Universitätsarchiv

Besser gar kein Sommerfest als so eins?

 

Ball der Nationen im Kurfürstlichen Schloss. (Quelle: Universitätsarchiv)

Empörung. Entrüstung. Wut. Das alljährliche AStA-Sommerfest fällt ins Wasser. Und dabei hatten wir uns alle auf diesen alljährlichen Höhepunkt im Sommersemester gefreut, auf diese kleine gesellige Verschnaufpause bevor es in die Klausurenphase geht. Laut des allgemeinen Studierendenausschusses muss die diesjährige Sause leider ausfallen, weil die Kosten nicht zu stemmen seien, die Organisation zu aufwändig und überhaupt…

In den letzten Jahren hatte sich der AStA sehr viel Kritik anhören müssen, angesichts der ausufernden Kosten, des unterirdischen Defizits und der problemanfälligen Durchführung des Fests. „Früher hätt’s das nicht gegeben“, hört man aus den Reihen ehemaliger Studentinnen und Studenten der JGU.

Das wollten wir genauer wissen und haben uns Akten zum Mainzer Ball der Nationen, ein in den 1950 und 1960-er Jahren ähnlich beliebtes Fest des AStA, näher angeschaut. Tatsächlich sind wir hierbei auf Dokumente gestoßen, die uns enttäuschten Studis als nostalgische Lektüre dienen können, führen sie uns doch vor Augen, dass früher eben nicht immer alles besser war.

 

Ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Happening

Der 1955 zum ersten Mal an den Start gegangene alljährliche Ball der Nationen wurde auch 1967, also vor genau 50 Jahren vom AStA der Uni Mainz und unter dem „Protektorat Sr. Magnifizenz Prof. Dr. Hans Rohrbach und seiner Frau Gemahlin“ organisiert. Zweck der repräsentativen Veranstaltung sei es, „den Kontakt zwischen unseren ausländischen Freunden und den deutschen Kommilitonen sowie der Bevölkerung der Stadt Mainz und ihrer Universität“ herzustellen. Ort des höchst beliebten Spektakels waren die Räume des Kurfürstlichen Schlosses. Ähnlich wie das Sommerfest, das sich als Begegnungsort der Kulturen verstanden wissen möchte, dabei aber nicht auf die Hilfe des Direktors angewiesen ist, sondern das ganz alleine hinkriegt.

Karten für diese höchst beliebte Veranstaltung wurden für Studierende der JGU vergünstigt zu Verfügung gestellt und waren 1967 wie auch in den Jahren davor innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Dass es dabei zu tumultartigen Zuständen kam, empörte etwa einen Leser der Mainzer Allgemeinen Zeitung, der sich in einem Leserbrief zu Wort gemeldet hat. „Und gerade in diesem Jahr hatte der AStA die angeblich katastrophalen Mißstände [sic!] beim Kartenverkauf beheben wollen“. Die Glücklichen, die für 7,- DM eine Karte ergattert hatten, konnten nach dem Erwerb „nur noch durch das Fenster über eine Leiter wieder in die Freiheit gelangen“.

Besser erging es da der Prominenz, die als Ehrengäste ihre Einladungen bequem mit der Post geliefert bekommen hatten. Noch besser ist es natürlich, wenn die Eintrittskarten gratis für jederfrau und jedermann sind und sich solche Szenen erst gar nicht abspielen, was man trotz aller Kritik dem AStA-Sommerfest zu Gute halten kann.

Als Ehrengäste wurden etwa der hier stationierten Lt. Colonel Howard E. Kessinger jr. C.O. [Anm: Commanding Officer] des 8th Aviation Battalion APO/09185 oder Vertreter der Lokalpresse begrüßt. Außerdem waren auch Persönlichkeiten aus dem politischen Leben gern gesehen, selbst wenn man aus Wiesbaden kam, wie das beim damaligen Wiesbadener Oberbürgermeister Georg Buch der Fall war.

