Universitätsarchiv

Ruhe sanft, Professor

Heute, am Totensonntag, möchte ich euch mit einem besonderen Ort der Universität vertraut machen. Er liegt nicht auf dem Campus, sondern auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Ein Ort für die Ewigkeit, dessen Zukunft ungewiss zu sein scheint.

Nachdem die Mainzer Uni 1946 wiedergegründet wurde, berief man zahlreiche Professoren aus aller Welt, die in Mainz arbeiten und leben sollten. Doch schon im Oktober 1946 starb mit Karl Reutti der erste dieser Professoren. Seitdem stellte man sich an der Uni die Frage, wie für den Nachruhm der Professorinnen und Professoren gesorgt werden könnte. Die Antwort vieler Unis war ein Gräberfeld innerhalb des städtischen Friedhofs oder sogar (wie an der Uni Hohenheim) ein eigener Universitätsfriedhof oder ein separates Gräberfeld. Was heute verwundern mag, erschien damals als durchaus angemessen: Professorinnen und Professoren, aber auch Studentinnen und Studenten, fühlten sich in dieser Zeit enger mit ihrer Universität verbunden, als das heute für gewöhnlich der Fall ist.

 

Ein Überblick über das Gräberfeld - und gleichzeitig eine Reise durch die Mainzer Unigeschichte
Quelle: Universitätsarchiv S3, Nr. 10808

Nur wenige Schritte bis ins Grab

Mit dem Tod des Sprachwissenschaftlers Franz Specht im November 1949 beschloss die noch junge JGU nun ebenfalls ein solches Gräberfeld einzurichten – und zwar auf dem Mainzer Städtischen Friedhof, der nur durch eine Straße vom Universitätscampus getrennt ist. Franz Specht wurde dort als erster auf dem Gräberfeld 71 begraben, das die Stadt für die hiesigen Professoren reservierte.

Vermutlich war die JGU damit die einzige westdeutsche Uni, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dazu entschieden hat, selbst für die letzte Ruhe ihrer Professorinnen und Professoren zu sorgen. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe des Forums an der Albert-Schweitzer-Straße und ist über einen Seiteneingang schnell zu erreichen. Starb ein Prof, war es üblich, dass die Uni eine akademische Trauerfeier abhielt, bei der das wissenschaftliche Lebenswerk des Verstorbenen gewürdigt wurde. Um der Zeremonie eine besondere Festlichkeit zu verleihen, erschienen die Professoren im Talar.

 

Die wenigen Glücklichen

Nachdem 1950 versehentlich ein Historiker der Uni Bonn auf dem Gräberfeld beigesetzt wurde, setzte der Rektor (heute: Präsident) der Uni durch, dass eine Beisetzung auf dem Gräberfeld nur nach seiner Genehmigung durchgeführt werden durfte. 1952 schloss die Uni dann einen Vertrag mit der Stadt Mainz ab, damit sie das Gräberfeld auch langfristig nutzen durfte. Seitdem sind dort viele namhafte Wissenschaftler begraben, die in Mainz wirkten, lebten und vor allem auch an der Gründung der Universität beteiligt waren. Auf dem Gräberfeld liegen ausnahmslos Professoren mit ihren Ehegattinnen, sowie der Mainzer Bürgermeister Emil Kraus, der sich um den Aufbau der Universität besonders verdient gemacht hatte. Nach Angaben der Mainzer Professoren Jürgen Falter und Hans Buchheim dürfen auf dem Gräberfeld der Universität nur Personen beerdigt werden, die einen der Gründungslehrstühle innehatten. Bekannt ist, dass neuberufene Professorinnen und Professoren dieser Lehrstühle bis mindestens Anfang der 1990er Jahre das Angebot erhielten, sich auf dem Grabfeld der Universität beerdigen zu lassen.

 

Zuletzt wurde der ehemalige ZDF-Intendant und Mainzer Philosophieprofessor Karl Holzamer auf dem Gräberfeld bestattet.
Quelle: Universitätsarchiv S3, Nr. 10758

The times they are a changin’

Es bleibt zu vermuten, dass nur noch wenige emeritierte Professorinnen und Professoren von diesem Recht Gebrauch machen werden. Zuletzt wurde dort 2007 der ehemalige ZDF-Intendant und JGU-Professor Karl Holzamer beigesetzt.

Denn in einer globalisierten und vernetzten Welt ist die Bindung an die eigene Uni längst nicht mehr so eng wie noch vor 70 Jahren, als das Gräberfeld eingerichtet wurde. Zudem wohnen viele der Angehörigen nicht in Mainz und haben nicht die Möglichkeit, die Gräber ihrer Vorfahren zu pflegen. Und nicht zuletzt unterliegen auch Beerdigungsformen einem gesellschaftlichen Wandel: Viele Menschen ziehen die Urnenbestattung einer Erdbestattung vor, die auf diesem Gräberfeld aber nicht möglich ist. Zudem müssen die Kosten für die Einrichtung oder Verlängerung eines Grabs auch auf dem Professorengräberfeld von den Angehörigen geschultert werden, ebenso die Grabpflege. Daher sind bereits die ersten Grabstätten eingeebnet worden. In einigen Jahren wird das Gräberfeld daher wohl leer sein.

Aber wäre dieser Ort, an dem die Gründer der Uni begraben liegen, nicht ein erhaltenswertes Kulturdenkmal? Denn es ist vermutlich das letzte seiner Art, das im Nachkriegsdeutschland zu Ehren der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer Universität eingerichtet wurde.

Auf jeden Fall ist das Gräberfeld einen Besuch wert. Die Zeit um Volkstrauertag und Totensonntag ist vielleicht ein guter Anlass zu einem kleinen Abstecher über die Straße. Schaut doch mal vorbei!

Das Gräberfeld ist nur einen Steinwurf von der Uni entfernt.
Karte: Open Street Map

 

Ihr wollt noch mehr zum Gräberfeld der Uni wissen? Dann guckt doch mal hier rein:

Giebeler, Marcus: Grabfeld 71: Professorengräber auf dem Mainzer Hauptfriedhof seit 1946, Stuttgart 2012.

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

„KOMMT UND SCHAUT EUCH DIESE TYPEN AN“

Was sich zunächst ganz harmlos liest, war der Aufruf, eine altehrwürdige Institution zu stören und zu einer Diskussionsveranstaltung umzuwidmen. Wovon ich rede? Von einer Rektoratsübergabe natürlich!

 

Bereits im letzten Jahr haben wir Euch an dieser Stelle von solch einer Feier berichtet. Dabei übergab der Rektor (heute: Präsident) als Chef der Universität sein Amt an seinen gewählten Nachfolger. Begleitet wurde diese Veranstaltung von großem Brimborium, bei dem unter anderem die Professorinnen und Professoren im Talar majestätisch ins Stadttheater zogen. Schon vor fünfzig Jahren sah das Ganze irgendwie aus der Zeit gefallen aus. Es  finden sich aber viele solche Bilder im Bestand des Universitätsarchivs.

Dem Rektor der Mainzer Uni muss der Aufruf  wie eine Drohung vorgekommen sein  - und niemand wollte Szenen provozieren, wie man sie sonst aus den Zentren der 68er-Bewegung kannte, wo junge, Studis gegen gestandene Fachvertreter rebellierten, sie an der Ausübung ihrer Amtspflicht und den damit verbundenen Ritualen hinderten.

 

Die unbelehrbaren Lehrenden

Zu dem Zeitpunkt ahnte noch keiner, was kurze Zeit später mit der Rektoratsübergabe passieren sollte. Denn wie Ihr hier im Blog verfolgen konntet, war das Jahr 1968 auch in Mainz geprägt von Protest. Besonders der „heiße Mai“ hielt Studis und Profs in Atem. Trotzdem galt für die Rektoratsübergabe erstmal: „Same procedure as every year“. Der Rektor lud wieder zur feierlichen Rektoratsübergabe und wie stets wurde darauf hingewiesen, dass vor allem Erstsemester dort gerne gesehen werden würden. Die Würdenträger waren bereits geladen und auch die Musik war ausgesucht. Der neue Rektor Mezger sollte einen Vortrag über „Bindung und Freiheit der Musik im Gottesdienst“ halten.

Doch dann kam alles anders.

Für die Übergabe 1967 hatte sich der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) noch auf das Flugblätterverteilen beschränkt. Aber in diesem Jahr wollten die Genossen richtig Rabatz machen! Sie forderten vom Rektor, die Rektoratsübergabe ausfallen zu lassen und stattdessen eine  Universitätsvollversammlung abzuhalten. Dort sollte der scheidende Rektor einen Rechenschaftsbericht vor der gesamten Universität ablegen. Der neue Rektor hingegen sollte, statt mit einer schöngeistigen Rede seine wissenschaftliche Eignung zu beweisen, seine Pläne und Ziele für das anstehende Amtsjahr

Das Philosophicum war direkt nach der Einweihung bereits ein Stein des Anstoßes.
Quelle: Universitätsarchiv Best. 55, Nr. 15

offenlegen.

Nach Ansicht der Studis lief an der Uni nämlich einiges schief. Auf einem Flugblatt mit dem Titel Kommt und schaut euch diese Typen an kritisierten sie einen Neubau der Uni, der bis heute erheblich zur Unzufriedenheit der Mainzer Studis beiträgt: Das Philosophicum! Das Gebäude war damals zwar gerade frisch von der philosophischen Fakultät bezogen worden, doch schon damals war es viel zu klein. So heißt es im Flugblatt: „Der Neubau der phil. Fakultät wurde für 1.950 Studenten geplant – schon jetzt um 500 zu wenig […]. Für diese geringe Zahl Studierender wird eine Groß-Cafeteria mit 24 Plätzen zur Verfügung stehen“. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Platzprobleme im Philo gehören zu den Evergreens der Mainzer Uniprobleme. Auch ich habe in meiner Studizeit zahllose Vorlesungen auf Treppenstufen verbracht.

