Universitätsarchiv

Kommt ein Pantoffel geflogen…

 

 

Eine solche Anzeige könnte am Anfang einer Aktion gestanden haben, mit der die Mainzer 68er nachhaltig versucht haben, der Uni ihren Stempel oder besser ihre Sohle aufzudrücken. Zwar werden Politiker immer wieder mit Schuhen beworfen (so bspw. George W. Bush 2008 bei seinem Abschiedsbesuch im Irak), aber wer würde vermuten, dass so etwas auch in der beschaulichen rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt vorkommen könnte?

 

Fakten, Fakten, Fakten

Flugblatt mit einem "Besinnungsaufsatz", in dem sich Christian Boblenz zur Tat bekennt. Quelle: Universitätsarchiv

Über das, was wirklich passiert ist, scheiden sich wie so oft die Geister. Deshalb hier erstmal die harten Fakten:

Vom 15. bis 18. Januar 1968 fanden die StuPa-Wahlen an der Uni statt und die Stimmung unter den Studis war aufgrund der vorhergegangenen nobis-Verbrennung immer noch aufgeheizt. Um seine Chancen bei den Wahlen zu erhöhen, hatte sich der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) für den 16. Januar den amtierenden Kultusminister Bernhard Vogel (CDU) eingeladen, der einen Vortrag über „Bildungspolitik an Hochschulen“ im auditorium maximum hielt. Neben der zu erwartenden konservativen Anhängerschaft des RCDS waren aber auch zahlreiche SDS-Studierende (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) gekommen. Während Vogels Rede nahm ein Studi ein Paar Filzpantoffeln zur Hand und warf diese auf den Kultusminister. Die ungewöhnlichen Wurfgeschosse verfehlten Vogel aber knapp und trafen die hinter ihm liegende Wand. Und das war es schon mit den gesicherten Informationen…

 

 

 

„Auf einen groben Kultusminister gehört ein weicher Filzpantoffel“

Was dann geschah und wer woher warum anwesend war, ist auch 50 Jahre nach dem Ereignis noch unklar. Der RCDS berichtet in einem Flugblatt davon, dass eine Gruppe von SDS-Studierenden aus Frankfurt, Marburg und Mainz solange versuchten, die Veranstaltung zu stören, bis ihnen die Luft ausging. Als letzter Weg, um den Vortrag des Ministers zu verhindern, griff der SDS zu den Pantoffeln und warf diese nach Vogel. Der Angreifer soll ein Marburger SDSler gewesen sein. In der Folge sei der Minister ganz ruhig geblieben und habe seinen Vortrag fortgesetzt. Fragt man ihn selbst, berichtet er (allerdings auch als einziger), dass er die Schuhe postwendend ins Publikum zurückgeschleudert habe (nachzulesen in "Deutschland aus der Vogelperspektive").

Noch lange Ziel von Protest Unter dem Motto "Vogel-Tribunal hielt ein Bündnis aus Schülern Studis und Azubis 1974 einen fiktiven Gerichtsprozess gegen Vogel ab. Foto: Thomas Hartmann

So viel Elan und Spontanität war dem damaligen Kultusminister durchaus zuzutrauen, gehörte er doch mit dem ebenfalls anwesenden Heiner Geißler zur jungen Garde des Kabinett Kohl (genau, der Kohl mit dem Saumagen, Gorbatschow und Oggersheim). Vogel war zu dieser Zeit erst vier Wochen im Amt und mit 36 Jahren kaum älter als die Studis, vor denen er sprach.

Der SDS selbst bestritt die Teilnahme der Marburger Genossen und lieferte einen anderen Täter. Von Seiten der Mainzer Studis bekannte sich der Theologiestudent Christian Boblenz in einem „Besinnungsaufsatz“ zum Wurf und schilderte dort das Geschehen aus seiner Sicht. Seiner Meinung nach wurde der kritische Teil des Publikums „einfach mit dem Lautsprecher totgebrüllt“. Außerdem habe er als Pazifist nie wirklich versuchen können Vogel zu treffen und deswegen absichtlich über den Kultusminister geworfen.

Da er qua Amt für die Hochschulen im Land zuständig war und als CDU-Mitglied ein dankbares Feindbild für die linksgerichteten Studis abgab, wurde er in der folgenden Zeit wiederholt Ziel studentischen Protests. So saß ein Bündnis aus Lehrlingen, Studis sowie Schülerinnen und Schüler fast auf den Tag genau sechs Jahre später über Vogel zu Gericht. Sie veranstalteten ein „Vogel-Tribunal“, um beim Kultusminister die Abschaffung des „Radikalenerlaß“ zu fordern.

 

Und warum das Ganze?

Nicht zuletzt sollte natürlich erwähnt werden, wie es überhaupt dazu kam, dass Bernhard Vogel Ziel eines Paars Pantoffel wurde. Der eigentliche Auslöser der aufgeheizten Stimmung war das Verbot der Wanderausstellung „Lübkes und Kiesingers braune Vergangenheit“, in der die Nazivergangenheiten des Bundespräsidenten Heinrich Lübke und des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger thematisiert wurden. Rektor Adolf Adam gab hierfür aber keine Räumlichkeiten der Universität frei. Weil die Studis hierin einen Eingriff in die studentische Selbstverwaltung sahen, bauten sie die Ausstellung am 15.01.1968 kurzerhand im Lesezimmer des AStAs wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt konnte natürlich noch niemand wissen, dass die brisanten Informationen über Lübke teilweise aus den Akten der Stasi stammten, die mit überspitzt dargestellten Belegen versuchte, die politische Führung der Bundesrepublik als glühende Nazis darzustellen. Vermutlich waren die Informationen in dem 1965 erschienen „Braunbuch“  der Nationalen Front der DDR entnommen, wo sich neben Artikeln zu Lübke und Kiesinger auch Pikantes zum Mainzer Juraprof Karl Maria Hettlage fand.

 

Aus dem Leben eines Schuhs

Empathische Schuhliebhaber werden nun zu Recht fragen, was mit den Pantoffeln passierte. Nun, diese waren der Höhepunkt des kurz darauf folgenden Balls der Nation am 27.01.1968. Dort präsentierte man in der ersten Auflage der „Miss Uni“ nicht nur die schönste Studentin des Campus, sondern versteigerte auch die skandalträchtigen Schlappen meistbietend. Nachdem dem FDP-Landtagsabgeordneten Günter Storch die Pantoffeln aber nur 12 Mark wert waren, wanderte das Paar für 21 Mark in unbekannte Liebhaberhände.

 

Daher ergeht folgender Appell: Lieber Liebhaber, solltest du das hier lesen, melde dich doch bitte beim Uniarchiv. Denn nur du kannst uns helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Sonst war die ganze Sache doch nur für die Füße…

 

Und für alle anderen: Wenn ihr nicht bis zum nächsten Artikel warten und euch lieber gleich auf die Socken machen wollt, um mehr über Mainz ‘68 zu erfahren, dann empfehle ich euch das 68er-Themenheft der Volkskunde in Rheinland Pfalz (2017)

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Aktenzeichen JGU… ungelöst!

 

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Schaulustige,

im folgenden Kriminalfall bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe:

Donnerstagabend, 21.00 Uhr: Die Dunkelheit hat bereits seit einigen Stunden ihren Schleier über Mainz gelegt. Doch plötzlich steigt sichtbar Rauch auf. Vor der Haupteinfahrt der Johannes Gutenberg-Universität wurde ein Feuer gelegt. Lodernd fallen mehrere hundert Exemplare einer Zeitung den Flammen zum Opfer und erhellen die Nacht. Augenzeugen eilen stürmisch herbei. Die Polizei wird gerufen. Diese Szenerie erinnert an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten und könnte sich auch 1933 so abgespielt haben. Tatsächlich fand sie aber genau heute vor 50 Jahren an unserer Universität statt.

 

Es brennt so schön

Hier befindet sich der mutmaßliche Tatort. Quelle: Universitätsarchiv Mainz

Am Abend des 4. Januar 1968 wurden hunderte ausgelegte Exemplare der Studentenzeitung nobis vermutlich aus der Alten Mensa entwendet. Anschließend wurden die Zeitungen gegen 21.00 Uhr vor der nahegelegenen damaligen Haupteinfahrt der Universität verbrannt. Mehrere Augenzeugen wurden durch das Feuer angelockt. Darunter einer der beiden Studentenpfarrer und ein Redakteur der Zeitung, deren Räumlichkeiten sich im nahegelegenen Forum befanden. Nur rund 150 Exemplare konnten geborgen werden.

Das Opfer war eine 29,6 cm große, zwei Tage alte nobis-Ausgabe. Am Tatabend war sie in weiß-lilafarbenes Gewand gekleidet und enthielt u. a. kritische Beiträge zu den Vorstellungen des akademischen Senats über die geplante neue Fassung der Universitätssatzung. War dies der Grund, warum sie den Flammen zum Opfer fallen musste?

Eine Polizeistreife wurde unmittelbar nach Bekanntwerden herbeigerufen. Die Täter konnten dennoch im Dunkeln der Nacht unbemerkt fliehen. Der Allgemeine Studentenausschuss erstattete daher Strafanzeige gegen unbekannt. In einem Flugblatt stellte der AStA klar, dass er hinter der Aktion ein politisches Motiv und Parallelen zu den Nazi-Bücherverbrennungen sehen würde. Der AStA rief alle Gruppen der Universität zu Stellungnahmen auf. Gruppierungen des gesamten politischen Spektrums – vom SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbund) bis zum RMK (Ring Mainzer Korporationen) – nahmen Stellung und verurteilten die Aktion. Für den SHB (Sozialistischer Hochschulbund) war die Verbrennung „praktizierter Faschismus“, der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) lehnte die Aktion „auf das Schärfste“ ab.

 

Keiner will‘s gewesen sein

Da der bzw. die Täter unerkannt entkommen konnte(n), schoben sich beide politischen Lager gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Die Verbrennung wurde in zahlreichen Flugblättern während des restlichen Wahlkampfes der Mitte Januar anstehenden StuPa-Wahlen thematisiert. Für den AStA stand die Verbrennung dabei in direktem Zusammenhang mit dem Wahlkampf: „Wer die Wahlversammlungen vor Weihnachten besuchte, weiß, dass bei der Anti-nobis-Kampagne nicht nur rationale Gründe eine Rolle gespielt haben, sondern auch die irrationale Abneigung gegen ein ‚linksintellektuelles‘ Blatt.“ Der RCDS hatte bei Wahlkampfveranstaltungen heftige Kritik an der Studentenzeitung geäußert.

