From Mainz to Harvard – Meine Erlebnisse beim Harvard Project for Asian and International Relations

Nora Szabo-Jilek, BA Geschichte und American Studies

Das Harvard Project for Asian and International Relations (kurz: HPAIR) wurde 1991 von der Harvard University ins Leben gerufen, um den Austausch zwischen Studenten, Young Professionals sowie Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu fördern. Im Mittelpunkt stehen, wie auch schon der Name verrät, die internationalen Beziehungen auf dem asiatischen Kontinent. HPAIR ist eine Plattform für Diskussionen mit Entscheidungsträgern über bevorstehende Herausforderungen aus den Bereichen Politik, Technik und Wirtschaft. Jährlich finden zwei Treffen mit jeweils bis zu 300 Teilnehmern aus der ganzen Welt statt, die Hauptkonferenz im Februar auf dem Campus der Harvard University und eine Sommerkonferenz im August in einem jährlich wechselnden asiatischen Land. Die HPAIR Konferenz ist als eine Kombination von Vorträgen, Seminaren und praktischen Übungen zu verstehen, wobei natürlich das Networking auch nicht zu kurz kommt. Es gibt Veranstaltungen basierend auf sechs thematischen Schwerpunkten, von denen man sich einen bereits in der Bewerbungsphase aussucht.

Ich bin während der Weihnachtsferien zufällig auf die Website von HPAIR gestoßen, habe aber nicht lange gezögert und zügig mit der Zusammenstellung meiner Bewerbung angefangen. Ein Lebenslauf und drei kurze Essays wurden in der ersten Runde verlangt, hier ging es in erster Linie um die eigene Motivation, aber auch Arbeitserfahrung und Noten wurden berücksichtigt. Warum möchte ich Teil von HPAIR werden? Ich bin weder Asienexperte, noch habe ich einen persönlichen Bezug zum Kontinent. Aber genau das wollte ich ändern. In meinem Studium und auch bei meinen Praktika standen überwiegend die transatlantischen Beziehungen im Mittelpunkt, doch je mehr ich mich mit globaler Politk beschäftigte, umso deutlicher wurde, dass es für das Gesamtverständnis zunehmend wichtiger ist sich mehr mit Asien auseinanderzusetzen: geschichtlich, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich, auf jeden Fall intensiver als durch die herkömmlichen Nachrichtenprogramme möglich.  Nach der erfolgreichen Absolvierung der zweiten Bewerbungsrunde, einem Skype Interview mit den Organisatoren, stand meinem Vorhaben nichts mehr im Weg.

Im Februar landete ich in Boston und konnte endlich auch die anderen Teilnehmer kennenlernen. Ungefähr Zweidrittel kamen aus den verschiedensten asiatischen Ländern, die Anderen aus ganz Europa, USA, Afrika, Australien und sogar Lateinamerika. Am interessantesten fand ich, dass die überwiegende Mehrheit, wie ich, außerhalb ihres Heimatlandes studiert. Einige arbeiteten bereits, zum Beispiel als Berater eines Premierministers, Andere absolvierten gerade ihren zweiten Master in einem der renommierten Stipendienprogramme Schwarzman Scholars oder Yenching Academy. So verschieden wir auch waren, unser gemeinsames Interesse für Asien und die internationalen Erfahrungen sorgten für spannenden Gesprächsstoff.

Nach einer Campustour am Nachmittag und einer Eröffnungsfeier am Abend, bei der u.a. der Vizepräsident von Starbucks über Innovation in der Region Asien-Pazifik sprach, ging es am nächsten Morgen direkt los. Ich besuchte zwei Vorträge innerhalb meines im Voraus gewählten Schwerpunkts, Politik und Diplomatie. Im ersten ging es um die Cybersicherheit. Vier Podiumsgäste, darunter auch ein Berater des U.S. Justizministeriums und der Leiter eines großen Softwareunternehmens, präsentierten anhand von tagesaktuellen Beispielen ihre Perspektive bezüglich des Potentials und der Gefahren, sowie den Kooperationsmöglichkeiten zwischen Staat und Wirtschaft. In der darauffolgenden Fragerunde wurde besonders die Rolle der internationalen Gesellschaft und die Rechtslage heiß diskutiert.

