Universitätsarchiv

Skandal im Kunstbezirk

Als diese Postkarten der Universitätssammlungen vor einiger Zeit in der Uni auslagen, hat sich mancher gefragt, an was man da eigentlich denken soll. Manchmal sind die Dinge eben weniger offensichtlich als sie aussehen. Ich will euch daher eine Geschichte über die Macht von Klopapier erzählen: Es kann nicht nur Retter in höchster Not sein, sondern auch eine Universität blamieren. Und mit Kunst hat es selbstverständlich auch zu tun.

Das glaubt ihr nicht?

 

Ein Märchen aus tausend und einer Rolle

Vor langer Zeit, in einer kleinen Stadt am Rhein, in der sich viel um Wein, Fassenacht und Studium drehte, gab es nicht nur Fabriken für Wein, Pappnasen und Unibedarf sondern noch eine entscheidendere Industrie: Die HAKLE-Werke. Dort wurde ein Papierprodukt hergestellt, zu dem jeder von uns engen Kontakt pflegt: Klopapier. Nachdem Hans Klenk (HAns KLEnk, darauf muss man erst einmal kommen☺) 1928 den Papierbetrieb in seiner Heimatstadt Ludwigsburg gegründet hatte, verlagerte er ihn 1934 nach Mainz, wo Klenk im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Und zwar als Kommandant eben jener Flakkaserne, die später den Grundstein der JGU bilden sollte.

Der von Hans Klenk gestiftete Bürgerbrunnen am Forum universitatis.
Foto: Axel Stephan. Quelle Universitätsarchiv Mainz S3, Nr. 2403

Klenk setzte auf ein Produkt, das immer Konjunktur hat. Dieser unternehmerische Erfolg kam auch seiner neuen Wahlheimat zu Gute. Als Mäzen schenkte er der Stadt Mainz viele Dinge, die halfen, Mainz noch schöner zu machen: neue Chorfenster für St. Stephan, ein Kriegerdenkmal für seine Wohngemeinde Gonsenheim und einiges mehr.

Dabei vergaß er auch in Friedenszeiten seine alte Kriegs-Wirkungsstätte nicht. Hans Klenk schenkte der Uni nicht nur den Bürgerbrunnen am Forum universitatis, sondern griff der JGU öfter auch finanziell unter die Arme, wie zahlreiche Aktenbelege im Universitätsarchiv zeigen, was die JGU ihm unter anderem mit der Ehrenbürgerwürde dankte. Denn nicht nur die Stadt Mainz verleiht diese Würde (wie vor kurzem an Margit Sponheimer, um nur nochmal auf die Fassenacht zurückzukommen), sondern auch die Universität selbst. Nebenbei vertrat der Papierfabrikant auch noch die Republik Panama in der Bundesrepublik als Honorarkonsul.

 

Werke alter Meister?

Unter dem Titel „Werke alter Meister in Privatbesitz“, eröffnete heute vor 50 Jahren, am 07.05.1968, eine Ausstellung mit etwas unrühmlicher Geschichte im Kunstgeschichtlichen Institut der JGU. Die gezeigten Gemälde stammten aus der Klenk‘schen Privatsammlung, ins Leben gerufen, da er der Meinung war, dass auch anderen Menschen diese Kunstwerke zugänglich sein müssten.

Gekauft hatte er diese beim Stuttgarter Kunsthändler Friedrich Kohn, der sich selbst den etwas anachronistisch wirkenden Titel „Hausjude mehrerer Adelsgeschlechter und erster Fürstenhäuser“ gab. Was damals noch nicht bekannt war: Kohn verkaufte oft Bilder zu stark überhöhten Preisen, indem er Werkstattarbeiten oder Kopien von berühmten Malern als Originalbilder der Künstler ausgab. Gemogelt wurde in der Kunstwelt eben schon immer und es ist kein Ende in Sicht, wie der Fall Wolfgang Beltracchi  zeigt. So auch in diesem Fall, der in Teilen an die Filmsatire „Schtonk!“ denken lässt.

Richard Hamann-Mac Lean, Direktor des Kunstgeschichtlichen Instituts der JGU beteiligte sich an der Organisation der Ausstellung in seinem Institut und steuerte ein Vorwort für den Ausstellungskatalog bei. In der ersten Version des Katalogs schlug dieser zunächst vorsichtige Töne an: Die großen Meister, deren Namen in diesem Katalog erscheinen, wie - „Robert Campin, Rubens, Rembrandt, Velazquez - sind [...] nicht mit eigenen Werken vertreten“. Was ihre Kunst einst bedeutet habe, sei jedoch "auch einer Replik anzusehen".

Doch Klenk wollte nicht wahrhaben, dass er sich hatte übers Ohr hauen lassen. Auf Wunsch des Fabrikanten änderte Hamann-Mac Lean diesen Passus und formulierte, dass Rubens und die anderen vorgenannten alten Meister „nicht mit Spitzenleistungen“ vertreten seien. Um die Bedeutungsverschiebung dieser eher kleinen Umformulierung zu begreifen, muss man freilich kein Sprachwissenschaftler sein: Hamann-Mac Lean, der seiner Darstellung nach nie davon überzeugt gewesen war, dass die ausgestellten Bilder Originalarbeiten der alten Meister waren, konnte nun auch so verstanden werden, dass es sich bei Klenks Exponaten um Originalarbeiten handelte. In einem hierüber verfassten Spiegel-Artikel wird Hamann-Mac Lean zitiert,  diese sprachliche Anpassung sei "nach langem Zögern, innerlich widerstrebend, nur mit Rücksicht auf vermeintliche Verpflichtungen der Universität gegenüber ihrem Mäzen" geschehen.

 

Wer den Schaden hat…

Dem Vorfall wurde eine enorme mediale Aufmerksamkeit zuteil. Plötzlich wollte jeder Autor vorher längst gewusst haben, dass es sich bei den Werken höchstens um Werkstattarbeiten handeln konnte. Nur gesagt hatte dies natürlich keiner in dieser Deutlichkeit.

Klenks Schaden war vor allem finanzieller Natur, denn die gezeigten Werke hätte er bei richtiger Etikettierung deutlich günstiger erstehen können. Seinen Ruf als Ehrenmann verteidigte er mit zahlreichen Empfehlungsschreiben Mainzer Honoratioren.

Da die Ausstellung in den Räumen der Universität stattfand, erklärte sich der Kultusminister Bernhard Vogel in dieser Sache ebenfalls als betroffen. Hamann-Mac Lean schrammte nur knapp an einem Disziplinarverfahren vorbei, da man seine Umformulierung durchaus als unlautere wissenschaftliche Praxis auslegen konnte. Der Kultusminister sah dann aber doch davon ab.

 

… braucht für den Spott nicht zu Sorgen

Wie viele Dinge in Mainz fand die Angelegenheit zur Fassenacht einen krönenden Abschluss. Noch bis in den Februar 1969 beschäftigte der Vorfall die Zeitungen. Für den Straßenkarneval wurde ein eigener Motivwagen gefertigt. Er zeigte eine große Klopapierrolle und trug den Titel „Mainzer Neuheit. 1000 Blatt mit Expertisen“. Doch der Wagen kam nicht zum Einsatz. Angeblich hatte eine sehr großzügige Spende (ein Artikel der AZ spricht von 50.000 DM) die Organisatoren des Zuges dazu veranlasst, den Wagen zurückzuziehen.

Sie hatten aber die Rechnung ohne die Mainzer Studierenden gemacht. Einige von ihnen reihten sich kurzerhand in den Zug ein und zeigten Plakate mit der Aufschrift „Perlkrepp hält den Hintern reine, den Fastnachtszug des Konsuls Scheine“. Dies stieß auf großem Zuspruch der Bevölkerung, die den Studis zur Seite stand, als man die „Störenfriede“ aus dem Zug entfernen wollte.

Was lernen wir daraus? Klopapier kann einiges für die Kunst tun, sie aber nicht in jedem Fall blank polieren. Und irgendwie geht dreht sich Mainz am Ende doch alles wieder um die Fassenacht.

Im nächsten Artikel erfahrt ihr, warum der Mai vor fünfzig Jahren in Mainz besonders heiß war…

 

Wer sich bis dahin noch ein bisschen die Zeit vertreiben oder mehr über die „Werke alter Meister in Privatbesitz“ erfahren will, kann ja mal in den Ausstellungskatalog und den dazugehörigen Ergänzungsband schauen.

 

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Drei Schüsse, die die 68er-Bewegung veränderten

Ein junger Familienvater wartet auf seinem Fahrrad sitzend in der Nähe einer Apotheke darauf, dass diese nach der Mittagspause wieder öffnet. Er muss Medikamente für seinen neugeborenen Sohn besorgen. Ein Mann kommt plötzlich auf ihn zu. Nachdem dieser den Studenten nach seiner Identität gefragt hat, zieht er blitzschnell eine Pistole. Es fallen drei Schüsse. Sie treffen das Opfer in die Brust, am Halsansatz und ins Gehirn. Es bricht schwer verletzt zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Nach einer mehrstündigen Notoperation befindet sich der Mann zunächst in Lebensgefahr.

Der Tatort auf dem Berliner Kurfürstendamm
Quelle: Polizei Berlin, Lizenz CC-BY-SA 4.0

Diese Ereignisse fanden heute vor genau 50 Jahren, am Gründonnerstag 1968, statt. Ihr habt es bestimmt schon erkannt: Die Rede ist vom Attentat auf Rudi Dutschke vor der Westberliner Zentrale des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Der Mordversuch löste eine heftige Protestwelle in der ganzen Bundesrepublik aus. Während in den Zentren der 68er-Bewegung in Berlin und Frankfurt heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei entbrannten, blieben die Proteste in Mainz friedlich. Wie kam es dazu? Und vor allem: Wie reagierten die Studis an der JGU auf den politischen Mordanschlag?

 

Teach-Ins und Straßenbarrikaden vs. Wasserwerfer und Schlagknüppel

Die Nachricht vom Attentat auf einen der Anführer der APO (Außerparlamentarische Opposition) verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nur eine Woche nach der Ermordung Martin Luther Kings in Memphis wurden nun auch in der BRD Straßenbarrikaden errichtet. Die heftigen Proteste nahmen zum Teil bürgerkriegsähnliche Zustände an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagknüppel gegen die Demonstranten ein. Über Ostern kam es zu mehreren hundert Festnahmen. Der Pressefotograf Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck verloren bei den Straßenschlachten in München ihr Leben.