 

Lasset die Spiele beginnen

So ging abfeiern in den 60ern (Symbolbild)

Am Freitag den 13. Januar 1967 ab 19:30 Uhr war es dann soweit: „schöne Frauen“ „in eleganten Abendkleidern“ und „elegante Männer“ in „Gesellschaftsanzügen“ schoben sich durch die prachtvollen Säle des Schlosses. Sie nahmen an Tischen Platz, die, dem Motto des Balls entsprechend, Ländernamen trugen. Für die weniger elegant gekleideten Gäste bot sich ein ganz anderes Bild.

So bemängelte ein Ehepaar, dass es bereits um 19:45 Uhr kaum noch freie Sitzplätze gab. Daher gingen viele Eingeladene dazu über „um Tische oder Stühle, die sie in irgendwelchen Abstellräumen vorfanden, zu kämpfen und versuchten diese irgendwo abzustellen“. Diese Szenen seien einer Veranstaltung wie dem Ball der Nationen unwürdig und hätten eher Dorfkirmescharakter. Zum Start des Unterhaltungsprogramms hatte das Paar die Veranstaltungsräume bereits verlassen.

Die Showeinlagen waren, getreu dem Thema des Balls der Nationen, sehr vielfältig. Dem AStA war es gelungen, verschiedene Studierendengruppen für Vorführungen zu gewinnen. Die Vereinigung indonesischer Studenten in Deutschland e.V., die sich eigentlich auch aktiv einbringen wollte, musste kurzfristig absagen, da ihre erfahreneren Mitglieder durch Abschlussprüfungen zu sehr eingespannt und die jüngeren unter ihnen, noch nie Teil einer solchen „Kulturveranstaltung“ gewesen seien.

 

Die Welt zu Gast in Mainz oder so

Die norwegischen Kommilitoninnen und Kommilitonen gaben Lieder aus Norwegen zum Besten. Außerdem hatten sie sich bereiterklärt beim Empfang der Ehrengäste teilzunehmen und das in „ihren farbenfrohen Trachten“.

Die US-amerikanischen Studis des Middlebury-College [seit 1957 kommen regelmäßig Studis von diesem im Bundesstaat Vermont gelegenen College in die Landeshauptstadt um am Mainzer Ableger, der Graduate School of German in Germany, zu studieren] inszenierten „ein kleines Spiel mit Gesang und Tanz“, das sie Heimatträumerei tauften. Der Iranische Studentenverein bereicherte das Programm neben seiner Tanz- und Gesangseinlage auch mit dem Ausschank persischen Tees.

Doch nicht nur Studierende waren gebeten worden, der Abendgestaltung etwas Internationales einzuhauchen. Die an der Universitätsklinik tätigen koreanischen Krankenschwestern sangen Lieder aus ihrer Heimat und gaben zwei koreanische Volkstänze zum Besten. Außerdem waren sie mit der Aufgabe betraut worden, in ihren Trachten Tombola-Lose zu verkaufen, deren Erlös dem Verein „Aktion Sorgenkind“ [Heute „Aktion Mensch“] zugutekommen sollte. In einem Dankesschreiben an die Krankenschwestern heißt es: „Auch die farbprächtigen Trachten der Mitwirkenden boten für den Besucher ein ungewohntes, aber reizvolles Bild“.

Ob es mehrheitlich an den schönen Kostümen, dem stetig ansteigenden Alkoholkonsum oder an dem sehr reizvollen ersten Preis der Tombola - eine Reise nach Paris - lag, dass allein über die Tombola 1200,- DM der insgesamt 2000,- DM für einen gemeinnützigen Zweck zusammenkam, ist im Nachhinein nicht mehr genau festzustellen.

 

Mehr Schein als Sein

Glaubt man aber dem bereits erwähnten AZ-Leser, konnte der Ball sein Versprechen, ein Fest der Nationen zu sein, nicht halten:

„Ball der Nationen“- wo waren sie nur geblieben, die Nationen, die Afrikaner und Araber, die Südamerikaner, Pakistani und Inder? Wenn von diesen großen studentischen Gruppen auch nur jeweils fünf dagewesen wären, hätte ich diesen Brief nicht geschrieben. Allein Persien, Korea und die USA waren in größerer Zahl vertreten“.