 

Keine blutigen Köpfe für Rektoratsübergabe

Aber nicht nur der SDS hatte damit gedroht, die Veranstaltung zu stören. Auch die ESG (Evangelische Studierendengemeinde) fand diese Art des Zeremoniells alles andere als zeitgemäß. Um die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen, sagte Rektor Mezger kurzerhand die Feier ab. Begründung: Er könne aufgrund der angekündigten Störmaßnahmen nicht für die Sicherheit der geladenen Gäste garantieren und einen „total umfunktionierten Festakt“ wollte er seinen Gästen ebenfalls nicht zumuten. Daher kam er zu dem Schluss, dass eine Rektoratsübergabe „keinen einzigen blutigen Kopf wert“ sei. Subtile Drohung oder Unterstellung von Gewaltbereitschaft an die Adresse der Studierenden?

Die Uni Mainz war damit nicht alleine: Im selben Jahr waren auch die Rektoratsübergaben an zahlreichen anderen Unis in Deutschland entweder ausgefallen oder abgesagt worden, da die Studis nicht länger als Staffage für die Professorenherrlichkeit dienen wollten. Daher lud der Mainzer AStA zusammen mit dem Rektor zur geforderten Univollversammlung ein, wo Rechenschaftsberichte des aktuellen und des zukünftigen Rektors vorgetragen wurden, worüber auch die SWF (heute: SWR) Sendung „Blick ins Land“ berichtete.

 

Tradition versus Fortschritt

Im ganzen Streit um die Rektoratsübergabe begannen sich aber auch die Professoren zu fragen, ob diese Art der Feier denn überhaupt noch zeitgemäß sei und sich in der aktuellen Universität noch halten ließe. Es wurde sogar eine Senatskommission „Rektoratsübergabe und Talartragen“ eingesetzt, die darüber zu beraten hatte, wie in Mainz zukünftig solche Feiern gehandhabt werden sollten. In dieser Kommission schieden sich die Geister: Die einen wollten die traditionelle Universität nicht aufgeben und dafür gerne auch an alten Zeremonien wie der Rektoratsübergabe festhalten. Andere waren gegenüber den Vorschlägen der Studis offener und konnten sich auch eine öffentliche Vollversammlung vorstellen.

Die Studis selbst waren sich untereinander ebenfalls nicht einig. So hatte durch die Absage der Rektoratsübergabe und die Abhaltung der Vollversammlung der SDS sein Ziel erreicht. Der AStA unterstellte ihm aber in einem Flugblatt: „Es geht ja gar nicht mehr um die Sache. Es geht ja gar nicht um Versachlichung“. Denn eine andere, fortschrittlichere Uni wollten alle Studis. Nur über die Mittel war man sich keinesfalls einig.

 

Der Talar, das ungeliebte Kind

So in etwa könnten akademische Veranstaltungen in Mainz dann wieder aussehen. Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 500

Was die Frage der Talare angeht, herrschte auch im Lehrkörper kein eindeutiges Bild. Während die einen darin die stolze Tradition der Universität symbolisiert sahen, befanden andere den Talar für vollkommen überholt. Eine weitere Fraktion fand diese wallenden Gewänder schon immer einfach unpraktisch. Und so konnte man sich sehr schnell in der Senatskommission darauf einigen, die Talarpflicht bei Antrittsvorlesungen abzuschaffen, „bei denen sowieso schon an keiner anderen Universität Talar getragen wird. Zudem ist der Vortrag der Vorlesung in Talar mit Barett für den Vortragenden äußerst lästig“. Zu sehr müsse man darauf achten, dass einem das Barett nicht einfach herunterrutschte.

Wie so oft im Leben schloss man einen Kompromiss. Die Talare wurden in Mainz nicht abgeschafft, man einigte sich nur darauf, sie erstmal nicht mehr zu tragen. Bei akademischen Trauerfeiern wollte man jeweils dem Wunsch der Trauerfamilie folgen und dementsprechend im Talar erscheinen oder nicht. Im Zuge dessen wurde auch die Rektoratsübergabe umgestaltet und fand im darauffolgenden Jahr nicht in der bisherigen Form statt, sondern wurde durch einen Universitätstag in der Rheingoldhalle ersetzt.

 

Ende gut alles gut?

Der „alte Zopf“ war abgeschnitten und die Moderne hielt  Einzug in Mainz. Hiermit könnte die Sache erledigt sein – oder? Aber wie ist das mit den Talaren heute? Schauen wir nicht alle etwas neidisch auf die Zeugnisverleihungen der amerikanischen Unis, wo fröhliche Absolventen ihre Zeugnisse von ehrwürdigen Professoren im Talar überreicht bekommen und wofür sich alle extra schick gemacht haben? Fehlt es uns nicht manchmal etwas an Ritualen, die unsere Leistung würdigen? Und wenn man einem jüngst in der AZ (Allgemeine Zeitung) erschienen Artikel glauben schenken darf, sieht die Uni gerade bei Zeugnisverleihungen Bedarf, diese mit Talaren wieder festlicher zu gestalten.

Wie seht ihr das? Sollten die Professorinnen und Professoren wieder Talar tragen oder ist das wirklich etwas von ganz vorgestern? Denn ausgesetzt bedeutet eben nicht abgeschafft!  😉

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Knast an der Uni? Was Studis und Kriegsgefangene gemeinsam haben

Ihr kennt das sicher auch: Manchmal fühle ich mich als Studentin wie eine Gefangene der Universität. Ich kann sie zwar verlassen, aber mit ihren strengen, unbedingt einzuhaltenden Fristen und Sitzungsterminen kann die Uni mitunter doch das Gefühl von Gefangenschaft hervorrufen. Oder in der Bibliothek: Bücher, die man – weil Präsenzbestand – nicht ausleihen darf und deren Benutzung einen nach dem Prinzip der Massenstudentenhaltung in die viel zu vollen Lesesäle von ZB und GFG einkerkert. Zum Trost sage ich da nur: Früher war es viel schlimmer, denn da gab es an der JGU tatsächlich ein Gefangenenlager!

Bahntrasse vor dem Pharmazeutischen Institut für den Abtransport der Trümmer, 1946 (Fotograf: Sulzmann)

Mit Stacheldraht, karger Kost und schwerer körperlicher Arbeit tagein, tagaus. Heute ist das kaum vorstellbar, 1946 war es Realität. Den gefangenen deutschen Soldaten verdanken wir den Ausbau der ehemaligen Flakkaserne zu unserem Forum Universitatis. Auch wenn die Situation der Studis heute eine ganz andere ist, so empfindet mancher Studierende während der Prüfungsphase ganz ähnlich. Auch ihm kommt der Gedanke, auszubrechen. Zum Beispiel indem er stapelweise Kopien seiner Literatur erstellt, um sie zu Hause durchzuackern, während die Kriegsgefangenen damals Pläne schmiedeten, um bei Nacht und Nebel über den Stacheldrahtzaun zu klettern.

 

Die Sache mit dem Stacheldraht

Das erfuhr auch der französische Stadtkommandant Colonel Louis Theodore Kleinmann (ja, genau, der vom Kleinmann-Weg, in dem heute das SB II steht), als er nach der Fluchtursache fragte. „Machen Sie den Stacheldraht weg und wir geben Ihnen das Versprechen, dass kein Ausbruch mehr da sein wird.“, antworteten die ältesten der rund 800 Kriegsgefangenen, die alle ausgebildete Handwerker oder vom Baufach waren und ab Januar 1946 beim Aufbau der neuen Universität Mainz mithalfen. Denn bereits nach drei Tagen hatten 20 von ihnen die Stacheldrahtgrenze hinter sich gelassen.

Einzug der Ehrengäste bei der Eröffnung der Universität 1946, Personen: General Marie-Pierre Koenig, Josef Schmid, Otto Eichenlaub, Fritz Eichholz (Fotograf: Foto Laufer)

Was Colonel Kleinmann besonders Sorge bereitete: Der Zeitdruck des Unternehmens „Aufbau Universität Mainz“ war enorm. Bereits am 15. Mai 1946 sollte der erste Teil der Uni eröffnet werden. Ihm war bewusst, dass es ohne motivierte und fleißige Arbeiter nicht zu schaffen war. Also wandte sich der gebürtige Elsäßer an die gesamte Mannschaft: „Ihr habt mein Vertrauen, trachtet danach, dass auch Ihr Vertrauen in mich habt. Ich werde für Ihre Verpflegung, gute Unterkunft und sanitäre Betreuung sorgen. Denkt daran, dass Sie hier kein militärisches Objekt bauen, sondern an der Errichtung eines Werkes mitwirken, von dem Ihre Söhne und Töchter vielleicht profitieren können.

Die Worte zeigten Wirkung: Nachdem der Zaun entfernt worden war, floh tatsächlich niemand mehr. Die Gefangenen bewegten sich frei auf dem Gelände und bekamen Besuch von ihren Familien. Die meisten stammten aus dem direkten Umland oder dem nahen Hessen. Daher war die Versuchung groß, den Zwangsaufenthalt frühzeitig zu beenden. Aber es hieß, wer jetzt gut arbeite, werde nach der Eröffnung von offizieller Seite vorzeitig entlassen. Eine Hoffnung, die sich jedoch als unbegründet erweisen sollte...

 

Die Hoffnung auf Freiheit dahin?

Auch Colonel Kleinmann hörte von diesem Gerücht. Er hatte sich noch über die bewundernswerte Arbeitsmoral der Gefangenen gewundert, die selbst bei schlechtem Wetter und Eiseskälte Tag und Nacht schufteten. Doch er sah sich zur Richtigstellung gezwungen, denn er hatte nicht die entsprechende Befugnis. Die Enttäuschung der Männer, die mit gesenkten Köpfen auf dem Innenhof des Forums standen, war sofort spürbar. Sie wirkte sich auch auf die Arbeitsleistung an den nächsten Tagen aus. Der baldige Eröffnungstermin geriet in Gefahr. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung (auf Freilassung) zuletzt und dank ihr konnte die Uni am 22. Mai, eine Woche später als angesetzt, eröffnet werden.