Im Rahmen des zweiten Vortrags wurde die aktuelle geopolitische Lage in Asien, insbesondere Nordkorea, mit Abrüstungsexperten und Harvard Dozenten debattiert. Besonders spannend war es Teilnehmer aus China und Südkorea dabeizuhaben, die über den Umgang mit der nordkoreanischen Bedrohung und den Wirtschaftsinteressen im Alltag berichten konnten.

Doch HPAIR legt nicht nur auf fachspezifisches Wissen, sondern auch auf Interdisziplinarität Wert. Somit hatte ich die Möglichkeit ein Seminar außerhalb meiner gewählten Fachrichtung zu belegen. Ich entschied mich für eines mit dem Titel „Künstliche Intelligenz: Die Zukunft der Arbeit“, das von einem MIT Dozenten gehalten wurde. Viele Menschen haben Angst davor, dass ihre Arbeit in der absehbaren Zukunft von Robotern übernommen werden könnte. Im Rahmen des Seminars beleuchteten wir die möglichen positiven Perspektiven und analysierten wie sich die Wirtschaft zu einer sog. „gig economy“ wandelt und wie sich in Folge dessen die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber verändert. Besonders spannend fand ich die Einblicke des Dozenten: zum Beispiel, dass das Betreiben einer Drohne mehr Personal benötigt, als das Fliegen eines Kampfjets oder, dass sich trotz unglaublicher technologischen Fortschritte weiterhin zwei Sitze in der Pilotenkabine eines Passagierflugzeugs befinden, genau wie vor 60 Jahren.

Besonderes Highlight der vier Tage war für mich das sog. Impact Challenge, ein Wettbewerb, bei dem Teams eine Unternehmensstrategie entwerfen müssen. Hier konnte man wieder zwischen mehreren Optionen wählen, ich entschied mich für eine Fallstudie von Deloitte. Mein Team bestand aus einem Pakistaner, einem Chinesen und einem Taiwanesen. Keiner von uns studierte BWL oder hatte Erfahrung mit Fallstudien, trotzdem waren wir uns einig, dass wir es versuchen wollten. Die Jury meinte, dass es ein besonders komplexer Fall sein. Wir sollten uns davon aber nicht einschüchtern lassen, sondern um die Ecke denken und vor allem Spaß haben. Genau das taten wir dann auch. Am Ende des Tages reichten wir unseren Strategievorschlag ein, waren mit dem Ergebnis nicht nur zufrieden, sondern uns auch einig, dass es unglaublich viel Spaß gemacht hat. Die Jury, bestehend aus zwei Deloitte-Beratern wählte aus den insgesamt 28 Teams die besten fünf, die dann ihre Lösung im Plenum präsentieren durften und sie in einer Fragerunde verteidigen mussten. Wir konnten es kaum glauben als wir aufgerufen wurden. Bei der Abschlusszeremonie wurden dann noch die besten drei Teams geehrt, wir schafften es insgesamt bis auf Platz 2.

Die Stärke des HPAIR liegt in der Interdisziplinarität und in dem Netzwerk, dessen Teil man wird. Unter den geladenen Gästen befanden sich Investoren, Manager und Geschäftsführer von Firmen wie Boeing, Citigroup und sogar eine Mitarbeiterin von Richard Branson. Auch die Wissenschaft war vertreten mit Dozenten aus u.a. Harvard, MIT, Toronto, New York und Experten in führenden Think Tanks, wie dem Carnegie Endowment for International Peace. Mit meiner Teilnahme wollte ich nicht nur mehr über asiatische Wirtschaft und Politik lernen, sondern auch neue, internationale Kontakte knüpfen und herausfinden auf welche Bereiche ich mich bei meinem Master und weiteren Aktivitäten konzentrieren möchte. Dies waren alles Ziele, für die HPAIR die bestmöglichen Voraussetzungen geschaffen hat.

Ein kurzes Video über die Konferenz im Februar: https://www.youtube.com/watch?v=tx_QqUTT_DI&feature=youtu.be

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Galway – ein Blick zurück

Fáilte!