Die Mainzer Allgemeine Zeitung ging in ihrer Ausgabe  vom 6./7. Januar 1968 auf die Verbrennung ein. Dabei wurden auch die Angriffe des RCDS auf die nobis und die Vermutungen des AStA thematisiert. Wegen dieser Vorwürfe sahen sich der RCDS und zwei Studentenverbindungen genötigt, in der AZ Stellung zu beziehen. Der RCDS verwies auf Spekulationen zahlreicher Studierender, dass die Redaktion ihre Zeitung selbst den Flammen zum Opfer gegeben habe. Schließlich hätten nur linksgerichtete Gruppierungen ein Motiv: Kurz vor den Wahlen hätten nur sie einen Nutzen, da man die Verbrennung den Kritikern des Blattes anhängen würde. Die Studentenverbindungen Merovinga Gießen zu Mainz und Hercynia Jenensis et Hallensis zu Mainz sahen in den Schuldzuweisungen gar einen Versuch der „primitiven Diffamierung“ seitens linker Gruppierungen. Erst mit dem SDS seien radikale Praktiken an deutschen Hochschulen eingezogen.

 

Burn NOBIS Burn

Die Redaktion bezichtigte sich unter dem Motto „Burn NOBIS Burn“ kurz darauf ebenfalls scherzhaft (?) selbst. Mit diesem „Heiz-Happening“ wolle man sich beim Axel Springer-Verlag entschuldigen, den die Studentenzeitung häufig kritisiert hatte.

In der darauffolgenden nobis-Ausgabe wurde die Verbrennung jedoch nicht näher thematisiert. Ausnahmen finden sich lediglich in der Leserbrief-Rubrik. Auf der einen Seite gab es nach dieser „Autodafé-Aktion“  Solidaritätsbekundungen der Heidelberger Studentenzeitung Forum Academicum. Auf der anderen Seite sorgte der Vergleich mit den Nazi-Bücherverbrennungen als „größenwahnsinnige Reaktion“ für Unverständnis.

 

Die bewegte Geschichte der „ältesten Studentenzeitung Westdeutschlands“

Hier seht ihr ein Portrait des Opfers. Quelle Universitätsarchiv Mainz

Das Opfer bezeichnete sich selbst als „älteste Studentenzeitung Westdeutschlands“ und konnte zum Tatzeitpunkt auf eine turbulente zwanzigjährige Geschichte zurückblicken. Die Zeitung und ihre Mitarbeiter eckten immer wieder an. So wurde der nobis-Redakteur Jörg Bilke 1961 beim Besuch der Leipziger Buchmesse wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Haft im DDR-Zuchthaus verurteilt. Auslöser hierfür waren DDR-kritische Artikel, die er in der nobis veröffentlicht hatte. Da man sich in den 1960er Jahren der APO zugehörig fühlte, organisierten nobis-Mitarbeiter verschiedentlich Protestaktionen mit, beispielsweise gegen die große Koalition im November 1966.

Die nobis wurde zwar vom AStA in Auftrag gegeben, agierte laut dem ehemaligen Chefredakteur Thomas Schneider aber weitestgehend unabhängig. Sie erschien sieben Mal im Jahr in einer Auflage von 8.000 Exemplaren. Ihre Leserschaft fand sie überwiegend unter den Angehörigen der JGU, aber ein kleiner Teil der Abonnenten war über die ganze Republik verteilt. Einige Leser hatte die Zeitung zudem auch im „Ostblock“, Westeuropa und sogar in Afrika. Dass ein Teil des Semesterbeitrags eines jeden Studierenden in die Finanzierung der Zeitung floss, war einer der Kritikpunkte, die im Vorfeld der Verbrennung geäußert wurden. Nicht selten fiel das Wort „Zwangsfinanzierung“, das uns ja auch heute immer mal wieder begegnet.

Im Januar 1969 nahm der alljährliche nobis-Presseball (ehemals „Ball der Nationen“) orgienhafte Züge an: Eine junge Frau soll sich „blitzartig“ ausgezogen und anschließend ein „heftiges Liebesspiel“ mit einem nur in Socken gekleideten Mann begonnen haben. Die Veranstaltung schlug daraufhin derart hohe Wellen, dass nicht nur der Universitätsrichter eingeschaltet wurde, sondern auch die Kriminalpolizei ermittelte. Wenig später kündigte der nun vom RCDS dominierte AStA den Vertrag mit der Zeitung auf. Begründung: „unklares Finanzgebahren und anstößige Gestaltung der Zeitschrift.“ Die nobis stellte daraufhin Ende März 1969 ihre Arbeit ein. Eine Ära fand ihr Ende.

 

Um sachdienliche Hinweise wird gebeten

Die Verbrennung der nobis hatte auf den Ausgang der Wahlen vermutlich nur bedingt Einfluss. Trotz der Schuldzuweisungen seitens des AStA konnte der RCDS als stärkste Fraktion ins StuPa einziehen. Bis heute ist nicht geklärt, wer letztendlich hinter dieser Aktion steckte.

Daher bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe. Jeder Hinweisgeber, der zur Aufklärung des Falls oder zur Ergreifung des, bzw. der Täter beiträgt, wird mit einem Mensagutschein belohnt.

 

Sachdienliche Hinweise nehmen das Universitätsarchiv sowie die Kommentarspalte des UB-Blogs entgegen.

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

Öffnungszeiten zu Weihnachten und zum Jahreswechsel

Arbeiten zwischen den Jahren

BB Philosophicum und BB Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sind in der Zeit 27.12. - 30.12.2017 für Sie von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Zentralbibliothek mit BB Georg Forster-Gebäude ist vom 28.12. - 30.12.2017 von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
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Weihnachten und Jahreswechsel

Alle Bibliotheksstandorte sind geschlossen: 24.12. - 26.12.2017 und 31.12.2017 - 01.01.2018

Wegen interner EDV-Arbeiten ist die Zentralbibliothek mit BB Georg Forster-Gebäude am 27.12.2017 geschlossen.

Folgende Standorte sind schon ab 23.12.2017 - 01.01.2018 geschlossen:

  • Ethnologie und Afrikastudien
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  • Physik, Mathematik, Chemie mit Biologie
  • Polonicum / Turkologie
  • Theologie
  • Universitätsmedizin
  • Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaften
  • Zahnklinik

Das Universitätsarchiv ist vom 23.12.2017 - 03.01.2018 geschlossen.

Wir wünschen Ihnen einen schöne Weihnachtszeit und alles Gute für 2018!

Unter Mainzer Talaren – Vergangenes aus 1000 Jahren?

Wer kennt nicht den griffigen Slogan „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“? Dieses Spruchband trugen die Hamburger Studenten Gert Hinnerk Behlmer und Detlev Albers bei der Rektoratsübergabe am 09. November 1967 vor ihren Professoren her. Aber was meinten Sie damit? Wurde an der Hamburger Uni nie gelüftet und geputzt, oder geht es hierbei eher um die tiefen gesellschaftlichen Umwälzungen der frühen Bundesrepublik? Wie war das denn in Mainz? Haben unsere vorangegangenen Kommilitonen ebenso gegen das „Establishment“ aufbegehrt, oder war in der piefigen Bischofsstadt alles nur halb so wild?

Die Studis wehrten sich damals vor allem gegen die „verkrusteten Rituale“ der Universität, wie zum Beispiel den Rektoratsübergaben. So etwas gab es auch in Mainz. Besonders interessant ist hier die Übergabe im Jahr 1967, denn es war die letzte, welche die Uni Mainz in dieser Form erleben sollte. Im Vorfeld kam es aufgrund eines Interviews des Rektors Adolf Adam im Gutenbergbrief zu Aufregungen; der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) verteilte an dem Morgen Flugblätter an die Ehrengäste der Veranstaltung.

Was könnte damals in den Köpfen der Profs und vor allem der Studis vorgegangen sein? Wir wollen uns in die fiktive Gedankenwelt eines Professors und einer Studentin vor der Rektoratsübergabe heute vor 50 Jahren hineinversetzen.

Zur Sicht des Professors
Zur Sicht der Studentin


Der Professor:

„Wieder einmal ist es so weit. Die Rektoratsübergabe ist einer der Höhepunkte des akademischen Jahres. Gaudeamus igitur. Seit meine collegae und ich die alma mater moguntiensis, heute bekannt als Johannes Gutenberg-Universität Mainz, aus einem 150 jährigen Dornröschenschlaf wiedererweckt haben, wird dieser Festakt stets im Stadttheater [heute: Staatstheater] ausgerichtet. Denn hier hat nicht nur das akademische Publikum die Gelegenheit den neuen Rector magnificus [heute: Universitätspräsident] im Amtsjahr zu begrüßen, sondern auch die Honoratioren der Stadt und des Landes nehmen gerne Anteil an dieser ehrwürdigen Veranstaltung. Diese orientiert sich an der fast 500 jährigen Tradition unserer Universität. 

Die Zeremonie läuft daher nach folgendem Ritual ab: Zu Beginn kleiden wir uns in der domus universitatis um. Über unseren Anzügen legen wir Talare an, um klar als Vertreter des akademischen Standes erkennbar zu sein. Hierbei handelt es sich um ein weites schwarzes Gewand mit farbigen Abnähungen, die die Fakultät des Trägers erkennen lassen. Meine Zugehörigkeit zur Philosophischen Fakultät wird durch blaue Abnähungen repräsentiert. Dazu gehört ein kleidsames Barrett. Anschließend zieht der Zug feierlich hinüber zum Stadttheater. Die schon einmal von der Mainzer Bürgerschaft ergangenen, sicher gut gemeinten, „Helau-Akklamationen“ schädigen nicht nur den guten Ruf der Universität, sondern geben dieses ehrwürdige Ritual der Lächerlichkeit preis. Uns voraus gehen zwei Pedelle, die die Zepter der Universität tragen. Diese, an die römischen fasces angelehnten Stäbe dienen aber nicht mehr dazu Angreifer abzuwehren, sondern repräsentieren die Macht (oder sollte man besser sagen: „auctoritas“?) des Rektors. Im Stadttheater angekommen gehen wir zu unseren durch rote Bänder abgetrennten, reservierten Plätzen. Um als Amtsträger schneller erkennbar zu sein, trägt der Rektor einen roten Talar.