Des Weiteren hatte er auch etwas an der musikalischen Untermalung des Abends auszusetzen:

„Tanzmusik von vier Kapellen. Großartig! Nur- man hält es nicht für möglich- präsentierte die Big Band Max Greger fast die gleiche Schau wie in den letzten zwei Jahren. Wenn dem nichts Neues mehr einfällt, so sollte man endlich ein anderes preiswerteres Orchester verpflichten. Damit muß nicht unbedingt ein Niveauverlust verbunden sein, aber vielleicht könnte man dadurch die Eintrittspreise wieder senken“.

In den Augen der Organisatoren hingegen gab es „außer Ihrem Orchester in der Bundesrepublik kein gleichwertiges Ensemble“ und daher baten sie Greger kurzerhand auch auf dem nächsten Ball 1968 aufzutreten. Die Zahl an alten und jungen Tanzwütigen, die eine heiße Sohle aufs kurfürstliche Parkett legten, scheint den Verantwortlichen Recht zu geben.

 

Ein Hauch 68er

In den Stadtnachrichten konnte man tags drauf lesen, dass die Tanzflächen ständig dicht besetzt gewesen und die Kapellen dem Wunsch der Gäste, „die tanzen, tanzen und nicht als tanzen“ wollten, zu Genüge nachgekommen seien. Die gewagtere Tanzschritte seien „infolge der dazwischen genossenen Mengen von Sekt und Wein“ allerdings erst nach Mitternacht ausgepackt worden. (Der Diskretion wegen wird dies nicht weiter ausgeführt und wir verweisen auf die Fantasie der Leserinnen und Leser).

Was die Outfits der Ballgäste angeht, so wurde eigentlich um Abendgarderobe gebeten. Weswegen sich die Lokalpresse echauffierte, dass sich auch Miniröcke unter die langen Abendkleider gemischt hatten. Ob in Minirock oder nicht, die Anwesenden tanzten bis in die frühen Morgenstunden und der feuchtfröhliche Abend sollte vielen in guter Erinnerung bleiben.

 

Die GEMA macht Stress- auch schon vor 50 Jahren

Auch die GEMA vergisst nicht. Einen Monat nach dem Ball bemängelte sie, dass die Organisatorinnen und Organisatoren die Veranstaltung nicht ordnungsgemäß angemeldet hätten. Die Uni hätte versäumt, den Ball bei der zuständigen Bezirksdirektion der GEMA „mit näheren Angaben wie Tag, Art, Ort der Veranstaltung, Höhe des Eintrittsgeldes usw.“ anzumelden. Netterweise bzw. „entgegenkommenderweise“ erklärte sich die GEMA aber bereit, im Falle des Balls der Nationen ein Auge zuzudrücken und ihre Ansprüche nicht in doppelter Höhe geltend zu machen.

Somit ist es dem Orga-Team des Balls im Gegensatz zu denen des AStA-Sommerfests gelungen, ein Fest ohne finanzielle Verluste auf die Beine zu stellen. Ganz so kulant wie die GEMA damals zeigt sich die aktuelle Universitätsleitung dem Team des Sommerfests gegenüber nicht, denn für durch Vandalismus entstandene Schäden während der Party, soll der AStA in Zukunft selbst aufkommen.

Aber immerhin werden unsere internationalen Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht mehr auf eine vermeintlich „exotische Andersartigkeit“ reduziert, die zum Vergnügen der weißen Mehrheitsgesellschaft einmal im Jahr ihre Trachten anlegen dürfen. „Sowas soll‘s heute eben nicht mehr geben“.