Die „International Student Society“ beim Wandern in Connemara

Mein Name ist Jermaine, ich bin 28 Jahre alt und ich bin Lehramtsstudent der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Da ich Englisch und Geschichte studiere, habe ich mich für ein Auslandssemester in einem englisch-sprachigen Raum entschieden, zumal solch ein Aufenthalt ohnehin verpflichtend, wenn man Englisch an der JGU studiert. Da ich zudem gerade eine bilinguale Zusatzausbildung anstrebe, um später einmal Geschichte in englischer Sprache unterrichten zu können, fiel die Wahl relative schnell auf Irland, Schottland oder England, da die britisch-irische (Kultur-)Geschichte gemäß Curriculum sowohl im Fach Englisch, als auch im Fach Geschichte behandelt wird. Weil erfahrungsgemäß in der Regel alle ERASMUS+-Plätze im Fach Englisch relativ schnell vergeben sind, hatte ich mich dazu entschlossen, mich für einen Platz über das Fach Geschichte zu bewerben.

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Polesien als Interventionslandschaft

Das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg bietet im Rahmen des Forschungsprojekts "Polesien als Interventionslandschaft" eine Sommerschule für Studierende und junge WissenschaftlerInnen an. Die Sommerschule wird vom 11.-21.09.2018 in Belarus und in der Ukraine stattfinden. Das Herder-Institut stellt hierfür Stipendien bereit.

Weitere Informationen, das Programm und die Bewerbungsunterlagen finden Sie auf der Webseite der Sommerschule:

https://sommerschulepolesien2018.wordpress.com/

Kurzfristig weiterer Studienplatz in Großbritannien (schon für das Studienjahr 2018/19)

Das Historische Seminar hat mit der University Keele einen weitere ERASMUS-Partneruniversität in Großbritannien gewonnen. Kurzfristig stehen daher für Bachelor-Studierende zwei Studienplätze im Wintersemester 2018/19 (fünf Monate) und/oder Wintersemester und Sommersemester 2018/19 (10 Monate). Bei Interesse wenden Sie sich bitte umgehend an Dr. Pia Nordblom (nordblom@uni-mainz.de), Tel. 06131 39-26228.

Erneut gute Zahlen im "Outgoing"-Bereich

Zum Studienjahr 2018/19 entsendet das Historische Seminar 28 Studierende in unsere Partneruniversitäten. Das ist ein leichter Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Vor allem aber ist es eine Entwicklung gegen den Trend: Bundesweit sind die Zahlen wohl eher rückläufig.

Dennoch: Auslandssemester und Auslandsjahr sind noch keine "Massenbewegung". Es bleibt noch viel zu tun! Für das fragliche Studienjahr (WS 2018/19 und/oder SoSe 2019) stehen noch ERASMUS-Plätze in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Österreich, Polen, Rumänien, Spanien, Türkei, Ungarn und Zypern zur Verfügung. Bei Interesse nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit Dr. Pia Nordblom (nordblom@uni-mainz.de) auf.

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Stipendienprogramm "Metropolen in Osteuropa"

Gefördert werden können in der Regel einjährige Auslandsaufenthalte mit Intensivsprachkurs in einem Land Ost-, Mittelost- und Südosteuropas bzw. des postsowjetischen Raums.

Bewerben können sich Studierende aller Fächer (außer Musik, Kunst und Film), die noch vor ihrem Studienabschluss stehen und exzellente Studienleistungen vorweisen können.

Leistungen:

  • monatliches Stipendium in Höhe von 1.000 € (für mind. 7 Monate bis max. 4 Semester)
  • Finanzierung eines Intensivsprachkurses im Zielland und/oder von studienbegleitendem
  • Sprachunterricht bis zu 1.000 €
  • eine einmalige Reisekostenpauschale je nach Zielland
  • eine einmalige Mobilitätspauschale von 1.000 €
  • die Übernahme von Studiengebühren bis zu 10.000 € pro Studienjahr
  • die Aufnahme in die Studienstiftung und Zahlung der monatlichen Studienkostenpauschale in
  • Höhe von 300 €. Nach Deutschland zurückgekehrt, werden die Teilnehmer bis zu Ihrem
  • Studienabschluss weiter durch die Studienstiftung gefördert.