Einzug der Professoren: Der Rektor ist gut an seiner Amtskette zu erkennen. Ihm und seinem designierten Nachfolger wird eines der Zepter der Universität vorneweg getragen,
Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 1111

Die Leitung und vor allem Repräsentation der Universität obliegt ihm. Er wird jährlich aus der Reihe der Professoren gewählt, so dass immer ein anderer meiner Kollegen dieses Amt bekleidet. Unterstützt wird er hierbei vom Senat, welcher als Parlament der Universität fungiert. Durch den jährlichen Amtswechsel ist gewährleistet, dass es sich hierbei immer um einen primus inter pares handeln muss. Denn man ist nur kurze Zeit aus dem Kreis der Kollegen enthoben, um nach Ablauf der Amtszeit wieder in ihre Reihe aufgenommen zu werden.  Um Sicherzustellen, dass die Fakultäten alle zu ihrem Recht kommen und nicht einseitig nur eines der Fächer gefördert wird, entstammt der Rektor jedes Jahr einer anderen Fakultät [heute: Fachbereich]. Um sich für dieses Amt zu qualifizieren ist es nötig mindestens vier Semester dem Lehrkörper zuzugehören. Dies sichert die Universität vor heißblütigen Schnellschüssen neu Hinzugekommener und garantiert Kontinuität im universitären Betrieb. Dieses ausgeklügelte System, welches sich in dieser Form schon seit vielen hundert Jahren fortschreibt, ist daher am besten geeignet, den Fortbestand der alma mater moguntiensis zu sichern. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sich an diesem System verbessern lassen sollte, was unsere Vorväter nicht bereits in Angriff genommen haben.

Die Studentenschaft betrachtet diese causa anders und fordert lautstark eine reformatio der Universität. Wie zu Luthers Zeiten überschwemmen sie den Campus mit Flugblättern, auf denen sie ihre überzogenen Forderungen kundtun. So auch heute auf dem Vorplatz des Stadttheaters. Wenig geprägt von den Entbehrungen des Krieges und der straffen Disziplin des Militärs begehren diese Halbstarken in Begleitung studierender und ebenfalls flugblattverteilender Fräuleins auf und gedenken das akademische Leben aus seinen Grundfesten zu heben. Immer wieder hört man die Mär, dass dem Student nicht ausreichend Mitbestimmung zugebilligt werde. Dabei ist es gute Sitte eines Allgemeinwesens, dass stets die älteren, mit mehr Weisheit und Lebenserfahrung ausgestatteten Individuen die Geschicke zu leiten vermögen. Welche Rolle halbwüchsige in Mitten ihrer akademischen Ausbildung stehende Jungen und Mädchen spielen sollen, ist mir immer noch nicht ganz einsichtig. Am Ende kämen wir noch so weit, ihnen ein mit den Professoren gleiches Stimmrecht mit Sitz und Stimme im Senat anbieten zu müssen. Man verstehe mich nicht falsch: Es ist das innigste Anliegen der Universität als Bildungsanstalt die jungen Menschen zu formen und ihnen in ihrer Entwicklung dienlich zu sein. Doch all dies sollte in den hierfür schicklichen Grenzen und mit dem nötigen Respekt vor dem Lehrkörper geschehen.“


Die Studentin:

„Eigentlich hätte ich gerne heute ausgeschlafen, schließlich ist ja Samstag!...Aber was macht man nicht alles für die gute Sache? Noch schnell die Flugblätter eingepackt und schon bin ich aus der Haustür.

Am Gutenberg-Denkmal gegenüber des Stadttheaters treffe ich mich um halb 10 mit den Genossen vom SDS für eine letzte Aktionsbesprechung. Proteste anderer Hochschulgruppen sucht man vergebens. Ein Armutszeugnis! Interessiert sich eigentlich sonst niemand für die Missstände an unserer Uni? Wenigstens wir vom SDS wollen unseren Unmut über die alljährliche Rektoratsübergabe zum Ausdruck bringen. Sie ist nicht weniger als ein Symbol des autoritären Hochschulsystems.

Schon länger setzen wir uns für die Abschaffung dieser vollkommen veralteten Selbstbeweihräucherung der Altnazi-Ordinarien ein, die hier unbeirrt ihre Allmachtsphantasien ausleben. Wacht auf! Wir leben im Jahr 1967 und nicht 1567! Der AltHERRENverein blendet völlig aus, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben und nicht in einer Diktatur. Aber wollen sie das wissen? Mit ihren Taten aus der NS-Zeit mussten SIE sich ja auch nie auseinandersetzen!

Da treffen auch schon die ersten Ehrengäste wie Ministerialdirektor Altmeier und Kultusminister Vogel ein. Wir drücken Ihnen unsere Flugblätter in die Hand. Auf denen steht geschrieben „Dieser Rektor ist nicht unser Rektor“.

In den letzten Wochen wurde immer deutlicher, wie untragbar der neue Führer der Uni ist. Der neugewählte Rektor Adolf Adam – was für ein passender Vorname! – machte immer wieder deutlich, dass er ein Verfechter des autoritären Hochschulsystems ist. Er meinte ernsthaft, dass wir Studierende weder ein politisches Mandat hätten, noch in der Lage seien, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Wer, wenn nicht wir, soll denn auf die ganzen politischen und gesellschaftlichen Missstände hinweisen? Nur die Masse klein halten und ja nicht zum kritischen Denken verführen! Hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eigentlich irgendetwas verändert? Zuhause und in der Schule musste ich mir immer wieder anhören, dass unter‘m Führer ja nicht alles schlecht war – nur das mit den Juden hätte halt nicht sein müssen. Alles Quatsch mit brauner Soße. Der Nationalsozialismus war ein imperialistisch-reaktionäres System unter Führung des Großkapitals - da gibt’s nix zu beschönigen!

Meine letzte Hoffnung war die Uni! Progressive Kräfte unter den Intellektuellen dieses Altnazi-Landes! Aber ich wurde in kürzester Zeit desillusioniert. Hier sind die Strukturen ja noch autoritärer als daheim! Die Student_Innen stellen zwar die größte Gruppe der Uniangehörigen, haben aber nahezu keine Mitsprache. Der AltHERRENverein bestimmt und wir sollen zu allem Ja und Amen sagen. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Eine gleichberechtigte Mitsprache wäre doch das Mindeste! Schließlich geht es um unsere Ausbildung und Zukunft. Auch beim heutigen Brimborium spielen die Studenten_Innen überhaupt keine Rolle. Man sucht sie hier nahezu vergebens. Eine der wenigen Ausnahmen: Ein paar revisionistische Burschenschaftler, die dem tausendjährigen Reich im Vollwichs hinterher trauern, betreten gerade das Theater. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

So sehen sie aus, die Zepter der Universität. Bild: Thomas Hartmann

Es ist jetzt kurz vor 10. Die Professoren ziehen in ihren Talaren ein. Vor ihnen laufen zwei Zepterträger, die aussehen als würden sie ein verziertes Eis am Stil tragen. Das Lächerlichste an der ganzen Geschichte? Diese wurden erst vor ein paar Jahren angefertigt. Die Ewiggestrigen versuchen so ihre Macht zu zementieren und spielen munter Mittelalter. Mal abwarten, wie lange die noch im Gebrauch sein werden! Schön ist ohnehin anders. Die Professoren werden im Theater durch ein rotes Band abgetrennt sitzen. Bloß keinen Kontakt zum normalen Volk! Um die anwesenden ProfessorINNEN zu zählen, brauche ich übrigens nicht einmal eine ganze Hand. Eine Rektorin gab es bisher ebenfalls nicht. Aber wen wundert’s bei den patriarchalischen Strukturen unserer Uni und Gesellschaft? Ich brauchte ja auch eine Unterschrift von meinem Vater, um mich überhaupt einschreiben zu können. Allein schon deshalb ist das nicht mein Rektor!“

Völker hört die Signale!

 

Und anderswo?

Überall in Deutschland waren die Studis im Aufbruch und stemmten sich gegen die veralteten Strukturen von Universität und Gesellschaft – auch in Mainz. Wie die Geschichte weitergeht, erzählen wir euch demnächst weiter.
68 ist für euch Schnee von gestern? Dann erzählt uns, welche Reformen die Uni heute dringend braucht. Vielleicht haben wir mit der Situation im Mainz 1967 heute mehr gemein als wir denken!

 


"Autorenkollektiv"

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

 

 

Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Do’s and Don’ts zum Studienstart

 

Heute ist für viele Erstsemestlerinnen und Erstsemestler der erste Tag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. An dieser Stelle spare ich mir, als alte Häsin, meine Beileidsbekundungen und gebe euch lieber einen nützlichen Ratgeber mit an die Hand, der euch sicher durch die bevorstehenden turbulenten Zeiten bringen wird.

 

Vorab ist es vielleicht ganz gut, sich klar zu machen, dass vor euch auch schon andere durch die ehrwürdigen Hallen der Universität wandelten und sich dabei zu Beginn genau so unsicher gefühlt haben, wie so manch eine oder einer unter euch.

 

Aller Anfang ist schwer. Do: Tief durchatmen!

Am Studialltag und der Institution Uni hat sich natürlich sehr viel verändert. Hättet ihr euch vor 50 Jahren, also 1967, eingeschrieben, wärt ihr nicht am höchstkomplizierten Einrichten eines Druckkontos gescheitert, sondern vielleicht sogar schon an der Immatrikulation selbst, Bafög gab es damals nämlich noch nicht und dementsprechend kostspieliger war das Studium in diesen Zeiten also. Dass das Bafög allerdings auch so seine Nachteile hat und noch weit davon entfernt ist, auf gerechte Art und Weise die Studienfinanzierung für möglichst viele Studis sicherzustellen, ist allseits bekannt. Trotzdem: Falls du zu den Auserkorenen gehörst und dich daher durch den ganzen Papierkram kämpfen musst, denk immer daran, dass es das wert ist. Du wirst sehen, dass man sich im Laufe des Studiums eine umfassende Expertise in Sachen Bafög aneignet und man mit jedem Verlängerungsantrag routinierter wird.

1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Und was den Akt der Einschreibung selbst angeht, habt ihr es heute deutlich einfacher als jene Studienanfängerinnen und Anfänger, die 1967 nicht um den ganz großen Auftritt herumgekommen sind. Zwar nicht à la Harry Potter mit sprechendem Hut und so, aber bis Ende der 60er Jahre gehörte es zum guten Ton in der rheinlandpfälzischen Hauptstadt, die neuen Mitglieder des Campusvolks bei einer feierlichen Immatrikulation im Großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses mit einem Festakt offiziell in der akademischen Gemeinschaft willkommen zu heißen. Zu den Programmpunkten gehörten etwa der Einzug des Lehrkörpers, Musikeinlagen des Mainzer Collegium Musicum und der für die Neuankömmlinge wohl ergreifendste Teil: die feierliche Verpflichtung der Neuimmatrikulierten.

 

Gestern Vietnam, heute Syrien. Do: Redet miteinander!