Mit dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 hatten die Studentenproteste in der ganzen Republik und auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt an Fahrt aufgenommen. Studierende organisierten das erste Teach-In an der JGU. Im Frühling 1968 gehörte diese Veranstaltungsform in Mainz bereits zum studentischen Alltag. Eine Woche nach dem Dutschke-Attentat wurde ein Teach-In auf dem Forum universitatis organisiert.

 

Gewalt ist keine Lösung, aber…

Auch Rektor Adolf Adam nahm an der Veranstaltung teil, für die er am Nachmittag des 18. April sogar vorlesungsfrei gab. Adam verurteilt das Attentat in einer Stellungnahme als „verabscheuungswürdige Tat“, distanzierte sich aber zugleich „von jeden Gewalttätigkeiten, die dem Verbrechen gefolgt sind.“ Er rief „zu echter Toleranz vor der Überzeugung der Mitmenschen“ und zur Distanzierung „von jeglicher Gewalttätigkeit“ auf.

Auch alle studentischen Hochschulgruppen der JGU sprachen sich gegen die Anwendung von Gewalt zur Durchführung von politischen und gesellschaftlichen Zielen aus. Wobei der SDS zwischen der Gewalt gegen Sachen und Menschen unterschied und zumindest letztere nun „mit noch größerer Entschiedenheit“ ablehnte. Ebenso wie Dutschke, der zwischen diesen Gewaltformen differenzierte, auch wenn er auf das Mittel der Provokation setzte, um auf sein Gesellschaftsbild aufmerksam zu machen.

 

Megafon statt Wasserwerfer

Demonstrierende in Mainz nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke. Quelle: Stadtbuch Mainz

Das Teach-In war aber bei weitem nicht die einzige Veranstaltung in Mainz als Reaktion auf das Attentat. Bereits am Morgen danach fand eine spontane Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz statt, gefolgt von einem Schweigezug durch die Innenstadt sowie einer Kundgebung auf dem Theaterplatz. Unter den rund 200 Teilnehmern befand sich auch der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Die Demonstrierenden benannten auf Spruchbändern, Handzetteln und in ihren Reden vor allem die Große Koalition sowie die drei großen Parteien CDU, SPD und FDP als Schuldige für den Mordanschlag.

Da bei der kurzfristigen Organisation keine Lautsprecheranlage zur Verfügung stand, lieh die Polizei den Studierenden kurzerhand ein Megafon. Dieser Vorfall steht symbolisch für den Charakter der 68er-Bewegung in Mainz und das Verhältnis von Polizei und Studierendenbewegung. Während in anderen Städten Polizisten gegen die Demonstrierenden mit Wasserwerfern und Schlagknüppeln vorgingen, war der Umgang zwischen den Ordnungshütern und Studierenden respektvoll.

 

„Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“

Demonstration nach Attentat auf Rudi Dutschke.
Quelle: Stadtbuch Mainz Bd 2, S. 82

Aber nicht nur die Polizei zeigte sich gegenüber den Protestierenden verständnisvoll. Bereits vor der Demonstration war es am Karfreitag zu einem Zwischenfall in der Christuskirche gekommen. Drei Mitglieder des SDS traten unmittelbar vor dem Gottesdienst vor die Gemeinde. Ihr Anliegen: „den schwerverletzten Dutschke ins Gebet einzuschließen, Aufruf zur Demonstration, Diskussion über Vietnam, den Mord an Dr. Martin Luther King und den Anschlag auf Dutschke.“ Zwar beschwerten sich die Gottesdienstbesucher lautstark über die Aktion und komplimentierten die drei mit „sanfter Gewalt“ nach draußen. Doch am Ostersonntag arrangierte sich Pfarrer Hickel mit den SDSlern. Es kam zu einer Diskussion unter der Leitung des Theologie-Professors Gert Otto. Nach einer Stunde ließ das Interesse nach und man einigte sich darauf, im Wolfgang-Capito-Haus der Gemeinde weiter zu diskutieren.

Dass der SDS einen Gottesdienst als Rahmen für eine seiner Aktionen nutzte, ist nicht weiter verwunderlich. Rund ein Viertel seiner damaligen 55 Mitglieder waren Studierende der Evangelischen Theologie. Das Albert-Schweitzer-Haus der ESG (Evangelische Studierendengemeine) entwickelte sich sogar zu einem Zentrum der Mainzer 68er-Bewegung.

Aber auch die KHG (Katholische Hochschulgemeinde war nach dem Attentat aktiv. Am 19. April mobilisierte sie 250 Menschen zu einen Schweigemarsch unter dem Motto „Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“. Rudi Dutschke selbst war nicht nur überzeugter Sozialist, sondern auch Christ. So ist er in der Jungen Gemeinde, der Jugendorganisation der evangelischen Kirche der DDR, aktiv gewesen, bevor er nach Westberlin floh. Das christliche Ideal der Gerechtigkeit wurde zum Leitmotiv seines politischen Handelns.

 

„Leute, macht die Fackeln aus, wir brauchen sie fürs Springer-Haus“

Die Wut der Demonstrierenden in der ganzen Republik richtet sich vor allem auch gegen den Axel Springer Verlag und dessen Zeitungen wie BILD und Welt. Der Medienkonzern hatte immer wieder zu Maßnahmen gegen die 68er-Bewegung aufgerufen. So hieß es in der BILD-Zeitung vom 07.02.1968 beispielsweise im Artikel „Stoppt den Terror der Jungen-Roten jetzt!“, dass „man […] nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen [darf].“ Neben dem Artikel war ein Foto von Rudi Dutschke abgedruckt. Für die Studierenden stand fest: Der Attentäter hat nur ausgeführt, wozu die Springer-Presse zuvor animiert hatte. In der ganzen Bundesrepublik versuchten die Demonstrierenden daher durch Barrikaden die Auslieferung der Zeitungen des Verlags zu verhindern. Teile des Verlagsfuhrparks gingen in Flammen auf. Redaktionsräume wurden verwüstet.

So kam es auch ganz in der Nähe von Mainz, vor der Frankfurter Societäts-Druckerei, die für die Herstellung der BILD-Zeitung mitverantwortlich war, zu Ausschreitungen. Einer der möglichen Gründe, warum die Mainzer Proteste vergleichsweise friedlich verliefen: In Mainz wurden schlicht keine Blätter des Springer Verlags gedruckt. Dennoch wurde auch hier starke Kritik geäußert. In einer ersten Stellungnahme der ESG hieß es, dass „[d]ie Springerpresse […] ungestraft eine Hetzkampagne gegen alle treibt, die die bestehende Ordnung nicht bedingungslos anerkennt.“ Der 3. Vorsitzende des AStA, Erwin Kreim, rief daher zum Widerstand „gegen die Vergewaltigung der Sprache“ auf. Auch Dutschke hatte zuvor scharfe Kritik geäußert, da Axel Springer für ihn „Garant und Propagandist des sozialen Scheinfriedens“ gewesen sei.

 

Die Auswirkungen des Attentats

Nach dem Anschlag verließ Dutschke Deutschland und ging ins Exil nach Dänemark
Quelle: Nationaal Archief
Fotograf: Hans Peters (Anefo)                                   Lizenz: CC-BY-SA 4.0

 

Die Studierenden in Mainz nahmen am tragischen Attentat auf Rudi Dutschke auf vielfältige Weise und in zahlreichen Veranstaltungen Anteil. Die Proteste ragten dabei oftmals von der Universität in die Stadt hinein. Während es in anderen Städten jedoch zu massiven Gewaltausbrüchen kam, blieben die Proteste an der JGU vergleichsweise ruhig. Dass die Proteste hier nicht eskalierten, lag nicht zuletzt am besonnenen Verhalten der Polizei und an der Tatsache, dass hier keine Zeitungen des Springer Verlags hergestellt wurden. Zudem sprachen sich die Mainzer Studis klar gegen die Anwendung von Gewalt aus.

Dutschke selbst überlebte den Angriff zwar schwerverletzt, zog sich danach aber ins Exil nach Dänemark zurück, wo er Weihnachten 1979 an den Spätfolgen des Mordversuchs starb. Während die APO mit dem Attentat eine ihrer Führungsfiguren verlor, fanden in Mainz die Ereignisse rund um die Studierendenbewegung im Mai 1968 erst während der Proteste gegen die Notstandsgesetze ihren Höhepunkt.

 

…Dutschke und Mainz?

Eine Frage konnte ich im Rahmen meiner Recherchen leider nicht beantworten: In welcher Beziehung stand Dutschke eigentlich zu Mainz? Hatte Dutschke Mainz besucht? Und wenn ja, in welchem Kontext? Falls ihr Informationen dazu habt, würde ich mich über eure Nachricht oder euren Kommentar freuen!

 

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften

Kommt ein Pantoffel geflogen…

 

 

Eine solche Anzeige könnte am Anfang einer Aktion gestanden haben, mit der die Mainzer 68er nachhaltig versucht haben, der Uni ihren Stempel oder besser ihre Sohle aufzudrücken. Zwar werden Politiker immer wieder mit Schuhen beworfen (so bspw. George W. Bush 2008 bei seinem Abschiedsbesuch im Irak), aber wer würde vermuten, dass so etwas auch in der beschaulichen rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt vorkommen könnte?

 

Fakten, Fakten, Fakten

Flugblatt mit einem "Besinnungsaufsatz", in dem sich Christian Boblenz zur Tat bekennt. Quelle: Universitätsarchiv

Über das, was wirklich passiert ist, scheiden sich wie so oft die Geister. Deshalb hier erstmal die harten Fakten:

Vom 15. bis 18. Januar 1968 fanden die StuPa-Wahlen an der Uni statt und die Stimmung unter den Studis war aufgrund der vorhergegangenen nobis-Verbrennung immer noch aufgeheizt. Um seine Chancen bei den Wahlen zu erhöhen, hatte sich der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) für den 16. Januar den amtierenden Kultusminister Bernhard Vogel (CDU) eingeladen, der einen Vortrag über „Bildungspolitik an Hochschulen“ im auditorium maximum hielt. Neben der zu erwartenden konservativen Anhängerschaft des RCDS waren aber auch zahlreiche SDS-Studierende (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) gekommen. Während Vogels Rede nahm ein Studi ein Paar Filzpantoffeln zur Hand und warf diese auf den Kultusminister. Die ungewöhnlichen Wurfgeschosse verfehlten Vogel aber knapp und trafen die hinter ihm liegende Wand. Und das war es schon mit den gesicherten Informationen…

 

 

 

„Auf einen groben Kultusminister gehört ein weicher Filzpantoffel“

Was dann geschah und wer woher warum anwesend war, ist auch 50 Jahre nach dem Ereignis noch unklar. Der RCDS berichtet in einem Flugblatt davon, dass eine Gruppe von SDS-Studierenden aus Frankfurt, Marburg und Mainz solange versuchten, die Veranstaltung zu stören, bis ihnen die Luft ausging. Als letzter Weg, um den Vortrag des Ministers zu verhindern, griff der SDS zu den Pantoffeln und warf diese nach Vogel. Der Angreifer soll ein Marburger SDSler gewesen sein. In der Folge sei der Minister ganz ruhig geblieben und habe seinen Vortrag fortgesetzt. Fragt man ihn selbst, berichtet er (allerdings auch als einziger), dass er die Schuhe postwendend ins Publikum zurückgeschleudert habe (nachzulesen in "Deutschland aus der Vogelperspektive").