Bewerbungsschluss ist der 1. April 2018.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem › Flyer.

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Toruń: Das Mainz Polens

Die Winterferien meines ersten ERASMUS-Semesters in Toruń/Thorn neigen sich dem Ende zu. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Toruń
Vielleicht fange ich mal damit an, wo ich bin. Immer, wenn ich irgendjemandem in Deutschland erzähle, dass ich ein Auslandsjahr in Torun mache, kann ich sicher sein, dass ich einen fragenden Blick ernte. Zugegeben, ich wusste früher auch nichts von Toruń. Dabei ist es im Grunde das Mainz Polens. Es hat 200.000 Einwohner, Nikolaus Kopernikus als Äquivalent zu Gutenberg und man kann dort Buchwissenschaft studieren (mein Nebenfach, für das ich die selben Blicke ernte wie für Toruń).

Warum Toruń?
Als ich mir meinen Studienort ausgewählt habe, waren das auch die Gründe für meine Wahl (na gut, Kopernikus war kein Grund). Ich wollte in keine Großstadt wie Warschau oder Krakau, sondern das „wahre Polen“ kennenlernen. Als meine Polnischlehrerin über Toruń meinte, es hätte ein „Flair wie Trier“, hat mich das zwar eher abgeschreckt, aber ein bisschen keimte in mir die Hoffnung, der ERASMUS-Blase zu entkommen und tatsächlich Polen kennenzulernen.

ERASMUS-Studierende
Soviel zur Theorie. Es kam natürlich anders. ERASMUS-Studierende sind überall, so auch in Toruń. Netterweise hat man „uns“ zusammen in die Wohnheime gesteckt. Also spreche ich im Wohnheim leider mehr Englisch auf GER-Niveau BE (Broken ERASMUS) als Polnisch.
Aber die vielen ERASMUS-Studierenden (um die 150?) haben auch Vorteile. Es gab eine gut organisierte Einführungswoche und einige Lehrveranstaltungen auf Englisch. Dazu werden vom ERASMUS Student Network (ESN) immer wieder Veranstaltungen organisiert: ein Wochenendausflug nach Danzig, Besuch des örtlichen Lebkuchenmuseums und natürlich Partys. Die Partys nutzen sich dabei ziemlich schnell ab, wenn man kein besonderes Faible für Electro-Charts mit Schwerpunkt auf Latin Pop (Despacito!) hat.
Was sich mir noch nicht erschlossen hat ist, warum so viele ERASMUS-Studierende aus der Türkei in Toruń sind. Circa die Hälfte meiner Mitstudierenden kommen aus der Türkei. Das hat mich eher etwas verwundert, da ich entweder größere westeuropäische Länder wie Frankreich oder Italien oder eben slawischsprachige Länder erwartet hätte. Hinzu kommt, dass Polen - zumindest in den deutschen Medien - als nicht besonders islamfreundlich gilt (siehe Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen). Nach kurzer Recherche hat sich herausgestellt, dass Studierende aus der Türkei tatsächlich die größte Gruppe unter den ERASMUS-Studierenden in Polen darstellen. Laut Erasmus+ Annual Report 2016 kommen von insgesamt 14 600 Studierenden 3 800 aus der Türkei, dicht gefolgt von 3300 Spaniern. Dann kommt lange nichts bis Frankreich, Deutschland, Italien und Portugal mit um die 1 000 Studierenden auftauchen. Außerdem durfte ich im Internet lernen, dass die Beziehungen zwischen den momentanen Regierungen der Türkei und Polens ziemlich gut sind. Mir fällt dazu spontan die Nachricht vom Sommer letzten Jahres ein, dass in Polen und der Türkei die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen verschwinden solle (Kommentar im DLF Kultur: „Das sind einfach dumme Leute, die das Sagen haben“). Die Verständnisse von Rechtsstaatlichkeit liegen bei AKP und PiS ja auch nicht sonderlich weit auseinander. Ob das Einfluss auf die ERASMUS-Partnerschaften der Unis hat? *tiefschürfende politische Analyse Ende*