Abseits von Prunk und Fanfaren, in den mehr oder weniger ansehnlichen Toilettenräumen auf den Gängen unterwegs zur nächsten Veranstaltung, oder wo auch immer, blieb und bleibt Platz für Gespräche an der Uni, die nicht zwangsläufig auf dem Lehrplan stehen. Als Ersti bietet es sich insbesondere an, deine Mitstudis in Gespräche zu verwickeln und euch auszutauschen. Vor 50 Jahren drehten sich viele Diskussionen um den immer verheerender werdenden Vietnamkrieg, die nicht aufgearbeitete Nazivergangenheit der vorigen Generation und die, in den Augen vieler Studierender, hetzerisch berichtende „Springerpresse“. Der Schock über die Ermordung des Berliner Studenten Benno Ohnesorg saß noch immer tief. Natürlich finden auch weiterhin, wie 1967, eben jene weltpolitischen Themen Eingang in unsere universitäre Blase und zwingen uns, uns mit dem Krieg in Syrien, dem Erstarken verfassungsfeindlicher Positionen im gesellschaftlichen Diskurs und den vielen sozialen Ungerechtigkeiten in der Republik auseinanderzusetzen.

 

„Im Staat mündig, in der Universität ein bevormundetes Kind“. Do: Engagier dich!

Neben den Diskussionen bringen sich auch viele Studierenden selbst ein, um an den vielen Baustellen unserer Gesellschaft mitwirken zu können. Auch an der Uni. Jetzt nicht unbedingt bei der Neubepflasterung des Unieinganges sondern im übertragenen Sinne. Schau dich doch mal bei deiner Fachschaft um, bring dich im AStA ein oder gestalte eine der unzähligen Hochschulgruppen in Mainz mit. Ganz nebenbei kannst du hier natürlich Kontakte knüpfen, aus denen vielleicht sogar Freundschaften entstehen.

Das vergangene Sommersemester war von Protesten seitens der Studierenden geprägt gewesen, die auch hochschulpolitisch mehr Mitbestimmung gefordert hatten, etwa durch studentische Repräsentation im Senat, dem höchsten Entscheidungsgremium der Uni. Diesen Wunsch, mündiger Teil in einer demokratischen Bildungseinrichtung zu sein, hatten auch schon die Studenten und Studentinnen vor 50 Jahren. Persönlich angegriffen fühlten sich daher einige unter ihnen durch die Worte des Mainzer Rektors Professor Adolf Adam in der Hochschulbeilage der Mainzer Allgemeinen Zeitung anlässlich seiner Amtseinführung zum Beginn des Wintersemesters 1967/68:

„Diese Partnerschaft [zwischen Rektor und Studis] bedeutet jedoch nicht, daß jeder gleiche Funktionen und Entscheidungsbefugnisse besitzt. Eine allseitige Gleichmacherei wäre Utopie und müßte der Sache der Universität und in erster Linie den Studenten schaden.“

Wohl gänzlich verscherzt hatte es sich der neue Rektor mit den angehenden Mainzer Akademikerinnen und Akademikern aber vor allem durch seine Aussage ein paar Zeilen weiter unten. Hier sprach er jungen Menschen im Allgemeinen ab, den nötigen „Sachverstand, Erfahrung und Überblick“ zu haben, um sich hochschulpolitisch einzubringen, denn:

„Wer aber wollte bestreiten, daß der junge Mensch zwischen zwanzig und fünfundzwanzig sowohl in Wissenschaftsfragen wie auch im Bereich menschlicher Erfahrung noch ein Lernender ist und ihm das später mögliche Potential an Sachverstand, Erfahrung und Differenzierungsvermögen jetzt noch nicht zugewachsen ist.“

Wer heute als Lernender oder Lernende an die Uni Mainz kommt, findet im Vergleich zu 1967 und dank der 68er-Bewegung demokratisierte Strukturen vor und hat zahlreiche Mitbestimmungsmöglichkeiten, auch auf institutioneller Ebene. Was Rektor Adam wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass heute 8 Studierende als stimmberechtigte Mitglieder des Senats im höchsten Gremium der Universität sitzen und über unirelevante Sachverhalte mitentscheiden?

 

Trillerpfeifen und Transparente. Do: Den Protest auf die Straße bringen!

Wer das Semester gut ausgestattet beginnen möchte, sollte sich auch mit Transparenten und Trillerpfeifen eindecken. Die machen sich immer gut bei Sitzblockaden gegen Erhöhung des Semesterbeitrags und schlechtes Mensaessen. Eure Kommilitoninnen und Kommilitonen von 1967 können ein Lied davon singen. So protestierten sie etwa gegen die Notstandsgesetze, gegen den Krieg in Vietnam oder die Anbiederung der BRD an das autokratische Schahregime des Irans.

 

Traditionen sind wichtig. Do: An der Kneipentour teilnehmen!

Es gibt auch andere Gepflogenheiten, die es sich fortzuführen lohnt, denn Traditionen sind schon was Tolles, also auf jeden Fall, wenn es um die Ersti-Kneipentour geht. Passt hier nur auf, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Denn wenn ihr euch plötzlich zwischen mit Säbel hantierenden und komischen Mützen tragenden Studis wiederfindet, muss das nicht zwangsweise an überhöhtem Alkoholkonsum liegen. Es gibt sie noch – diese Studentenverbindungen, die mit ihren Ritualen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.

Da man sich ja auch mal bei den älteren Jahrgängen umhören kann, wie die ihre Zeit als Erstis überstanden haben, haben wir im Universitätsarchiv uns noch zusätzliche Gedanken gemacht, uns an unsere Ersti-Zeit zurückerinnert. Wenn ihr die Do’s beherzigt seid ihr zwar schon fast Uniprofis, doch hier noch ein paar Dinge die ihr besser bleiben lasst.

 

Don’t!

Deine Tischnachbarin beim Ersti-Frühstück mit „wertes Fräulein, könnten Sie mir bitte die Butter reichen“, ansprechen. Unter Rektor Adam noch völlig normal, heute eher uncool.

Gekauftes Lehrbuch nach Klausur mit Unschuldsmiene in der Campusbuchhandlung  zurückgeben und trotz kunterbunt markierter Passagen und Kaffeeflecken behaupten, man habe es ja gar nicht benutzt – das sei schon so gewesen. Ein Klassiker.

Deinen Ehemann um Erlaubnis bitten, dich an der Universität immatrikulieren zu dürfen. Das ist sooo 1967.

Nein, man belegt einfach keine Vorlesung um acht Uhr morgens – es sei denn diese ist klausurrelevant oder bei einem Professoren wie Walter Holsten, den hält man sich lieber mal warm. (Warum, könnt ihr hier lesen).

Ach ja, Life hack: Fragen wie "Müssen wir das für die Klausur noch wissen?" mögen auch die nettesten Dozierenden nicht.

Gibt’s sonst noch etwas zu wissen? Ne Menge, aber deswegen bist Du ja hier.

 

Viel Spaß beim Studieren!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Mainz: Die Stadt der drei Kanzler

Deutschland im Herbst: Alle sind im Kanzlerfieber! Von der Uckermark bis Würselen - von München bis Berlin. Alle? Nein, ein kleines Städtchen am Rhein zeigt sich unbeeindruckt. Zwar geben sich auch in Mainz die Kanzlerin und ihr Herausforderer dieser Tage die Klinke in die Hand, doch im Gegensatz zu anderen Städten kann die Mainzerinnen und Mainzer ein Besuch der Kanzlerin nicht in Aufregung versetzen.

Denn mit dem Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches residierte schon einmal ein waschechter Kanzler in Mainz. R-E-I-C-H-S-E-R-Z-K-A-N-Z-L-E-R, das ist doch mal ein Titel. Und was sind schon Merkel und Schulz gegen Albrecht von Brandenburg? Ihr wisst schon, Albrecht von Brandenburg, der Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches, und Erzbischof von Mainz, der den Ablasshandel so übertrieben hat, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Wittenberger Schloßkirche genagelt hat.

Aber wer ist dann der dritte Kanzler der Stadt?
 

Ein Kanzler für die Uni

Nicht nur die Bundesrepublik hat eine Kanzlerin, sondern auch die Uni Mainz. Waltraud Kreuz-Gers ist seit 2014 der fünfte Kanzler  der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Liste gefällig?) und ebenso wie Frau Merkel die erste Frau in ihrem Amt. Aber was macht eine Kanzlerin an der Uni? Bevor jetzt ein vorlauter PoWi-Student oder eine andere Schlaumeierin wieder anfängt mit Richtlinienkompetenz und Bestellung der Bundesminister lösen wir schnell auf:

Der Kanzler bzw. die Kanzlerin ist an der Universität der Kopf der Verwaltung: Hier wird über das Geld der Uni verfügt, Korruption vorgebeugt und die Gebäude der Uni mit ihrer technischen Ausstattung verwaltet. Ebenso fallen der Datenschutz wie auch die Einführung neuer technischer Systeme in den Bereich der Verwaltung. Solltet ihr also keinen Bock mehr auf Jogustine haben – die Kanzlerin kann hier ein Wörtchen mitreden.

„Das könnte ihre Schatztruhe sein“. Diese Kiste bekam das Universitätsarchiv vom Kanzlerbüro überlassen. Wozu sie wohl dient?
Quelle: Universitätsarchiv

Um ihrer Meinung Gewicht zu verleihen, ist die Kanzlerin Mitglied im Senat, dem „Parlament“ der Universität. Außerdem ist sie die Vorgesetzte des Verwaltungspersonals an der Uni und Vorsitzende des Universitätsfonds der JGU,  dem unter anderem die Weinberge der Uni gehören. Während unser aktueller Präsident Georg Krausch sich also um die Universität im Ganzen kümmert und sie nach außen repräsentiert, steht im Kanzlerbüro bei Frau Kreuz-Gers vor allem die Verwaltung des universitären Geldbeutels im Fokus.

 

Und was hat das mit dir zu tun?

Naja zugegeben, erstmal klingt das Ganze so, als hätten die Kanzlerin und Studis nur wenige Berührungspunkte. Aber In ihrer Rolle als Verwaltungschefin könnte sie dich nicht nur für die Ehrenmedaille der JGU vorschlagen (man soll ja immer Ziele im Leben haben 🙂 ), sie hat auch Einfluss darauf, wie viel Personal in den Bibliotheken für dich da sind oder ob genug Leute im Studierendensekretariat arbeiten, damit du nicht lange anstehen musst.

 

Es ist schwer, gutes Personal zu finden
Kurator Eichholz am Telefon. Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 447
Heute geht man im Kanzlerbüro neben den vielen Verwaltungsaufgaben auch gegen Korruption und Vetternwirtschaft vor, doch direkt beim ersten Unikanzler scheint es als wäre das noch anders gewesen.

Schließlich war Fritz Eichholz nicht nur ein Jurist, und somit für eine Verwaltungsstelle gut qualifiziert, sondern auch der Schwager vom Raymond Schmittlein, seines Zeichens der Leiter der Kulturabteilung bei den französischen Besatzungsbehörden. Man könnte also durchaus sagen diese Personalwahl hätte ein G’schmäckle gehabt. Denn Schmittlein hatte nicht nur eine Funktion bei den Besatzungsbehörden, sondern zählt auch zu den eifrigsten Förderern der jungen Mainzer Uni.

