Toruń

Toruń: Das Mainz Polens

Die Winterferien meines ersten ERASMUS-Semesters in Toruń/Thorn neigen sich dem Ende zu. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Toruń
Vielleicht fange ich mal damit an, wo ich bin. Immer, wenn ich irgendjemandem in Deutschland erzähle, dass ich ein Auslandsjahr in Torun mache, kann ich sicher sein, dass ich einen fragenden Blick ernte. Zugegeben, ich wusste früher auch nichts von Toruń. Dabei ist es im Grunde das Mainz Polens. Es hat 200.000 Einwohner, Nikolaus Kopernikus als Äquivalent zu Gutenberg und man kann dort Buchwissenschaft studieren (mein Nebenfach, für das ich die selben Blicke ernte wie für Toruń).

Warum Toruń?
Als ich mir meinen Studienort ausgewählt habe, waren das auch die Gründe für meine Wahl (na gut, Kopernikus war kein Grund). Ich wollte in keine Großstadt wie Warschau oder Krakau, sondern das „wahre Polen“ kennenlernen. Als meine Polnischlehrerin über Toruń meinte, es hätte ein „Flair wie Trier“, hat mich das zwar eher abgeschreckt, aber ein bisschen keimte in mir die Hoffnung, der ERASMUS-Blase zu entkommen und tatsächlich Polen kennenzulernen.

ERASMUS-Studierende
Soviel zur Theorie. Es kam natürlich anders. ERASMUS-Studierende sind überall, so auch in Toruń. Netterweise hat man „uns“ zusammen in die Wohnheime gesteckt. Also spreche ich im Wohnheim leider mehr Englisch auf GER-Niveau BE (Broken ERASMUS) als Polnisch.
Aber die vielen ERASMUS-Studierenden (um die 150?) haben auch Vorteile. Es gab eine gut organisierte Einführungswoche und einige Lehrveranstaltungen auf Englisch. Dazu werden vom ERASMUS Student Network (ESN) immer wieder Veranstaltungen organisiert: ein Wochenendausflug nach Danzig, Besuch des örtlichen Lebkuchenmuseums und natürlich Partys. Die Partys nutzen sich dabei ziemlich schnell ab, wenn man kein besonderes Faible für Electro-Charts mit Schwerpunkt auf Latin Pop (Despacito!) hat.
Was sich mir noch nicht erschlossen hat ist, warum so viele ERASMUS-Studierende aus der Türkei in Toruń sind. Circa die Hälfte meiner Mitstudierenden kommen aus der Türkei. Das hat mich eher etwas verwundert, da ich entweder größere westeuropäische Länder wie Frankreich oder Italien oder eben slawischsprachige Länder erwartet hätte. Hinzu kommt, dass Polen - zumindest in den deutschen Medien - als nicht besonders islamfreundlich gilt (siehe Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen). Nach kurzer Recherche hat sich herausgestellt, dass Studierende aus der Türkei tatsächlich die größte Gruppe unter den ERASMUS-Studierenden in Polen darstellen. Laut Erasmus+ Annual Report 2016 kommen von insgesamt 14 600 Studierenden 3 800 aus der Türkei, dicht gefolgt von 3300 Spaniern. Dann kommt lange nichts bis Frankreich, Deutschland, Italien und Portugal mit um die 1 000 Studierenden auftauchen. Außerdem durfte ich im Internet lernen, dass die Beziehungen zwischen den momentanen Regierungen der Türkei und Polens ziemlich gut sind. Mir fällt dazu spontan die Nachricht vom Sommer letzten Jahres ein, dass in Polen und der Türkei die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen verschwinden solle (Kommentar im DLF Kultur: „Das sind einfach dumme Leute, die das Sagen haben“). Die Verständnisse von Rechtsstaatlichkeit liegen bei AKP und PiS ja auch nicht sonderlich weit auseinander. Ob das Einfluss auf die ERASMUS-Partnerschaften der Unis hat? *tiefschürfende politische Analyse Ende*

Uni-Leben
Vom Uni-Betrieb habe ich bisher nur aus der ERASMUS-Perspektive etwas mitbekommen, da alle meine Veranstaltungen auf Englisch waren. Das Lehrniveau war ERASMUS-gerecht und der Unterricht fand frontal statt. Da es nicht allzu viele geschichtswissenschaftliche Veranstaltungen und keine zur Buchwissenschaft gab, habe ich meinen Stundenplan ziemlich querbeet gefüllt. So finden sich neben Food History, Sociology of Gender und Political Philosophy Veranstaltungen zur Zooarchaeology und Transformations of the Polar Regions. Auch spannend.