Noch lange Ziel von Protest Unter dem Motto "Vogel-Tribunal hielt ein Bündnis aus Schülern Studis und Azubis 1974 einen fiktiven Gerichtsprozess gegen Vogel ab. Foto: Thomas Hartmann

So viel Elan und Spontanität war dem damaligen Kultusminister durchaus zuzutrauen, gehörte er doch mit dem ebenfalls anwesenden Heiner Geißler zur jungen Garde des Kabinett Kohl (genau, der Kohl mit dem Saumagen, Gorbatschow und Oggersheim). Vogel war zu dieser Zeit erst vier Wochen im Amt und mit 36 Jahren kaum älter als die Studis, vor denen er sprach.

Der SDS selbst bestritt die Teilnahme der Marburger Genossen und lieferte einen anderen Täter. Von Seiten der Mainzer Studis bekannte sich der Theologiestudent Christian Boblenz in einem „Besinnungsaufsatz“ zum Wurf und schilderte dort das Geschehen aus seiner Sicht. Seiner Meinung nach wurde der kritische Teil des Publikums „einfach mit dem Lautsprecher totgebrüllt“. Außerdem habe er als Pazifist nie wirklich versuchen können Vogel zu treffen und deswegen absichtlich über den Kultusminister geworfen.

Da er qua Amt für die Hochschulen im Land zuständig war und als CDU-Mitglied ein dankbares Feindbild für die linksgerichteten Studis abgab, wurde er in der folgenden Zeit wiederholt Ziel studentischen Protests. So saß ein Bündnis aus Lehrlingen, Studis sowie Schülerinnen und Schüler fast auf den Tag genau sechs Jahre später über Vogel zu Gericht. Sie veranstalteten ein „Vogel-Tribunal“, um beim Kultusminister die Abschaffung des „Radikalenerlaß“ zu fordern.

 

Und warum das Ganze?

Nicht zuletzt sollte natürlich erwähnt werden, wie es überhaupt dazu kam, dass Bernhard Vogel Ziel eines Paars Pantoffel wurde. Der eigentliche Auslöser der aufgeheizten Stimmung war das Verbot der Wanderausstellung „Lübkes und Kiesingers braune Vergangenheit“, in der die Nazivergangenheiten des Bundespräsidenten Heinrich Lübke und des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger thematisiert wurden. Rektor Adolf Adam gab hierfür aber keine Räumlichkeiten der Universität frei. Weil die Studis hierin einen Eingriff in die studentische Selbstverwaltung sahen, bauten sie die Ausstellung am 15.01.1968 kurzerhand im Lesezimmer des AStAs wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt konnte natürlich noch niemand wissen, dass die brisanten Informationen über Lübke teilweise aus den Akten der Stasi stammten, die mit überspitzt dargestellten Belegen versuchte, die politische Führung der Bundesrepublik als glühende Nazis darzustellen. Vermutlich waren die Informationen in dem 1965 erschienen „Braunbuch“  der Nationalen Front der DDR entnommen, wo sich neben Artikeln zu Lübke und Kiesinger auch Pikantes zum Mainzer Juraprof Karl Maria Hettlage fand.

 

Aus dem Leben eines Schuhs

Empathische Schuhliebhaber werden nun zu Recht fragen, was mit den Pantoffeln passierte. Nun, diese waren der Höhepunkt des kurz darauf folgenden Balls der Nation am 27.01.1968. Dort präsentierte man in der ersten Auflage der „Miss Uni“ nicht nur die schönste Studentin des Campus, sondern versteigerte auch die skandalträchtigen Schlappen meistbietend. Nachdem dem FDP-Landtagsabgeordneten Günter Storch die Pantoffeln aber nur 12 Mark wert waren, wanderte das Paar für 21 Mark in unbekannte Liebhaberhände.

 

Daher ergeht folgender Appell: Lieber Liebhaber, solltest du das hier lesen, melde dich doch bitte beim Uniarchiv. Denn nur du kannst uns helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Sonst war die ganze Sache doch nur für die Füße…

 

Und für alle anderen: Wenn ihr nicht bis zum nächsten Artikel warten und euch lieber gleich auf die Socken machen wollt, um mehr über Mainz ‘68 zu erfahren, dann empfehle ich euch das 68er-Themenheft der Volkskunde in Rheinland Pfalz (2017)

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Aktenzeichen JGU… ungelöst!

 

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Schaulustige,

im folgenden Kriminalfall bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe:

Donnerstagabend, 21.00 Uhr: Die Dunkelheit hat bereits seit einigen Stunden ihren Schleier über Mainz gelegt. Doch plötzlich steigt sichtbar Rauch auf. Vor der Haupteinfahrt der Johannes Gutenberg-Universität wurde ein Feuer gelegt. Lodernd fallen mehrere hundert Exemplare einer Zeitung den Flammen zum Opfer und erhellen die Nacht. Augenzeugen eilen stürmisch herbei. Die Polizei wird gerufen. Diese Szenerie erinnert an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten und könnte sich auch 1933 so abgespielt haben. Tatsächlich fand sie aber genau heute vor 50 Jahren an unserer Universität statt.

 

Es brennt so schön

Hier befindet sich der mutmaßliche Tatort. Quelle: Universitätsarchiv Mainz

Am Abend des 4. Januar 1968 wurden hunderte ausgelegte Exemplare der Studentenzeitung nobis vermutlich aus der Alten Mensa entwendet. Anschließend wurden die Zeitungen gegen 21.00 Uhr vor der nahegelegenen damaligen Haupteinfahrt der Universität verbrannt. Mehrere Augenzeugen wurden durch das Feuer angelockt. Darunter einer der beiden Studentenpfarrer und ein Redakteur der Zeitung, deren Räumlichkeiten sich im nahegelegenen Forum befanden. Nur rund 150 Exemplare konnten geborgen werden.

Das Opfer war eine 29,6 cm große, zwei Tage alte nobis-Ausgabe. Am Tatabend war sie in weiß-lilafarbenes Gewand gekleidet und enthielt u. a. kritische Beiträge zu den Vorstellungen des akademischen Senats über die geplante neue Fassung der Universitätssatzung. War dies der Grund, warum sie den Flammen zum Opfer fallen musste?

Eine Polizeistreife wurde unmittelbar nach Bekanntwerden herbeigerufen. Die Täter konnten dennoch im Dunkeln der Nacht unbemerkt fliehen. Der Allgemeine Studentenausschuss erstattete daher Strafanzeige gegen unbekannt. In einem Flugblatt stellte der AStA klar, dass er hinter der Aktion ein politisches Motiv und Parallelen zu den Nazi-Bücherverbrennungen sehen würde. Der AStA rief alle Gruppen der Universität zu Stellungnahmen auf. Gruppierungen des gesamten politischen Spektrums – vom SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbund) bis zum RMK (Ring Mainzer Korporationen) – nahmen Stellung und verurteilten die Aktion. Für den SHB (Sozialistischer Hochschulbund) war die Verbrennung „praktizierter Faschismus“, der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) lehnte die Aktion „auf das Schärfste“ ab.

 

Keiner will‘s gewesen sein

Da der bzw. die Täter unerkannt entkommen konnte(n), schoben sich beide politischen Lager gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Die Verbrennung wurde in zahlreichen Flugblättern während des restlichen Wahlkampfes der Mitte Januar anstehenden StuPa-Wahlen thematisiert. Für den AStA stand die Verbrennung dabei in direktem Zusammenhang mit dem Wahlkampf: „Wer die Wahlversammlungen vor Weihnachten besuchte, weiß, dass bei der Anti-nobis-Kampagne nicht nur rationale Gründe eine Rolle gespielt haben, sondern auch die irrationale Abneigung gegen ein ‚linksintellektuelles‘ Blatt.“ Der RCDS hatte bei Wahlkampfveranstaltungen heftige Kritik an der Studentenzeitung geäußert.

Die Mainzer Allgemeine Zeitung ging in ihrer Ausgabe  vom 6./7. Januar 1968 auf die Verbrennung ein. Dabei wurden auch die Angriffe des RCDS auf die nobis und die Vermutungen des AStA thematisiert. Wegen dieser Vorwürfe sahen sich der RCDS und zwei Studentenverbindungen genötigt, in der AZ Stellung zu beziehen. Der RCDS verwies auf Spekulationen zahlreicher Studierender, dass die Redaktion ihre Zeitung selbst den Flammen zum Opfer gegeben habe. Schließlich hätten nur linksgerichtete Gruppierungen ein Motiv: Kurz vor den Wahlen hätten nur sie einen Nutzen, da man die Verbrennung den Kritikern des Blattes anhängen würde. Die Studentenverbindungen Merovinga Gießen zu Mainz und Hercynia Jenensis et Hallensis zu Mainz sahen in den Schuldzuweisungen gar einen Versuch der „primitiven Diffamierung“ seitens linker Gruppierungen. Erst mit dem SDS seien radikale Praktiken an deutschen Hochschulen eingezogen.

 

Burn NOBIS Burn

Die Redaktion bezichtigte sich unter dem Motto „Burn NOBIS Burn“ kurz darauf ebenfalls scherzhaft (?) selbst. Mit diesem „Heiz-Happening“ wolle man sich beim Axel Springer-Verlag entschuldigen, den die Studentenzeitung häufig kritisiert hatte.

In der darauffolgenden nobis-Ausgabe wurde die Verbrennung jedoch nicht näher thematisiert. Ausnahmen finden sich lediglich in der Leserbrief-Rubrik. Auf der einen Seite gab es nach dieser „Autodafé-Aktion“  Solidaritätsbekundungen der Heidelberger Studentenzeitung Forum Academicum. Auf der anderen Seite sorgte der Vergleich mit den Nazi-Bücherverbrennungen als „größenwahnsinnige Reaktion“ für Unverständnis.