Doch da direkt nach dem Krieg der deutsche Amtsschimmel noch im Stall stand und weniger gesetzliche Regelungen existierten als heute, musste man sich meist auf Leute verlassen, die man kannte und bei denen man dafür bürgen konnte, dass sie nicht die größten Nazis waren. Da kann die Wahl auch mal auf den Schwager fallen. Ein Umstand der uns auch heute nicht fremd ist.
 

Die NSA lässt grüßen

Die kurioseste Geschichte, die sich um ihn spinnt, ist aber sicher die „Abhöraffäre“. Um offizielle Reden und Feierlichkeiten für die Nachwelt festhalten zu können, hatte die Universität ein Supraphon beschafft. Hiermit konnte man Musik und Ton auf einen Draht aufnehmen und hinterher wieder abspielen. Die Professoren beschuldigten Eichholz dieses Gerät in seinem Dienstzimmer einzusetzen, um die Gespräche zwischen den Professoren und ihm mit einem nicht sichtbaren Mikrofon aufzunehmen um sie später gegen die Profs zu verwenden. Deshalb forderten sie den Rücktritt des Kanzlers. Was ein bisschen klingt wie aus dem Grundstudium von James Bond konnte freilich nie bewiesen werden. Die nichtwissenschaftlichen Universitätsbediensteten versicherten aber, dass ein solches Gerät weder bei Eichholz im Büro gestanden hatte, noch von ihm an seinem Schreibtisch hätte bedient werden können.

Nach 21 Jahren in den Diensten der Universität ging Eichholz 1967 in Rente. Neben seiner direkten Art blieb vor allem sein Einsatz für den Aufbau der Uni im Gedächtnis. Zum 80. Geburtstag vermerkte die JOGU über Eichholz: „die Universität gefalle ihm heute nicht mehr so, aber das gehe ihn ja gottlob nichts mehr an“.

Mit ihm ging nicht nur ein Gründungsmitglied der Universität, sondern ein echter „Charakterkopf“ verloren. Heute wäre so jemand wohl als Kanzler nicht mehr denkbar, da alles in geregelten Bahnen verläuft und strenge Qualifikationsvorgaben zu erfüllen sind um dieses Amt überhaupt besetzen zu dürfen. So braucht man entweder die Befähigung zum Richteramt, eine Prüfung für des vierten Einstiegsamt im Verwaltungsdienst oder eine andere abgeschlossene Hochschulausbildung besitzen. Nicht zuletzt muss „sie oder er [...] aufgrund einer mehrjährigen beruflichen Tätigkeit, insbesondere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung, erwarten lassen, den Aufgaben des Amtes gewachsen zu sein.“ Aber manchmal sehnt man sich ja doch noch nach diesen eigensinnigen und deshalb irgendwie liebenswerten Persönlichkeiten, die mit klarer Kante sagen, was ihnen nicht passt.

Die Auswahl des Unikanzlers obliegt dem Unipräsident in Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium, weshalb wir keinen Einfluss darauf haben, wer dieses Amt innehat. Aber ob Angela Merkel und Martin Schulz zur Kategorie „klare Kante“ gehören und sich damit als Kanzler einer ganzen Republik empfehlen, dürft ihr am 24. September selbst entscheiden. Daher:

 
Geht wählen!
 


Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Juli 1967: Als Mainz zum Schauplatz des Kalten Krieges wurde

Es sind Szenen wie aus Kafkas "Der Prozess", die sich vor 50 Jahren in Mainz abspielten: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“.

Wie Josef K. im Roman, muss sich der Mainzer Kinderarzt und Radiologe Dr. Sukil Lee auch gefragt haben, was er sich zu Schulden kommen lassen hat. Er war nie bei Rot über die Ampel gegangen, hatte immer ordentlich seine Steuern gezahlt – natürlich auch die Hundesteuer; wusste er doch, wie viel Wert seine deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger darauf legten. Außerdem hatte er dazu beigetragen, dass…. „Aber natürlich“, schoss es ihm durch den Kopf.

Zwischen Verdienstorden und Lebensgefahr

Alles hatte mit quengelnden Babys auf der pädiatrischen Abteilung der Mainzer Universitätsmedizin begonnen. Es herrschte akuter Fachkräftemangel in der noch jungen Bundesrepublik der 60er Jahre, es fehlten rund 30.000 Krankenschwestern in westdeutschen Hospitälern. Auch in Mainz kamen sie mit der Arbeit kaum hinterher. Dass die Neugeborenen quasi rund um die Uhr schrien, liege sicherlich an der zu geringen Zahl an Pflegerinnen, stellte Dr. Lee fest.

20 Jahre Dr. Lee und die "Krankenschwesternaktion". Ob die Herren im Hintergrund wohl nordkoreanische Spitzel sind?
Quelle: Universitätsarchiv

Der aus Südkorea stammende Arzt wusste, dass sich 10.000 km östlich von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein anderes Bild bot: In Seoul und anderswo im Land fanden zu viele koreanische Krankenschwestern trotz ihrer hervorragenden Ausbildung keine Anstellung. Es müsse doch irgendwie möglich sein, diese Bedürfnisse miteinander zu verknüpfen und eine Win-Win-Situation für seine beiden Heimatländer zu schaffen, dachte sich Dr. Lee. Wäre nicht allen geholfen, wenn man koreanische Schwestern in deutschen Krankenhäusern arbeiten ließ, die doch so dringend geschultes Personal benötigten?  Dass diese Überlegung ihm einmal das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland bescheren und in gleichzeitig in große Gefahr bringen sollte, konnte er damals nicht ahnen.

Ein junger Arzt packt an

Doch der Reihe nach: In Folge eines immensen, für deutsche Verhältnisse sicherlich nicht untypischen bürokratischen Aufwands, wurde aus einer vagen Idee eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt weil der 39- jährige Dr. Lee es sich nicht nehmen ließ, selbst nach Korea zu fliegen, um sich dort mit dem damaligen Gesundheitsminister zu treffen. Der versprach nach 10 Minuten, alles Nötige auf koreanischer Seite in die Wege zu leiten, sodass schon bald koreanisches Pflegepersonal in Deutschland zum Einsatz kommen würde.

Und tatsächlich, Anfang des Jahres 1966 konnten über hundert Koreanerinnen nach Deutschland reisen. Sie wurden persönlich vom Verwaltungsdirektor der Mainzer Klinik Dr. Reinhold Rörig in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz mit einer Chartermaschine in Seoul abgeholt.

Die Menschen, die im Juni 1967, also ein Jahr nach der Ankunft der ersten Schwestern, an der Türschwelle des Arztes standen, waren ihm weniger freundlich gesinnt.

Menschenraub im ach so beschaulichen Mainz

Es klingelt. Er schaut auf. Sein Blick huscht zum Herd. Der Kohl zum Fisch dürfte jeden Moment fertig sein. Sein Bauch knurrt. Wer mag das zu so später Stunde sein? Er hatte doch schon seinen Pyjama angezogen. Dr. Lee öffnet die Tür. Drei dunkle Anzüge bauen sich vor ihm auf. Der Doktor zupft seinen Schlafanzug zurecht.

Dann ereignete sich etwas, was der damalige rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters als „Menschenraub“ bezeichnete. Die drei Herren, die sich als südkoreanische Staatsbürger ausgaben, bitten Lee höflich in die Botschaft mitzukommen. Man müsse etwas besprechen. Dr. Lee geht mit, er scheint ohnehin keine Wahl zu haben. Die Herdflamme erlischt. Er zieht die Tür hinter sich zu.

In der Botschaft angekommen, wird er stundenlang verhört. Ihm wird gedroht, dass er und seine Familie die Heimat nicht wiedersehen würden, wenn er nicht mit nach Südkorea komme und sich der dortigen Justiz stelle. Er sei verdächtigt, Beziehungen zum kommunistischen Nordkorea zu unterhalten, mit der Absicht, eine Revolution in Südkorea anzustiften. Die sogenannte „Krankenschwesteraktion“, die er aus Mainz gesteuert habe, gehöre zu diesem perfiden Plan. Dem Mainzer Doktor bleibt nichts anderes übrig als den Forderungen der Agenten Folge zu leisten.

Und damit war er nicht der Einzige: Im Jahr 1967 wurden deutschlandweit 17 südkoreanische Staatsbürger entführt, die auf deutschem Territorium lebten. Ihnen allen wurden revolutionäre Umtriebe im Dienste des Erzfeindes Nordkorea vorgeworfen. Von offizieller Seite hieß es, dass die Kollaborateure freiwillig nach Südkorea zurückgekehrt seien. Familienmitglieder und der Freundeskreis der Betroffenen hielten das für unglaubwürdig, im Gegensatz zur damaligen Bundesregierung.

Der deutsche Rechtsstaat außer Kraft? Nicht in Rheinland-Pfalz

An vielen deutschen Universitäten fanden Podiumsdiskussionen statt, die nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung zum Protest gegen das stillschweigende Zusehen ihrer gewählten Vertreter mobilisieren konnten. In Mainz verfasste der AStA unter dem Vorsitz von Jürgen Büscher kurzerhand einen an den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gerichteten Brief, in dem er den Regierungschef dazu aufforderten „die Bundesrepublik als Rechtsstaat wieder herzustellen.“

Die unterzeichnenden Wissenschaftler der Uni Mainz regten sich besonders darüber auf, dass die Bundesregierung dem neuen südkoreanischen Botschafter die Akkreditierung erteilt hatte, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt immer noch von deutschem Boden entführte südkoreanische Staatsbürger in der Gewalt ihrer Regierung befanden. Bundespräsident Heinrich Lübke hielt das nicht davon ab, den Botschafter mit den Worten: „Unsere beiden Völker bekennen sich zu den gleichen Werten“ zu begrüßen. Wie der Spiegel 1967 berichtete, sei es auch Lübke gewesen, der seine Leute dazu angehalten hatte, sich nicht zu sehr für die Rückführung der Verschleppten einsetzen, um die „freundschaftlichen Beziehungen“ nicht zu belasten.

Die Mainzer Uniklinik wie Dr. Lee sie kannte.
Quelle: Universitätsarchiv

Dr. Lee hatte das Glück, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung sich nicht an den Ratschlag des Bundespräsidenten hielt und sich für die Befreiung ihres Arztes einsetzte, ebenso wie der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Am 20. Juli 1967, heute also vor genau 50 Jahren, konnte der Radiologe nach vier Wochen Gefangenschaft tatsächlich wieder deutschen Boden betreten.