Mainz hatte nach fast 150 Jahren wieder eine Universität. Zumindest für die Planer und die Stadt schon mal ein Happy End. Und was wurde aus den Kriegsgefangenen? Am Ende der Eröffnungsveranstaltung lobte der Kommandeur der französischen Militärregierung, General Marie-Pierre Koenig, die großartige Arbeit von Colonel Kleinmann und fragte, ob er ihm zum Dank einen Wunsch erfüllen könne? Kleinmann wünschte sich nicht etwa, dass eine Straße auf dem Campus nach ihm benannt werden würde, sondern ihm ging es – bescheiden wie er war – um die Kriegsgefangenen.

 

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Bereits zuvor hatte er sich in Baden-Baden, dem Sitz der französischen Militärregierung, für ihre Entlassung eingesetzt und nun wiederholte er diesen Wunsch. Der General zögerte zuerst, gab dann aber doch seine Zustimmung. Kleinmann war erleichtert. Er musste die Gefangenen nicht enttäuschen, die so fest an ihre Freilassung nach der Eröffnung geglaubt hatten. Die Botschaft führte zu Freudentränen im Innenhof. Am 20.Oktober 1948 – heute vor 70 Jahren - erfolgte die Auflösung des Kriegsgefangenenkommandos.

PS: Was wäre für euch eine Befreiung oder worin seht ihr euch gefangen? Schreibt’s in die Kommentare! 😉

 

Tipp zum Weiterlesen:
Erinnerungen von Ludwig Theodor Kleinmann, in: Helmut Mathy (Bearb.): Die Wiedereröffnung der Mainzer Universität 1945/46. Dokumente, Bericht, Aufzeichnungen, Erinnerungen, Mainz 1966, S. 67–73.


Autorin Johanna Körner

Johanna Körner studiert Geschichte M.A. an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und schrieb diesen Artikel im Rahmen der Übung „Archivnutzung für Historikerinnen und Historiker“.

 

Zur Not die Brücke

Foto: Oliver Abels. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Als Neumainzer auf Zeit kann ich schon mal eines bestätigen: Der Wohnungsmarkt in Mainz ist der Vorhof zur Hölle. Dabei dachte ich am Anfang noch, dass man wenigstens ein Zimmer zur Zwischenmiete schnell organisieren könnte. Aber Pustekuchen! Statt einer Unterkunft fand ich viel zu wenige Angebote, viel zu teure Zimmer und viel zu viele Absagen.

Wer hätte auch vorhersehen können, dass in Ballungszentren Platzmangel herrscht? Wahrscheinlich jeder. Aber nicht jeder kann erklären, wann und wie es zur Wohnungsnot unter Mainzer Studierenden kam. Da ich im Archiv direkt an den Quellen sitze, werde ich mich mal daran versuchen. Herausgekommen sind dieser und weitere Artikel, die im Laufe der nächsten Wochen veröffentlicht werden.

Die Saat des Übels

Ok. Wer von Wohnungsnot spricht, muss 1945 beginnen. Ein Großteil des städtischen Wohnraums in Deutschland war während des Kriegs zerstört worden. Mainz war da keine Ausnahme, wie ich in einem kommenden Artikel noch berichten werde. Aber wie ihr euch sicherlich denken könnt, war diese Notlage bis in die 1950er Jahre durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder weitestgehend gedeckelt.

Die Ursachen des Wohnungsnotstands unter uns Studierenden lassen sich hingegen so ziemlich am Ende der 1950er verorten. Damals fing die Universität in Mainz zu wachsen an. Für die JGU war dies zunächst eine erfreuliche Nachricht, war sie doch seit ihrer Gründung um die Hälfte geschrumpft. 1958/59 hatte man jedoch erneut die früheren Spitzenwerte erreicht, ein Jahr später sogar mit über 6.000 Studierenden einen neuen Rekord aufgestellt. Es sollte nicht der letzte gewesen sein.

Blindlings in die Wohnungsnot

Grenzenloses Wachstum? Die Studierendzahlen der JGU nach Recherchen des Universitätsarchivs

Wie wir als Spätgeborene wissen, wuchs die Universität noch die nächsten 50 Jahre weiter. So trudelten jedes Wintersemester mehr und mehr Studierende auf den Campus. Parallel dazu entwickelte sich Mainz nach dem schmerzlichen Verlust von Mainz-Kastel erneut zum Industrie- und Wirtschaftsstandort. Wer jetzt beides zusammenzählt, sieht ein Ballungszentrum entstehen. Doch die Universität war sich den Ausmaßen dieses Problems noch lange nicht bewusst.

Währenddessen wuchs die Studierendenschaft auf über 7.000 Köpfe an. Erst jetzt, 1963, war für die Planungskommission der JGU klar: Viel weiter könne sie nicht mehr wachsen. (Wer hätte auch etwas anderes gedacht?) Falls doch, werde man das schon eindämmen können. Einige zweifelten: Und wenn die Dämme doch brechen? Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission beantwortete die Kritik wie folgt: „Die Dinge kann kein Mensch voraussehen. Sie [Anm.: die Kritiker] sind völlig irrational.“ Eine Haltung mit fatalen Folgen!

Tropfen auf den heißen Stein…

Ähnlich planlos wie die Mainzer Universität war das Mainzer Studentenwerk (damals wurde noch nicht gegendert). Zwar kannte man den Plan des Deutschen Studentenwerks, also dem Dachverband, dass 20 und 30% der Studierenden in Wohnheimen unterkommen sollen, doch schien dies bereits damals utopisch. Den Richtwert hat keine deutsche Universität jemals erreicht. Schon allein aus finanziellen Gründen konnte der Wohnheimbau nicht mit den rapide wachsenden Zahlen mithalten.

"Hier baut das Land immer noch nicht das 2. Internationale Wohnheim.“ - Protestaktion des AStA in den 1970er.
Foto: Reiner Wierick. Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 5497

Immerhin regte der Beschluss in den ersten Jahren eine rege Bautätigkeit an. Bereits 1959 eröffneten drei evangelische Landeskirchen (Hessen-Nassau, Westfalen und Pfalz) gemeinsam ein neues Studentenwohnheim in Mainz. Es hatte Platz für insgesamt 35 Studenten. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Zur gleichen Zeit verkündete übrigens der AStA, dass noch ca. 2.000 Studierende eine Bleibe suchten. Zwei weitere, sogar größere Wohnheime entstanden. Doch Mitte der 1960er Jahre erlahmte das Engagement. Das Wohnheim „Inter II“, das für 1968 geplant war, stampfte man erst acht Jahre später aus dem Boden – aus „verschiedenen Gründen“, wie die Quellen der Zeit einstimmig berichten. Welche genau, bleibt für jeden offen.

Dann gab es noch den erwähnten Vorhof zur Hölle, auch bekannt als freier Wohnungsmarkt. Dort war es bis in die 1960er üblich, dass Studierende als Untermieter in Privatwohnungen unterkamen. Die Stadt Mainz unterstützte dieses Phänomen aktiv durch besondere Wohnbauverordnungen. Doch auch in diesem Feld wuchs die Zahl der Studierenden schneller als die der Neubauten. Nur die Mietpreise konnten mit dem Wachstum Schritt halten und drängten die Studierenden an den Rand der Armut.

…und es wurde nicht besser

Wohnalternativen von Studierenden 1973. Aus: JoGu Nr.127 S.16.

Jetzt wissen wir also, wo die Wurzel unseres heutigen Übels zu verorten ist. Zwar hilft das anderen und mir nicht, eine Bude zu finden, doch spendet der Gedanke Trost, dass die Generationen vor uns vor ähnlichen Problemen standen. Trotzdem bleibt eine gewisse Skepsis: Hat sich in einem halben Jahrhundert gar nichts geändert? Nun ja, es wurde zeitweise sogar schlimmer.

Spätestens 1970 wurde die Wohnungsnot derart prekär, dass sich die Studierenden zu wehren begannen: Die Bewohner der Wohnheime rebellierten gegen Mieterhöhungen des Studentenwerks. AStA und linke Hochschulgruppen drohten mit der Besetzung leerstehender Gebäude. Stadt und Land reagierten mit Sozialbauten und Bauförderungen. So entspannte sich die Lage für wenige Semester, bis die Studierendenzahlen wieder in die Höhe schossen. Das Drama spitzte sich Anfang der 1980er Jahre erneut zu, nur um sich nach 1990 nochmals zu wiederholen.

Unverändert wie die Wohnungsnot blieb auch die Neigung der Planungsbehörden, die Entwicklung falsch einzuschätzen. Der Wissenschaftsrat des Bundes erklärte z.B. die hohen Studierendenzahlen mit der geburtenstarken Babyboomer-Generation. Natürlich blieb auch das ein gewaltiger Irrtum. Aber wie wir schon mehrfach festgestellt haben: Solche Dinge kann kein Mensch vorhersehen…

Und heute?

Foto: Reiner Wierick. Quelle: Universitätsarchiv S3 Nr. 5338

In den letzten Semestern ging mit den Studierendenzahlen auch die Wohnungsnot zurück. Trotzdem habe ich keine Wohnung gefunden und muss nun täglich vier Stunden pendeln. Konfrontiert mit meiner Notlage, witzelten Kommilitonen: „Warum schläfst du nicht einfach unter der Brücke?“ So absurd es klingen mag: Frühere Studierendengenerationen waren dicht davor. Alteingesessene der JGU erzählten mir während meiner Recherche von Zeltcamps, die vor wenigen Jahren den Mainzer Campus schmückten.

