Juli 1967: Als Mainz zum Schauplatz des Kalten Krieges wurde

Es sind Szenen wie aus Kafkas "Der Prozess", die sich vor 50 Jahren in Mainz abspielten: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“.

Wie Josef K. im Roman, muss sich der Mainzer Kinderarzt und Radiologe Dr. Sukil Lee auch gefragt haben, was er sich zu Schulden kommen lassen hat. Er war nie bei Rot über die Ampel gegangen, hatte immer ordentlich seine Steuern gezahlt – natürlich auch die Hundesteuer; wusste er doch, wie viel Wert seine deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger darauf legten. Außerdem hatte er dazu beigetragen, dass…. „Aber natürlich“, schoss es ihm durch den Kopf.

Zwischen Verdienstorden und Lebensgefahr

Alles hatte mit quengelnden Babys auf der pädiatrischen Abteilung der Mainzer Universitätsmedizin begonnen. Es herrschte akuter Fachkräftemangel in der noch jungen Bundesrepublik der 60er Jahre, es fehlten rund 30.000 Krankenschwestern in westdeutschen Hospitälern. Auch in Mainz kamen sie mit der Arbeit kaum hinterher. Dass die Neugeborenen quasi rund um die Uhr schrien, liege sicherlich an der zu geringen Zahl an Pflegerinnen, stellte Dr. Lee fest.

20 Jahre Dr. Lee und die "Krankenschwesternaktion". Ob die Herren im Hintergrund wohl nordkoreanische Spitzel sind?
Quelle: Universitätsarchiv

Der aus Südkorea stammende Arzt wusste, dass sich 10.000 km östlich von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein anderes Bild bot: In Seoul und anderswo im Land fanden zu viele koreanische Krankenschwestern trotz ihrer hervorragenden Ausbildung keine Anstellung. Es müsse doch irgendwie möglich sein, diese Bedürfnisse miteinander zu verknüpfen und eine Win-Win-Situation für seine beiden Heimatländer zu schaffen, dachte sich Dr. Lee. Wäre nicht allen geholfen, wenn man koreanische Schwestern in deutschen Krankenhäusern arbeiten ließ, die doch so dringend geschultes Personal benötigten?  Dass diese Überlegung ihm einmal das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland bescheren und in gleichzeitig in große Gefahr bringen sollte, konnte er damals nicht ahnen.

Ein junger Arzt packt an

Doch der Reihe nach: In Folge eines immensen, für deutsche Verhältnisse sicherlich nicht untypischen bürokratischen Aufwands, wurde aus einer vagen Idee eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt weil der 39- jährige Dr. Lee es sich nicht nehmen ließ, selbst nach Korea zu fliegen, um sich dort mit dem damaligen Gesundheitsminister zu treffen. Der versprach nach 10 Minuten, alles Nötige auf koreanischer Seite in die Wege zu leiten, sodass schon bald koreanisches Pflegepersonal in Deutschland zum Einsatz kommen würde.

Und tatsächlich, Anfang des Jahres 1966 konnten über hundert Koreanerinnen nach Deutschland reisen. Sie wurden persönlich vom Verwaltungsdirektor der Mainzer Klinik Dr. Reinhold Rörig in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz mit einer Chartermaschine in Seoul abgeholt.

Die Menschen, die im Juni 1967, also ein Jahr nach der Ankunft der ersten Schwestern, an der Türschwelle des Arztes standen, waren ihm weniger freundlich gesinnt.

Menschenraub im ach so beschaulichen Mainz

Es klingelt. Er schaut auf. Sein Blick huscht zum Herd. Der Kohl zum Fisch dürfte jeden Moment fertig sein. Sein Bauch knurrt. Wer mag das zu so später Stunde sein? Er hatte doch schon seinen Pyjama angezogen. Dr. Lee öffnet die Tür. Drei dunkle Anzüge bauen sich vor ihm auf. Der Doktor zupft seinen Schlafanzug zurecht.

Dann ereignete sich etwas, was der damalige rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters als „Menschenraub“ bezeichnete. Die drei Herren, die sich als südkoreanische Staatsbürger ausgaben, bitten Lee höflich in die Botschaft mitzukommen. Man müsse etwas besprechen. Dr. Lee geht mit, er scheint ohnehin keine Wahl zu haben. Die Herdflamme erlischt. Er zieht die Tür hinter sich zu.

In der Botschaft angekommen, wird er stundenlang verhört. Ihm wird gedroht, dass er und seine Familie die Heimat nicht wiedersehen würden, wenn er nicht mit nach Südkorea komme und sich der dortigen Justiz stelle. Er sei verdächtigt, Beziehungen zum kommunistischen Nordkorea zu unterhalten, mit der Absicht, eine Revolution in Südkorea anzustiften. Die sogenannte „Krankenschwesteraktion“, die er aus Mainz gesteuert habe, gehöre zu diesem perfiden Plan. Dem Mainzer Doktor bleibt nichts anderes übrig als den Forderungen der Agenten Folge zu leisten.

Und damit war er nicht der Einzige: Im Jahr 1967 wurden deutschlandweit 17 südkoreanische Staatsbürger entführt, die auf deutschem Territorium lebten. Ihnen allen wurden revolutionäre Umtriebe im Dienste des Erzfeindes Nordkorea vorgeworfen. Von offizieller Seite hieß es, dass die Kollaborateure freiwillig nach Südkorea zurückgekehrt seien. Familienmitglieder und der Freundeskreis der Betroffenen hielten das für unglaubwürdig, im Gegensatz zur damaligen Bundesregierung.