 

Die bewegte Geschichte der „ältesten Studentenzeitung Westdeutschlands“

Hier seht ihr ein Portrait des Opfers. Quelle Universitätsarchiv Mainz

Das Opfer bezeichnete sich selbst als „älteste Studentenzeitung Westdeutschlands“ und konnte zum Tatzeitpunkt auf eine turbulente zwanzigjährige Geschichte zurückblicken. Die Zeitung und ihre Mitarbeiter eckten immer wieder an. So wurde der nobis-Redakteur Jörg Bilke 1961 beim Besuch der Leipziger Buchmesse wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Haft im DDR-Zuchthaus verurteilt. Auslöser hierfür waren DDR-kritische Artikel, die er in der nobis veröffentlicht hatte. Da man sich in den 1960er Jahren der APO zugehörig fühlte, organisierten nobis-Mitarbeiter verschiedentlich Protestaktionen mit, beispielsweise gegen die große Koalition im November 1966.

Die nobis wurde zwar vom AStA in Auftrag gegeben, agierte laut dem ehemaligen Chefredakteur Thomas Schneider aber weitestgehend unabhängig. Sie erschien sieben Mal im Jahr in einer Auflage von 8.000 Exemplaren. Ihre Leserschaft fand sie überwiegend unter den Angehörigen der JGU, aber ein kleiner Teil der Abonnenten war über die ganze Republik verteilt. Einige Leser hatte die Zeitung zudem auch im „Ostblock“, Westeuropa und sogar in Afrika. Dass ein Teil des Semesterbeitrags eines jeden Studierenden in die Finanzierung der Zeitung floss, war einer der Kritikpunkte, die im Vorfeld der Verbrennung geäußert wurden. Nicht selten fiel das Wort „Zwangsfinanzierung“, das uns ja auch heute immer mal wieder begegnet.

Im Januar 1969 nahm der alljährliche nobis-Presseball (ehemals „Ball der Nationen“) orgienhafte Züge an: Eine junge Frau soll sich „blitzartig“ ausgezogen und anschließend ein „heftiges Liebesspiel“ mit einem nur in Socken gekleideten Mann begonnen haben. Die Veranstaltung schlug daraufhin derart hohe Wellen, dass nicht nur der Universitätsrichter eingeschaltet wurde, sondern auch die Kriminalpolizei ermittelte. Wenig später kündigte der nun vom RCDS dominierte AStA den Vertrag mit der Zeitung auf. Begründung: „unklares Finanzgebahren und anstößige Gestaltung der Zeitschrift.“ Die nobis stellte daraufhin Ende März 1969 ihre Arbeit ein. Eine Ära fand ihr Ende.

 

Um sachdienliche Hinweise wird gebeten

Die Verbrennung der nobis hatte auf den Ausgang der Wahlen vermutlich nur bedingt Einfluss. Trotz der Schuldzuweisungen seitens des AStA konnte der RCDS als stärkste Fraktion ins StuPa einziehen. Bis heute ist nicht geklärt, wer letztendlich hinter dieser Aktion steckte.

Daher bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe. Jeder Hinweisgeber, der zur Aufklärung des Falls oder zur Ergreifung des, bzw. der Täter beiträgt, wird mit einem Mensagutschein belohnt.

 

Sachdienliche Hinweise nehmen das Universitätsarchiv sowie die Kommentarspalte des UB-Blogs entgegen.

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

Öffnungszeiten zu Weihnachten und zum Jahreswechsel

Arbeiten zwischen den Jahren

BB Philosophicum und BB Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sind in der Zeit 27.12. - 30.12.2017 für Sie von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Zentralbibliothek mit BB Georg Forster-Gebäude ist vom 28.12. - 30.12.2017 von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Sie können über die Selbstverbuchungsgeräte ausleihen und Medien zurückgeben. Magazinbestellungen sowie das Abholen / die Rückgabe von Fernleihen sind leider nicht möglich und die Informationstheken sind nicht besetzt.

Weihnachten und Jahreswechsel

Alle Bibliotheksstandorte sind geschlossen: 24.12. - 26.12.2017 und 31.12.2017 - 01.01.2018

Wegen interner EDV-Arbeiten ist die Zentralbibliothek mit BB Georg Forster-Gebäude am 27.12.2017 geschlossen.

Folgende Standorte sind schon ab 23.12.2017 - 01.01.2018 geschlossen:

  • Ethnologie und Afrikastudien
  • Musikwissenschaften
  • Physik, Mathematik, Chemie mit Biologie
  • Polonicum / Turkologie
  • Theologie
  • Universitätsmedizin
  • Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaften
  • Zahnklinik

Das Universitätsarchiv ist vom 23.12.2017 - 03.01.2018 geschlossen.

Wir wünschen Ihnen einen schöne Weihnachtszeit und alles Gute für 2018!

Unter Mainzer Talaren – Vergangenes aus 1000 Jahren?

Wer kennt nicht den griffigen Slogan „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“? Dieses Spruchband trugen die Hamburger Studenten Gert Hinnerk Behlmer und Detlev Albers bei der Rektoratsübergabe am 09. November 1967 vor ihren Professoren her. Aber was meinten Sie damit? Wurde an der Hamburger Uni nie gelüftet und geputzt, oder geht es hierbei eher um die tiefen gesellschaftlichen Umwälzungen der frühen Bundesrepublik? Wie war das denn in Mainz? Haben unsere vorangegangenen Kommilitonen ebenso gegen das „Establishment“ aufbegehrt, oder war in der piefigen Bischofsstadt alles nur halb so wild?

Die Studis wehrten sich damals vor allem gegen die „verkrusteten Rituale“ der Universität, wie zum Beispiel den Rektoratsübergaben. So etwas gab es auch in Mainz. Besonders interessant ist hier die Übergabe im Jahr 1967, denn es war die letzte, welche die Uni Mainz in dieser Form erleben sollte. Im Vorfeld kam es aufgrund eines Interviews des Rektors Adolf Adam im Gutenbergbrief zu Aufregungen; der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) verteilte an dem Morgen Flugblätter an die Ehrengäste der Veranstaltung.

Was könnte damals in den Köpfen der Profs und vor allem der Studis vorgegangen sein? Wir wollen uns in die fiktive Gedankenwelt eines Professors und einer Studentin vor der Rektoratsübergabe heute vor 50 Jahren hineinversetzen.

Zur Sicht des Professors
Zur Sicht der Studentin


Der Professor:

„Wieder einmal ist es so weit. Die Rektoratsübergabe ist einer der Höhepunkte des akademischen Jahres. Gaudeamus igitur. Seit meine collegae und ich die alma mater moguntiensis, heute bekannt als Johannes Gutenberg-Universität Mainz, aus einem 150 jährigen Dornröschenschlaf wiedererweckt haben, wird dieser Festakt stets im Stadttheater [heute: Staatstheater] ausgerichtet. Denn hier hat nicht nur das akademische Publikum die Gelegenheit den neuen Rector magnificus [heute: Universitätspräsident] im Amtsjahr zu begrüßen, sondern auch die Honoratioren der Stadt und des Landes nehmen gerne Anteil an dieser ehrwürdigen Veranstaltung. Diese orientiert sich an der fast 500 jährigen Tradition unserer Universität. 

Die Zeremonie läuft daher nach folgendem Ritual ab: Zu Beginn kleiden wir uns in der domus universitatis um. Über unseren Anzügen legen wir Talare an, um klar als Vertreter des akademischen Standes erkennbar zu sein. Hierbei handelt es sich um ein weites schwarzes Gewand mit farbigen Abnähungen, die die Fakultät des Trägers erkennen lassen. Meine Zugehörigkeit zur Philosophischen Fakultät wird durch blaue Abnähungen repräsentiert. Dazu gehört ein kleidsames Barrett. Anschließend zieht der Zug feierlich hinüber zum Stadttheater. Die schon einmal von der Mainzer Bürgerschaft ergangenen, sicher gut gemeinten, „Helau-Akklamationen“ schädigen nicht nur den guten Ruf der Universität, sondern geben dieses ehrwürdige Ritual der Lächerlichkeit preis. Uns voraus gehen zwei Pedelle, die die Zepter der Universität tragen. Diese, an die römischen fasces angelehnten Stäbe dienen aber nicht mehr dazu Angreifer abzuwehren, sondern repräsentieren die Macht (oder sollte man besser sagen: „auctoritas“?) des Rektors. Im Stadttheater angekommen gehen wir zu unseren durch rote Bänder abgetrennten, reservierten Plätzen. Um als Amtsträger schneller erkennbar zu sein, trägt der Rektor einen roten Talar.

Einzug der Professoren: Der Rektor ist gut an seiner Amtskette zu erkennen. Ihm und seinem designierten Nachfolger wird eines der Zepter der Universität vorneweg getragen,
Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 1111

Die Leitung und vor allem Repräsentation der Universität obliegt ihm. Er wird jährlich aus der Reihe der Professoren gewählt, so dass immer ein anderer meiner Kollegen dieses Amt bekleidet. Unterstützt wird er hierbei vom Senat, welcher als Parlament der Universität fungiert. Durch den jährlichen Amtswechsel ist gewährleistet, dass es sich hierbei immer um einen primus inter pares handeln muss. Denn man ist nur kurze Zeit aus dem Kreis der Kollegen enthoben, um nach Ablauf der Amtszeit wieder in ihre Reihe aufgenommen zu werden.  Um Sicherzustellen, dass die Fakultäten alle zu ihrem Recht kommen und nicht einseitig nur eines der Fächer gefördert wird, entstammt der Rektor jedes Jahr einer anderen Fakultät [heute: Fachbereich]. Um sich für dieses Amt zu qualifizieren ist es nötig mindestens vier Semester dem Lehrkörper zuzugehören. Dies sichert die Universität vor heißblütigen Schnellschüssen neu Hinzugekommener und garantiert Kontinuität im universitären Betrieb. Dieses ausgeklügelte System, welches sich in dieser Form schon seit vielen hundert Jahren fortschreibt, ist daher am besten geeignet, den Fortbestand der alma mater moguntiensis zu sichern. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sich an diesem System verbessern lassen sollte, was unsere Vorväter nicht bereits in Angriff genommen haben.