Ich hoffe, dass für euch würdigere Schlafplätze bereitstehen. Aber vielleicht kennt ihr ja auch die eine oder andere Anekdote? Egal ob schreckliche Bruchbuden, schräge Vermieter oder unverschämte Verträge: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn ihr doch mehr Glück hattet als ich, dann umso besser. Schließlich gibt es Wunder immer wieder.

 

 

 


Autor Tobias Heil

Tobias Heil studiert Geschichte und Fachjournalistik in Gießen. Als Praktikant des Universitätsarchivs ist er für einige Wochen nach Mainz gekommen und schreibt in dieser Zeit unter anderem für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Germersheim 1968: Ein bisschen Revolution, ein bisschen Translation

Wir schreiben das Jahr 1968 n. Chr. Auf der ganzen Welt gehen Studentinnen und Studenten auf die Straßen, um ihren Forderungen nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen Gehör zu verleihen. Auf der ganzen Welt? Ja! Denn sogar im gemütlichen Germersheim formierte sich der Protest - wohin wir unseren Blick im letzten Artikel unserer Mai-1968-Reihe richten wollen.

Mai 1968 - Mai 2018: 50 Jahre

 

Im April 1968 gingen hier rund 75 Studierende auf die Straße, um den Mordanschlag auf Rudi Dutschke, dem schillernden Berliner APOler, zu verurteilen. Nur so wenige? Immerhin 10% der Studierendenschaft, meint Wilfried Becker, ein ehemaliger Germersheimer Student. Man müsse hier den Germersheimer Kontext berücksichtigen. Das Auslands- und Dolmetscherinstitut (ADI) zählte damals nur ca. 750 Studierende, weswegen die Zahl der potenziell mobilisierbaren Menschen weitaus geringer als am Campus in Mainz war. Dort versammelten sich rund 200 Teilnehmer zu einem Schweigezug durch die Innenstadt sowie einer Kundgebung auf dem Theaterplatz.

Ludwigsplatz in Germersheim heute
Freibier für alle: Ludwigsplatz in Germersheim heute

Was die Kritik an der als reißerisch und hetzerisch empfundenen Berichterstattung der Bildzeitung angeht, konnte Germersheim mit Städten wie Frankfurt und Mainz mithalten: Auf der oben erwähnten Demonstration verbrannten Germersheimer Studierende öffentlichkeitswirksam Zeitungen und Artikel der Springerpresse.

Es gab aber auch Widerstand gegen die Revoluzzer: Mit der Parole „Freibier für alle“ legten es die konservativen Kräfte darauf an, die Kundgebung aufzumischen. Wilfrid Becker, der an einem Demonstrationszug von der Alten Kaserne bis zum Ludwigsplatz teilgenommen hatte, erinnert sich, dass auch dort ein Bierfass auf die Protestierenden gewartet hatte.

Das ADI brauchte den großen Bruder aus Mainz nicht

Damals wie heute, fand nur ein spärlicher Austausch zwischen den Standorten Mainz und Germersheim der JGU statt, was einem etwaigen Zusammenschluss Germersheimer und Mainzer Protestaktionen nicht zuträglich war. (Stichwort: SEMESTERTICKET AUCH FUER DIE STUDIERENDEN DES FACHBEREICH 06 JETZT!!!!!!!). Das führte aber immerhin dazu, dass sich die örtliche Studierendenschaft selbst organisierte und am 28. Mai 1968 eine Allgemeine Studentenversammlung abhielt. Wie überall im Land, übten die örtlichen Studierende scharfe Kritik an den Notstandsgesetzen und formulierten sogar ein Telegramm, das sich an Bundeskanzler Kiesinger richtete. Hierin sprach man dem Staatsmann das Misstrauen der Germersheimer Studierendenschaft aus. Es wurde sogar ein zweitägiger Boykott der Lehrveranstaltungen beschlossen. In Mainz wurde der Vorlesungsbetrieb hingegen nur für wenige Stunden bestreikt.

Auch wenn die Aktionen in Germersheim und Mainz weitgehend unabhängig voneinander organisiert und ausgeführt wurden, war zumindest die Reaktion der Bevölkerung sehr ähnlich: in ihrer Unterstützung der Studierenden. Die bis dato eher skeptischen Germersheimer Bürgerinnen und Bürger waren angesichts des sehr disziplinierten Schweigemarsches versöhnlich gestimmt und so konnten rund 800 Unterschriften gegen die Notstandsgesetze gesammelt werden.

Freundschaftlicher Umgang statt Oberlehrermentalität

Dass Exzesse und die ganz große Revolution in der pfälzischen Kleinstadt ausgeblieben sind, überrascht kaum, wenn man sich vor Augen führt, wie die allgemeine Lernatmosphäre am ADI war. Es war gang und gäbe, dass Dozierende ihre Dolmetschzöglinge nach dem Unterricht auf einen Kaffee einluden.

Wilfried Becker erinnert sich, dass ein Dozent sogar dazu überging, nach getaner Arbeit den Rest der Unterrichtszeit mit einem kleinen Umtrunk ausklingen zu lassen. Eine Dolmetscherin war für ihre Obstbrandsammlung bekannt, die sie ohne Umschweife mit ihren Studentinnen und Studenten teilte. „Unsere Dozenten damals, das waren noch echte Charaktere“, schwärmt Herr Becker. „Der Umgang zwischen ihnen und uns Studenten war absolut freundschaftlich. Geduzt hat man sich aber nicht.“

Insofern traf der für die 68er Proteste so bezeichnende Satz „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ und die Kritik an verkrusteten Strukturen und Hierarchien, die damit einhergeht, nicht auf die Germersheimer Realität zu: „Die Mehrheit unserer Dozierenden waren Quereinsteiger und mehr Dolmetscherinnen und Dolmetscher als unantastbare Autoritätspersonen“, bestätigt Herr Becker.

Macht die Grenzen auf!

Ein Hauch von Revolution kam dann doch noch in Germersheim auf, zumindest für einen Moment. Als im Rundfunk zu hören war, dass die französische Grenzpolizei den Grenzübertritt für deutsche Studierende untersagte, formierte sich unter den Germersheimer Studierenden spontaner Protest. Eine Gruppe fuhr kurzerhand nach Lauterburg, dem deutsch-französischen Grenzübergang. Ob es an den hervorragenden Sprach- und interkulturellen Kenntnissen der Germersheimer Studis lag, ist nicht überliefert: Aber die französischen Zollbeamten ließen sie gewähren und erlaubten sogar, dass Flyer gegen die Notstandsgesetze verteilt wurden.

Geschlossene Grenzen? Da hört für uns in Germersheim der Spaß eben auf! 1968 wie im Jahr 2018 gilt:

Festung Europa, mach die Tore auf!


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

STREIK, STREIK, STREIK

 

„Morgens früh um sieben stehen wir im kalten Wind
und warten auf die Schweine die nicht solidarisch sind
auf die, die nichts kapieren
und immer noch parieren“

So oder so ähnlich könnte das Lied der Mainzer Streikposten am Morgen des 27.05.1968 geklungen haben. Außer vielleicht das mit dem kalten Wind, der Mai ist bekanntlich ja der Wonnemonat.

 

Aber was hatte es mit diesem Streik auf sich?

Natürlich ging es um die Notstandsgesetze. Wer nochmal genau nachlesen will, was es damit auf sich hatte kann es sich hier nochmal von den zwei Berufsrevolutionären Frederik und Piggeldy erklären lassen. Weil diese Gesetze die Studis (und auch den Rest der Bundesrepublik) schon länger beschäftigten veranstaltete der AStA bereits am 09.05.1968 ein teach-in bei dem neben studentischen Vertretern auch Prof. Manfred Mezger und Prof. Peter Schneider sprachen.

Um möglichst vielen Studis die Teilnahme zu ermöglichen, wurde mit den Professoren Vorlesungsfreiheit vereinbart. Das heißt, wer statt in sein Seminar zum teach-in gehen wollte, bekam diese Sitzung nicht als Fehlstunde angerechnet. In heutigen Studizeiten, in denen auch durch Vorlesungen die ein oder andere Anwesenheitsliste wandert, natürlich eine Undenkbarkeit…

 

Zwei Schritte vor, einen zurück

Prof. Schneider, der auch Gutachter beim Bundestagshearing des Gesetzes war, sagte „Ich teile die Sorgen der Notstandsgegner, daß nach der Verabschiedung der Gesetze durch willkürliche Handhabung der Notstandsgewalt die Demokratie zum Notstandsstaat pervertiert wird.“ Tags darauf stellte er aber in einem Interview noch einmal klar, dass er der Notstandsgesetzgebung grundsätzlich zustimme, wenn der Bundestag diese Grundgesetzänderung mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit beschließe. So etwas konnten die Studis natürlich nicht gutheißen.

Nachdem einige Studis zusammen mit einem Lehrling einen Hungerstreik in der Evangelischen Studierendengemeinde begonnen hatten (mehr dazu erfahrt ihr hier), kam es am 24.05. zu einer außerordentlichen Stupa-Sitzung, bei der über einen Streik abgestimmt werden sollte. Bei der Abstimmung gab es aber einen Formfehler, so dass kein Beschluss zustande kam. Eine vorherige Umfrage unter den Studis ergab, dass sich keine Mehrheit für den Streik finden würde.

 

Von Mainzer Sitzenbleibern

Nichtsdestotrotz wurde für Montag, den 27.05. eine Sitzblockade vor dem Eingang der Universität organisiert. An diesem Tag fand nämlich die letzte Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag statt, und die Studis wollten ihren Unmut über die bevorstehende Verabschiedung Luft machen. Deshalb versammelten sich die Kommilitonen bereits um 7 Uhr, einer für Studis ja sonst eher untypischen Uhrzeit, um den Eingang der Universität am „Bretzenheimer Tor“ zu blockieren.