Der deutsche Rechtsstaat außer Kraft? Nicht in Rheinland-Pfalz

An vielen deutschen Universitäten fanden Podiumsdiskussionen statt, die nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung zum Protest gegen das stillschweigende Zusehen ihrer gewählten Vertreter mobilisieren konnten. In Mainz verfasste der AStA unter dem Vorsitz von Jürgen Büscher kurzerhand einen an den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gerichteten Brief, in dem er den Regierungschef dazu aufforderten „die Bundesrepublik als Rechtsstaat wieder herzustellen.“

Die unterzeichnenden Wissenschaftler der Uni Mainz regten sich besonders darüber auf, dass die Bundesregierung dem neuen südkoreanischen Botschafter die Akkreditierung erteilt hatte, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt immer noch von deutschem Boden entführte südkoreanische Staatsbürger in der Gewalt ihrer Regierung befanden. Bundespräsident Heinrich Lübke hielt das nicht davon ab, den Botschafter mit den Worten: „Unsere beiden Völker bekennen sich zu den gleichen Werten“ zu begrüßen. Wie der Spiegel 1967 berichtete, sei es auch Lübke gewesen, der seine Leute dazu angehalten hatte, sich nicht zu sehr für die Rückführung der Verschleppten einsetzen, um die „freundschaftlichen Beziehungen“ nicht zu belasten.

Die Mainzer Uniklinik wie Dr. Lee sie kannte.
Quelle: Universitätsarchiv

Dr. Lee hatte das Glück, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung sich nicht an den Ratschlag des Bundespräsidenten hielt und sich für die Befreiung ihres Arztes einsetzte, ebenso wie der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Am 20. Juli 1967, heute also vor genau 50 Jahren, konnte der Radiologe nach vier Wochen Gefangenschaft tatsächlich wieder deutschen Boden betreten.

Er schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Der Topf mit dem Kohl steht noch immer auf dem Herd. Ihm war das Schicksal Josef K. erspart geblieben:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.“

Aufgepasst:
Wer sich das Werk Kafkas "Der Prozess" (nochmal) anschauen möchte, wird unter anderem hier fündig:

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Von Inseln im demokratischen Rechtsstaat und Lernfabriken: Studentische Proteste an der JGU 1967 und 2017

 

Sommer 2017

Auf meinem Weg zur Arbeit, diese Woche vor dem Georg Forster-Gebäude: Transparente mit Parolen wie "Qualität statt Quantität #es kommt nicht auf die Größe an!", ein paar Schritte weiter mehrere Dutzend Studierende bei einem Sit-in. Rund 1.500 Unterschriften haben sie für ihre Petition bereits gesammelt. Es geht um die drohende Auflösung der AG Sonderpädagogik. Revolution am Campus? Renaissance des Politischen à la 68er?

Bereits Ende Juni waren Mainzer Studierende auf die Barrikaden gegangen. Im Rahmen der deutschlandweiten Aktionswoche "Lernfabriken meutern!" machen sie auf "undemokratische Strukturen", katastrophale Bildungsbedingungen und die massiven Sparmaßnahmen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz aufmerksam. Wir kennen es alle: Der Putz kommt von den Wänden, zu wenig Lehrpersonal, überfüllte Bibliotheken bis hin zur Streichung der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Stipendien. An allen Ecken muss gespart werden! Dass an der Demonstration dann doch nur rund 100 Studierende teilnahmen, mag an den hohen Temperaturen gelegen haben oder dass man mit dem Schreiben eines Sommerhits beschäftigt war. Egal. Es bewegt sich etwas in der Studierendenschaft.

Demonstration "Mainz meutert" vom 21.06.2017 Quelle: Facebook/MainzMeutert

Die Proteste erinnern mich an meine Bachelorarbeitszeit. Ich hatte mich mit der 68er-Bewegung beschäftigt, dabei aber kaum etwas über die Mainzer Studentenproteste erfahren. Welche Themen beschäftigten die Studierenden vor 50 Jahren an der JGU? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den Protesten von heute und damals? Ich machte mich auf die Spurensuche und wurde in den Beständen des Universitätsarchivs fündig.

 

 

 

Sommer 1967

Wenn man im Sommer 1967 über den Mainzer Campus lief, konnte man ebenfalls Zeuge von damals neuen Protestformen wie Sit-ins und Teach-ins werden. In der Fotosammlung des Archivs finde ich Bilder von mehreren Streiks aus jener Zeit. Der Frust der Studierenden war durch die Erschießung von Benno Ohnesorg weiter entfacht worden. (Wie man an der Mainzer Uni auf Ohnesorgs Tod reagierte, könnt ihr hier  nachlesen) Über die Protestzentren Berlin und Frankfurt hinaus erhielt die Studentenbewegung rasant Zuwachs. Auch wenn Mainz nicht gerade als Hochburg der 68er-Bewegung bekannt ist, machten die Studierenden der JGU ihrer Unzufriedenheit mit der hiesigen Situation zunehmend Luft.

Vom wachsenden Frust zeugen zahlreiche Quellen. Wie die vom AStA im Auftrag gegebene Studentenzeitung nobis. Sie gibt einen anschaulichen Überblick über all das, was die Studierenden im Sommer 1967 bewegte Diese und weitere Quellen können bei uns im Universitätsarchiv eingesehen werden.

 

Darf’s noch ein Amt sein?

Bereits der erste Artikel der Juli-Ausgabe sorgte universitätsweit für große Furore. Er handelt von einem Fall von Ämteranhäufung, der von den Studierenden als Symbol für die undemokratischen Hochschulstrukturen wahrgenommen wurde. Walter Holsten, Professor für Allgemeine Religions- und Missionswissenschaft der evangelisch-theologischen Fakultät, hielt sage und schreibe 13 (in Worten: dreizehn!) Ämter inne. Was dazu führte, dass es einem Studierenden z. B. passieren konnte, dass Professor Holsten sowohl über dessen Examensnote als auch über Bafög-Bescheid und Wohnheimplatz mitentschied. Der Artikel betonte: Der Fall Holsten war nur ein Beispiel von vielen für dieses Phänomen. Ist das heute eigentlich so viel anders?