Cheers!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

„Heute Student, morgen tot?“ Mainzer Studis trauern um Benno Ohnesorg

Der Tod des Demonstranten von Alfred Hrdlicka: Relief vor der Deutschen Oper, Berlin (Urheber: Von Tod_des_Demonstranten.jpg: Originaltext: Lorem ipsum 19:09, 15. Jul. 2007 (CEST))derivative work: Emdee (talk) - Tod_des_Demonstranten.jpg, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8335786)

Die Vorwürfe, die Presse sei nicht objektiv genug in ihrer Berichterstattung, sie befeuere geradezu die Polarisierung gesellschaftlicher Gruppen und diffamiere letztlich alle, die nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, lesen wir besonders in den letzten Jahren häufig. Wenn das die „besorgten“ PEGIDA-Mitmarschierenden in die unzähligen Mikrofone verkünden, die man ihnen hinzuhalten bereit ist, lässt sich das meist auf ein Wort herunterbrechen: Lügenpresse.
Mehr oder weniger berechtigte Kritik an der sogenannten vierten Gewalt, übten auch Mainzer Studierende im Anschluss an ein tragisches Ereignis, das sich heute vor genau 50 Jahren, also am 2 Juni 1967, abgespielt hat.

„Der Tod…“, Strafrechtler der Uni Mainz Prof. Peter Schneider schaut auf und blickt in die Menschenmenge, die sich vor dem städtischen Theater Mainz [heute Staatstheater] versammelt hatte. Er sieht in bedrückte Gesichter. „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg betrifft jeden von uns persönlich, obwohl kaum einer von uns ihn persönlich gekannt hat.“

Die Nachricht aus Westberlin, dass anlässlich einer Anti-Schah Demo der Berliner Student Benno Ohnesorg von der Kugel des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras in den Hinterkopf getroffen worden war, wird auch in Mainz vielfältig diskutiert. Während Prof. Schneider im weiteren Verlauf seiner Rede vor dem Theater zur Besonnenheit mahnte und betonte, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen „unter welchen Umständen, aus welchen Motiven und äußeren Veranlassungen es zum tödlichen Schuss kam“, stand für die Mainzer Studierendenschaft fest, dass vor allem die Berliner Presse eine moralische Schuld für den Tod eines jungen Menschen zu tragen habe. Die hetzerische Berichterstattung über die Proteste in Blättern wie der BILD Zeitung habe die breite Öffentlichkeit gegen die Studierendenschaft aufgebracht. Die Verantwortlichen hätten somit die Eskalation in Kauf genommen, wenn nicht gar bewusst betrieben.

 

Und was macht Mainz?

Es ist beachtlich, wie schnell die Sprecher der Mainzer Studierenden reagiert haben und sich bereits am 4. Juni, also zwei Tage nach der Demonstration, im Gutenbergexpress zu Wort meldeten: Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, einte die Hochschulgruppen 1967 die Überzeugung, dass die Studierendenschaft und ihre Anliegen seitens der Presse verunglimpft werden sollten um im Rest der Bevölkerung Abneigung und Vorbehalte gegen die angehenden Akademikerinnen und Akademiker zu schüren.
Oder um es mit den Worten des eigentlich nicht als sehr revoluzzeraffin bekannten RCDS zu sagen: Fahrah Diba [die Gattin des autokratischen Schahs von Persien, die ihren Mann auf seiner Deutschlandreise begleitete] wird weiter durch die Regenbogenpresse lächeln. Studenten werden weiter durch die Springerpresse verketzert.“

Dementsprechend ordneten die Mainzer Studierenden auch die Anschuldigungen, ihre Berliner Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten die Polizei mit Messern attackiert, als weiteres Mittel zur öffentlichen Hetze ein. Der damalige 1. AStA-Vorsitzende Jürgen Büscher meinte hierin sogar eine neue Dimension der Diffamierung von Studierenden zu erkennen.

Neben der Presse wurden natürlich auch die Berliner Polizei und die politischen Verantwortlichen für den dramatischen Ausgang dieser Anti-Schah-Demo verantwortlich gemacht. Man könne fast meinen, die Beamten hätten sich von den Methoden ihrer Kollegen im Heimatland des Schahs, also dem Iran, inspirieren lassen und die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD getrost vor Dienstbeginn zu Hause gelassen, so Büscher.