Blockade des "Bretzenheier Tors" durch die Studis
Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 890

„Bretzenheimer Tor – nie gehört“ denkt jetzt sicher der ein oder die andere. Aber wie man auf nebenstehendem Bild sieht, sah der Campus damals noch ziemlich nach Kaserne aus und hatte deswegen auch noch Tore, wie sie sich für eine Flakkaserne gehörten (Eigentlich fehlt nur noch Lilli Marleen, wie sie unter der Lampe rechts im Bild auf ihr Liebchen wartet, oder;) ).

Aber natürlich kein Streik ohne Regeln. So sollte zwar der Campuseingang blockiert werden und auch die PKWs auf Parkplätze außerhalb der Uni umgeleitet werden, technische Einrichtungen und Versuche, die keine Betriebsunterbrechung dulden, waren aber vom Streik ausgenommen. Da der Campus auch damals schon mehrere Eingänge hatte, die nicht blockiert wurden, konnte eigentlich jeder der studieren wollte, seinem Bedürfnis nachkommen. Schon zuvor hatte das Streikkomitee Mitstudis darum gebeten, auch einen der anderen Eingänge zu benutzen. Diese waren, glaubt man den damaligen Studis, auch zu jeder Zeit passierbar. Die Mainzer Allgemeine Zeitung behauptete in einem Artikel das Gegenteil. Auch wurde dort auf ein gewisse chemische Substanz verwiesen – dazu aber später mehr. Trotz alledem stellte der Oberpedell fest, die Vorlesungen seien noch nie so gut besucht gewesen wie an diesem Tag.

In Deutschland hat alles seine Ordnung, selbst das Streiken verläuft nach Plan. Blickt man in den Zeitplan des damaligen Streiks, steht dort:

 

7.00 Uhr: Beginn des Sit-In

9.30 Uhr: Voten, Referate und Diskussion mit Professoren und Studierenden

11.00 Uhr: Hauptreferat „Streik als Form politischen Widerstandes“ durch einen Referent der IG-              Metall.

 

Vielleicht hatte Lenin recht, als er die Deutschen verdächtige, vor der Stürmung eines Bahnhofs erstmal eine Bahnsteigkarte zu kaufen…

 

Die chemische Keule

So viel Aufregung wegen eines halben Tags ohne Uni? Der Fortbestand der akademischen Welt hing von diesen paar Stunden sicherlich nicht ab. Interessant sind aber die Reaktionen auf die Blockade, die vor allem bei konservativen Kreisen (maßgeblich Burschenschaftler und Doktoranden der Naturwissenschaften) nicht besonders gut ankam. Dass eine der Mainzer Burschenschaften dem Rektor antrug, man könne ihm gerne ein Rollkommando aus den eigenen Reihen zur Verfügung stellen, war hierbei eher eine Randnotiz.

Und so sah der "Attentäter" Prof. Horner aus. Eigentlich ganz sympathisch, oder?
Quelle: Universitätsarchiv S 3, Nr. 7460b

Weit mehr Aufmerksamkeit wurde einem Ereignis zuteil, dass als „Buttersäure-Anschlag“ in die Mainzer Universitätsgeschichte einging und über welches die Meinungen anschließend auseinandergingen. Denn „schätzungsweise gegen 8.15“, wie es in einer Zeugenaussage heißt, „strebte Prof. Horner mit einigen Assistenten, gekleidet in weiße Kittel dem geschlossenen Tor am Bretzenheimer Eingang […] zu“. Leopold Horner war Professor für organische Chemie und durchaus über das Sit-in der Studierenden nicht erfreut. In seiner Hand hielt er einen Glaskolben, dessen Inhalt er über die Sitzstreikenden Studis schüttete, um „damit die Widerstandskraft der Sitzenden zu testen“, wie dessen Assistent später zu Protokoll gab. Was in diesem Glaskolben war ahnt ihr sicher schon – Buttersäure. Für alle, die nicht in Genuss eines Chemiestudiums kamen, sei gesagt: Buttersäure ist dieses Zeug, dass euch schon im Chemieunterricht sprichwörtlich gestunken hat. Doch damit nicht genug! Ähnliches wiederholte sich etwa eine Stunde später, als ein Mann im hellblauen Pullover erneut eine Flüssigkeit über die Sitzstreikenden schüttete. Da die Flüssigkeit in Augen und Nase brannte (gerüchteweise soll es sich um Brom gehandelt haben), musste das Tor kurzzeitig geräumt werden.

 

Das Schweigen der Lämmer

Jetzt sollte man denken, dass solch ein Verhalten ein irgendwie geartetes Nachspiel gehabt hätte und die Betreffenden wenigstens ein strenger Tadel des Rektors erwartete. Doch weit gefehlt. Das Klima an der JGU war derart aufgeheizt, dass Rektor Adam befürchtete, die Stimmung würde überkochen. Daher beschloss der Senat der JGU in der Sitzung vom 21.06.1968, nichts zu unternehmen. Er bedauerte, „... daß es am 27. Mai 1968 zu rechtswidrigem und ungeeigneten Verhalten gekommen ist. Er sieht jedoch im Interesse der Befriedung davon ab, weitere Schritte zu unternehmen“.

Hiergegen protestierte der AStA energisch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Auch der berühmte Nobis-Redakteur Jörg B. Bilke (warum er berühmt war, lest ihr bspw. hier) meldete sich zu Wort. Unter dem Titel „Mainz bleibt Mainz“ auf einem Flugblatt kritisierte er diese Entscheidung und die gescheiterte Aussprache zwischen Horner und den Studis.

Der Wirbel um die Notstandsgesetze zeigte, dass politischer Protest in Mainz nicht nur in Büttenreden stattfindet und der Mai ‘68 auch an der JGU einige Gemüter zum Kochen brachte. Studis und Profs engagierten sich, waren aber bei weitem nicht immer einer Meinung. Mainz ist eben nicht das verpennte Nest, für welches man es gerne hält. Auch hier fanden sit-ins, teach-ins und Demos statt. Und manchmal flogen eben nicht die Fäuste, sondern  die Chemikalien.

 

Noch mehr Infos über 1968 in Mainz findet ihr hier im Blog oder auch in diesem Aufsatz

Kißener, Michael: „1968“ in Rheinland-Pfalz. Probleme und Erträge einer historischen Spurensuche, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 35 (2009), Koblenz 2009, S. 559-608.

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Hungern gegen den Notstand der Demokratie

Hun-ger-streik, der
Substantiv, maskulin
eine extreme Protestform, die v. a. dazu angewandt wird, um auf politische Missstände hinzuweisen. Die Streikenden bringen sich dabei durch das bewusste Verweigern der Nahrungsaufnahme absichtlich in große Gefahr. In Härtefällen nehmen die Betroffenen schwere gesundheitliche Folgen bis hin zum Tod in Kauf. Durch den (angedrohten) langsamen Selbstmord soll auf die jeweiligen Entscheidungsträger Druck ausgeübt werden.

Kein besonders vergnügliches Wort. Und überhaupt: Was hat das mit der Uni Mainz zu tun? Eine Menge! An der JGU kam es bereits zu mehreren Hungerstreiks. So auch im Mai 1968, als es zu einem der aufsehenerregendsten Proteste der Mainzer Studierendenbewegung kam. Doch warum griffen die Demonstranten zu so einer drastischen Maßnahme? Was wollten sie damit bewirken?

 

Pyjamaparty oder doch extremer passiver Widerstand?

Der Hungerstreik in der ESG im Mai 1968. Quelle: Uniarchiv S 3, Nr. 26

Auf meiner Spurensuche stoße ich zuerst auf ein Foto aus den Beständen des Uniarchivs. Als ich mir das Bild der ESG (Evangelische Studierendengemeinde) aus dem Mai 1968 anschaue, erinnert es mich zunächst an eine Pyjamaparty. Zahlreiche Studierende haben sich in der ESG eingenistet, haben ein Matratzenlager errichtet. Weil das Foto aus dem Jahr 1968 stammte, ist mein zweiter Gedanke, dass es sich vielleicht um eine Besetzung handeln könnte. Doch die Studierenden griffen damals zu noch viel krasseren Mitteln: 18 Studierende sowie ein Lehrling gingen am 22. Mai in den Hungerstreik. Durch die bewusste Verweigerung der Nahrungszufuhr wollten sie auf – nach ihrer Ansicht – gravierende politische Missstände aufmerksam machen. Doch wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Wie wir bereits berichtet haben, spitzten sich im Frühling ’68 in Mainz die politischen Proteste zu. Immer mehr Studierende gingen auf die Straße und demonstrierten, nicht zuletzt gegen die Notstandsgesetze, die demnächst verabschiedet werden sollten. Sie befürchten, dass eine neue faschistische Diktatur unmittelbar bevorstünde. Bereits im Vorfeld des Hungerstreiks kündigte die ESG diesen aufgrund der anstehenden Grundgesetzänderung an. Das Flugblatt unterzeichneten mehreren Studis – darunter ein Vorstandsmitglied des SDS und der damalige Politikreferent des AStA – aber auch zwei Studierendenpfarrer.

 

Akademische Bürger hört die Signale!

Ort des Geschehens: das Albert-Schweitzer-Haus der ESG. Der Streikbeginn war auf 9 Uhr am 22. Mai festgelegt, also noch vor der angesetzten Vollversammlung, die über den Vorlesungsstreik am 27. Mai abstimmen sollte. Die Organisatoren wollten den Forderungen der Studierenden so noch mehr Gewicht und Gehör verschaffen, gleichzeitig aber auch die Studierendenschaft dazu bewegen, für einen Generalstreik an der Uni zu stimmen. Ziel war es, Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. In diesem Fall der Senat der JGU, der sich mit den Demonstrierenden solidarisch zeigen sollte.

