Eine „innertürkische Verwaltungsangelegenheit“? Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg

Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg: Kaiser Wilhelm II., Sultan Mehmed V. und Franz-Joseph I.

Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg: Kaiser Wilhelm II., Sultan Mehmed V. und Franz-Joseph I.

"Über die Armeniergreuel ist folgendes zu sagen: Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern im gegenwärtigen, schwierigen Augenblick nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht, zu schweigen. Später, wenn direkte Angriffe des Auslandes wegen ‘deutscher Mitschuld’ erfolgen sollten, muß man die Sache mit größter Vorsicht und Zurückhaltung behandeln und stets hervorheben, daß die Türken schwer von den Armeniern gereizt wurden."

Mit diesen Worten suchte das Kriegspresseamt des deutschen Kaiserreiches im Oktober 1915 eine Berichterstattung über die Massaker an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches seit dem Frühjahr 1915 in deutschen Zeitungen und Zeitschriften zu verhindern. Im Dezember 1915 legte das Kriegspresseamt nach:

"Über die armenische Frage wird am besten geschwiegen. Besonders löblich ist das Verhalten der türkischen Machthaber in dieser Frage nicht."

Schon mit diesen Interventionen übernahm das Kaiserreich eine Art Mitverantwortung für das Geschehen. 2005 stellte der Deutsche Bundestag in einer fraktionsübergreifenden Resolution fest:

"Das Deutsche Reich war als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches ebenfalls tief in diese Vorgänge involviert. Sowohl die politische als auch die militärische Führung des Deutschen Reichs war von Anfang an über die Verfolgung und Ermordung der Armenier informiert. Die Akten des Auswärtigen Amts, die auf Berichten der deutschen Botschafter und Konsuln im Osmanischen Reich beruhen, dokumentieren die planmäßige Durchführung der Massaker und Vertreibungen."

Die osmanisch-deutschen Verflechtungen im Ersten Weltkrieg waren vielfältig, und sie erfahren überraschend wenig Aufmerksamkeit. Daher möchten wir Sie auf den Seiten zur Ausstellung “Eine “innertürkische Verwaltungsangelegenheit”? Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg″ begrüßen, die diese Verflechtungen aufgreift und historisch rekonstruiert.

Die Ausstellung ist vom 23.04.3015-21.05.2015 an der JGU Mainz im Philosophicum, Durchgangsbereich der Bereichsbibliothek, Öffnungszeiten: Montag - Freitag 08.00 - 22.00 Uhr zu sehen.

Armeniergräuel und historisch-politische Bildung

Einzug des Kaisers Wilhelm II. in Konstantinopel über die Perabrücke: Kaiser Wilhelm II., Sultan Mehmed V. und Kriegsminister Enver Pascha. Konstantinopel. Oktober 1917. Bundesarchiv-Bildarchiv, Bild 146-2005-0085 / CC-BY-SA.

Einzug des Kaisers Wilhelm II. in Konstantinopel über die Perabrücke: Kaiser Wilhelm II., Sultan Mehmed V. und Kriegsminister Enver Pascha. Konstantinopel. Oktober 1917. Bundesarchiv-Bildarchiv, Bild 146-2005-0085 / CC-BY-SA.

"Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen | Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, | Wenn hinten, weit, in der Türkei, | Die Völker aufeinander schlagen. | Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus | Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; | Dann kehrt man abends froh nach Haus | Und segnet Fried und Friedenszeiten. - Herr Nachbar, ja! So lass ich’s auch geschehn: | Sie mögen sich die Köpfe spalten, | Mag alles durcheinander gehn; | Doch nur zu Hause bleib’s beim alten."

Mit diesem Gespräch beim Osterspaziergang kritisierte schon Johann Wolfgang Goethe im Faust (Erster Teil) das bürgerliche Desinteresse am Krieg, aber auch am fernen Osmanischen Reich.

Der Deutsche Bundestag hat diesem Desinteresse 2005 einen Bildungsauftrag entgegengesetzt:

"Aufgabe der Bildungspolitik ist es, dazu beizutragen, dass die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert auch in Deutschland erfolgt."

Deutschland habe hier auf Grund seiner eigenen Verflechtungen in die osmanische und türkische Geschichte eine besondere Verantwortung. Insbesondere das öffentliche Schweigen des Deutschen Reiches habe eine spätere historische Aufarbeitung behindert:

"Diese fast vergessene Verdrängungspolitik des Deutschen Reiches zeigt, dass dieses Kapitel der Geschichte auch in Deutschland bis heute nicht befriedigend aufgearbeitet wurde."