Uni-Leben
Vom Uni-Betrieb habe ich bisher nur aus der ERASMUS-Perspektive etwas mitbekommen, da alle meine Veranstaltungen auf Englisch waren. Das Lehrniveau war ERASMUS-gerecht und der Unterricht fand frontal statt. Da es nicht allzu viele geschichtswissenschaftliche Veranstaltungen und keine zur Buchwissenschaft gab, habe ich meinen Stundenplan ziemlich querbeet gefüllt. So finden sich neben Food History, Sociology of Gender und Political Philosophy Veranstaltungen zur Zooarchaeology und Transformations of the Polar Regions. Auch spannend.

Polnisch und „die Polen“
Natürlich hatte ich bisher nicht nur mit ERASMUS-Studierenden zu tun. Neben dem ESN kümmern sich einige Mentor_innen um die Belange der Studierenden. Das war meine Chance, mal etwas Polnisch zu sprechen. Auch wenn mein Polnisch noch so jako tako (so lala) ist, freuen sich eigentlich alle, wenn sie mitbekommen, dass man Polnisch lernt. Die Mühe machen sich nämlich von den ERASMUS-Leuten nur die Wenigsten. Auch, wenn ich nicht alles verstehe und Probleme habe, mich auszudrücken, glaube ich, dass man einen etwas anderen Zugang zu „den Polen“ bekommt. Ein Beispiel: Ich kam gerade zur Rezeption des Wohnheims, wo wir immer unsere Schlüssel abgeben müssen, wenn wir das Wohnheim verlassen, und sie beim Betreten wieder mitnehmen können. Mein türkischer Flatmate wollte gerade wieder rein, hatte aber seinen Bewohnerausweis vergessen, sprach nur gebrochen Englisch und die Rezeptionistin gar nicht. Ich konnte ihr dann kurz auf Polnisch erklären, dass er mein Mitbewohner sei und die Karte vergessen habe. Wenn ich das Folgende von ihr richtig verstanden habe, hat sie sich ziemlich bei mir über die ausländischen Studierenden ausgekotzt. Wie solle das funktionieren, wenn keiner seinen Bewohnerausweis dabeihätte und noch nicht mal seine Zimmernummer auf Polnisch sagen könne, sie kenne die ganzen Gesichter doch noch gar nicht, und hier könne dann ja jeder ein- und ausgehen, hier sind ja sowieso so viele Ausländer und in so einem Land leben wir mittlerweile, jaja… Ich war etwas überfordert mit der Situation, einerseits inhaltlich, andererseits sprachlich. Aber vielleicht hatte ich noch ein As im Ärmel. Ich schaute nachdenklich und seufzte „trudno…“. Übersetzt heißt das soviel wie „schwer“, aber wenn ich es richtig verstanden habe, drückt es mehr eine gewisse pessimistische Geisteshaltung aus, und bedeutet soviel wie „So ist das Leben“ oder „Da kann man nichts machen“. Ich weiß nicht, wie genau das bei der Rezeptionistin ankam, aber sie fing an verlegen zu lachen, entschuldigte sich und machte Anstalten, dass wir jetzt gehen könnten.
Hatte ich da gerade „die wahren Polen“ getroffen? Immer am Nörgeln und leicht pessimistisch, wie es uns schon im interkulturellen Workshop in der Einführungswoche erklärt wurde? Und dazu leicht ausländerfeindlich?
Ich weiß es nicht. Diese Anekdote kann ich gut erzählen, wenn ich gefragt werde, wie die Polen denn so drauf sind, gerade hat man ja den Marsch der Rechten am Unabhängigkeitstag in Warschau gesehen, jaja, das passt ja. Aber bis auf diese eine Anekdote hatte ich bisher nicht viel mit „den Polen“ zu tun. Ich hatte vor allem etwas mit polnischen Studenten zu tun, die sich für den internationalen Austausch engagieren. Und die entsprechen überhaupt nicht den Klischees. Zwei Studenten haben direkt beim ersten Treffen erzählt, dass sie schwul sind und eine Studentin hat mir erklärt, warum sie den Czarny Protest, Demonstrationen gegen das Abtreibungsverbot, unterstützt. In Polen bin ich anscheinend genauso in meiner liberalen Studentenblase wie in Deutschland (wo ich auch noch keine AfD-Wähler getroffen habe).