Die Streikenden verteilten Flugblätter mit Appellen an alle Angehörigen der Uni, „an der Vorbereitung und Durchführung des Widerstands gegen die NS-Gesetze“ teilzunehmen. Sie verlangten, dass speziell auch die Professorenschaft sich mit ihnen solidarisch zeigte. Die Studis kritisierten, dass „sich erst wenige Professoren dazu bereitgefunden [hätten], mit […][ihnen] über die einschneidenste Grundgesetzänderung seit Bestehen der Bundesrepublik zu diskutieren.“

 

„Debatte auf der Sprudelkiste“

Die Streikenden im Gespräch mit OB Fuchs:          Quelle: Gutenbergbrief Nr. 3 vom 01.06.1968

Die Streikenden gewannen aber auch weit über die Unigrenzen hinweg große Aufmerksamkeit. So folgten nicht nur einige Professoren ihrer Einladung zu einer etwas ungewöhnlichen Diskussionsrunde. Bei dieser „Debatte auf der Sprudelkiste“ am 25. Mai bewiesen auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Wilhelm Dröscher und der damalige Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs Sitzfleisch. Der Hungerstreik sorgte darüber hinaus für ein (lokales Medien-)Echo, u. a. in der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Zudem gingen rund 100 Solidaritätstelegramme bei den Studis ein, z. B. von dem Autor Erich Fried. Eine Arzthelferin aus Karlsruhe schloss sich den Streikenden sogar an.

Zwei Tage nach dessen Beginn, wurde der Streik schließlich in der außerplanmäßigen Senatssitzung  am 24. Mai thematisiert. Der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Manfred Mezger, berichtete von einem Gespräch mit den Hungerstreikenden. Der Professor war guter Dinge, dass die Studis „ihren Streik abbrechen würden, wenn der Senat zu erkennen gäbe, daß er für die Gründe der Hungernden Verständnis habe.“ Daher sollte die Genehmigung des Vorlesungsstreiks durch den Senat umgehend den Protestierenden mitgeteilt werden. Das Gremium hoffte, dass sie so zu einer Beendigung ihres Protests bewegt werden könnten.

 

Christen als Revoluzzer?

Ausschnitt eines Flugblatts der Hungerstreikenden
Quelle: Universitätsarchiv

Auf den ersten Blick überrascht es mich ziemlich, dass der Protest von der ESG und nicht vom SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) organisiert wurde. Schließlich war der SDS die zentrale Gruppierung der 68er-Bewegung! Doch die Protestform sorgte beim Mainzer SDS für Diskussionen zwischen Pazifisten und den Anhängern militanter Aktionen. Letztlich folgten nur vier SDSler dem Streikaufruf, darunter die damalige Medizinstudentin Ute Wellstein, die hier – wenn auch leicht abweichend von den tatsächlichen Geschehnissen – eindrücklich von ihren Erlebnissen berichtet.

Dennoch ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Streik in der ESG stattfand. So sprach sich die ESG schon im Vorfeld häufig gegen die Notstandsgesetze aus. Aus ihrem Kreis war 1966 sogar die Aktionsgemeinschaft gegen die Notstandsgesetze mitbegründet worden. Der Mainzer Zeithistoriker Michael Kißener berichtet, dass „[d]ie Evangelische Hochschulgemeinde in Mainz mit ihrem Albert-Schweitzer-Haus […] zu einem regelrechten Veranstaltungs- und Aktionszentrum des studentischen Protestes“ wurde.

 

Für die eigene Überzeugung die eigenen Grenzen sprengen

Bei meinen Recherchen stoße ich auf weitere Hungerstreiks: Der Streik vom Mai ’68 war bei weitem nicht der letzte an der JGU und auch nicht in der ESG! 1988, fast genau 20 Jahre später, gingen 40 iranische Studierende in einen unbefristeten Hungerstreik. Auslöser: Der tobende iranisch-irakische Krieg. Ihr Protest richtete sich gegen die Lieferung von Waffen und Kriegsmaterial an die beiden Kriegsparteien. Sie hielten ganze 15 Tage durch und sorgten ebenfalls für ein breites Medienecho. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Und der 68er Hungerstreik? Der endete nach fünf Tagen am Tag des Vorlesungsstreiks, am 27. Mai – hierzu erfahrt ihr mehr von meinem Kollegen am Sonntag. (Ja, wir vom Uniarchiv sind allzeit bereit!) Zwei der Streikenden mussten im Anschluss ins Krankenhaus eingeliefert werden. Vier weitere mussten bereits vorzeitig ihr Fasten einstellen: Dreien drohte die „unmittelbare Bewusstlosigkeit“, bei einem bestand der Verdacht auf Lungenentzündung. Auch wenn sie die Verabschiedung der Notstandsgesetze nicht verhindern konnten, hatten die Studis dennoch etwas erreicht: Sie konnten mit Professoren und sogar mit Politikern diskutieren und ihrer Angst vor einer erneuten deutschen Diktatur weit über die Grenzen der JGU Gehör verschaffen.

Am Ende meiner Recherche denke ich nun über die Frage nach, wie weit ich selbst für meine eigene politische Überzeugung gehen würde… Aber erstmal gehe ich in die Mensa!

 

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Wenn ihr mehr über die Rolle der christlichen Hochschulgemeinden in der Mainzer 68er-Bewegung erfahren wollt, dann schaut doch beim Vortrag „ESG und KHG Geschichte: Mainz 1968“ von Professor Michael Kißener am 29. Mai in der KHG vorbei. Dort wird es im Anschluss auch eine Diskussionsrunde mit Zeitzeugen geben. Ich bin auf jeden Fall am Start – und freue mich auf euch!

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften

 

Was ist eigentlich ein Notstand?

Habt ihr früher auch so gerne das Sandmännchen gesehen wie ich? Besonders gerne mochte ich wenn Piggeldy und Frederik komplizierte Sachen einfach erklärt haben. Da sie schon seit geraumer Zeit an der Außenwand des SB II bei uns auf dem Campus wohnen, haben sie inzwischen auch einiges zur Geschichte der 68er in Mainz zu erzählen:

„Frederik, was ist eigentlich ein  Notstand?“.

„Nichts leichter als das“ antwortete Frederik. „Komm mit“.

Und Piggeldy folgte Frederik….

Diese Frage beschäftigte vor dem kleinen Piggeldy auch schon andere. Beispielsweise die Mainzer Studis im Mai 1968. Denn die damals  regierende GroKo wollte das Grundgesetz um eine Notstandsverordnung ergänzen, weil… ihr wisst ja… falls der Russe kommt oder so. Das fanden viele Leute aber eher suboptimal.

Bevor wir euch im Laufe dieser Woche aber berichten, wie die Mainzer Studis sich gegen eben diese Verordnung zu wehren versucht haben, erstmal zusammengefasst, worum es dabei überhaupt ging.

 

Hochgekocht oder brandgefährlich?

Anders als heute, wo Deutschland von Freunden „umzingelt“ ist, lagen BRD und DDR damals am Brennpunkt eines internationalen Konfliktes. Die Deutschen wussten sicher: Ein Krieg zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt würde direkt vor ihrer Haustür ausgetragen werden, wie man beispielsweise beim Bau der Berliner Mauer deutlich gesehen hatte. In der Bundesrepublik versuchte man deshalb das bestehende Grundgesetz so zu erweitern, dass der Staat auch im Falle von Krieg, Naturkatastrophen oder Aufständen handlungsfähig blieb. Jetzt wird mancher sicher sagen: „Ein Aufstand in der BRD? Wir sind doch keine Bananenrepublik!“. Aber nachdem die späteren Begründer der Roten Armee Fraktion (RAF) am 2. April 1968 in Frankfurt einen Brand in einem Kaufhaus gelegt hatten und 9 Tage darauf auch noch Rudi Dutschke von einem rechtsgerichteten Hilfsarbeiter angeschossen worden war, klang das Ganze nicht so abwegig wie heute (vor allem, da es 1953 erst zu einem solchen Aufstand in der DDR gekommen war). Daher lag es also nahe, Gesetze für einen Notstand zu treffen. Vielen Studis war aber nicht klar, wie dieser definiert wurde: Kann nicht auch eine fehlende Regierungsmehrheit eine Art Staatsnotstand sein? Für einen Politiker schon, aber ob so etwas eine Notstandsverordnung rechtfertigen könnte? Man wusste es nicht so genau. Und deswegen dachten sich die Studis, es sei besser zu protestieren, als morgen im Faschismus aufzuwachen.

 

Im Zweifel für die Grundrechte

Vor allem richteten sich die Proteste gegen die Einschränkung der Grundrechte. So sollten per Erlass das Briefgeheimnis und die Freizügigkeit eingeschränkt werden können. Bei Ausrufung eines Notstandes hätte die Polizei also einfach die Post von jedermann und jederfrau öffnen und auch Kriegsdienstverweigerer zum Lazarett und Hilfsdienst heranziehen dürfen. 23 Jahre nach dem Ende der Hitlerdiktatur wollten die Studis sichergehen, dass diese Maßnahmen nicht missbraucht würden, um sie breitflächig zu überwachen und in eine Kriegsmaschinerie einzuspannen, wie es seinerzeit durch die Wehrmacht geschehen war. Weiterhin sah die Verordnung für den Katastrophenfall oder falls Polizeikräfte nicht ausreichen sollten vor, den Einsatz der Bundeswehr im Innern zu erlauben (so geschehen viel später beim Oderhochwasser 1997). Dass die Ausweitung dieser damals zugestandenen Rechte immer noch ein Dauerbrenner der deutschen Innenpolitik ist, zeigten zuletzt die Diskussionen um den Einsatz der Bundeswehr bei Terroranschlägen.

Vor allem wollten die Studis verhindern, dass sich der aus ihrer Sicht immer noch ziemlich verkrustete Staat mit seiner altmodischen Universität (Stichwort: „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“) wieder zu einer totalitären Diktatur entwickelt. Für sie stand fest: „Dagegen muss man doch was machen“. Aber eben nicht nur in Bonn, Frankfurt und Berlin, sondern auch in Mainz. Dort gab es schon seit Dezember 1966 ein breites Aktionsbündnis gegen die Notstandsgesetze, wo sich neben Gewerkschaften und dem Bund der Kriegsdienstverweigerer auch Hochschulgruppen und die Evangelische Studierendengemeinde engagierten.