 

Alles nur Propaganda?

Der Artikel schlug damals hohe Wellen und wurde auf die Tagesordnung der Senatssitzung vom 28. Juli gesetzt. Der Senat hat ihn „mit Befremden wahrgenommen“, da Holsten für einige seiner Ämter sogar von Studierenden vorgeschlagen worden war. Altrektor Johannes Bärmann  war sogar der Meinung, dass der Fall vor den Universitätsrichter gehöre. (Ja, es gab einen Universitätsrichter, das ist aber eine andere Geschichte...) Professor Holsten selbst war der Auffassung, dass es sich bei dem Artikel nicht um „sachliche Dinge, sondern nur um Verhetzung und Propaganda“ handle. Er habe den Artikel nicht weiter zur Kenntnis genommen, kündigte aber trotzdem seine Mitarbeit in der Evangelischen Studentengemeinde auf.

Kritik an der Ämterkonzentration wurde v. a. auch deshalb geäußert, weil die Studierenden kaum hochschulpolitisches Mitspracherecht hatten. Professoren, wie der neugewählte Rektor Adolf Adam  sträubten sich sogar gegen die studentische Teilhabe an Universitätsgremien. Diesen Missstand thematisierte auch ein weiterer nobis-Artikel über die Mainzer Assistentenschaft, also über den wissenschaftlichen Nachwuchs. Diese besaß bis dato gar kein Mitspracherecht und fand sich deshalb im Februar 1967 zur ersten Assistentenversammlung zusammen. Einer der Sprecher stellte dabei klar, dass man „keine Revolution, sondern einfach besser integriert und besser informiert werden“ wolle. Als Promotionsstudentin vermisse ich heute auch manchmal ein Forum, das sich speziell für die Belange der Doktorandinnen und Doktoranden einsetzt.

 

Für mehr Zucht und Ordnung – Kooperation der JGU mit der Bundeswehr

Juliausgabe der Studentenzeitung Nobis. Quelle: Universitätsarchiv

Die Assistentenversammlung war Ausdruck des Wunsches nach mehr Transparenz. Die mangelhafte Informationspolitik der Lehrenden war auch der Aufmacher der Juli-Ausgabe „Herr General! Magnifizenz! Meine Damen und Herren!“. Anlass war ein Vortrag des Mainzer Politikwissenschaftlers Hans Buchheim  zum Thema „Die gegenwärtige Lage des deutschen Nationalbewußtseins“. Zu den geladenen Gästen zählten auch Angehörige der Bundeswehr, die akademische Öffentlichkeit war laut den Verfassern des Artikels jedoch nicht eingeladen worden. Als rund 50 „kritische Studenten“ von dem Vortrag durch Zufall mitbekamen, luden sie sich kurzerhand einfach selbst ein.

Im Senat wurde nach den studentischen „Provokationen“ beratschlagt, ob häufigere Gespräche zwischen Lehrenden und Studierenden nicht sinnvoll wären. Erst jetzt wurden die Studierenden über den bereits seit Ende 1965 andauernden Austausch zwischen Bundeswehr und Universität informiert. Ziel der Zusammenarbeit sollte es sein auszuloten, ob die Ausbildung von Abiturienten zu Reserveoffizieren nützlich für ein Universitätsstudium sei. Zudem erfuhren die Studierenden, dass die Bundeswehr vorhatte, einen Lehrstuhl für Strategie an der Mainzer Universität einzurichten. Für die nobis-Autoren stand jedoch fest, dass „militärische[...] Sitten, Gehorsam, Zucht und Ordnung“ nicht mit „freiem Lernen, Lehren und Forschen“ vereinbar seien.

 

Krise als Dauerzustand?

Die Ämteranhäufung und fehlende Transparenz sind nur zwei von zahlreichen Symptomen der überkommenen Hochschulordnung, die von den Studierenden kritisiert wurden. Auch in der nobis-Ausgabe vom Juni 1967 wurde die Mainzer Universitätssatzung beanstandet. Hier schrieb Wolfgang Heinz, dass die Studierenden kaum Rechte hätten, geschweige denn gegenüber dem akademischen Lehrkörper gleichberechtigt seien. Daher seien in der BRD die Universitäten „immer noch [...] obrigkeitsstaatliche Insel[n] im demokratischen Rechtsstaat.“ Die Studierenden in der ganzen BRD bemängelten u. a. den Reformstau sowie die verkrusteten Strukturen. Forderungen nach der Demokratisierung der Universitäten, nach Transparenz, Teilhabe und verbesserten Studienbedingungen wurden immer lauter.

Auch wenn sich in den letzten 50 Jahren vieles geändert hat – Studierende u. a. stärker in die Gremien integriert sind und somit mehr Mitspracherechte haben – erinnern die Forderungen von 2017 doch z. T. an diejenigen  von 1967. Bis heute wird von den Studierenden die Informationspolitik des Lehrkörpers kritisiert. Auch heute wird Kritik am vermeintlich undemokratischen Bildungssystem, bspw. im Rahmen des Bündnisses „Lernfabriken...meutern!“ geäußert.

Worin unterscheiden sich die aktuellen Proteste an der JGU von denen von vor 50 Jahren? Damals waren außeruniversitäre Themen von zentralerer Bedeutung. Die 68er-Bewegung wurde nicht zuletzt auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angetrieben. Das Jahr 1967 galt als Jahr der Krisen – Demokratiekrise, Wirtschaftskrise, Studentenkrise,...