Die Studentenschaft betrachtet diese causa anders und fordert lautstark eine reformatio der Universität. Wie zu Luthers Zeiten überschwemmen sie den Campus mit Flugblättern, auf denen sie ihre überzogenen Forderungen kundtun. So auch heute auf dem Vorplatz des Stadttheaters. Wenig geprägt von den Entbehrungen des Krieges und der straffen Disziplin des Militärs begehren diese Halbstarken in Begleitung studierender und ebenfalls flugblattverteilender Fräuleins auf und gedenken das akademische Leben aus seinen Grundfesten zu heben. Immer wieder hört man die Mär, dass dem Student nicht ausreichend Mitbestimmung zugebilligt werde. Dabei ist es gute Sitte eines Allgemeinwesens, dass stets die älteren, mit mehr Weisheit und Lebenserfahrung ausgestatteten Individuen die Geschicke zu leiten vermögen. Welche Rolle halbwüchsige in Mitten ihrer akademischen Ausbildung stehende Jungen und Mädchen spielen sollen, ist mir immer noch nicht ganz einsichtig. Am Ende kämen wir noch so weit, ihnen ein mit den Professoren gleiches Stimmrecht mit Sitz und Stimme im Senat anbieten zu müssen. Man verstehe mich nicht falsch: Es ist das innigste Anliegen der Universität als Bildungsanstalt die jungen Menschen zu formen und ihnen in ihrer Entwicklung dienlich zu sein. Doch all dies sollte in den hierfür schicklichen Grenzen und mit dem nötigen Respekt vor dem Lehrkörper geschehen.“


Die Studentin:

„Eigentlich hätte ich gerne heute ausgeschlafen, schließlich ist ja Samstag!...Aber was macht man nicht alles für die gute Sache? Noch schnell die Flugblätter eingepackt und schon bin ich aus der Haustür.

Am Gutenberg-Denkmal gegenüber des Stadttheaters treffe ich mich um halb 10 mit den Genossen vom SDS für eine letzte Aktionsbesprechung. Proteste anderer Hochschulgruppen sucht man vergebens. Ein Armutszeugnis! Interessiert sich eigentlich sonst niemand für die Missstände an unserer Uni? Wenigstens wir vom SDS wollen unseren Unmut über die alljährliche Rektoratsübergabe zum Ausdruck bringen. Sie ist nicht weniger als ein Symbol des autoritären Hochschulsystems.

Schon länger setzen wir uns für die Abschaffung dieser vollkommen veralteten Selbstbeweihräucherung der Altnazi-Ordinarien ein, die hier unbeirrt ihre Allmachtsphantasien ausleben. Wacht auf! Wir leben im Jahr 1967 und nicht 1567! Der AltHERRENverein blendet völlig aus, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben und nicht in einer Diktatur. Aber wollen sie das wissen? Mit ihren Taten aus der NS-Zeit mussten SIE sich ja auch nie auseinandersetzen!

Da treffen auch schon die ersten Ehrengäste wie Ministerialdirektor Altmeier und Kultusminister Vogel ein. Wir drücken Ihnen unsere Flugblätter in die Hand. Auf denen steht geschrieben „Dieser Rektor ist nicht unser Rektor“.

In den letzten Wochen wurde immer deutlicher, wie untragbar der neue Führer der Uni ist. Der neugewählte Rektor Adolf Adam – was für ein passender Vorname! – machte immer wieder deutlich, dass er ein Verfechter des autoritären Hochschulsystems ist. Er meinte ernsthaft, dass wir Studierende weder ein politisches Mandat hätten, noch in der Lage seien, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Wer, wenn nicht wir, soll denn auf die ganzen politischen und gesellschaftlichen Missstände hinweisen? Nur die Masse klein halten und ja nicht zum kritischen Denken verführen! Hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eigentlich irgendetwas verändert? Zuhause und in der Schule musste ich mir immer wieder anhören, dass unter‘m Führer ja nicht alles schlecht war – nur das mit den Juden hätte halt nicht sein müssen. Alles Quatsch mit brauner Soße. Der Nationalsozialismus war ein imperialistisch-reaktionäres System unter Führung des Großkapitals - da gibt’s nix zu beschönigen!

Meine letzte Hoffnung war die Uni! Progressive Kräfte unter den Intellektuellen dieses Altnazi-Landes! Aber ich wurde in kürzester Zeit desillusioniert. Hier sind die Strukturen ja noch autoritärer als daheim! Die Student_Innen stellen zwar die größte Gruppe der Uniangehörigen, haben aber nahezu keine Mitsprache. Der AltHERRENverein bestimmt und wir sollen zu allem Ja und Amen sagen. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Eine gleichberechtigte Mitsprache wäre doch das Mindeste! Schließlich geht es um unsere Ausbildung und Zukunft. Auch beim heutigen Brimborium spielen die Studenten_Innen überhaupt keine Rolle. Man sucht sie hier nahezu vergebens. Eine der wenigen Ausnahmen: Ein paar revisionistische Burschenschaftler, die dem tausendjährigen Reich im Vollwichs hinterher trauern, betreten gerade das Theater. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

So sehen sie aus, die Zepter der Universität. Bild: Thomas Hartmann

Es ist jetzt kurz vor 10. Die Professoren ziehen in ihren Talaren ein. Vor ihnen laufen zwei Zepterträger, die aussehen als würden sie ein verziertes Eis am Stil tragen. Das Lächerlichste an der ganzen Geschichte? Diese wurden erst vor ein paar Jahren angefertigt. Die Ewiggestrigen versuchen so ihre Macht zu zementieren und spielen munter Mittelalter. Mal abwarten, wie lange die noch im Gebrauch sein werden! Schön ist ohnehin anders. Die Professoren werden im Theater durch ein rotes Band abgetrennt sitzen. Bloß keinen Kontakt zum normalen Volk! Um die anwesenden ProfessorINNEN zu zählen, brauche ich übrigens nicht einmal eine ganze Hand. Eine Rektorin gab es bisher ebenfalls nicht. Aber wen wundert’s bei den patriarchalischen Strukturen unserer Uni und Gesellschaft? Ich brauchte ja auch eine Unterschrift von meinem Vater, um mich überhaupt einschreiben zu können. Allein schon deshalb ist das nicht mein Rektor!“

Völker hört die Signale!

 

Und anderswo?

Überall in Deutschland waren die Studis im Aufbruch und stemmten sich gegen die veralteten Strukturen von Universität und Gesellschaft – auch in Mainz. Wie die Geschichte weitergeht, erzählen wir euch demnächst weiter.
68 ist für euch Schnee von gestern? Dann erzählt uns, welche Reformen die Uni heute dringend braucht. Vielleicht haben wir mit der Situation im Mainz 1967 heute mehr gemein als wir denken!

 


"Autorenkollektiv"

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

 

 

Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Do’s and Don’ts zum Studienstart

 

Heute ist für viele Erstsemestlerinnen und Erstsemestler der erste Tag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. An dieser Stelle spare ich mir, als alte Häsin, meine Beileidsbekundungen und gebe euch lieber einen nützlichen Ratgeber mit an die Hand, der euch sicher durch die bevorstehenden turbulenten Zeiten bringen wird.

 

Vorab ist es vielleicht ganz gut, sich klar zu machen, dass vor euch auch schon andere durch die ehrwürdigen Hallen der Universität wandelten und sich dabei zu Beginn genau so unsicher gefühlt haben, wie so manch eine oder einer unter euch.

 

Aller Anfang ist schwer. Do: Tief durchatmen!

Am Studialltag und der Institution Uni hat sich natürlich sehr viel verändert. Hättet ihr euch vor 50 Jahren, also 1967, eingeschrieben, wärt ihr nicht am höchstkomplizierten Einrichten eines Druckkontos gescheitert, sondern vielleicht sogar schon an der Immatrikulation selbst, Bafög gab es damals nämlich noch nicht und dementsprechend kostspieliger war das Studium in diesen Zeiten also. Dass das Bafög allerdings auch so seine Nachteile hat und noch weit davon entfernt ist, auf gerechte Art und Weise die Studienfinanzierung für möglichst viele Studis sicherzustellen, ist allseits bekannt. Trotzdem: Falls du zu den Auserkorenen gehörst und dich daher durch den ganzen Papierkram kämpfen musst, denk immer daran, dass es das wert ist. Du wirst sehen, dass man sich im Laufe des Studiums eine umfassende Expertise in Sachen Bafög aneignet und man mit jedem Verlängerungsantrag routinierter wird.

1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Und was den Akt der Einschreibung selbst angeht, habt ihr es heute deutlich einfacher als jene Studienanfängerinnen und Anfänger, die 1967 nicht um den ganz großen Auftritt herumgekommen sind. Zwar nicht à la Harry Potter mit sprechendem Hut und so, aber bis Ende der 60er Jahre gehörte es zum guten Ton in der rheinlandpfälzischen Hauptstadt, die neuen Mitglieder des Campusvolks bei einer feierlichen Immatrikulation im Großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses mit einem Festakt offiziell in der akademischen Gemeinschaft willkommen zu heißen. Zu den Programmpunkten gehörten etwa der Einzug des Lehrkörpers, Musikeinlagen des Mainzer Collegium Musicum und der für die Neuankömmlinge wohl ergreifendste Teil: die feierliche Verpflichtung der Neuimmatrikulierten.

 

Gestern Vietnam, heute Syrien. Do: Redet miteinander!

Abseits von Prunk und Fanfaren, in den mehr oder weniger ansehnlichen Toilettenräumen auf den Gängen unterwegs zur nächsten Veranstaltung, oder wo auch immer, blieb und bleibt Platz für Gespräche an der Uni, die nicht zwangsläufig auf dem Lehrplan stehen. Als Ersti bietet es sich insbesondere an, deine Mitstudis in Gespräche zu verwickeln und euch auszutauschen. Vor 50 Jahren drehten sich viele Diskussionen um den immer verheerender werdenden Vietnamkrieg, die nicht aufgearbeitete Nazivergangenheit der vorigen Generation und die, in den Augen vieler Studierender, hetzerisch berichtende „Springerpresse“. Der Schock über die Ermordung des Berliner Studenten Benno Ohnesorg saß noch immer tief. Natürlich finden auch weiterhin, wie 1967, eben jene weltpolitischen Themen Eingang in unsere universitäre Blase und zwingen uns, uns mit dem Krieg in Syrien, dem Erstarken verfassungsfeindlicher Positionen im gesellschaftlichen Diskurs und den vielen sozialen Ungerechtigkeiten in der Republik auseinanderzusetzen.

 

„Im Staat mündig, in der Universität ein bevormundetes Kind“. Do: Engagier dich!