Bisheriges Fazit
Wenn ich so Zwischenbilanz ziehe, muss ich sagen, dass mein erstes Semester in Toruń auf jeden Fall spannend war und viel Spaß gemacht hat, aber ich auf jeden Fall noch mehr will. Mein Polnisch hat noch keine Luftsprünge gemacht, ich habe noch keine Lehrveranstaltungen auf Polnisch besucht, war doch auch viel im Wohnheim und habe gelesen oder mich am PC bespaßt. Das habe ich irgendwo unter „Einleben“ verbucht. Jetzt fühle ich mich gesettled und kann noch ´ne Schippe drauflegen. Schauen wir mal, wie morgen meine erste Veranstaltung auf Polnisch läuft: Dziedzictwo kulturowe średniowiecznej Europy.

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+ + + Restplätze für die 2. Nachrückerphase im ERASMUS+-Programm für das Studienjahr 2018/19 + + +

Es gibt noch freie ERASMUS-Plätze im Studienjahr 2018/19 (Stand: 24.01.2018)! Nachrücker mögen sich bitte umgehend mit Dr. Pia Nordblom (nordblom@uni-mainz.de) in Verbindung setzen.

Belgien: Antwerpen
Bulgarien: Sofia
Estland: Tallinn
Finnland: Turku
Frankreich: Brest, Clermont-Ferrand, Dijon, Paris, Tours
Griechenland: Athen, Thessaloniki, Ioannina
Italien: Bologna, Florenz, Siena, Rom, Verona
Irland: Galway (9 Monate)
Kroatien: Zagreb
Lettland: Liepaja
Österreich: Graz
Polen: Bydgoszcz, Olsztyn, Posen, Thorn, Krakau
Rumänien: Alba Iulia, Iasi, Sibiu
Spanien: Madrid, Pamplona, Santiago de Compostela, Valencia
Türkei: Istanbul
Ungarn: Budapest
Vereinigtes Königreich: Glasgow (9 Monate)

Vortrag über studentischen Protest in Südafrika

Heute eine Einladung für das befreundete Ethnologische Institut in Mainz:

WAS: #Feesmustfall – studentische/ Jugend-Protestbewegungen in Südafrika und darüberhinaus

WER: Prof. Heike Becker, Department of Anthropology and Sociology, University of the Western Cape

WANN: Montag, 11.12., 18:15-19:45 Uhr

WO: Forum 7 (Johann-Joachim-Becher-Weg 4), 1. Stock, HS 14 (Gr. Übungsraum)

Heike Becker forscht seit einiger Zeit über studentische/ Jugend-Protestbewegungen in verschiedenen afrikanischen Ländern, ausgehend von #Rhodesmustfall und ganz besonders #Feesmustfall in Südafrika. Zu den Gesprächen mit ihren Studierenden hat sie gerade auch auf ihrem Blog geschrieben: http://writer-at-ethnography.com/ „Talking Technologies of Transformation with my Students“. Sie wird über diese besondere Bewegung in Südafrika erzählen und wie diese Bewegung in anderen Ländern, bspw. Burkina Faso, Resonanz gefunden hat.

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Tallinn? Tallinn!

Tere!

Das heißt nicht nur "Hallo" auf Estnisch, sondern ist auch ein super Einstieg in so einen Text. Ansonsten halten sich meine Estnisch-Kenntnisse sehr in Grenzen. Ich kann mich noch bedanken ("Aitäh") und beherrsche das Wort für Käse ("Juust"), was natürlich essentiell für jede Konversation ist. Mehr unbeabsichtigt benutze ich manchmal, wenn ich gerade nicht weiter weiß, auch das Wort für Nacht ("Öö").