Und hierfür hatten sich die Studis und sogar die Professoren der Universität einiges einfallen lassen. Was genau, erfahrt ihr den kommenden Artikeln dieser Woche – pünktlich zum 50. Jahrestag der Ereignisse. Neben einem Hungerstreik haben wir die Geschichte eines ungewöhnlichen Anschlags für euch und werfen auch einen Blick nach Germersheim. Schaut also rein!

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Skandal im Kunstbezirk

Als diese Postkarten der Universitätssammlungen vor einiger Zeit in der Uni auslagen, hat sich mancher gefragt, an was man da eigentlich denken soll. Manchmal sind die Dinge eben weniger offensichtlich als sie aussehen. Ich will euch daher eine Geschichte über die Macht von Klopapier erzählen: Es kann nicht nur Retter in höchster Not sein, sondern auch eine Universität blamieren. Und mit Kunst hat es selbstverständlich auch zu tun.

Das glaubt ihr nicht?

 

Ein Märchen aus tausend und einer Rolle

Vor langer Zeit, in einer kleinen Stadt am Rhein, in der sich viel um Wein, Fassenacht und Studium drehte, gab es nicht nur Fabriken für Wein, Pappnasen und Unibedarf sondern noch eine entscheidendere Industrie: Die HAKLE-Werke. Dort wurde ein Papierprodukt hergestellt, zu dem jeder von uns engen Kontakt pflegt: Klopapier. Nachdem Hans Klenk (HAns KLEnk, darauf muss man erst einmal kommen☺) 1928 den Papierbetrieb in seiner Heimatstadt Ludwigsburg gegründet hatte, verlagerte er ihn 1934 nach Mainz, wo Klenk im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Und zwar als Kommandant eben jener Flakkaserne, die später den Grundstein der JGU bilden sollte.

Der von Hans Klenk gestiftete Bürgerbrunnen am Forum universitatis.
Foto: Axel Stephan. Quelle Universitätsarchiv Mainz S3, Nr. 2403

Klenk setzte auf ein Produkt, das immer Konjunktur hat. Dieser unternehmerische Erfolg kam auch seiner neuen Wahlheimat zu Gute. Als Mäzen schenkte er der Stadt Mainz viele Dinge, die halfen, Mainz noch schöner zu machen: neue Chorfenster für St. Stephan, ein Kriegerdenkmal für seine Wohngemeinde Gonsenheim und einiges mehr.

Dabei vergaß er auch in Friedenszeiten seine alte Kriegs-Wirkungsstätte nicht. Hans Klenk schenkte der Uni nicht nur den Bürgerbrunnen am Forum universitatis, sondern griff der JGU öfter auch finanziell unter die Arme, wie zahlreiche Aktenbelege im Universitätsarchiv zeigen, was die JGU ihm unter anderem mit der Ehrenbürgerwürde dankte. Denn nicht nur die Stadt Mainz verleiht diese Würde (wie vor kurzem an Margit Sponheimer, um nur nochmal auf die Fassenacht zurückzukommen), sondern auch die Universität selbst. Nebenbei vertrat der Papierfabrikant auch noch die Republik Panama in der Bundesrepublik als Honorarkonsul.

 

Werke alter Meister?

Unter dem Titel „Werke alter Meister in Privatbesitz“, eröffnete heute vor 50 Jahren, am 07.05.1968, eine Ausstellung mit etwas unrühmlicher Geschichte im Kunstgeschichtlichen Institut der JGU. Die gezeigten Gemälde stammten aus der Klenk‘schen Privatsammlung, ins Leben gerufen, da er der Meinung war, dass auch anderen Menschen diese Kunstwerke zugänglich sein müssten.

Gekauft hatte er diese beim Stuttgarter Kunsthändler Friedrich Kohn, der sich selbst den etwas anachronistisch wirkenden Titel „Hausjude mehrerer Adelsgeschlechter und erster Fürstenhäuser“ gab. Was damals noch nicht bekannt war: Kohn verkaufte oft Bilder zu stark überhöhten Preisen, indem er Werkstattarbeiten oder Kopien von berühmten Malern als Originalbilder der Künstler ausgab. Gemogelt wurde in der Kunstwelt eben schon immer und es ist kein Ende in Sicht, wie der Fall Wolfgang Beltracchi  zeigt. So auch in diesem Fall, der in Teilen an die Filmsatire „Schtonk!“ denken lässt.

Richard Hamann-Mac Lean, Direktor des Kunstgeschichtlichen Instituts der JGU beteiligte sich an der Organisation der Ausstellung in seinem Institut und steuerte ein Vorwort für den Ausstellungskatalog bei. In der ersten Version des Katalogs schlug dieser zunächst vorsichtige Töne an: Die großen Meister, deren Namen in diesem Katalog erscheinen, wie - „Robert Campin, Rubens, Rembrandt, Velazquez - sind [...] nicht mit eigenen Werken vertreten“. Was ihre Kunst einst bedeutet habe, sei jedoch "auch einer Replik anzusehen".

Doch Klenk wollte nicht wahrhaben, dass er sich hatte übers Ohr hauen lassen. Auf Wunsch des Fabrikanten änderte Hamann-Mac Lean diesen Passus und formulierte, dass Rubens und die anderen vorgenannten alten Meister „nicht mit Spitzenleistungen“ vertreten seien. Um die Bedeutungsverschiebung dieser eher kleinen Umformulierung zu begreifen, muss man freilich kein Sprachwissenschaftler sein: Hamann-Mac Lean, der seiner Darstellung nach nie davon überzeugt gewesen war, dass die ausgestellten Bilder Originalarbeiten der alten Meister waren, konnte nun auch so verstanden werden, dass es sich bei Klenks Exponaten um Originalarbeiten handelte. In einem hierüber verfassten Spiegel-Artikel wird Hamann-Mac Lean zitiert,  diese sprachliche Anpassung sei "nach langem Zögern, innerlich widerstrebend, nur mit Rücksicht auf vermeintliche Verpflichtungen der Universität gegenüber ihrem Mäzen" geschehen.

 

Wer den Schaden hat…

Dem Vorfall wurde eine enorme mediale Aufmerksamkeit zuteil. Plötzlich wollte jeder Autor vorher längst gewusst haben, dass es sich bei den Werken höchstens um Werkstattarbeiten handeln konnte. Nur gesagt hatte dies natürlich keiner in dieser Deutlichkeit.

Klenks Schaden war vor allem finanzieller Natur, denn die gezeigten Werke hätte er bei richtiger Etikettierung deutlich günstiger erstehen können. Seinen Ruf als Ehrenmann verteidigte er mit zahlreichen Empfehlungsschreiben Mainzer Honoratioren.

Da die Ausstellung in den Räumen der Universität stattfand, erklärte sich der Kultusminister Bernhard Vogel in dieser Sache ebenfalls als betroffen. Hamann-Mac Lean schrammte nur knapp an einem Disziplinarverfahren vorbei, da man seine Umformulierung durchaus als unlautere wissenschaftliche Praxis auslegen konnte. Der Kultusminister sah dann aber doch davon ab.

 

… braucht für den Spott nicht zu Sorgen

Wie viele Dinge in Mainz fand die Angelegenheit zur Fassenacht einen krönenden Abschluss. Noch bis in den Februar 1969 beschäftigte der Vorfall die Zeitungen. Für den Straßenkarneval wurde ein eigener Motivwagen gefertigt. Er zeigte eine große Klopapierrolle und trug den Titel „Mainzer Neuheit. 1000 Blatt mit Expertisen“. Doch der Wagen kam nicht zum Einsatz. Angeblich hatte eine sehr großzügige Spende (ein Artikel der AZ spricht von 50.000 DM) die Organisatoren des Zuges dazu veranlasst, den Wagen zurückzuziehen.

Sie hatten aber die Rechnung ohne die Mainzer Studierenden gemacht. Einige von ihnen reihten sich kurzerhand in den Zug ein und zeigten Plakate mit der Aufschrift „Perlkrepp hält den Hintern reine, den Fastnachtszug des Konsuls Scheine“. Dies stieß auf großem Zuspruch der Bevölkerung, die den Studis zur Seite stand, als man die „Störenfriede“ aus dem Zug entfernen wollte.

Was lernen wir daraus? Klopapier kann einiges für die Kunst tun, sie aber nicht in jedem Fall blank polieren. Und irgendwie dreht sich Mainz am Ende doch alles wieder um die Fassenacht.

Im nächsten Artikel erfahrt ihr, warum der Mai vor fünfzig Jahren in Mainz besonders heiß war…

 

Wer sich bis dahin noch ein bisschen die Zeit vertreiben oder mehr über die „Werke alter Meister in Privatbesitz“ erfahren will, kann ja mal in den Ausstellungskatalog und den dazugehörigen Ergänzungsband schauen.

 

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Drei Schüsse, die die 68er-Bewegung veränderten

Ein junger Familienvater wartet auf seinem Fahrrad sitzend in der Nähe einer Apotheke darauf, dass diese nach der Mittagspause wieder öffnet. Er muss Medikamente für seinen neugeborenen Sohn besorgen. Ein Mann kommt plötzlich auf ihn zu. Nachdem dieser den Studenten nach seiner Identität gefragt hat, zieht er blitzschnell eine Pistole. Es fallen drei Schüsse. Sie treffen das Opfer in die Brust, am Halsansatz und ins Gehirn. Es bricht schwer verletzt zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Nach einer mehrstündigen Notoperation befindet sich der Mann zunächst in Lebensgefahr.