Neben den Diskussionen bringen sich auch viele Studierenden selbst ein, um an den vielen Baustellen unserer Gesellschaft mitwirken zu können. Auch an der Uni. Jetzt nicht unbedingt bei der Neubepflasterung des Unieinganges sondern im übertragenen Sinne. Schau dich doch mal bei deiner Fachschaft um, bring dich im AStA ein oder gestalte eine der unzähligen Hochschulgruppen in Mainz mit. Ganz nebenbei kannst du hier natürlich Kontakte knüpfen, aus denen vielleicht sogar Freundschaften entstehen.

Das vergangene Sommersemester war von Protesten seitens der Studierenden geprägt gewesen, die auch hochschulpolitisch mehr Mitbestimmung gefordert hatten, etwa durch studentische Repräsentation im Senat, dem höchsten Entscheidungsgremium der Uni. Diesen Wunsch, mündiger Teil in einer demokratischen Bildungseinrichtung zu sein, hatten auch schon die Studenten und Studentinnen vor 50 Jahren. Persönlich angegriffen fühlten sich daher einige unter ihnen durch die Worte des Mainzer Rektors Professor Adolf Adam in der Hochschulbeilage der Mainzer Allgemeinen Zeitung anlässlich seiner Amtseinführung zum Beginn des Wintersemesters 1967/68:

„Diese Partnerschaft [zwischen Rektor und Studis] bedeutet jedoch nicht, daß jeder gleiche Funktionen und Entscheidungsbefugnisse besitzt. Eine allseitige Gleichmacherei wäre Utopie und müßte der Sache der Universität und in erster Linie den Studenten schaden.“

Wohl gänzlich verscherzt hatte es sich der neue Rektor mit den angehenden Mainzer Akademikerinnen und Akademikern aber vor allem durch seine Aussage ein paar Zeilen weiter unten. Hier sprach er jungen Menschen im Allgemeinen ab, den nötigen „Sachverstand, Erfahrung und Überblick“ zu haben, um sich hochschulpolitisch einzubringen, denn:

„Wer aber wollte bestreiten, daß der junge Mensch zwischen zwanzig und fünfundzwanzig sowohl in Wissenschaftsfragen wie auch im Bereich menschlicher Erfahrung noch ein Lernender ist und ihm das später mögliche Potential an Sachverstand, Erfahrung und Differenzierungsvermögen jetzt noch nicht zugewachsen ist.“

Wer heute als Lernender oder Lernende an die Uni Mainz kommt, findet im Vergleich zu 1967 und dank der 68er-Bewegung demokratisierte Strukturen vor und hat zahlreiche Mitbestimmungsmöglichkeiten, auch auf institutioneller Ebene. Was Rektor Adam wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass heute 8 Studierende als stimmberechtigte Mitglieder des Senats im höchsten Gremium der Universität sitzen und über unirelevante Sachverhalte mitentscheiden?

 

Trillerpfeifen und Transparente. Do: Den Protest auf die Straße bringen!

Wer das Semester gut ausgestattet beginnen möchte, sollte sich auch mit Transparenten und Trillerpfeifen eindecken. Die machen sich immer gut bei Sitzblockaden gegen Erhöhung des Semesterbeitrags und schlechtes Mensaessen. Eure Kommilitoninnen und Kommilitonen von 1967 können ein Lied davon singen. So protestierten sie etwa gegen die Notstandsgesetze, gegen den Krieg in Vietnam oder die Anbiederung der BRD an das autokratische Schahregime des Irans.

 

Traditionen sind wichtig. Do: An der Kneipentour teilnehmen!

Es gibt auch andere Gepflogenheiten, die es sich fortzuführen lohnt, denn Traditionen sind schon was Tolles, also auf jeden Fall, wenn es um die Ersti-Kneipentour geht. Passt hier nur auf, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Denn wenn ihr euch plötzlich zwischen mit Säbel hantierenden und komischen Mützen tragenden Studis wiederfindet, muss das nicht zwangsweise an überhöhtem Alkoholkonsum liegen. Es gibt sie noch – diese Studentenverbindungen, die mit ihren Ritualen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.

Da man sich ja auch mal bei den älteren Jahrgängen umhören kann, wie die ihre Zeit als Erstis überstanden haben, haben wir im Universitätsarchiv uns noch zusätzliche Gedanken gemacht, uns an unsere Ersti-Zeit zurückerinnert. Wenn ihr die Do’s beherzigt seid ihr zwar schon fast Uniprofis, doch hier noch ein paar Dinge die ihr besser bleiben lasst.

 

Don’t!

Deine Tischnachbarin beim Ersti-Frühstück mit „wertes Fräulein, könnten Sie mir bitte die Butter reichen“, ansprechen. Unter Rektor Adam noch völlig normal, heute eher uncool.

Gekauftes Lehrbuch nach Klausur mit Unschuldsmiene in der Campusbuchhandlung  zurückgeben und trotz kunterbunt markierter Passagen und Kaffeeflecken behaupten, man habe es ja gar nicht benutzt – das sei schon so gewesen. Ein Klassiker.

Deinen Ehemann um Erlaubnis bitten, dich an der Universität immatrikulieren zu dürfen. Das ist sooo 1967.

Nein, man belegt einfach keine Vorlesung um acht Uhr morgens – es sei denn diese ist klausurrelevant oder bei einem Professoren wie Walter Holsten, den hält man sich lieber mal warm. (Warum, könnt ihr hier lesen).

Ach ja, Life hack: Fragen wie "Müssen wir das für die Klausur noch wissen?" mögen auch die nettesten Dozierenden nicht.

Gibt’s sonst noch etwas zu wissen? Ne Menge, aber deswegen bist Du ja hier.

 

Viel Spaß beim Studieren!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Mainz: Die Stadt der drei Kanzler

Deutschland im Herbst: Alle sind im Kanzlerfieber! Von der Uckermark bis Würselen - von München bis Berlin. Alle? Nein, ein kleines Städtchen am Rhein zeigt sich unbeeindruckt. Zwar geben sich auch in Mainz die Kanzlerin und ihr Herausforderer dieser Tage die Klinke in die Hand, doch im Gegensatz zu anderen Städten kann die Mainzerinnen und Mainzer ein Besuch der Kanzlerin nicht in Aufregung versetzen.

Denn mit dem Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches residierte schon einmal ein waschechter Kanzler in Mainz. R-E-I-C-H-S-E-R-Z-K-A-N-Z-L-E-R, das ist doch mal ein Titel. Und was sind schon Merkel und Schulz gegen Albrecht von Brandenburg? Ihr wisst schon, Albrecht von Brandenburg, der Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches, und Erzbischof von Mainz, der den Ablasshandel so übertrieben hat, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Wittenberger Schloßkirche genagelt hat.

Aber wer ist dann der dritte Kanzler der Stadt?
 

Ein Kanzler für die Uni

Nicht nur die Bundesrepublik hat eine Kanzlerin, sondern auch die Uni Mainz. Waltraud Kreuz-Gers ist seit 2014 der fünfte Kanzler  der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Liste gefällig?) und ebenso wie Frau Merkel die erste Frau in ihrem Amt. Aber was macht eine Kanzlerin an der Uni? Bevor jetzt ein vorlauter PoWi-Student oder eine andere Schlaumeierin wieder anfängt mit Richtlinienkompetenz und Bestellung der Bundesminister lösen wir schnell auf:

Der Kanzler bzw. die Kanzlerin ist an der Universität der Kopf der Verwaltung: Hier wird über das Geld der Uni verfügt, Korruption vorgebeugt und die Gebäude der Uni mit ihrer technischen Ausstattung verwaltet. Ebenso fallen der Datenschutz wie auch die Einführung neuer technischer Systeme in den Bereich der Verwaltung. Solltet ihr also keinen Bock mehr auf Jogustine haben – die Kanzlerin kann hier ein Wörtchen mitreden.

„Das könnte ihre Schatztruhe sein“. Diese Kiste bekam das Universitätsarchiv vom Kanzlerbüro überlassen. Wozu sie wohl dient?
Quelle: Universitätsarchiv

Um ihrer Meinung Gewicht zu verleihen, ist die Kanzlerin Mitglied im Senat, dem „Parlament“ der Universität. Außerdem ist sie die Vorgesetzte des Verwaltungspersonals an der Uni und Vorsitzende des Universitätsfonds der JGU,  dem unter anderem die Weinberge der Uni gehören. Während unser aktueller Präsident Georg Krausch sich also um die Universität im Ganzen kümmert und sie nach außen repräsentiert, steht im Kanzlerbüro bei Frau Kreuz-Gers vor allem die Verwaltung des universitären Geldbeutels im Fokus.

 

Und was hat das mit dir zu tun?

Naja zugegeben, erstmal klingt das Ganze so, als hätten die Kanzlerin und Studis nur wenige Berührungspunkte. Aber In ihrer Rolle als Verwaltungschefin könnte sie dich nicht nur für die Ehrenmedaille der JGU vorschlagen (man soll ja immer Ziele im Leben haben 🙂 ), sie hat auch Einfluss darauf, wie viel Personal in den Bibliotheken für dich da sind oder ob genug Leute im Studierendensekretariat arbeiten, damit du nicht lange anstehen musst.

 

Es ist schwer, gutes Personal zu finden
Kurator Eichholz am Telefon. Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 447
Heute geht man im Kanzlerbüro neben den vielen Verwaltungsaufgaben auch gegen Korruption und Vetternwirtschaft vor, doch direkt beim ersten Unikanzler scheint es als wäre das noch anders gewesen.

Schließlich war Fritz Eichholz nicht nur ein Jurist, und somit für eine Verwaltungsstelle gut qualifiziert, sondern auch der Schwager vom Raymond Schmittlein, seines Zeichens der Leiter der Kulturabteilung bei den französischen Besatzungsbehörden. Man könnte also durchaus sagen diese Personalwahl hätte ein G’schmäckle gehabt. Denn Schmittlein hatte nicht nur eine Funktion bei den Besatzungsbehörden, sondern zählt auch zu den eifrigsten Förderern der jungen Mainzer Uni.

Doch da direkt nach dem Krieg der deutsche Amtsschimmel noch im Stall stand und weniger gesetzliche Regelungen existierten als heute, musste man sich meist auf Leute verlassen, die man kannte und bei denen man dafür bürgen konnte, dass sie nicht die größten Nazis waren. Da kann die Wahl auch mal auf den Schwager fallen. Ein Umstand der uns auch heute nicht fremd ist.
 