Die Redakteure der berühmtberüchtigten Mainzer Studentenzeitung nobis urteilten, man müsse geografisch gar nicht so weit schauen, um im Verhalten der Polizisten frappierende Parallelen zu einem anderen Unrechtsstaat zu entdecken:

„In Berlin werden jetzt nicht nur an der Mauer Menschen erschossen. In Ost-Berlin herrscht Demonstrationsverbot, in West-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In Ost-Berlin gibt es eine Einheitspresse, in West-Berlin gibt es eine Einheitspresse. In Ost- und in West-Berlin ist nur gestattet, was die Polizei erlaubt. In Ost-Berlin erklärt man sich mit dem Nationalsozialisten Nasser solidarisch, in West-Berlin mit dem Monarcho-Faschisten Reza Pahlevi. In Ost-Berlin wird unterdrückt, was dem Magistrat nicht paßt. In West-Berlin wird unterdrückt, was dem Senat nicht paßt. In Ost-Berlin, in West-Berlin. Berlin bleibt Berlin.“

Der Mainzer Ableger des Liberalen Studentenbund Deutschlands wähnte sich gar an die NS-Zeit erinnert und schrieb im Gutenbergexpress vom 4. Juni: „Jede Meinungsäußerung, die dem Establishment widerspricht, ist verdächtig, Demonstranten kommen wieder ins Gefängnis.“

Die Conföderation Iranischer Studenten, die als eine der wichtigsten Anti-Schah- Gruppierungen im Ausland agierte und auch in Mainz vertreten war, wählte in ihrer Presseerklärung vom 5. Juni klare Worte. Die Schuld an dem Tode Ohnesorgs läge allein bei der aus Teheran „eingeführten Schlägertruppe und jenen, die dieser Truppe von Beginn des Schah-Besuches an Aktionsmöglichkeiten verschafft haben“.

 

Der trauernde Student und sein Dreschflegel

Um der Trauer auch öffentlich Ausdruck zu verleihen organisierte der AStA Mainz einen Trauermarsch vom Forum universitatis ausgehend über den Hauptbahnhof, am Münster- und Schillerplatz entlang bis zum Gutenbergplatz, wo der Marsch mit einer Kundgebung seinen Abschluss finden sollte. In diesem Rahmen hielt der bereits eingangs erwähnte Mainzer Professor Peter Schneider seine Rede, ebenso wie der AStA Vorsitzende Büscher.

Der damalige Rektor der JGU Hans Rohrbach bestand bei einer dem Trauermarsch vorangegangenen Besprechung mit allen Hochschulgruppen darauf, dass „kein anderes Transparent“ benutzt werden solle, als „Wir trauern um Benno Ohnesorg“. Im Gegenzug bewilligte er die Veranstaltung des ersten Mainzer teach-ins, in dem es Platz und Gelegenheit für die politische und gesellschaftliche Diskussion geben solle.
Rund 2000 Studenten und Studentinnen, einige Mainzer Professoren und Mitarbeiter der Uni nahmen an dem Trauerzug durch die Mainzer Innenstadt teil. Im Vorlauf wurden circa 7000 Flugblätter verteilt, in dem der AStA gemeinsam mit den Hochschulgruppen etwa den Rücktritt des regierenden Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, des Innensenators Wolfgang Büsch, die Suspendierung des Polizeipräsidenten und des polizeilichen Einsatzleiters forderte.