Polnisch und „die Polen“
Natürlich hatte ich bisher nicht nur mit ERASMUS-Studierenden zu tun. Neben dem ESN kümmern sich einige Mentor_innen um die Belange der Studierenden. Das war meine Chance, mal etwas Polnisch zu sprechen. Auch wenn mein Polnisch noch so jako tako (so lala) ist, freuen sich eigentlich alle, wenn sie mitbekommen, dass man Polnisch lernt. Die Mühe machen sich nämlich von den ERASMUS-Leuten nur die Wenigsten. Auch, wenn ich nicht alles verstehe und Probleme habe, mich auszudrücken, glaube ich, dass man einen etwas anderen Zugang zu „den Polen“ bekommt. Ein Beispiel: Ich kam gerade zur Rezeption des Wohnheims, wo wir immer unsere Schlüssel abgeben müssen, wenn wir das Wohnheim verlassen, und sie beim Betreten wieder mitnehmen können. Mein türkischer Flatmate wollte gerade wieder rein, hatte aber seinen Bewohnerausweis vergessen, sprach nur gebrochen Englisch und die Rezeptionistin gar nicht. Ich konnte ihr dann kurz auf Polnisch erklären, dass er mein Mitbewohner sei und die Karte vergessen habe. Wenn ich das Folgende von ihr richtig verstanden habe, hat sie sich ziemlich bei mir über die ausländischen Studierenden ausgekotzt. Wie solle das funktionieren, wenn keiner seinen Bewohnerausweis dabeihätte und noch nicht mal seine Zimmernummer auf Polnisch sagen könne, sie kenne die ganzen Gesichter doch noch gar nicht, und hier könne dann ja jeder ein- und ausgehen, hier sind ja sowieso so viele Ausländer und in so einem Land leben wir mittlerweile, jaja… Ich war etwas überfordert mit der Situation, einerseits inhaltlich, andererseits sprachlich. Aber vielleicht hatte ich noch ein As im Ärmel. Ich schaute nachdenklich und seufzte „trudno…“. Übersetzt heißt das soviel wie „schwer“, aber wenn ich es richtig verstanden habe, drückt es mehr eine gewisse pessimistische Geisteshaltung aus, und bedeutet soviel wie „So ist das Leben“ oder „Da kann man nichts machen“. Ich weiß nicht, wie genau das bei der Rezeptionistin ankam, aber sie fing an verlegen zu lachen, entschuldigte sich und machte Anstalten, dass wir jetzt gehen könnten.
Hatte ich da gerade „die wahren Polen“ getroffen? Immer am Nörgeln und leicht pessimistisch, wie es uns schon im interkulturellen Workshop in der Einführungswoche erklärt wurde? Und dazu leicht ausländerfeindlich?
Ich weiß es nicht. Diese Anekdote kann ich gut erzählen, wenn ich gefragt werde, wie die Polen denn so drauf sind, gerade hat man ja den Marsch der Rechten am Unabhängigkeitstag in Warschau gesehen, jaja, das passt ja. Aber bis auf diese eine Anekdote hatte ich bisher nicht viel mit „den Polen“ zu tun. Ich hatte vor allem etwas mit polnischen Studenten zu tun, die sich für den internationalen Austausch engagieren. Und die entsprechen überhaupt nicht den Klischees. Zwei Studenten haben direkt beim ersten Treffen erzählt, dass sie schwul sind und eine Studentin hat mir erklärt, warum sie den Czarny Protest, Demonstrationen gegen das Abtreibungsverbot, unterstützt. In Polen bin ich anscheinend genauso in meiner liberalen Studentenblase wie in Deutschland (wo ich auch noch keine AfD-Wähler getroffen habe).

Bisheriges Fazit
Wenn ich so Zwischenbilanz ziehe, muss ich sagen, dass mein erstes Semester in Toruń auf jeden Fall spannend war und viel Spaß gemacht hat, aber ich auf jeden Fall noch mehr will. Mein Polnisch hat noch keine Luftsprünge gemacht, ich habe noch keine Lehrveranstaltungen auf Polnisch besucht, war doch auch viel im Wohnheim und habe gelesen oder mich am PC bespaßt. Das habe ich irgendwo unter „Einleben“ verbucht. Jetzt fühle ich mich gesettled und kann noch ´ne Schippe drauflegen. Schauen wir mal, wie morgen meine erste Veranstaltung auf Polnisch läuft: Dziedzictwo kulturowe średniowiecznej Europy.

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Toruń