Er schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Der Topf mit dem Kohl steht noch immer auf dem Herd. Ihm war das Schicksal Josef K. erspart geblieben:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.“

Aufgepasst:
Wer sich das Werk Kafkas "Der Prozess" (nochmal) anschauen möchte, wird unter anderem hier fündig:

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Von Inseln im demokratischen Rechtsstaat und Lernfabriken: Studentische Proteste an der JGU 1967 und 2017

 

Sommer 2017

Auf meinem Weg zur Arbeit, diese Woche vor dem Georg Forster-Gebäude: Transparente mit Parolen wie "Qualität statt Quantität #es kommt nicht auf die Größe an!", ein paar Schritte weiter mehrere Dutzend Studierende bei einem Sit-in. Rund 1.500 Unterschriften haben sie für ihre Petition bereits gesammelt. Es geht um die drohende Auflösung der AG Sonderpädagogik. Revolution am Campus? Renaissance des Politischen à la 68er?

Bereits Ende Juni waren Mainzer Studierende auf die Barrikaden gegangen. Im Rahmen der deutschlandweiten Aktionswoche "Lernfabriken meutern!" machen sie auf "undemokratische Strukturen", katastrophale Bildungsbedingungen und die massiven Sparmaßnahmen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz aufmerksam. Wir kennen es alle: Der Putz kommt von den Wänden, zu wenig Lehrpersonal, überfüllte Bibliotheken bis hin zur Streichung der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Stipendien. An allen Ecken muss gespart werden! Dass an der Demonstration dann doch nur rund 100 Studierende teilnahmen, mag an den hohen Temperaturen gelegen haben oder dass man mit dem Schreiben eines Sommerhits beschäftigt war. Egal. Es bewegt sich etwas in der Studierendenschaft.

Demonstration "Mainz meutert" vom 21.06.2017 Quelle: Facebook/MainzMeutert

Die Proteste erinnern mich an meine Bachelorarbeitszeit. Ich hatte mich mit der 68er-Bewegung beschäftigt, dabei aber kaum etwas über die Mainzer Studentenproteste erfahren. Welche Themen beschäftigten die Studierenden vor 50 Jahren an der JGU? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den Protesten von heute und damals? Ich machte mich auf die Spurensuche und wurde in den Beständen des Universitätsarchivs fündig.

 

 

 

Sommer 1967

Wenn man im Sommer 1967 über den Mainzer Campus lief, konnte man ebenfalls Zeuge von damals neuen Protestformen wie Sit-ins und Teach-ins werden. In der Fotosammlung des Archivs finde ich Bilder von mehreren Streiks aus jener Zeit. Der Frust der Studierenden war durch die Erschießung von Benno Ohnesorg weiter entfacht worden. (Wie man an der Mainzer Uni auf Ohnesorgs Tod reagierte, könnt ihr hier  nachlesen) Über die Protestzentren Berlin und Frankfurt hinaus erhielt die Studentenbewegung rasant Zuwachs. Auch wenn Mainz nicht gerade als Hochburg der 68er-Bewegung bekannt ist, machten die Studierenden der JGU ihrer Unzufriedenheit mit der hiesigen Situation zunehmend Luft.

Vom wachsenden Frust zeugen zahlreiche Quellen. Wie die vom AStA im Auftrag gegebene Studentenzeitung nobis. Sie gibt einen anschaulichen Überblick über all das, was die Studierenden im Sommer 1967 bewegte Diese und weitere Quellen können bei uns im Universitätsarchiv eingesehen werden.

 

Darf’s noch ein Amt sein?

Bereits der erste Artikel der Juli-Ausgabe sorgte universitätsweit für große Furore. Er handelt von einem Fall von Ämteranhäufung, der von den Studierenden als Symbol für die undemokratischen Hochschulstrukturen wahrgenommen wurde. Walter Holsten, Professor für Allgemeine Religions- und Missionswissenschaft der evangelisch-theologischen Fakultät, hielt sage und schreibe 13 (in Worten: dreizehn!) Ämter inne. Was dazu führte, dass es einem Studierenden z. B. passieren konnte, dass Professor Holsten sowohl über dessen Examensnote als auch über Bafög-Bescheid und Wohnheimplatz mitentschied. Der Artikel betonte: Der Fall Holsten war nur ein Beispiel von vielen für dieses Phänomen. Ist das heute eigentlich so viel anders?

 

Alles nur Propaganda?

Der Artikel schlug damals hohe Wellen und wurde auf die Tagesordnung der Senatssitzung vom 28. Juli gesetzt. Der Senat hat ihn „mit Befremden wahrgenommen“, da Holsten für einige seiner Ämter sogar von Studierenden vorgeschlagen worden war. Altrektor Johannes Bärmann  war sogar der Meinung, dass der Fall vor den Universitätsrichter gehöre. (Ja, es gab einen Universitätsrichter, das ist aber eine andere Geschichte...) Professor Holsten selbst war der Auffassung, dass es sich bei dem Artikel nicht um „sachliche Dinge, sondern nur um Verhetzung und Propaganda“ handle. Er habe den Artikel nicht weiter zur Kenntnis genommen, kündigte aber trotzdem seine Mitarbeit in der Evangelischen Studentengemeinde auf.

Kritik an der Ämterkonzentration wurde v. a. auch deshalb geäußert, weil die Studierenden kaum hochschulpolitisches Mitspracherecht hatten. Professoren, wie der neugewählte Rektor Adolf Adam  sträubten sich sogar gegen die studentische Teilhabe an Universitätsgremien. Diesen Missstand thematisierte auch ein weiterer nobis-Artikel über die Mainzer Assistentenschaft, also über den wissenschaftlichen Nachwuchs. Diese besaß bis dato gar kein Mitspracherecht und fand sich deshalb im Februar 1967 zur ersten Assistentenversammlung zusammen. Einer der Sprecher stellte dabei klar, dass man „keine Revolution, sondern einfach besser integriert und besser informiert werden“ wolle. Als Promotionsstudentin vermisse ich heute auch manchmal ein Forum, das sich speziell für die Belange der Doktorandinnen und Doktoranden einsetzt.

 

Für mehr Zucht und Ordnung – Kooperation der JGU mit der Bundeswehr

Juliausgabe der Studentenzeitung Nobis. Quelle: Universitätsarchiv

Die Assistentenversammlung war Ausdruck des Wunsches nach mehr Transparenz. Die mangelhafte Informationspolitik der Lehrenden war auch der Aufmacher der Juli-Ausgabe „Herr General! Magnifizenz! Meine Damen und Herren!“. Anlass war ein Vortrag des Mainzer Politikwissenschaftlers Hans Buchheim  zum Thema „Die gegenwärtige Lage des deutschen Nationalbewußtseins“. Zu den geladenen Gästen zählten auch Angehörige der Bundeswehr, die akademische Öffentlichkeit war laut den Verfassern des Artikels jedoch nicht eingeladen worden. Als rund 50 „kritische Studenten“ von dem Vortrag durch Zufall mitbekamen, luden sie sich kurzerhand einfach selbst ein.

Im Senat wurde nach den studentischen „Provokationen“ beratschlagt, ob häufigere Gespräche zwischen Lehrenden und Studierenden nicht sinnvoll wären. Erst jetzt wurden die Studierenden über den bereits seit Ende 1965 andauernden Austausch zwischen Bundeswehr und Universität informiert. Ziel der Zusammenarbeit sollte es sein auszuloten, ob die Ausbildung von Abiturienten zu Reserveoffizieren nützlich für ein Universitätsstudium sei. Zudem erfuhren die Studierenden, dass die Bundeswehr vorhatte, einen Lehrstuhl für Strategie an der Mainzer Universität einzurichten. Für die nobis-Autoren stand jedoch fest, dass „militärische[...] Sitten, Gehorsam, Zucht und Ordnung“ nicht mit „freiem Lernen, Lehren und Forschen“ vereinbar seien.

 

Krise als Dauerzustand?

Die Ämteranhäufung und fehlende Transparenz sind nur zwei von zahlreichen Symptomen der überkommenen Hochschulordnung, die von den Studierenden kritisiert wurden. Auch in der nobis-Ausgabe vom Juni 1967 wurde die Mainzer Universitätssatzung beanstandet. Hier schrieb Wolfgang Heinz, dass die Studierenden kaum Rechte hätten, geschweige denn gegenüber dem akademischen Lehrkörper gleichberechtigt seien. Daher seien in der BRD die Universitäten „immer noch [...] obrigkeitsstaatliche Insel[n] im demokratischen Rechtsstaat.“ Die Studierenden in der ganzen BRD bemängelten u. a. den Reformstau sowie die verkrusteten Strukturen. Forderungen nach der Demokratisierung der Universitäten, nach Transparenz, Teilhabe und verbesserten Studienbedingungen wurden immer lauter.

Auch wenn sich in den letzten 50 Jahren vieles geändert hat – Studierende u. a. stärker in die Gremien integriert sind und somit mehr Mitspracherechte haben – erinnern die Forderungen von 2017 doch z. T. an diejenigen  von 1967. Bis heute wird von den Studierenden die Informationspolitik des Lehrkörpers kritisiert. Auch heute wird Kritik am vermeintlich undemokratischen Bildungssystem, bspw. im Rahmen des Bündnisses „Lernfabriken...meutern!“ geäußert.

Worin unterscheiden sich die aktuellen Proteste an der JGU von denen von vor 50 Jahren? Damals waren außeruniversitäre Themen von zentralerer Bedeutung. Die 68er-Bewegung wurde nicht zuletzt auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angetrieben. Das Jahr 1967 galt als Jahr der Krisen – Demokratiekrise, Wirtschaftskrise, Studentenkrise,...

 

„Studentische Störenfriede“ als Indikator für gesellschaftliche Missstände

Dementsprechend wurden in der nobis verstärkt gesellschaftspolitische Themen wie die bevorstehende Einführung der Notstandsgesetze, polizeiliche Willkür oder die Monopolstellung des Axel Springer-Verlags thematisiert. Es wurden daher Parallelen zwischen der damaligen Situation und der am Ende der Weimarer Republik gezogen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in der Juli Ausgabe der nobis deshalb auch Fragen „ [z]ur politischen Rolle der Studentenschaft“ gestellt wurden. Unter diesem Titel war die Rede von Jürgen Habermas beim Teach-in anlässlich des Todes von Benno Ohnesorg abgedruckt worden. In dieser verwies der Frankfurter Philosophieprofessor, dass die studentische Opposition zwar Teil der außerparlamentarischen Opposition sei, aber keine Sonderrechte besäße. Nichtsdestotrotz seien die studentischen Proteste von zentraler Bedeutung, da sie auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und die Perspektive von „Realpolitikern“ erweitern könnten. Bei der Frage, ob und in welcher Form die Studierenden ein politisches Mandat hätten, wurde aber deutlich, dass studentischen Gruppierungen je nach politischer Ausrichtung unterschiedlicher Meinung waren. Während man sich bei den hochschulpolitischen Missständen oft einigen konnte, war bei gesellschaftspolitischen Problemen und den daraus zu ziehenden Konsequenzen keine Einigung möglich.