Die NSA lässt grüßen

Die kurioseste Geschichte, die sich um ihn spinnt, ist aber sicher die „Abhöraffäre“. Um offizielle Reden und Feierlichkeiten für die Nachwelt festhalten zu können, hatte die Universität ein Supraphon beschafft. Hiermit konnte man Musik und Ton auf einen Draht aufnehmen und hinterher wieder abspielen. Die Professoren beschuldigten Eichholz dieses Gerät in seinem Dienstzimmer einzusetzen, um die Gespräche zwischen den Professoren und ihm mit einem nicht sichtbaren Mikrofon aufzunehmen um sie später gegen die Profs zu verwenden. Deshalb forderten sie den Rücktritt des Kanzlers. Was ein bisschen klingt wie aus dem Grundstudium von James Bond konnte freilich nie bewiesen werden. Die nichtwissenschaftlichen Universitätsbediensteten versicherten aber, dass ein solches Gerät weder bei Eichholz im Büro gestanden hatte, noch von ihm an seinem Schreibtisch hätte bedient werden können.

Nach 21 Jahren in den Diensten der Universität ging Eichholz 1967 in Rente. Neben seiner direkten Art blieb vor allem sein Einsatz für den Aufbau der Uni im Gedächtnis. Zum 80. Geburtstag vermerkte die JOGU über Eichholz: „die Universität gefalle ihm heute nicht mehr so, aber das gehe ihn ja gottlob nichts mehr an“.

Mit ihm ging nicht nur ein Gründungsmitglied der Universität, sondern ein echter „Charakterkopf“ verloren. Heute wäre so jemand wohl als Kanzler nicht mehr denkbar, da alles in geregelten Bahnen verläuft und strenge Qualifikationsvorgaben zu erfüllen sind um dieses Amt überhaupt besetzen zu dürfen. So braucht man entweder die Befähigung zum Richteramt, eine Prüfung für des vierten Einstiegsamt im Verwaltungsdienst oder eine andere abgeschlossene Hochschulausbildung besitzen. Nicht zuletzt muss „sie oder er [...] aufgrund einer mehrjährigen beruflichen Tätigkeit, insbesondere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung, erwarten lassen, den Aufgaben des Amtes gewachsen zu sein.“ Aber manchmal sehnt man sich ja doch noch nach diesen eigensinnigen und deshalb irgendwie liebenswerten Persönlichkeiten, die mit klarer Kante sagen, was ihnen nicht passt.

Die Auswahl des Unikanzlers obliegt dem Unipräsident in Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium, weshalb wir keinen Einfluss darauf haben, wer dieses Amt innehat. Aber ob Angela Merkel und Martin Schulz zur Kategorie „klare Kante“ gehören und sich damit als Kanzler einer ganzen Republik empfehlen, dürft ihr am 24. September selbst entscheiden. Daher:

 
Geht wählen!
 


Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Juli 1967: Als Mainz zum Schauplatz des Kalten Krieges wurde

Es sind Szenen wie aus Kafkas "Der Prozess", die sich vor 50 Jahren in Mainz abspielten: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“.

Wie Josef K. im Roman, muss sich der Mainzer Kinderarzt und Radiologe Dr. Sukil Lee auch gefragt haben, was er sich zu Schulden kommen lassen hat. Er war nie bei Rot über die Ampel gegangen, hatte immer ordentlich seine Steuern gezahlt – natürlich auch die Hundesteuer; wusste er doch, wie viel Wert seine deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger darauf legten. Außerdem hatte er dazu beigetragen, dass…. „Aber natürlich“, schoss es ihm durch den Kopf.

Zwischen Verdienstorden und Lebensgefahr

Alles hatte mit quengelnden Babys auf der pädiatrischen Abteilung der Mainzer Universitätsmedizin begonnen. Es herrschte akuter Fachkräftemangel in der noch jungen Bundesrepublik der 60er Jahre, es fehlten rund 30.000 Krankenschwestern in westdeutschen Hospitälern. Auch in Mainz kamen sie mit der Arbeit kaum hinterher. Dass die Neugeborenen quasi rund um die Uhr schrien, liege sicherlich an der zu geringen Zahl an Pflegerinnen, stellte Dr. Lee fest.

20 Jahre Dr. Lee und die "Krankenschwesternaktion". Ob die Herren im Hintergrund wohl nordkoreanische Spitzel sind?
Quelle: Universitätsarchiv

Der aus Südkorea stammende Arzt wusste, dass sich 10.000 km östlich von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein anderes Bild bot: In Seoul und anderswo im Land fanden zu viele koreanische Krankenschwestern trotz ihrer hervorragenden Ausbildung keine Anstellung. Es müsse doch irgendwie möglich sein, diese Bedürfnisse miteinander zu verknüpfen und eine Win-Win-Situation für seine beiden Heimatländer zu schaffen, dachte sich Dr. Lee. Wäre nicht allen geholfen, wenn man koreanische Schwestern in deutschen Krankenhäusern arbeiten ließ, die doch so dringend geschultes Personal benötigten?  Dass diese Überlegung ihm einmal das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland bescheren und in gleichzeitig in große Gefahr bringen sollte, konnte er damals nicht ahnen.

Ein junger Arzt packt an

Doch der Reihe nach: In Folge eines immensen, für deutsche Verhältnisse sicherlich nicht untypischen bürokratischen Aufwands, wurde aus einer vagen Idee eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt weil der 39- jährige Dr. Lee es sich nicht nehmen ließ, selbst nach Korea zu fliegen, um sich dort mit dem damaligen Gesundheitsminister zu treffen. Der versprach nach 10 Minuten, alles Nötige auf koreanischer Seite in die Wege zu leiten, sodass schon bald koreanisches Pflegepersonal in Deutschland zum Einsatz kommen würde.

Und tatsächlich, Anfang des Jahres 1966 konnten über hundert Koreanerinnen nach Deutschland reisen. Sie wurden persönlich vom Verwaltungsdirektor der Mainzer Klinik Dr. Reinhold Rörig in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz mit einer Chartermaschine in Seoul abgeholt.

Die Menschen, die im Juni 1967, also ein Jahr nach der Ankunft der ersten Schwestern, an der Türschwelle des Arztes standen, waren ihm weniger freundlich gesinnt.

Menschenraub im ach so beschaulichen Mainz

Es klingelt. Er schaut auf. Sein Blick huscht zum Herd. Der Kohl zum Fisch dürfte jeden Moment fertig sein. Sein Bauch knurrt. Wer mag das zu so später Stunde sein? Er hatte doch schon seinen Pyjama angezogen. Dr. Lee öffnet die Tür. Drei dunkle Anzüge bauen sich vor ihm auf. Der Doktor zupft seinen Schlafanzug zurecht.

Dann ereignete sich etwas, was der damalige rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters als „Menschenraub“ bezeichnete. Die drei Herren, die sich als südkoreanische Staatsbürger ausgaben, bitten Lee höflich in die Botschaft mitzukommen. Man müsse etwas besprechen. Dr. Lee geht mit, er scheint ohnehin keine Wahl zu haben. Die Herdflamme erlischt. Er zieht die Tür hinter sich zu.

In der Botschaft angekommen, wird er stundenlang verhört. Ihm wird gedroht, dass er und seine Familie die Heimat nicht wiedersehen würden, wenn er nicht mit nach Südkorea komme und sich der dortigen Justiz stelle. Er sei verdächtigt, Beziehungen zum kommunistischen Nordkorea zu unterhalten, mit der Absicht, eine Revolution in Südkorea anzustiften. Die sogenannte „Krankenschwesteraktion“, die er aus Mainz gesteuert habe, gehöre zu diesem perfiden Plan. Dem Mainzer Doktor bleibt nichts anderes übrig als den Forderungen der Agenten Folge zu leisten.

Und damit war er nicht der Einzige: Im Jahr 1967 wurden deutschlandweit 17 südkoreanische Staatsbürger entführt, die auf deutschem Territorium lebten. Ihnen allen wurden revolutionäre Umtriebe im Dienste des Erzfeindes Nordkorea vorgeworfen. Von offizieller Seite hieß es, dass die Kollaborateure freiwillig nach Südkorea zurückgekehrt seien. Familienmitglieder und der Freundeskreis der Betroffenen hielten das für unglaubwürdig, im Gegensatz zur damaligen Bundesregierung.

Der deutsche Rechtsstaat außer Kraft? Nicht in Rheinland-Pfalz

An vielen deutschen Universitäten fanden Podiumsdiskussionen statt, die nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung zum Protest gegen das stillschweigende Zusehen ihrer gewählten Vertreter mobilisieren konnten. In Mainz verfasste der AStA unter dem Vorsitz von Jürgen Büscher kurzerhand einen an den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gerichteten Brief, in dem er den Regierungschef dazu aufforderten „die Bundesrepublik als Rechtsstaat wieder herzustellen.“

Die unterzeichnenden Wissenschaftler der Uni Mainz regten sich besonders darüber auf, dass die Bundesregierung dem neuen südkoreanischen Botschafter die Akkreditierung erteilt hatte, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt immer noch von deutschem Boden entführte südkoreanische Staatsbürger in der Gewalt ihrer Regierung befanden. Bundespräsident Heinrich Lübke hielt das nicht davon ab, den Botschafter mit den Worten: „Unsere beiden Völker bekennen sich zu den gleichen Werten“ zu begrüßen. Wie der Spiegel 1967 berichtete, sei es auch Lübke gewesen, der seine Leute dazu angehalten hatte, sich nicht zu sehr für die Rückführung der Verschleppten einsetzen, um die „freundschaftlichen Beziehungen“ nicht zu belasten.

Die Mainzer Uniklinik wie Dr. Lee sie kannte.
Quelle: Universitätsarchiv

Dr. Lee hatte das Glück, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung sich nicht an den Ratschlag des Bundespräsidenten hielt und sich für die Befreiung ihres Arztes einsetzte, ebenso wie der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Am 20. Juli 1967, heute also vor genau 50 Jahren, konnte der Radiologe nach vier Wochen Gefangenschaft tatsächlich wieder deutschen Boden betreten.

Er schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Der Topf mit dem Kohl steht noch immer auf dem Herd. Ihm war das Schicksal Josef K. erspart geblieben:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.“

Aufgepasst:
Wer sich das Werk Kafkas "Der Prozess" (nochmal) anschauen möchte, wird unter anderem hier fündig:

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Von Inseln im demokratischen Rechtsstaat und Lernfabriken: Studentische Proteste an der JGU 1967 und 2017

 

Sommer 2017

Auf meinem Weg zur Arbeit, diese Woche vor dem Georg Forster-Gebäude: Transparente mit Parolen wie "Qualität statt Quantität #es kommt nicht auf die Größe an!", ein paar Schritte weiter mehrere Dutzend Studierende bei einem Sit-in. Rund 1.500 Unterschriften haben sie für ihre Petition bereits gesammelt. Es geht um die drohende Auflösung der AG Sonderpädagogik. Revolution am Campus? Renaissance des Politischen à la 68er?