Nach diesem kurzen lingualen Exkurs und fulminanten Einstieg ein bisschen mehr zu meiner bisherigen Zeit in Tallinn. Am 24. August ging mein Flieger und ich sagte Mainz und der JGU für ein Semester Lebewohl, um für 5 Monate an der Tallinna Ülikool zu studieren. Ich bin schon ein paar Tage vor dem Semesterstart geflogen, um mir die Stadt ein wenig anzuschauen und - noch viel wichtiger - nach eine Bleibe zu finden. Die Suche von zuhause aus war nämlich nicht allzu erfolgreich gewesen und ich dachte mir auch, dass ich vielleicht etwas cooleres finden kann, wenn ich vor Ort suche und die Stadt schon ein wenig kenne. Im Endeffekt hat das geklappt; ich wohne mit 4 anderen Menschen zusammen in einem schönen Haus mit Garten. Es ist zwar ein Stück außerhalb der Stadt, aber wir hätten kaum mehr Glück haben können. Die Suche hat sich nämlich als schwieriger und anstrengender herausgestellt, als man das vielleicht anfangs angenommen hat. In der Einführungswoche hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass ich nicht die einzige Person war, die sich ohne Perspektive auf ein Dach über dem Kopf in ihr Erasmus-Semester gestürzt hat. Die ersten Kontakte zu knüpfen, ist sowieso nicht sonderlich kompliziert, wenn man sich nicht kennt, aber in der gleichen Situation steckt. Hat man dann noch gemein, dass man völlig verzweifelt nach einer Unterkunft sucht, ist man fast schon seelenverwandt. Lange Rede, kurzer Sinn, zu viert durchforsteten wir das Internet, ließen unsere Handys heiß laufen - auf Mails reagierten die meisten Makler*innen oder Privatpersonen nämlich nicht - und dann, als wir fast schon wieder hätten aufgeben wollen, bekamen wir einen Besichtigungstermin für unser schmuckes Häuschen und hielten keine Stunde später schon die Schlüssel in der Hand. Alles in allem würde ich also sagen, dass sich die ganze Anstrengung durchaus gelohnt hat.

Die Einführungswoche ging entsprechend schnell vorüber. In der darauffolgenden Woche ging es dann los mit meinen Kursen. Da mir für meinen Bachelor-Abschluss nicht mehr allzu viel fehlt, ich also hier nicht wirklich viele "Pflichtkurse" hatte, konnte ich ein wenig nach Lust und Laune meine Veranstaltungen wählen. Und die Auswahl der englischsprachigen Vorlesungen und Seminare ist wirklich bunt gemischt. Eigentlich studiere ich Geschichte und Mathematik auf Lehramt. Zwei Kurse in Geschichte und einen in den Bildungswissenschaften habe ich jetzt auch gewählt. Dazu tummelt sich aber beispielsweise noch Russisch A1 und beispielsweise "Paradigmen der Internationalen Beziehungen", was ich beides mal aus Interesse gewählt habe und bisher nur sagen kann, dass es sich definitiv lohnt, auch mal in andere Sparten reinzuschauen. So ein Erasmus-Semester bietet sich dafür sicherlich an.

Tallinn selbst gefällt mir sehr gut. Die Altstadt ist wirklich traumhaft und daher vor allem am Wochenende voll mit Touris. In der restlichen Stadt findet man ziemlich viele hohe, moderne Glasbauten und breite Straßen, was die Stadt nicht gerade attraktiver macht. Und gerade das ist auch wiederum so spannend. An jeder Ecke, an der man noch Platz findet, werden neue Gebäude hochgezogen oder ältere renoviert. Man merkt, dass diese Stadt ziemlich im Aufschwung steckt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der wiedererlangten Unabhängigkeit hat sich Estland ziemlich direkt darum bemüht, so schnell wie möglich so "europäisch" wie möglich zu werden. Zumindest ist das mein bisheriger Eindruck aus Estlands Hauptstadt. Geht man etwas aus der Innenstadt heraus, findet man aber auch noch viele Gebäude und Fabriken, die wohl in der Zeit der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik entstanden sind.

Und hier noch ein paar Bilder

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