Fluglatt Benno Ohnesorg
Flugblatt zu Ohnesorgs Tod herausgegeben vom AStA und den Hochschulgruppen der JGU (Quelle: Universitätsarchiv Mainz)

Laut der Mainzer Allgemeinen Zeitung verhielt sich die Mainzer Bevölkerung „entlang der Marschroute zögernd und abwartend“. Zwar hielten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Vereinbarung, keine politischen Parolen auf die Plakate zu schreiben, ein Demonstrant jedoch trug einen Dreschflegel mit sich, wohl um seinen Protest gegen die Gewaltbereitschaft der Berliner Polizei zu unterstreichen. Nach Beendigung der studentischen Aktion wurden spontan noch knapp 1700 DM für die Witwe Ohnesorgs gesammelt.
Am Tag der Beisetzung Ohnesorgs am 9. Juni 1967, war der gesamte Lehrbetrieb eingestellt worden, und ab 14 Uhr fand das erste Mainzer teach-in im Forum universitatis statt. Etwa 400 Kommilitoninnen und Kommilitonen nahmen hieran teil und diskutierten über Themen wie „Autoritäre Universität?“ „Zerschlagung des Springer Konzerns?“ „Was geht uns Persien an?“ „Studieren oder politisieren?“ „Einigkeit und Recht und Freiheit?“

Auch auf dem Programm stand die Rede eines ehemaligen Berliner Studenten, der berichtete, dass fast alle Kundgebungen in Berlin mit Verhaftungen und Verletzten verbunden gewesen seien, dass das fast schon normal gewesen sei.
So lässt sich auch der Kommentar von Hans Georg Claussen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund Mainz verstehen, der die Tragödie einige Tage vorher wie folgt kommentiert hatte:

„Wir trauern um Benno Ohnesorg, aber wir wundern uns nicht mehr.“

 

Aufgepasst:
Wenn ihr noch mehr über Benno Ohnesorg erfahren wollt haben wir noch zwei spannende Literaturhinweise:

Die Stasi und der Westen von Sven Felix Kellerhof. Hier gehts um die Stasi-Verstrickungen von Karl-Heinz Kurras.

Der Freund und der Fremde von Uwe Timm. Ein ehemaliger Mitschüler Ohnesorgs erzählt von ihrer gemeinsamen Schulzeit.

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Von Mainzer Böhmermännern und -frauen, Despoten sowie lästigen Paragraphen

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann in Rostock 2014 (Foto: Jonas Rogowski, Lizenz: CC BY- SA 3.0)

Mainz kann Böhmermann. So richtig. Schon vor 50 Jahren. Vielen ist gar nicht bekannt, dass Jan Böhmermann eigentlich nur ein Nacheiferer und Nachmacher von etwas viel Größerem und er überhaupt nicht originell ist. Denn was er kann, konnten unsere Mainzer Kommilitonen und Kommilitoninnen 1967 schon lange.

Vor 50 Jahren, unweit vom ReWi, in dem heute Abend Jan Böhmermann zu Gast im SWR Unitalk sein wird, spielte sich Denkwürdiges ab. Vor der (Alten) Mensa im Forum der JGU bildet sich eine Traube Menschen um die Initiatoren einer Unterschriftenaktion. Nein, hier ging es ausnahmsweise mal nicht, um Banalitäten, wie die Verbesserung des Mensaessens: Wer hier seine Signatur setzte, nannte den Schah von Persien Mohammad Reza Pahlavi einen „Schreibtischmörder von Studenten, Professoren und Politikern“. In einem Land wie Deutschland, wo die Meinungsfreiheit ganz weit vorn im Grundgesetzt steht, sollte das doch eigentlich kein Problem sein, oder?

Nicht ganz. Denn jene 100 Mainzer Studierenden, die zugaben, den Schah beleidigt zu haben, bezichtigten sich somit einer Straftat! Nämlich der „Verunglimpfung eines ausländischen Staatsgastes“. Außerdem baten sie um „gerechte Bestrafung“ wie es der Paragraf 103 des Strafgesetzbuchs in solchen Fällen vorsieht. Auf jenen Paragrafen, der seit jeher als Schah-Paragraf bekannt ist, berief sich auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als er gegen das von Böhmermann verfasste Schmähgedicht klagte.