Der Tatort auf dem Berliner Kurfürstendamm
Quelle: Polizei Berlin, Lizenz CC-BY-SA 4.0

Diese Ereignisse fanden heute vor genau 50 Jahren, am Gründonnerstag 1968, statt. Ihr habt es bestimmt schon erkannt: Die Rede ist vom Attentat auf Rudi Dutschke vor der Westberliner Zentrale des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Der Mordversuch löste eine heftige Protestwelle in der ganzen Bundesrepublik aus. Während in den Zentren der 68er-Bewegung in Berlin und Frankfurt heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei entbrannten, blieben die Proteste in Mainz friedlich. Wie kam es dazu? Und vor allem: Wie reagierten die Studis an der JGU auf den politischen Mordanschlag?

 

Teach-Ins und Straßenbarrikaden vs. Wasserwerfer und Schlagknüppel

Die Nachricht vom Attentat auf einen der Anführer der APO (Außerparlamentarische Opposition) verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nur eine Woche nach der Ermordung Martin Luther Kings in Memphis wurden nun auch in der BRD Straßenbarrikaden errichtet. Die heftigen Proteste nahmen zum Teil bürgerkriegsähnliche Zustände an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagknüppel gegen die Demonstranten ein. Über Ostern kam es zu mehreren hundert Festnahmen. Der Pressefotograf Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck verloren bei den Straßenschlachten in München ihr Leben.

Mit dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 hatten die Studentenproteste in der ganzen Republik und auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt an Fahrt aufgenommen. Studierende organisierten das erste Teach-In an der JGU. Im Frühling 1968 gehörte diese Veranstaltungsform in Mainz bereits zum studentischen Alltag. Eine Woche nach dem Dutschke-Attentat wurde ein Teach-In auf dem Forum universitatis organisiert.

 

Gewalt ist keine Lösung, aber…

Auch Rektor Adolf Adam nahm an der Veranstaltung teil, für die er am Nachmittag des 18. April sogar vorlesungsfrei gab. Adam verurteilt das Attentat in einer Stellungnahme als „verabscheuungswürdige Tat“, distanzierte sich aber zugleich „von jeden Gewalttätigkeiten, die dem Verbrechen gefolgt sind.“ Er rief „zu echter Toleranz vor der Überzeugung der Mitmenschen“ und zur Distanzierung „von jeglicher Gewalttätigkeit“ auf.

Auch alle studentischen Hochschulgruppen der JGU sprachen sich gegen die Anwendung von Gewalt zur Durchführung von politischen und gesellschaftlichen Zielen aus. Wobei der SDS zwischen der Gewalt gegen Sachen und Menschen unterschied und zumindest letztere nun „mit noch größerer Entschiedenheit“ ablehnte. Ebenso wie Dutschke, der zwischen diesen Gewaltformen differenzierte, auch wenn er auf das Mittel der Provokation setzte, um auf sein Gesellschaftsbild aufmerksam zu machen.

 

Megafon statt Wasserwerfer

Demonstrierende in Mainz nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke. Quelle: Stadtbuch Mainz

Das Teach-In war aber bei weitem nicht die einzige Veranstaltung in Mainz als Reaktion auf das Attentat. Bereits am Morgen danach fand eine spontane Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz statt, gefolgt von einem Schweigezug durch die Innenstadt sowie einer Kundgebung auf dem Theaterplatz. Unter den rund 200 Teilnehmern befand sich auch der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Die Demonstrierenden benannten auf Spruchbändern, Handzetteln und in ihren Reden vor allem die Große Koalition sowie die drei großen Parteien CDU, SPD und FDP als Schuldige für den Mordanschlag.

Da bei der kurzfristigen Organisation keine Lautsprecheranlage zur Verfügung stand, lieh die Polizei den Studierenden kurzerhand ein Megafon. Dieser Vorfall steht symbolisch für den Charakter der 68er-Bewegung in Mainz und das Verhältnis von Polizei und Studierendenbewegung. Während in anderen Städten Polizisten gegen die Demonstrierenden mit Wasserwerfern und Schlagknüppeln vorgingen, war der Umgang zwischen den Ordnungshütern und Studierenden respektvoll.

 

„Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“

Demonstration nach Attentat auf Rudi Dutschke.
Quelle: Stadtbuch Mainz Bd 2, S. 82

Aber nicht nur die Polizei zeigte sich gegenüber den Protestierenden verständnisvoll. Bereits vor der Demonstration war es am Karfreitag zu einem Zwischenfall in der Christuskirche gekommen. Drei Mitglieder des SDS traten unmittelbar vor dem Gottesdienst vor die Gemeinde. Ihr Anliegen: „den schwerverletzten Dutschke ins Gebet einzuschließen, Aufruf zur Demonstration, Diskussion über Vietnam, den Mord an Dr. Martin Luther King und den Anschlag auf Dutschke.“ Zwar beschwerten sich die Gottesdienstbesucher lautstark über die Aktion und komplimentierten die drei mit „sanfter Gewalt“ nach draußen. Doch am Ostersonntag arrangierte sich Pfarrer Hickel mit den SDSlern. Es kam zu einer Diskussion unter der Leitung des Theologie-Professors Gert Otto. Nach einer Stunde ließ das Interesse nach und man einigte sich darauf, im Wolfgang-Capito-Haus der Gemeinde weiter zu diskutieren.

Dass der SDS einen Gottesdienst als Rahmen für eine seiner Aktionen nutzte, ist nicht weiter verwunderlich. Rund ein Viertel seiner damaligen 55 Mitglieder waren Studierende der Evangelischen Theologie. Das Albert-Schweitzer-Haus der ESG (Evangelische Studierendengemeine) entwickelte sich sogar zu einem Zentrum der Mainzer 68er-Bewegung.

Aber auch die KHG (Katholische Hochschulgemeinde war nach dem Attentat aktiv. Am 19. April mobilisierte sie 250 Menschen zu einen Schweigemarsch unter dem Motto „Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“. Rudi Dutschke selbst war nicht nur überzeugter Sozialist, sondern auch Christ. So ist er in der Jungen Gemeinde, der Jugendorganisation der evangelischen Kirche der DDR, aktiv gewesen, bevor er nach Westberlin floh. Das christliche Ideal der Gerechtigkeit wurde zum Leitmotiv seines politischen Handelns.

 

„Leute, macht die Fackeln aus, wir brauchen sie fürs Springer-Haus“

Die Wut der Demonstrierenden in der ganzen Republik richtet sich vor allem auch gegen den Axel Springer Verlag und dessen Zeitungen wie BILD und Welt. Der Medienkonzern hatte immer wieder zu Maßnahmen gegen die 68er-Bewegung aufgerufen. So hieß es in der BILD-Zeitung vom 07.02.1968 beispielsweise im Artikel „Stoppt den Terror der Jungen-Roten jetzt!“, dass „man […] nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen [darf].“ Neben dem Artikel war ein Foto von Rudi Dutschke abgedruckt. Für die Studierenden stand fest: Der Attentäter hat nur ausgeführt, wozu die Springer-Presse zuvor animiert hatte. In der ganzen Bundesrepublik versuchten die Demonstrierenden daher durch Barrikaden die Auslieferung der Zeitungen des Verlags zu verhindern. Teile des Verlagsfuhrparks gingen in Flammen auf. Redaktionsräume wurden verwüstet.

So kam es auch ganz in der Nähe von Mainz, vor der Frankfurter Societäts-Druckerei, die für die Herstellung der BILD-Zeitung mitverantwortlich war, zu Ausschreitungen. Einer der möglichen Gründe, warum die Mainzer Proteste vergleichsweise friedlich verliefen: In Mainz wurden schlicht keine Blätter des Springer Verlags gedruckt. Dennoch wurde auch hier starke Kritik geäußert. In einer ersten Stellungnahme der ESG hieß es, dass „[d]ie Springerpresse […] ungestraft eine Hetzkampagne gegen alle treibt, die die bestehende Ordnung nicht bedingungslos anerkennt.“ Der 3. Vorsitzende des AStA, Erwin Kreim, rief daher zum Widerstand „gegen die Vergewaltigung der Sprache“ auf. Auch Dutschke hatte zuvor scharfe Kritik geäußert, da Axel Springer für ihn „Garant und Propagandist des sozialen Scheinfriedens“ gewesen sei.

 

Die Auswirkungen des Attentats

Nach dem Anschlag verließ Dutschke Deutschland und ging ins Exil nach Dänemark
Quelle: Nationaal Archief
Fotograf: Hans Peters (Anefo)                                   Lizenz: CC-BY-SA 4.0

 

Die Studierenden in Mainz nahmen am tragischen Attentat auf Rudi Dutschke auf vielfältige Weise und in zahlreichen Veranstaltungen Anteil. Die Proteste ragten dabei oftmals von der Universität in die Stadt hinein. Während es in anderen Städten jedoch zu massiven Gewaltausbrüchen kam, blieben die Proteste an der JGU vergleichsweise ruhig. Dass die Proteste hier nicht eskalierten, lag nicht zuletzt am besonnenen Verhalten der Polizei und an der Tatsache, dass hier keine Zeitungen des Springer Verlags hergestellt wurden. Zudem sprachen sich die Mainzer Studis klar gegen die Anwendung von Gewalt aus.

Dutschke selbst überlebte den Angriff zwar schwerverletzt, zog sich danach aber ins Exil nach Dänemark zurück, wo er Weihnachten 1979 an den Spätfolgen des Mordversuchs starb. Während die APO mit dem Attentat eine ihrer Führungsfiguren verlor, fanden in Mainz die Ereignisse rund um die Studierendenbewegung im Mai 1968 erst während der Proteste gegen die Notstandsgesetze ihren Höhepunkt.

 

…Dutschke und Mainz?

Eine Frage konnte ich im Rahmen meiner Recherchen leider nicht beantworten: In welcher Beziehung stand Dutschke eigentlich zu Mainz? Hatte Dutschke Mainz besucht? Und wenn ja, in welchem Kontext? Falls ihr Informationen dazu habt, würde ich mich über eure Nachricht oder euren Kommentar freuen!

 

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften