens „Schnitzelwirt“. Ein Restaurant, dass zu günstigen Preisen unterschiedliche Variationen des Schnitzeltiers serviert, eine kurze Auswahl: Naturschnitzel, Pariser Schnitzel, Knoblauchschnitzel, Schnitzel „Don Carlos“, Mailänderschnitzel, Prager Schnitzel, Schnitzel „Allerlei“, Parmaschnitzel und natürlich das Wiener Schnitzel (das Original aus Kalbfleisch versteht sich).

Eines der gemütlichsten Kaffehäuser "Kaffee Alt Wien" in der Nähe vom Stephansdom

Nachdem man sich von den üppigen Portionen erholt hat, sprich nach einigen Tagen, kann man den Besuch in einem Kaffeehaus wagen, aber Obacht! Die Auswahl an Kaffeehäusern ist bekanntlich groß und reicht von kommerziellen Ketten (Aida) über Schickimicki (Café Diglas) zu eher etwas kneipenartigen Beisl (Kaffee Alt Wien). Wenn die Auswahl getroffen wurde, stellt sich als nächstes die Frage, was man denn Feines kosten möchte. Den Klassiker Sachertorte? (Natürlich!) Einen Apfelstrudel mit Schlagobers? (im Kaffee Alt Wien, neben dem zarten Gulasch, ein Muss!) Eine Mozartschnitte? (was für Marzipanliebhaber) Marillentorte? Punschkrapferl? (hat´s in sich, Holla) Eine Cardinalschnitte? Oder doch nur einen Krapfen oder eine von diesen Schaumrollen? Und was trinkt man nur dazu? Einen kleinen oder großen Braunen? Einen Einspänner? Einen Fiaker zur kalten Jahreszeit? Einen Franziskaner? Einen Kapuziner? Einen Piccolo? Einen kleinen oder großen Schwarzen? Einen Verlängerten oder doch eine Melange? Oder bleibt man heute lieber nur bei einem Glas Soda? Auf jeden Fall sollte man nicht auf die Idee kommen, sich einfach nur einen „Kaffee“ zu bestellen, oh nein, eine ganz schlechte Idee.

Auf jeden Fall mit Schlagobers!

Jelena Menderetska

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien | Verschlagwortet

Vienna calling – Wien in fünf Punkten erklärt: Punkt 1

Punkt 1: To meet each other

Das Hauptgebäude der Universität Wien

Wenn man in Wien als Erasmusstudent neue Leute kennenlernt, so verlaufen die ersten Smalltalk-Gespräche in den meisten Fällen mit den Worten

– „Where are you from?“

 – „Germany“

– „Achso, du auch“

Gefühl kommt so gut wie jeder der in Wien Studierenden aus Deutschland, liebevoll werden auch viele von ihnen (nicht selten Medizin- oder Psychologiestudenten) „NC-Flüchtlinge“ genannt.

Der Wiener ist in Wien eine Art Mangelware oder vielleicht auch nur ein sehr scheues Wesen, das den Erasmusstudierenden nicht ins Auge fällt. Und wenn man doch mal das Glück hat einen kennenzulernen, und auf seltsame Art und Weise die Sprache für einen winzigen Augenblick keine Hürde darstellt,  so enttarnt sich der Wiener als ein sehr stolzes, oft auch herzliches, aber doch stolzes Wesen, dass seinen menschlichen Kontakt am liebsten eben doch bei Gleichgesinnten sucht.

Zwischen Karlsplatz und Schwarzenbergplatz ein Hauch von Herbst

Falls es zu einer Seltenheit kommt und man trifft zufällig, vorzugsweise in der Gemeinschaftsküche des Wohnheims, so „richtige“ Auslandsstudierende, und man enttarnt sich aufgrund eines doch überdurchschnittlichen guten Deutschwortschatzes als „Piefke“ (die österreichische abwertende Bezeichnung für einen Deutschen), so wird einem zumeist als erstes die Frage vorwurfsvoll an den Kopf geworfen, warum man denn nach Österreich und nicht in ein anderes, also nicht deutschsprachiges Land gegangen sei. Eine Frage, die auf Dauer auch etwas nervt, und deren Beantwortung, wenn man darauf abzielt zu zeigen, dass Deutschland und Österreich nicht ein und dasselbe sind, manchmal auch an seine Grenzen stößt. Während einem Deutschen die Unterschiede, seien es kulinarische, sprachliche, politische oder gesellschaftliche, zu Hauf auffallen, gestaltet es sich schwieriger, beispielsweise einem Koreaner, diese zu erläutern, denn ob es nun „Sturm“ oder „Federweisser“ heißt, man einen „Kaffee“ oder eine „Melange“ trinkt, erscheint (zugegeben) aus einer asiatischen Perspektive nur nebensächlich.

Ein sattes Gelb lässt die winterliche Kälte (fast) vergessen

Um das Ganze abzukürzen: nein Österreich ist nicht wie Deutschland, und ja, Wien ist auch nicht wie das restliche Österreich und nein, die Unterschiede sind nicht gravierend und vielleicht vergleichbar mit den Differenzen eines Hamburgers mit einem Bayern. Und doch sind sie da und machen Wien deshalb auch so spannend!

Jelena Menderetska

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Wien

Abroad at American University

Am 03.12. wird Alison Nagy von der American University (https://www.american.edu/) in Mainz das Programm „Abroad at AU“ vorstellen (https://www.american.edu/abroadatau/). Im Rahmen dieses Programms können Studierende der JGU für 1 oder 2 Semester in Washington D.C. studieren. Das Studium kann z.B. mit einem Jahresstipendium des DAAD finanziert werden.