 

„Studentische Störenfriede“ als Indikator für gesellschaftliche Missstände

Dementsprechend wurden in der nobis verstärkt gesellschaftspolitische Themen wie die bevorstehende Einführung der Notstandsgesetze, polizeiliche Willkür oder die Monopolstellung des Axel Springer-Verlags thematisiert. Es wurden daher Parallelen zwischen der damaligen Situation und der am Ende der Weimarer Republik gezogen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in der Juli Ausgabe der nobis deshalb auch Fragen „ [z]ur politischen Rolle der Studentenschaft“ gestellt wurden. Unter diesem Titel war die Rede von Jürgen Habermas beim Teach-in anlässlich des Todes von Benno Ohnesorg abgedruckt worden. In dieser verwies der Frankfurter Philosophieprofessor, dass die studentische Opposition zwar Teil der außerparlamentarischen Opposition sei, aber keine Sonderrechte besäße. Nichtsdestotrotz seien die studentischen Proteste von zentraler Bedeutung, da sie auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und die Perspektive von „Realpolitikern“ erweitern könnten. Bei der Frage, ob und in welcher Form die Studierenden ein politisches Mandat hätten, wurde aber deutlich, dass studentischen Gruppierungen je nach politischer Ausrichtung unterschiedlicher Meinung waren. Während man sich bei den hochschulpolitischen Missständen oft einigen konnte, war bei gesellschaftspolitischen Problemen und den daraus zu ziehenden Konsequenzen keine Einigung möglich.

...Wie ist das heute eigentlich?

 


Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

Besser gar kein Sommerfest als so eins?

 

Ball der Nationen im Kurfürstlichen Schloss. (Quelle: Universitätsarchiv)

Empörung. Entrüstung. Wut. Das alljährliche AStA-Sommerfest fällt ins Wasser. Und dabei hatten wir uns alle auf diesen alljährlichen Höhepunkt im Sommersemester gefreut, auf diese kleine gesellige Verschnaufpause bevor es in die Klausurenphase geht. Laut des allgemeinen Studierendenausschusses muss die diesjährige Sause leider ausfallen, weil die Kosten nicht zu stemmen seien, die Organisation zu aufwändig und überhaupt…

In den letzten Jahren hatte sich der AStA sehr viel Kritik anhören müssen, angesichts der ausufernden Kosten, des unterirdischen Defizits und der problemanfälligen Durchführung des Fests. „Früher hätt’s das nicht gegeben“, hört man aus den Reihen ehemaliger Studentinnen und Studenten der JGU.

Das wollten wir genauer wissen und haben uns Akten zum Mainzer Ball der Nationen, ein in den 1950 und 1960-er Jahren ähnlich beliebtes Fest des AStA, näher angeschaut. Tatsächlich sind wir hierbei auf Dokumente gestoßen, die uns enttäuschten Studis als nostalgische Lektüre dienen können, führen sie uns doch vor Augen, dass früher eben nicht immer alles besser war.

 

Ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Happening

Der 1955 zum ersten Mal an den Start gegangene alljährliche Ball der Nationen wurde auch 1967, also vor genau 50 Jahren vom AStA der Uni Mainz und unter dem „Protektorat Sr. Magnifizenz Prof. Dr. Hans Rohrbach und seiner Frau Gemahlin“ organisiert. Zweck der repräsentativen Veranstaltung sei es, „den Kontakt zwischen unseren ausländischen Freunden und den deutschen Kommilitonen sowie der Bevölkerung der Stadt Mainz und ihrer Universität“ herzustellen. Ort des höchst beliebten Spektakels waren die Räume des Kurfürstlichen Schlosses. Ähnlich wie das Sommerfest, das sich als Begegnungsort der Kulturen verstanden wissen möchte, dabei aber nicht auf die Hilfe des Direktors angewiesen ist, sondern das ganz alleine hinkriegt.

Karten für diese höchst beliebte Veranstaltung wurden für Studierende der JGU vergünstigt zu Verfügung gestellt und waren 1967 wie auch in den Jahren davor innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Dass es dabei zu tumultartigen Zuständen kam, empörte etwa einen Leser der Mainzer Allgemeinen Zeitung, der sich in einem Leserbrief zu Wort gemeldet hat. „Und gerade in diesem Jahr hatte der AStA die angeblich katastrophalen Mißstände [sic!] beim Kartenverkauf beheben wollen“. Die Glücklichen, die für 7,- DM eine Karte ergattert hatten, konnten nach dem Erwerb „nur noch durch das Fenster über eine Leiter wieder in die Freiheit gelangen“.

Besser erging es da der Prominenz, die als Ehrengäste ihre Einladungen bequem mit der Post geliefert bekommen hatten. Noch besser ist es natürlich, wenn die Eintrittskarten gratis für jederfrau und jedermann sind und sich solche Szenen erst gar nicht abspielen, was man trotz aller Kritik dem AStA-Sommerfest zu Gute halten kann.

Als Ehrengäste wurden etwa der hier stationierten Lt. Colonel Howard E. Kessinger jr. C.O. [Anm: Commanding Officer] des 8th Aviation Battalion APO/09185 oder Vertreter der Lokalpresse begrüßt. Außerdem waren auch Persönlichkeiten aus dem politischen Leben gern gesehen, selbst wenn man aus Wiesbaden kam, wie das beim damaligen Wiesbadener Oberbürgermeister Georg Buch der Fall war.

 

Lasset die Spiele beginnen

So ging abfeiern in den 60ern (Symbolbild)

Am Freitag den 13. Januar 1967 ab 19:30 Uhr war es dann soweit: „schöne Frauen“ „in eleganten Abendkleidern“ und „elegante Männer“ in „Gesellschaftsanzügen“ schoben sich durch die prachtvollen Säle des Schlosses. Sie nahmen an Tischen Platz, die, dem Motto des Balls entsprechend, Ländernamen trugen. Für die weniger elegant gekleideten Gäste bot sich ein ganz anderes Bild.