Lediglich in Brandenburg waren die Armeniergräuel zwischen 2002 und 2005 Gegenstand des Geschichtslehrplans. Dann wurde das Thema wieder aus dem Lehrplan genommen. Der 100jährige Gedenktag an die Armeniergräuel am 24. April 2015 ist ein geeigneter Anlass, dieses Thema wieder aufzugreifen. In dieser Posterausstellung geht es daher nicht darum, die Türkei (als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches) auf die Anklagebank zu setzen. Sie soll vielmehr über die osmanisch-deutschen Verflechtungen in die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg informieren und individuelle Zugänge zur deutsch-osmanisch-armenischen Beziehungsgeschichte ermöglichen.

Deutsche Verflechtungen in die Armeniergräuel

Sultan Mehmed V. begrüßt Kaiser Wilhelm II. in Istanbul. Links Hakki Pascha, osmanischer Botschafter in Berlin. Oktober 1917. Imperial War Museums, Q 70246; Public Domain.

Sultan Mehmed V. begrüßt Kaiser Wilhelm II. in Istanbul. Links Hakki Pascha, osmanischer Botschafter in Berlin. Oktober 1917. Imperial War Museums, Q 70246; Public Domain.

Um der Komplexität dieser Verflechtungen gerecht zu werden, muss die Ausstellung auf drei Ebenen arbeiten und sowohl die Vorkriegsgeschichte der deutsch-osmanischen Beziehungen einbinden als auch die nach dem Weltkrieg einsetzende Diskussion in der Weimarer Republik über die Armeniergräuel rekonstruieren. Anders werden deutsche Handlungslogiken im Ersten Weltkrieg, aber auch das fehlende Wissen über diese Ereignisse in der Gegenwart nicht verständlich. Zugleich waren die deutschen Handlungslogiken im Krieg so vielfältig, dass es sich lohnt, sie systematisch zu differenzieren. So gab es im Osmanischen Reich deutsche (vor allem preußische) Offiziere im Auftrag deutscher Militärstellen, als Berater, aber auch als Offiziere in osmanischen Diensten; es gab eine Botschaft und zahlreiche Konsulate; es gab zahlreiche Unternehmer, und es gab Missionare, Ärzte, Lehrer und Journalisten. Den vielleicht wichtigsten Verästelungen dieser Geschichte will diese Ausstellung nachgehen und die je individuellen und institutionellen Logiken der Akteure rekonstruieren.

Damit geht die Ausstellung den folgenden Fragen nach:

  • Welche Motive verfolgten deutsche Akteure im Osmanischen Reich, und inwiefern beeinflussten Vorkriegsstereotype, aber auch gewachsene diplomatische, militärische und wirtschaftliche Interessen den Umgang mit osmanischen Amtsträgern und Armeniern?
  • Wie wurden die Verflechtungen des Kaiserreichs in diese Ereignisse in der deutschen Öffentlichkeit nach dem Krieg wahrgenommen?

Auf viele dieser Fragen kann und wird die Ausstellung keine eindeutigen und endgültigen Antworten geben. Stattdessen sind Sie eingeladen, sich auf eine eigene Auseinandersetzung einzulassen. Sie können auch gerne eine eigene Position im Gästebuch formulieren. Rassistische, fremdenfeindliche, volksverhetzende, diffamierende, beleidigende und sexistische Äußerungen werden wir selbstverständlich nicht freischalten. Zudem behalten wir uns das Recht vor, auf Ihre Äußerungen kommentierend einzugehen und das Gästebuch insofern auch für einen Dialog zu nutzen.


Autoren: David Selzer, Andreas Frings


Begriffe:

Armenische Frage:

Im Berliner Vertrag 1878 verpflichtete sich das Osmanische Reich Reformen zu vollziehen, welche die Lebensbedingungen der Armenier verbessern sollten. Im Artikel 61 hieß es: "Die Hohe Pforte verpflichtet sich, ohne weiteren Zeitverlust die Verbesserungen und Reformen ins Leben zu rufen, welche die örtlichen Bedürfnisse in den von den Armeniern bewohnten Provinzen erfordern, und für die Sicherheit derselben gegen die Tscherkessen und Kurden einzustehen." Die anderen europäischen Mächten wollten den Fortschritt der Reformen im Osmanischen Reich überprüfen.

» Mehr im Historischen Überblick.


Hinweis:

Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit die männliche Form steht.