...Wie ist das heute eigentlich?

 


Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

Besser gar kein Sommerfest als so eins?

 

Ball der Nationen im Kurfürstlichen Schloss. (Quelle: Universitätsarchiv)

Empörung. Entrüstung. Wut. Das alljährliche AStA-Sommerfest fällt ins Wasser. Und dabei hatten wir uns alle auf diesen alljährlichen Höhepunkt im Sommersemester gefreut, auf diese kleine gesellige Verschnaufpause bevor es in die Klausurenphase geht. Laut des allgemeinen Studierendenausschusses muss die diesjährige Sause leider ausfallen, weil die Kosten nicht zu stemmen seien, die Organisation zu aufwändig und überhaupt…

In den letzten Jahren hatte sich der AStA sehr viel Kritik anhören müssen, angesichts der ausufernden Kosten, des unterirdischen Defizits und der problemanfälligen Durchführung des Fests. „Früher hätt’s das nicht gegeben“, hört man aus den Reihen ehemaliger Studentinnen und Studenten der JGU.

Das wollten wir genauer wissen und haben uns Akten zum Mainzer Ball der Nationen, ein in den 1950 und 1960-er Jahren ähnlich beliebtes Fest des AStA, näher angeschaut. Tatsächlich sind wir hierbei auf Dokumente gestoßen, die uns enttäuschten Studis als nostalgische Lektüre dienen können, führen sie uns doch vor Augen, dass früher eben nicht immer alles besser war.

 

Ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Happening

Der 1955 zum ersten Mal an den Start gegangene alljährliche Ball der Nationen wurde auch 1967, also vor genau 50 Jahren vom AStA der Uni Mainz und unter dem „Protektorat Sr. Magnifizenz Prof. Dr. Hans Rohrbach und seiner Frau Gemahlin“ organisiert. Zweck der repräsentativen Veranstaltung sei es, „den Kontakt zwischen unseren ausländischen Freunden und den deutschen Kommilitonen sowie der Bevölkerung der Stadt Mainz und ihrer Universität“ herzustellen. Ort des höchst beliebten Spektakels waren die Räume des Kurfürstlichen Schlosses. Ähnlich wie das Sommerfest, das sich als Begegnungsort der Kulturen verstanden wissen möchte, dabei aber nicht auf die Hilfe des Direktors angewiesen ist, sondern das ganz alleine hinkriegt.

Karten für diese höchst beliebte Veranstaltung wurden für Studierende der JGU vergünstigt zu Verfügung gestellt und waren 1967 wie auch in den Jahren davor innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Dass es dabei zu tumultartigen Zuständen kam, empörte etwa einen Leser der Mainzer Allgemeinen Zeitung, der sich in einem Leserbrief zu Wort gemeldet hat. „Und gerade in diesem Jahr hatte der AStA die angeblich katastrophalen Mißstände [sic!] beim Kartenverkauf beheben wollen“. Die Glücklichen, die für 7,- DM eine Karte ergattert hatten, konnten nach dem Erwerb „nur noch durch das Fenster über eine Leiter wieder in die Freiheit gelangen“.

Besser erging es da der Prominenz, die als Ehrengäste ihre Einladungen bequem mit der Post geliefert bekommen hatten. Noch besser ist es natürlich, wenn die Eintrittskarten gratis für jederfrau und jedermann sind und sich solche Szenen erst gar nicht abspielen, was man trotz aller Kritik dem AStA-Sommerfest zu Gute halten kann.

Als Ehrengäste wurden etwa der hier stationierten Lt. Colonel Howard E. Kessinger jr. C.O. [Anm: Commanding Officer] des 8th Aviation Battalion APO/09185 oder Vertreter der Lokalpresse begrüßt. Außerdem waren auch Persönlichkeiten aus dem politischen Leben gern gesehen, selbst wenn man aus Wiesbaden kam, wie das beim damaligen Wiesbadener Oberbürgermeister Georg Buch der Fall war.

 

Lasset die Spiele beginnen

So ging abfeiern in den 60ern (Symbolbild)

Am Freitag den 13. Januar 1967 ab 19:30 Uhr war es dann soweit: „schöne Frauen“ „in eleganten Abendkleidern“ und „elegante Männer“ in „Gesellschaftsanzügen“ schoben sich durch die prachtvollen Säle des Schlosses. Sie nahmen an Tischen Platz, die, dem Motto des Balls entsprechend, Ländernamen trugen. Für die weniger elegant gekleideten Gäste bot sich ein ganz anderes Bild.

So bemängelte ein Ehepaar, dass es bereits um 19:45 Uhr kaum noch freie Sitzplätze gab. Daher gingen viele Eingeladene dazu über „um Tische oder Stühle, die sie in irgendwelchen Abstellräumen vorfanden, zu kämpfen und versuchten diese irgendwo abzustellen“. Diese Szenen seien einer Veranstaltung wie dem Ball der Nationen unwürdig und hätten eher Dorfkirmescharakter. Zum Start des Unterhaltungsprogramms hatte das Paar die Veranstaltungsräume bereits verlassen.

Die Showeinlagen waren, getreu dem Thema des Balls der Nationen, sehr vielfältig. Dem AStA war es gelungen, verschiedene Studierendengruppen für Vorführungen zu gewinnen. Die Vereinigung indonesischer Studenten in Deutschland e.V., die sich eigentlich auch aktiv einbringen wollte, musste kurzfristig absagen, da ihre erfahreneren Mitglieder durch Abschlussprüfungen zu sehr eingespannt und die jüngeren unter ihnen, noch nie Teil einer solchen „Kulturveranstaltung“ gewesen seien.

 

Die Welt zu Gast in Mainz oder so

Die norwegischen Kommilitoninnen und Kommilitonen gaben Lieder aus Norwegen zum Besten. Außerdem hatten sie sich bereiterklärt beim Empfang der Ehrengäste teilzunehmen und das in „ihren farbenfrohen Trachten“.

Die US-amerikanischen Studis des Middlebury-College [seit 1957 kommen regelmäßig Studis von diesem im Bundesstaat Vermont gelegenen College in die Landeshauptstadt um am Mainzer Ableger, der Graduate School of German in Germany, zu studieren] inszenierten „ein kleines Spiel mit Gesang und Tanz“, das sie Heimatträumerei tauften. Der Iranische Studentenverein bereicherte das Programm neben seiner Tanz- und Gesangseinlage auch mit dem Ausschank persischen Tees.

Doch nicht nur Studierende waren gebeten worden, der Abendgestaltung etwas Internationales einzuhauchen. Die an der Universitätsklinik tätigen koreanischen Krankenschwestern sangen Lieder aus ihrer Heimat und gaben zwei koreanische Volkstänze zum Besten. Außerdem waren sie mit der Aufgabe betraut worden, in ihren Trachten Tombola-Lose zu verkaufen, deren Erlös dem Verein „Aktion Sorgenkind“ [Heute „Aktion Mensch“] zugutekommen sollte. In einem Dankesschreiben an die Krankenschwestern heißt es: „Auch die farbprächtigen Trachten der Mitwirkenden boten für den Besucher ein ungewohntes, aber reizvolles Bild“.

Ob es mehrheitlich an den schönen Kostümen, dem stetig ansteigenden Alkoholkonsum oder an dem sehr reizvollen ersten Preis der Tombola - eine Reise nach Paris - lag, dass allein über die Tombola 1200,- DM der insgesamt 2000,- DM für einen gemeinnützigen Zweck zusammenkam, ist im Nachhinein nicht mehr genau festzustellen.

 

Mehr Schein als Sein

Glaubt man aber dem bereits erwähnten AZ-Leser, konnte der Ball sein Versprechen, ein Fest der Nationen zu sein, nicht halten:

„Ball der Nationen“- wo waren sie nur geblieben, die Nationen, die Afrikaner und Araber, die Südamerikaner, Pakistani und Inder? Wenn von diesen großen studentischen Gruppen auch nur jeweils fünf dagewesen wären, hätte ich diesen Brief nicht geschrieben. Allein Persien, Korea und die USA waren in größerer Zahl vertreten“.

Des Weiteren hatte er auch etwas an der musikalischen Untermalung des Abends auszusetzen:

„Tanzmusik von vier Kapellen. Großartig! Nur- man hält es nicht für möglich- präsentierte die Big Band Max Greger fast die gleiche Schau wie in den letzten zwei Jahren. Wenn dem nichts Neues mehr einfällt, so sollte man endlich ein anderes preiswerteres Orchester verpflichten. Damit muß nicht unbedingt ein Niveauverlust verbunden sein, aber vielleicht könnte man dadurch die Eintrittspreise wieder senken“.

In den Augen der Organisatoren hingegen gab es „außer Ihrem Orchester in der Bundesrepublik kein gleichwertiges Ensemble“ und daher baten sie Greger kurzerhand auch auf dem nächsten Ball 1968 aufzutreten. Die Zahl an alten und jungen Tanzwütigen, die eine heiße Sohle aufs kurfürstliche Parkett legten, scheint den Verantwortlichen Recht zu geben.

 

Ein Hauch 68er

In den Stadtnachrichten konnte man tags drauf lesen, dass die Tanzflächen ständig dicht besetzt gewesen und die Kapellen dem Wunsch der Gäste, „die tanzen, tanzen und nicht als tanzen“ wollten, zu Genüge nachgekommen seien. Die gewagtere Tanzschritte seien „infolge der dazwischen genossenen Mengen von Sekt und Wein“ allerdings erst nach Mitternacht ausgepackt worden. (Der Diskretion wegen wird dies nicht weiter ausgeführt und wir verweisen auf die Fantasie der Leserinnen und Leser).

Was die Outfits der Ballgäste angeht, so wurde eigentlich um Abendgarderobe gebeten. Weswegen sich die Lokalpresse echauffierte, dass sich auch Miniröcke unter die langen Abendkleider gemischt hatten. Ob in Minirock oder nicht, die Anwesenden tanzten bis in die frühen Morgenstunden und der feuchtfröhliche Abend sollte vielen in guter Erinnerung bleiben.

 

Die GEMA macht Stress- auch schon vor 50 Jahren

Auch die GEMA vergisst nicht. Einen Monat nach dem Ball bemängelte sie, dass die Organisatorinnen und Organisatoren die Veranstaltung nicht ordnungsgemäß angemeldet hätten. Die Uni hätte versäumt, den Ball bei der zuständigen Bezirksdirektion der GEMA „mit näheren Angaben wie Tag, Art, Ort der Veranstaltung, Höhe des Eintrittsgeldes usw.“ anzumelden. Netterweise bzw. „entgegenkommenderweise“ erklärte sich die GEMA aber bereit, im Falle des Balls der Nationen ein Auge zuzudrücken und ihre Ansprüche nicht in doppelter Höhe geltend zu machen.