Im Umgang mit den jeweiligen Strafanträgen haben sich die Bundesregierungen von 1967 und von 2017 Kritik gefallen lassen müssen. Mancherorts herrschte die Ansicht vor, dass sich die Volksvertreter nicht mit Ruhm bekleckert hätten und sich gar vor den Karren der Autokraten spannen lassen haben. Angela Merkel wurde vorgeworfen, die Aufrechterhaltung des sogenannten „Flüchtlingsdeals“ mit der Türkei auf keinen Fall durch die Causa Böhmermann gefährden zu wollen.

Demonstrationen gegen Schah
Demonstration gegen den Schah vor der Alten Mensa 1968 (Quelle: Universitätsarchiv, Foto: Manfred Schumacher)

Auch 1967 hatte der Kläger vermeintliche Druckmittel in der Hand: Der iranische Presseattaché ließ damals verlauten, dass der Iran diplomatische Beziehungen zu Ost-Berlin aufnähme, sollte die Bundesregierung den Anträgen auf Strafverfolgung nicht stattgeben. Die Unterstützer der Bundesregierungen sahen und sehen in dem Okay zur Strafverfolgung eher ein Zeichen von Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz.

Die Justiz hatte 1967 aber die Rechnung ohne jenen Teil der Bevölkerung gemacht, der bereit war das Kind, also den Schah, beim Namen, also einen Mörder zu nennen und die Staatsanwaltschaft mit tausenden Selbstanzeigen zu überfluten. Die Unterzeichner waren Teil bundesweiter Kampagnen, wie der von Frankfurt ausgehenden „Aktionsgemeinschaft Paragraph 103“.

Unsere Mainzer Böhmermänner und –frauen haben 1967 ihren Teil dazu beigetragen, dass die Strafverfolgung, vor allem gegen iranische Studierende, die von Spitzeln des Schahs auf den unzähligen Anti-Schah-Demonstrationen ausgemacht wurden, im Sande verlief. Nachträglich reihen sich diese Ereignisse in eine Zeit ein, die Historiker als die „68er“ bezeichnen. Diese Periode wird allgemein mit Auflehnung gegen die Obrigkeit, jugendlichem Ungehorsam, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, sexueller Selbstbestimmung und der Friedensbewegung in Verbindung gebracht.

So sehr wir alle eine Meinung zu den „68ern“ haben, so wenig wissen wir tatsächlich, welche Formen diese Bewegung vor unserer Haustür, auf dem Mainzer Campus, angenommen hat. Dieser Frage möchte ich nachgehen und habe für euch das Mainzer Universitätsarchiv nach spannenden Geschichten und starken Bildern durchforstet und kann euch jetzt schon verraten, dass auch unser Campus Schauplatz von so manch einem Skandal wurde.

Wenn ihr den Mainzer Campus, etwa wie den Eingang zur Alten Mensa in Folge dieses Artikels, mit anderen Augen sehen wollt, dann bleibt einfach an der Beitragsreihe „68 in Mainz“ dran.
Anlässlich des 50jährigen Todestags des Berliner Studenten Benno Ohnesorgs am 02.Juni werde ich euch im nächsten Beitrag beschreiben, wie die Mainzer Studierendenschaft 1967 auf die bestürzenden Nachrichten aus der Hauptstadt reagiert hat.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

„Gutenberg Biographics“: Verzeichnis der Professorinnen und Professoren der Universität Mainz

Gutenberg BiographicsPassend zum Jubiläumsjahr, eröffnet Ihnen Gutenberg Biographics einen ganz besonderen Einblick in die Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der frühneuzeitlichen Mainzer Universität: welche Professorinnen und Professoren haben hier gelehrt und den Ruf unserer Universität mit begründet?

Was umfasst Gutenberg Biographics?
In Gutenberg Biographics sind bislang alle Rektoren sowie die Gründungsprofessoren der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit Volleinträgen vorhanden. Eine Vielzahl weiterer Professorinnen und Professoren wurden mit Basisdaten aufgenommen. In der ersten Bearbeitungsstufe werden alle Professorinnen und Professoren der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bis 1973 erfasst. Der Datenbestand ist derzeit noch im Aufbau und wird laufend ergänzt.

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