Bereits Ende Juni waren Mainzer Studierende auf die Barrikaden gegangen. Im Rahmen der deutschlandweiten Aktionswoche "Lernfabriken meutern!" machen sie auf "undemokratische Strukturen", katastrophale Bildungsbedingungen und die massiven Sparmaßnahmen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz aufmerksam. Wir kennen es alle: Der Putz kommt von den Wänden, zu wenig Lehrpersonal, überfüllte Bibliotheken bis hin zur Streichung der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Stipendien. An allen Ecken muss gespart werden! Dass an der Demonstration dann doch nur rund 100 Studierende teilnahmen, mag an den hohen Temperaturen gelegen haben oder dass man mit dem Schreiben eines Sommerhits beschäftigt war. Egal. Es bewegt sich etwas in der Studierendenschaft.

Demonstration "Mainz meutert" vom 21.06.2017 Quelle: Facebook/MainzMeutert

Die Proteste erinnern mich an meine Bachelorarbeitszeit. Ich hatte mich mit der 68er-Bewegung beschäftigt, dabei aber kaum etwas über die Mainzer Studentenproteste erfahren. Welche Themen beschäftigten die Studierenden vor 50 Jahren an der JGU? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den Protesten von heute und damals? Ich machte mich auf die Spurensuche und wurde in den Beständen des Universitätsarchivs fündig.

 

 

 

Sommer 1967

Wenn man im Sommer 1967 über den Mainzer Campus lief, konnte man ebenfalls Zeuge von damals neuen Protestformen wie Sit-ins und Teach-ins werden. In der Fotosammlung des Archivs finde ich Bilder von mehreren Streiks aus jener Zeit. Der Frust der Studierenden war durch die Erschießung von Benno Ohnesorg weiter entfacht worden. (Wie man an der Mainzer Uni auf Ohnesorgs Tod reagierte, könnt ihr hier  nachlesen) Über die Protestzentren Berlin und Frankfurt hinaus erhielt die Studentenbewegung rasant Zuwachs. Auch wenn Mainz nicht gerade als Hochburg der 68er-Bewegung bekannt ist, machten die Studierenden der JGU ihrer Unzufriedenheit mit der hiesigen Situation zunehmend Luft.

Vom wachsenden Frust zeugen zahlreiche Quellen. Wie die vom AStA im Auftrag gegebene Studentenzeitung nobis. Sie gibt einen anschaulichen Überblick über all das, was die Studierenden im Sommer 1967 bewegte Diese und weitere Quellen können bei uns im Universitätsarchiv eingesehen werden.

 

Darf’s noch ein Amt sein?

Bereits der erste Artikel der Juli-Ausgabe sorgte universitätsweit für große Furore. Er handelt von einem Fall von Ämteranhäufung, der von den Studierenden als Symbol für die undemokratischen Hochschulstrukturen wahrgenommen wurde. Walter Holsten, Professor für Allgemeine Religions- und Missionswissenschaft der evangelisch-theologischen Fakultät, hielt sage und schreibe 13 (in Worten: dreizehn!) Ämter inne. Was dazu führte, dass es einem Studierenden z. B. passieren konnte, dass Professor Holsten sowohl über dessen Examensnote als auch über Bafög-Bescheid und Wohnheimplatz mitentschied. Der Artikel betonte: Der Fall Holsten war nur ein Beispiel von vielen für dieses Phänomen. Ist das heute eigentlich so viel anders?

 

Alles nur Propaganda?

Der Artikel schlug damals hohe Wellen und wurde auf die Tagesordnung der Senatssitzung vom 28. Juli gesetzt. Der Senat hat ihn „mit Befremden wahrgenommen“, da Holsten für einige seiner Ämter sogar von Studierenden vorgeschlagen worden war. Altrektor Johannes Bärmann  war sogar der Meinung, dass der Fall vor den Universitätsrichter gehöre. (Ja, es gab einen Universitätsrichter, das ist aber eine andere Geschichte...) Professor Holsten selbst war der Auffassung, dass es sich bei dem Artikel nicht um „sachliche Dinge, sondern nur um Verhetzung und Propaganda“ handle. Er habe den Artikel nicht weiter zur Kenntnis genommen, kündigte aber trotzdem seine Mitarbeit in der Evangelischen Studentengemeinde auf.

Kritik an der Ämterkonzentration wurde v. a. auch deshalb geäußert, weil die Studierenden kaum hochschulpolitisches Mitspracherecht hatten. Professoren, wie der neugewählte Rektor Adolf Adam  sträubten sich sogar gegen die studentische Teilhabe an Universitätsgremien. Diesen Missstand thematisierte auch ein weiterer nobis-Artikel über die Mainzer Assistentenschaft, also über den wissenschaftlichen Nachwuchs. Diese besaß bis dato gar kein Mitspracherecht und fand sich deshalb im Februar 1967 zur ersten Assistentenversammlung zusammen. Einer der Sprecher stellte dabei klar, dass man „keine Revolution, sondern einfach besser integriert und besser informiert werden“ wolle. Als Promotionsstudentin vermisse ich heute auch manchmal ein Forum, das sich speziell für die Belange der Doktorandinnen und Doktoranden einsetzt.

 

Für mehr Zucht und Ordnung – Kooperation der JGU mit der Bundeswehr

Juliausgabe der Studentenzeitung Nobis. Quelle: Universitätsarchiv

Die Assistentenversammlung war Ausdruck des Wunsches nach mehr Transparenz. Die mangelhafte Informationspolitik der Lehrenden war auch der Aufmacher der Juli-Ausgabe „Herr General! Magnifizenz! Meine Damen und Herren!“. Anlass war ein Vortrag des Mainzer Politikwissenschaftlers Hans Buchheim  zum Thema „Die gegenwärtige Lage des deutschen Nationalbewußtseins“. Zu den geladenen Gästen zählten auch Angehörige der Bundeswehr, die akademische Öffentlichkeit war laut den Verfassern des Artikels jedoch nicht eingeladen worden. Als rund 50 „kritische Studenten“ von dem Vortrag durch Zufall mitbekamen, luden sie sich kurzerhand einfach selbst ein.

Im Senat wurde nach den studentischen „Provokationen“ beratschlagt, ob häufigere Gespräche zwischen Lehrenden und Studierenden nicht sinnvoll wären. Erst jetzt wurden die Studierenden über den bereits seit Ende 1965 andauernden Austausch zwischen Bundeswehr und Universität informiert. Ziel der Zusammenarbeit sollte es sein auszuloten, ob die Ausbildung von Abiturienten zu Reserveoffizieren nützlich für ein Universitätsstudium sei. Zudem erfuhren die Studierenden, dass die Bundeswehr vorhatte, einen Lehrstuhl für Strategie an der Mainzer Universität einzurichten. Für die nobis-Autoren stand jedoch fest, dass „militärische[...] Sitten, Gehorsam, Zucht und Ordnung“ nicht mit „freiem Lernen, Lehren und Forschen“ vereinbar seien.

 

Krise als Dauerzustand?

Die Ämteranhäufung und fehlende Transparenz sind nur zwei von zahlreichen Symptomen der überkommenen Hochschulordnung, die von den Studierenden kritisiert wurden. Auch in der nobis-Ausgabe vom Juni 1967 wurde die Mainzer Universitätssatzung beanstandet. Hier schrieb Wolfgang Heinz, dass die Studierenden kaum Rechte hätten, geschweige denn gegenüber dem akademischen Lehrkörper gleichberechtigt seien. Daher seien in der BRD die Universitäten „immer noch [...] obrigkeitsstaatliche Insel[n] im demokratischen Rechtsstaat.“ Die Studierenden in der ganzen BRD bemängelten u. a. den Reformstau sowie die verkrusteten Strukturen. Forderungen nach der Demokratisierung der Universitäten, nach Transparenz, Teilhabe und verbesserten Studienbedingungen wurden immer lauter.

Auch wenn sich in den letzten 50 Jahren vieles geändert hat – Studierende u. a. stärker in die Gremien integriert sind und somit mehr Mitspracherechte haben – erinnern die Forderungen von 2017 doch z. T. an diejenigen  von 1967. Bis heute wird von den Studierenden die Informationspolitik des Lehrkörpers kritisiert. Auch heute wird Kritik am vermeintlich undemokratischen Bildungssystem, bspw. im Rahmen des Bündnisses „Lernfabriken...meutern!“ geäußert.

Worin unterscheiden sich die aktuellen Proteste an der JGU von denen von vor 50 Jahren? Damals waren außeruniversitäre Themen von zentralerer Bedeutung. Die 68er-Bewegung wurde nicht zuletzt auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angetrieben. Das Jahr 1967 galt als Jahr der Krisen – Demokratiekrise, Wirtschaftskrise, Studentenkrise,...

 

„Studentische Störenfriede“ als Indikator für gesellschaftliche Missstände

Dementsprechend wurden in der nobis verstärkt gesellschaftspolitische Themen wie die bevorstehende Einführung der Notstandsgesetze, polizeiliche Willkür oder die Monopolstellung des Axel Springer-Verlags thematisiert. Es wurden daher Parallelen zwischen der damaligen Situation und der am Ende der Weimarer Republik gezogen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in der Juli Ausgabe der nobis deshalb auch Fragen „ [z]ur politischen Rolle der Studentenschaft“ gestellt wurden. Unter diesem Titel war die Rede von Jürgen Habermas beim Teach-in anlässlich des Todes von Benno Ohnesorg abgedruckt worden. In dieser verwies der Frankfurter Philosophieprofessor, dass die studentische Opposition zwar Teil der außerparlamentarischen Opposition sei, aber keine Sonderrechte besäße. Nichtsdestotrotz seien die studentischen Proteste von zentraler Bedeutung, da sie auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und die Perspektive von „Realpolitikern“ erweitern könnten. Bei der Frage, ob und in welcher Form die Studierenden ein politisches Mandat hätten, wurde aber deutlich, dass studentischen Gruppierungen je nach politischer Ausrichtung unterschiedlicher Meinung waren. Während man sich bei den hochschulpolitischen Missständen oft einigen konnte, war bei gesellschaftspolitischen Problemen und den daraus zu ziehenden Konsequenzen keine Einigung möglich.

...Wie ist das heute eigentlich?

 


Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.