So bemängelte ein Ehepaar, dass es bereits um 19:45 Uhr kaum noch freie Sitzplätze gab. Daher gingen viele Eingeladene dazu über „um Tische oder Stühle, die sie in irgendwelchen Abstellräumen vorfanden, zu kämpfen und versuchten diese irgendwo abzustellen“. Diese Szenen seien einer Veranstaltung wie dem Ball der Nationen unwürdig und hätten eher Dorfkirmescharakter. Zum Start des Unterhaltungsprogramms hatte das Paar die Veranstaltungsräume bereits verlassen.

Die Showeinlagen waren, getreu dem Thema des Balls der Nationen, sehr vielfältig. Dem AStA war es gelungen, verschiedene Studierendengruppen für Vorführungen zu gewinnen. Die Vereinigung indonesischer Studenten in Deutschland e.V., die sich eigentlich auch aktiv einbringen wollte, musste kurzfristig absagen, da ihre erfahreneren Mitglieder durch Abschlussprüfungen zu sehr eingespannt und die jüngeren unter ihnen, noch nie Teil einer solchen „Kulturveranstaltung“ gewesen seien.

 

Die Welt zu Gast in Mainz oder so

Die norwegischen Kommilitoninnen und Kommilitonen gaben Lieder aus Norwegen zum Besten. Außerdem hatten sie sich bereiterklärt beim Empfang der Ehrengäste teilzunehmen und das in „ihren farbenfrohen Trachten“.

Die US-amerikanischen Studis des Middlebury-College [seit 1957 kommen regelmäßig Studis von diesem im Bundesstaat Vermont gelegenen College in die Landeshauptstadt um am Mainzer Ableger, der Graduate School of German in Germany, zu studieren] inszenierten „ein kleines Spiel mit Gesang und Tanz“, das sie Heimatträumerei tauften. Der Iranische Studentenverein bereicherte das Programm neben seiner Tanz- und Gesangseinlage auch mit dem Ausschank persischen Tees.

Doch nicht nur Studierende waren gebeten worden, der Abendgestaltung etwas Internationales einzuhauchen. Die an der Universitätsklinik tätigen koreanischen Krankenschwestern sangen Lieder aus ihrer Heimat und gaben zwei koreanische Volkstänze zum Besten. Außerdem waren sie mit der Aufgabe betraut worden, in ihren Trachten Tombola-Lose zu verkaufen, deren Erlös dem Verein „Aktion Sorgenkind“ [Heute „Aktion Mensch“] zugutekommen sollte. In einem Dankesschreiben an die Krankenschwestern heißt es: „Auch die farbprächtigen Trachten der Mitwirkenden boten für den Besucher ein ungewohntes, aber reizvolles Bild“.

Ob es mehrheitlich an den schönen Kostümen, dem stetig ansteigenden Alkoholkonsum oder an dem sehr reizvollen ersten Preis der Tombola - eine Reise nach Paris - lag, dass allein über die Tombola 1200,- DM der insgesamt 2000,- DM für einen gemeinnützigen Zweck zusammenkam, ist im Nachhinein nicht mehr genau festzustellen.

 

Mehr Schein als Sein

Glaubt man aber dem bereits erwähnten AZ-Leser, konnte der Ball sein Versprechen, ein Fest der Nationen zu sein, nicht halten:

„Ball der Nationen“- wo waren sie nur geblieben, die Nationen, die Afrikaner und Araber, die Südamerikaner, Pakistani und Inder? Wenn von diesen großen studentischen Gruppen auch nur jeweils fünf dagewesen wären, hätte ich diesen Brief nicht geschrieben. Allein Persien, Korea und die USA waren in größerer Zahl vertreten“.

Des Weiteren hatte er auch etwas an der musikalischen Untermalung des Abends auszusetzen:

„Tanzmusik von vier Kapellen. Großartig! Nur- man hält es nicht für möglich- präsentierte die Big Band Max Greger fast die gleiche Schau wie in den letzten zwei Jahren. Wenn dem nichts Neues mehr einfällt, so sollte man endlich ein anderes preiswerteres Orchester verpflichten. Damit muß nicht unbedingt ein Niveauverlust verbunden sein, aber vielleicht könnte man dadurch die Eintrittspreise wieder senken“.

In den Augen der Organisatoren hingegen gab es „außer Ihrem Orchester in der Bundesrepublik kein gleichwertiges Ensemble“ und daher baten sie Greger kurzerhand auch auf dem nächsten Ball 1968 aufzutreten. Die Zahl an alten und jungen Tanzwütigen, die eine heiße Sohle aufs kurfürstliche Parkett legten, scheint den Verantwortlichen Recht zu geben.

 

Ein Hauch 68er

In den Stadtnachrichten konnte man tags drauf lesen, dass die Tanzflächen ständig dicht besetzt gewesen und die Kapellen dem Wunsch der Gäste, „die tanzen, tanzen und nicht als tanzen“ wollten, zu Genüge nachgekommen seien. Die gewagtere Tanzschritte seien „infolge der dazwischen genossenen Mengen von Sekt und Wein“ allerdings erst nach Mitternacht ausgepackt worden. (Der Diskretion wegen wird dies nicht weiter ausgeführt und wir verweisen auf die Fantasie der Leserinnen und Leser).

Was die Outfits der Ballgäste angeht, so wurde eigentlich um Abendgarderobe gebeten. Weswegen sich die Lokalpresse echauffierte, dass sich auch Miniröcke unter die langen Abendkleider gemischt hatten. Ob in Minirock oder nicht, die Anwesenden tanzten bis in die frühen Morgenstunden und der feuchtfröhliche Abend sollte vielen in guter Erinnerung bleiben.

 

Die GEMA macht Stress- auch schon vor 50 Jahren

Auch die GEMA vergisst nicht. Einen Monat nach dem Ball bemängelte sie, dass die Organisatorinnen und Organisatoren die Veranstaltung nicht ordnungsgemäß angemeldet hätten. Die Uni hätte versäumt, den Ball bei der zuständigen Bezirksdirektion der GEMA „mit näheren Angaben wie Tag, Art, Ort der Veranstaltung, Höhe des Eintrittsgeldes usw.“ anzumelden. Netterweise bzw. „entgegenkommenderweise“ erklärte sich die GEMA aber bereit, im Falle des Balls der Nationen ein Auge zuzudrücken und ihre Ansprüche nicht in doppelter Höhe geltend zu machen.

Somit ist es dem Orga-Team des Balls im Gegensatz zu denen des AStA-Sommerfests gelungen, ein Fest ohne finanzielle Verluste auf die Beine zu stellen. Ganz so kulant wie die GEMA damals zeigt sich die aktuelle Universitätsleitung dem Team des Sommerfests gegenüber nicht, denn für durch Vandalismus entstandene Schäden während der Party, soll der AStA in Zukunft selbst aufkommen.

Aber immerhin werden unsere internationalen Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht mehr auf eine vermeintlich „exotische Andersartigkeit“ reduziert, die zum Vergnügen der weißen Mehrheitsgesellschaft einmal im Jahr ihre Trachten anlegen dürfen. „Sowas soll‘s heute eben nicht mehr geben“.

Cheers!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

„Heute Student, morgen tot?“ Mainzer Studis trauern um Benno Ohnesorg

Der Tod des Demonstranten von Alfred Hrdlicka: Relief vor der Deutschen Oper, Berlin (Urheber: Von Tod_des_Demonstranten.jpg: Originaltext: Lorem ipsum 19:09, 15. Jul. 2007 (CEST))derivative work: Emdee (talk) - Tod_des_Demonstranten.jpg, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8335786)

Die Vorwürfe, die Presse sei nicht objektiv genug in ihrer Berichterstattung, sie befeuere geradezu die Polarisierung gesellschaftlicher Gruppen und diffamiere letztlich alle, die nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, lesen wir besonders in den letzten Jahren häufig. Wenn das die „besorgten“ PEGIDA-Mitmarschierenden in die unzähligen Mikrofone verkünden, die man ihnen hinzuhalten bereit ist, lässt sich das meist auf ein Wort herunterbrechen: Lügenpresse.
Mehr oder weniger berechtigte Kritik an der sogenannten vierten Gewalt, übten auch Mainzer Studierende im Anschluss an ein tragisches Ereignis, das sich heute vor genau 50 Jahren, also am 2 Juni 1967, abgespielt hat.

„Der Tod…“, Strafrechtler der Uni Mainz Prof. Peter Schneider schaut auf und blickt in die Menschenmenge, die sich vor dem städtischen Theater Mainz [heute Staatstheater] versammelt hatte. Er sieht in bedrückte Gesichter. „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg betrifft jeden von uns persönlich, obwohl kaum einer von uns ihn persönlich gekannt hat.“

Die Nachricht aus Westberlin, dass anlässlich einer Anti-Schah Demo der Berliner Student Benno Ohnesorg von der Kugel des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras in den Hinterkopf getroffen worden war, wird auch in Mainz vielfältig diskutiert. Während Prof. Schneider im weiteren Verlauf seiner Rede vor dem Theater zur Besonnenheit mahnte und betonte, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen „unter welchen Umständen, aus welchen Motiven und äußeren Veranlassungen es zum tödlichen Schuss kam“, stand für die Mainzer Studierendenschaft fest, dass vor allem die Berliner Presse eine moralische Schuld für den Tod eines jungen Menschen zu tragen habe. Die hetzerische Berichterstattung über die Proteste in Blättern wie der BILD Zeitung habe die breite Öffentlichkeit gegen die Studierendenschaft aufgebracht. Die Verantwortlichen hätten somit die Eskalation in Kauf genommen, wenn nicht gar bewusst betrieben.

 

Und was macht Mainz?

Es ist beachtlich, wie schnell die Sprecher der Mainzer Studierenden reagiert haben und sich bereits am 4. Juni, also zwei Tage nach der Demonstration, im Gutenbergexpress zu Wort meldeten: Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, einte die Hochschulgruppen 1967 die Überzeugung, dass die Studierendenschaft und ihre Anliegen seitens der Presse verunglimpft werden sollten um im Rest der Bevölkerung Abneigung und Vorbehalte gegen die angehenden Akademikerinnen und Akademiker zu schüren.
Oder um es mit den Worten des eigentlich nicht als sehr revoluzzeraffin bekannten RCDS zu sagen: Fahrah Diba [die Gattin des autokratischen Schahs von Persien, die ihren Mann auf seiner Deutschlandreise begleitete] wird weiter durch die Regenbogenpresse lächeln. Studenten werden weiter durch die Springerpresse verketzert.“

Dementsprechend ordneten die Mainzer Studierenden auch die Anschuldigungen, ihre Berliner Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten die Polizei mit Messern attackiert, als weiteres Mittel zur öffentlichen Hetze ein. Der damalige 1. AStA-Vorsitzende Jürgen Büscher meinte hierin sogar eine neue Dimension der Diffamierung von Studierenden zu erkennen.

Neben der Presse wurden natürlich auch die Berliner Polizei und die politischen Verantwortlichen für den dramatischen Ausgang dieser Anti-Schah-Demo verantwortlich gemacht. Man könne fast meinen, die Beamten hätten sich von den Methoden ihrer Kollegen im Heimatland des Schahs, also dem Iran, inspirieren lassen und die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD getrost vor Dienstbeginn zu Hause gelassen, so Büscher.

Die Redakteure der berühmtberüchtigten Mainzer Studentenzeitung nobis urteilten, man müsse geografisch gar nicht so weit schauen, um im Verhalten der Polizisten frappierende Parallelen zu einem anderen Unrechtsstaat zu entdecken:

„In Berlin werden jetzt nicht nur an der Mauer Menschen erschossen. In Ost-Berlin herrscht Demonstrationsverbot, in West-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In Ost-Berlin gibt es eine Einheitspresse, in West-Berlin gibt es eine Einheitspresse. In Ost- und in West-Berlin ist nur gestattet, was die Polizei erlaubt. In Ost-Berlin erklärt man sich mit dem Nationalsozialisten Nasser solidarisch, in West-Berlin mit dem Monarcho-Faschisten Reza Pahlevi. In Ost-Berlin wird unterdrückt, was dem Magistrat nicht paßt. In West-Berlin wird unterdrückt, was dem Senat nicht paßt. In Ost-Berlin, in West-Berlin. Berlin bleibt Berlin.“

Der Mainzer Ableger des Liberalen Studentenbund Deutschlands wähnte sich gar an die NS-Zeit erinnert und schrieb im Gutenbergexpress vom 4. Juni: „Jede Meinungsäußerung, die dem Establishment widerspricht, ist verdächtig, Demonstranten kommen wieder ins Gefängnis.“

Die Conföderation Iranischer Studenten, die als eine der wichtigsten Anti-Schah- Gruppierungen im Ausland agierte und auch in Mainz vertreten war, wählte in ihrer Presseerklärung vom 5. Juni klare Worte. Die Schuld an dem Tode Ohnesorgs läge allein bei der aus Teheran „eingeführten Schlägertruppe und jenen, die dieser Truppe von Beginn des Schah-Besuches an Aktionsmöglichkeiten verschafft haben“.

 

Der trauernde Student und sein Dreschflegel

Um der Trauer auch öffentlich Ausdruck zu verleihen organisierte der AStA Mainz einen Trauermarsch vom Forum universitatis ausgehend über den Hauptbahnhof, am Münster- und Schillerplatz entlang bis zum Gutenbergplatz, wo der Marsch mit einer Kundgebung seinen Abschluss finden sollte. In diesem Rahmen hielt der bereits eingangs erwähnte Mainzer Professor Peter Schneider seine Rede, ebenso wie der AStA Vorsitzende Büscher.

Der damalige Rektor der JGU Hans Rohrbach bestand bei einer dem Trauermarsch vorangegangenen Besprechung mit allen Hochschulgruppen darauf, dass „kein anderes Transparent“ benutzt werden solle, als „Wir trauern um Benno Ohnesorg“. Im Gegenzug bewilligte er die Veranstaltung des ersten Mainzer teach-ins, in dem es Platz und Gelegenheit für die politische und gesellschaftliche Diskussion geben solle.
Rund 2000 Studenten und Studentinnen, einige Mainzer Professoren und Mitarbeiter der Uni nahmen an dem Trauerzug durch die Mainzer Innenstadt teil. Im Vorlauf wurden circa 7000 Flugblätter verteilt, in dem der AStA gemeinsam mit den Hochschulgruppen etwa den Rücktritt des regierenden Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, des Innensenators Wolfgang Büsch, die Suspendierung des Polizeipräsidenten und des polizeilichen Einsatzleiters forderte.

Fluglatt Benno Ohnesorg

Flugblatt zu Ohnesorgs Tod herausgegeben vom AStA und den Hochschulgruppen der JGU (Quelle: Universitätsarchiv Mainz)

Laut der Mainzer Allgemeinen Zeitung verhielt sich die Mainzer Bevölkerung „entlang der Marschroute zögernd und abwartend“. Zwar hielten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Vereinbarung, keine politischen Parolen auf die Plakate zu schreiben, ein Demonstrant jedoch trug einen Dreschflegel mit sich, wohl um seinen Protest gegen die Gewaltbereitschaft der Berliner Polizei zu unterstreichen. Nach Beendigung der studentischen Aktion wurden spontan noch knapp 1700 DM für die Witwe Ohnesorgs gesammelt.
Am Tag der Beisetzung Ohnesorgs am 9. Juni 1967, war der gesamte Lehrbetrieb eingestellt worden, und ab 14 Uhr fand das erste Mainzer teach-in im Forum universitatis statt. Etwa 400 Kommilitoninnen und Kommilitonen nahmen hieran teil und diskutierten über Themen wie „Autoritäre Universität?“ „Zerschlagung des Springer Konzerns?“ „Was geht uns Persien an?“ „Studieren oder politisieren?“ „Einigkeit und Recht und Freiheit?“

Auch auf dem Programm stand die Rede eines ehemaligen Berliner Studenten, der berichtete, dass fast alle Kundgebungen in Berlin mit Verhaftungen und Verletzten verbunden gewesen seien, dass das fast schon normal gewesen sei.
So lässt sich auch der Kommentar von Hans Georg Claussen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund Mainz verstehen, der die Tragödie einige Tage vorher wie folgt kommentiert hatte:

„Wir trauern um Benno Ohnesorg, aber wir wundern uns nicht mehr.“

 

Aufgepasst:
Wenn ihr noch mehr über Benno Ohnesorg erfahren wollt haben wir noch zwei spannende Literaturhinweise:

Die Stasi und der Westen von Sven Felix Kellerhof. Hier gehts um die Stasi-Verstrickungen von Karl-Heinz Kurras.

Der Freund und der Fremde von Uwe Timm. Ein ehemaliger Mitschüler Ohnesorgs erzählt von ihrer gemeinsamen Schulzeit.

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Von Mainzer Böhmermännern und -frauen, Despoten sowie lästigen Paragraphen

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann in Rostock 2014 (Foto: Jonas Rogowski, Lizenz: CC BY- SA 3.0)

Mainz kann Böhmermann. So richtig. Schon vor 50 Jahren. Vielen ist gar nicht bekannt, dass Jan Böhmermann eigentlich nur ein Nacheiferer und Nachmacher von etwas viel Größerem und er überhaupt nicht originell ist. Denn was er kann, konnten unsere Mainzer Kommilitonen und Kommilitoninnen 1967 schon lange.

Vor 50 Jahren, unweit vom ReWi, in dem heute Abend Jan Böhmermann zu Gast im SWR Unitalk sein wird, spielte sich Denkwürdiges ab. Vor der (Alten) Mensa im Forum der JGU bildet sich eine Traube Menschen um die Initiatoren einer Unterschriftenaktion. Nein, hier ging es ausnahmsweise mal nicht, um Banalitäten, wie die Verbesserung des Mensaessens: Wer hier seine Signatur setzte, nannte den Schah von Persien Mohammad Reza Pahlavi einen „Schreibtischmörder von Studenten, Professoren und Politikern“. In einem Land wie Deutschland, wo die Meinungsfreiheit ganz weit vorn im Grundgesetzt steht, sollte das doch eigentlich kein Problem sein, oder?

Nicht ganz. Denn jene 100 Mainzer Studierenden, die zugaben, den Schah beleidigt zu haben, bezichtigten sich somit einer Straftat! Nämlich der „Verunglimpfung eines ausländischen Staatsgastes“. Außerdem baten sie um „gerechte Bestrafung“ wie es der Paragraf 103 des Strafgesetzbuchs in solchen Fällen vorsieht. Auf jenen Paragrafen, der seit jeher als Schah-Paragraf bekannt ist, berief sich auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als er gegen das von Böhmermann verfasste Schmähgedicht klagte.

Im Umgang mit den jeweiligen Strafanträgen haben sich die Bundesregierungen von 1967 und von 2017 Kritik gefallen lassen müssen. Mancherorts herrschte die Ansicht vor, dass sich die Volksvertreter nicht mit Ruhm bekleckert hätten und sich gar vor den Karren der Autokraten spannen lassen haben. Angela Merkel wurde vorgeworfen, die Aufrechterhaltung des sogenannten „Flüchtlingsdeals“ mit der Türkei auf keinen Fall durch die Causa Böhmermann gefährden zu wollen.

Demonstrationen gegen Schah

Demonstration gegen den Schah vor der Alten Mensa 1968 (Quelle: Universitätsarchiv, Foto: Manfred Schumacher)

Auch 1967 hatte der Kläger vermeintliche Druckmittel in der Hand: Der iranische Presseattaché ließ damals verlauten, dass der Iran diplomatische Beziehungen zu Ost-Berlin aufnähme, sollte die Bundesregierung den Anträgen auf Strafverfolgung nicht stattgeben. Die Unterstützer der Bundesregierungen sahen und sehen in dem Okay zur Strafverfolgung eher ein Zeichen von Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz.

Die Justiz hatte 1967 aber die Rechnung ohne jenen Teil der Bevölkerung gemacht, der bereit war das Kind, also den Schah, beim Namen, also einen Mörder zu nennen und die Staatsanwaltschaft mit tausenden Selbstanzeigen zu überfluten. Die Unterzeichner waren Teil bundesweiter Kampagnen, wie der von Frankfurt ausgehenden „Aktionsgemeinschaft Paragraph 103“.

Unsere Mainzer Böhmermänner und –frauen haben 1967 ihren Teil dazu beigetragen, dass die Strafverfolgung, vor allem gegen iranische Studierende, die von Spitzeln des Schahs auf den unzähligen Anti-Schah-Demonstrationen ausgemacht wurden, im Sande verlief. Nachträglich reihen sich diese Ereignisse in eine Zeit ein, die Historiker als die „68er“ bezeichnen. Diese Periode wird allgemein mit Auflehnung gegen die Obrigkeit, jugendlichem Ungehorsam, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, sexueller Selbstbestimmung und der Friedensbewegung in Verbindung gebracht.

So sehr wir alle eine Meinung zu den „68ern“ haben, so wenig wissen wir tatsächlich, welche Formen diese Bewegung vor unserer Haustür, auf dem Mainzer Campus, angenommen hat. Dieser Frage möchte ich nachgehen und habe für euch das Mainzer Universitätsarchiv nach spannenden Geschichten und starken Bildern durchforstet und kann euch jetzt schon verraten, dass auch unser Campus Schauplatz von so manch einem Skandal wurde.

Wenn ihr den Mainzer Campus, etwa wie den Eingang zur Alten Mensa in Folge dieses Artikels, mit anderen Augen sehen wollt, dann bleibt einfach an der Beitragsreihe „68 in Mainz“ dran.
Anlässlich des 50jährigen Todestags des Berliner Studenten Benno Ohnesorgs am 02.Juni werde ich euch im nächsten Beitrag beschreiben, wie die Mainzer Studierendenschaft 1967 auf die bestürzenden Nachrichten aus der Hauptstadt reagiert hat.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

„Gutenberg Biographics“: Verzeichnis der Professorinnen und Professoren der Universität Mainz

Gutenberg BiographicsPassend zum Jubiläumsjahr, eröffnet Ihnen Gutenberg Biographics einen ganz besonderen Einblick in die Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der frühneuzeitlichen Mainzer Universität: welche Professorinnen und Professoren haben hier gelehrt und den Ruf unserer Universität mit begründet?

Was umfasst Gutenberg Biographics?
In Gutenberg Biographics sind bislang alle Rektoren sowie die Gründungsprofessoren der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit Volleinträgen vorhanden. Eine Vielzahl weiterer Professorinnen und Professoren wurden mit Basisdaten aufgenommen. In der ersten Bearbeitungsstufe werden alle Professorinnen und Professoren der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bis 1973 erfasst. Der Datenbestand ist derzeit noch im Aufbau und wird laufend ergänzt.

Was bietet Ihnen Gutenberg Biographics?
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