Somit ist es dem Orga-Team des Balls im Gegensatz zu denen des AStA-Sommerfests gelungen, ein Fest ohne finanzielle Verluste auf die Beine zu stellen. Ganz so kulant wie die GEMA damals zeigt sich die aktuelle Universitätsleitung dem Team des Sommerfests gegenüber nicht, denn für durch Vandalismus entstandene Schäden während der Party, soll der AStA in Zukunft selbst aufkommen.

Aber immerhin werden unsere internationalen Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht mehr auf eine vermeintlich „exotische Andersartigkeit“ reduziert, die zum Vergnügen der weißen Mehrheitsgesellschaft einmal im Jahr ihre Trachten anlegen dürfen. „Sowas soll‘s heute eben nicht mehr geben“.

Cheers!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

„Heute Student, morgen tot?“ Mainzer Studis trauern um Benno Ohnesorg

Der Tod des Demonstranten von Alfred Hrdlicka: Relief vor der Deutschen Oper, Berlin (Urheber: Von Tod_des_Demonstranten.jpg: Originaltext: Lorem ipsum 19:09, 15. Jul. 2007 (CEST))derivative work: Emdee (talk) - Tod_des_Demonstranten.jpg, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8335786)

Die Vorwürfe, die Presse sei nicht objektiv genug in ihrer Berichterstattung, sie befeuere geradezu die Polarisierung gesellschaftlicher Gruppen und diffamiere letztlich alle, die nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, lesen wir besonders in den letzten Jahren häufig. Wenn das die „besorgten“ PEGIDA-Mitmarschierenden in die unzähligen Mikrofone verkünden, die man ihnen hinzuhalten bereit ist, lässt sich das meist auf ein Wort herunterbrechen: Lügenpresse.
Mehr oder weniger berechtigte Kritik an der sogenannten vierten Gewalt, übten auch Mainzer Studierende im Anschluss an ein tragisches Ereignis, das sich heute vor genau 50 Jahren, also am 2 Juni 1967, abgespielt hat.

„Der Tod…“, Strafrechtler der Uni Mainz Prof. Peter Schneider schaut auf und blickt in die Menschenmenge, die sich vor dem städtischen Theater Mainz [heute Staatstheater] versammelt hatte. Er sieht in bedrückte Gesichter. „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg betrifft jeden von uns persönlich, obwohl kaum einer von uns ihn persönlich gekannt hat.“

Die Nachricht aus Westberlin, dass anlässlich einer Anti-Schah Demo der Berliner Student Benno Ohnesorg von der Kugel des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras in den Hinterkopf getroffen worden war, wird auch in Mainz vielfältig diskutiert. Während Prof. Schneider im weiteren Verlauf seiner Rede vor dem Theater zur Besonnenheit mahnte und betonte, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen „unter welchen Umständen, aus welchen Motiven und äußeren Veranlassungen es zum tödlichen Schuss kam“, stand für die Mainzer Studierendenschaft fest, dass vor allem die Berliner Presse eine moralische Schuld für den Tod eines jungen Menschen zu tragen habe. Die hetzerische Berichterstattung über die Proteste in Blättern wie der BILD Zeitung habe die breite Öffentlichkeit gegen die Studierendenschaft aufgebracht. Die Verantwortlichen hätten somit die Eskalation in Kauf genommen, wenn nicht gar bewusst betrieben.

 

Und was macht Mainz?

Es ist beachtlich, wie schnell die Sprecher der Mainzer Studierenden reagiert haben und sich bereits am 4. Juni, also zwei Tage nach der Demonstration, im Gutenbergexpress zu Wort meldeten: Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, einte die Hochschulgruppen 1967 die Überzeugung, dass die Studierendenschaft und ihre Anliegen seitens der Presse verunglimpft werden sollten um im Rest der Bevölkerung Abneigung und Vorbehalte gegen die angehenden Akademikerinnen und Akademiker zu schüren.
Oder um es mit den Worten des eigentlich nicht als sehr revoluzzeraffin bekannten RCDS zu sagen: Fahrah Diba [die Gattin des autokratischen Schahs von Persien, die ihren Mann auf seiner Deutschlandreise begleitete] wird weiter durch die Regenbogenpresse lächeln. Studenten werden weiter durch die Springerpresse verketzert.“

Dementsprechend ordneten die Mainzer Studierenden auch die Anschuldigungen, ihre Berliner Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten die Polizei mit Messern attackiert, als weiteres Mittel zur öffentlichen Hetze ein. Der damalige 1. AStA-Vorsitzende Jürgen Büscher meinte hierin sogar eine neue Dimension der Diffamierung von Studierenden zu erkennen.

Neben der Presse wurden natürlich auch die Berliner Polizei und die politischen Verantwortlichen für den dramatischen Ausgang dieser Anti-Schah-Demo verantwortlich gemacht. Man könne fast meinen, die Beamten hätten sich von den Methoden ihrer Kollegen im Heimatland des Schahs, also dem Iran, inspirieren lassen und die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD getrost vor Dienstbeginn zu Hause gelassen, so Büscher.

Die Redakteure der berühmtberüchtigten Mainzer Studentenzeitung nobis urteilten, man müsse geografisch gar nicht so weit schauen, um im Verhalten der Polizisten frappierende Parallelen zu einem anderen Unrechtsstaat zu entdecken:

„In Berlin werden jetzt nicht nur an der Mauer Menschen erschossen. In Ost-Berlin herrscht Demonstrationsverbot, in West-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In Ost-Berlin gibt es eine Einheitspresse, in West-Berlin gibt es eine Einheitspresse. In Ost- und in West-Berlin ist nur gestattet, was die Polizei erlaubt. In Ost-Berlin erklärt man sich mit dem Nationalsozialisten Nasser solidarisch, in West-Berlin mit dem Monarcho-Faschisten Reza Pahlevi. In Ost-Berlin wird unterdrückt, was dem Magistrat nicht paßt. In West-Berlin wird unterdrückt, was dem Senat nicht paßt. In Ost-Berlin, in West-Berlin. Berlin bleibt Berlin.“

Der Mainzer Ableger des Liberalen Studentenbund Deutschlands wähnte sich gar an die NS-Zeit erinnert und schrieb im Gutenbergexpress vom 4. Juni: „Jede Meinungsäußerung, die dem Establishment widerspricht, ist verdächtig, Demonstranten kommen wieder ins Gefängnis.“

Die Conföderation Iranischer Studenten, die als eine der wichtigsten Anti-Schah- Gruppierungen im Ausland agierte und auch in Mainz vertreten war, wählte in ihrer Presseerklärung vom 5. Juni klare Worte. Die Schuld an dem Tode Ohnesorgs läge allein bei der aus Teheran „eingeführten Schlägertruppe und jenen, die dieser Truppe von Beginn des Schah-Besuches an Aktionsmöglichkeiten verschafft haben“.

 

Der trauernde Student und sein Dreschflegel

Um der Trauer auch öffentlich Ausdruck zu verleihen organisierte der AStA Mainz einen Trauermarsch vom Forum universitatis ausgehend über den Hauptbahnhof, am Münster- und Schillerplatz entlang bis zum Gutenbergplatz, wo der Marsch mit einer Kundgebung seinen Abschluss finden sollte. In diesem Rahmen hielt der bereits eingangs erwähnte Mainzer Professor Peter Schneider seine Rede, ebenso wie der AStA Vorsitzende Büscher.

Der damalige Rektor der JGU Hans Rohrbach bestand bei einer dem Trauermarsch vorangegangenen Besprechung mit allen Hochschulgruppen darauf, dass „kein anderes Transparent“ benutzt werden solle, als „Wir trauern um Benno Ohnesorg“. Im Gegenzug bewilligte er die Veranstaltung des ersten Mainzer teach-ins, in dem es Platz und Gelegenheit für die politische und gesellschaftliche Diskussion geben solle.
Rund 2000 Studenten und Studentinnen, einige Mainzer Professoren und Mitarbeiter der Uni nahmen an dem Trauerzug durch die Mainzer Innenstadt teil. Im Vorlauf wurden circa 7000 Flugblätter verteilt, in dem der AStA gemeinsam mit den Hochschulgruppen etwa den Rücktritt des regierenden Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, des Innensenators Wolfgang Büsch, die Suspendierung des Polizeipräsidenten und des polizeilichen Einsatzleiters forderte.

Fluglatt Benno Ohnesorg
Flugblatt zu Ohnesorgs Tod herausgegeben vom AStA und den Hochschulgruppen der JGU (Quelle: Universitätsarchiv Mainz)

Laut der Mainzer Allgemeinen Zeitung verhielt sich die Mainzer Bevölkerung „entlang der Marschroute zögernd und abwartend“. Zwar hielten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Vereinbarung, keine politischen Parolen auf die Plakate zu schreiben, ein Demonstrant jedoch trug einen Dreschflegel mit sich, wohl um seinen Protest gegen die Gewaltbereitschaft der Berliner Polizei zu unterstreichen. Nach Beendigung der studentischen Aktion wurden spontan noch knapp 1700 DM für die Witwe Ohnesorgs gesammelt.
Am Tag der Beisetzung Ohnesorgs am 9. Juni 1967, war der gesamte Lehrbetrieb eingestellt worden, und ab 14 Uhr fand das erste Mainzer teach-in im Forum universitatis statt. Etwa 400 Kommilitoninnen und Kommilitonen nahmen hieran teil und diskutierten über Themen wie „Autoritäre Universität?“ „Zerschlagung des Springer Konzerns?“ „Was geht uns Persien an?“ „Studieren oder politisieren?“ „Einigkeit und Recht und Freiheit?“

Auch auf dem Programm stand die Rede eines ehemaligen Berliner Studenten, der berichtete, dass fast alle Kundgebungen in Berlin mit Verhaftungen und Verletzten verbunden gewesen seien, dass das fast schon normal gewesen sei.
So lässt sich auch der Kommentar von Hans Georg Claussen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund Mainz verstehen, der die Tragödie einige Tage vorher wie folgt kommentiert hatte:

„Wir trauern um Benno Ohnesorg, aber wir wundern uns nicht mehr.“

 

Aufgepasst:
Wenn ihr noch mehr über Benno Ohnesorg erfahren wollt haben wir noch zwei spannende Literaturhinweise:

Die Stasi und der Westen von Sven Felix Kellerhof. Hier gehts um die Stasi-Verstrickungen von Karl-Heinz Kurras.

Der Freund und der Fremde von Uwe Timm. Ein ehemaliger Mitschüler Ohnesorgs erzählt von ihrer gemeinsamen Schulzeit.

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".