Studium

Nicht ohne mein Grundgesetz oder: Bekenntnis zu einem Buch, das kaum einer gelesen hat

Jeder von uns kennt Art. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Aber ansonsten? Hand aufs Herz, könntet ihr alle Grundgesetzartikel aufzählen? Ich jedenfalls nicht. Dabei wirken sie sich auf unseren gesamten Alltag aus – auch auf den an der JGU. Wie sich anhand meiner eigenen Unilaufbahn – vom Studienstart bis zum Promotionsstudium – leicht zeigen lässt.

Vor 70 Jahren wurde ein Dokument unterzeichnet, das bis heute maßgeblichen Einfluss auf unser gesellschaftliche Miteinander in Deutschland hat. 70 Abgeordnete des Parlamentarischen Rates – darunter gerade mal vier Frauen – hatten acht Monate an seiner Ausarbeitung gefeilt. Die Rede ist vom Grundgesetz, der Grundlage der demokratischen Ordnung und Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Man wollte aus den Fehlern der Weimarer Republik und den zwölf Schreckensjahren des NS-Regimes lernen: Die Bundesrepublik berief sich besonders auf die Wahrung der Menschenrechte, wollte sich als Teil der Weltgemeinschaft für Freiheit und Frieden einsetzen. Man stellte dem Grundgesetz daher 19 Grundrechte voran. Aber was hat das mit mir zu tun?

„Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ (Art. 12 Abs. 1)

Grundgesetz - freie Wahl der AusbildungsstätteWährend meiner Schulzeit war mir schon früh klar, dass ich einmal studieren möchte. Nur was und wo stand zunächst noch nicht fest. Die Entscheidung lag ganz bei mir. Höchstens mein Abi-Schnitt hätte mir bei der Wahl des Studienfachs einen Strich durch die Rechnung machen können. Mein Kindheitstraum war es gewesen, Meeresbiologin zu werden. Dank Art. 12 Abs. 1 konnte ich Biowissenschaften an der TU Kaiserslautern studieren. Als ich aber merkte, dass ein naturwissenschaftlicher Studiengang doch nichts für mich ist, wechselte ich nach Mainz zum buch- und geschichtswissenschaftlichen Studium. Alles kein Problem, denn schon bei der Studienorts- und Berufswahl sichert uns das Grundgesetz Selbstbestimmung zu.

Das war jedoch nicht immer so, vor allem in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik: Zwar wurde bereits in der ersten Fassung des Grundgesetzes die Gleichberechtigung von Frauen und Männern verankert (Art. 3 Abs. 2). Frauen brauchten dennoch bis in die 1970er-Jahre eine Einwilligung ihres Vaters oder Ehemanns, um zu studieren. Im Sommersemester 1947 wurde an der JGU sogar für eine kurze Zeit eine Quote eingeführt, damit die Anzahl der weiblichen Studis einen gewissen Prozentsatz nicht überstieg. Aber auch meine männlichen Mitschüler konnten nach dem Abi nicht ohne Weiteres ins Studium ihrer Wahl durchstarten. Aufgrund von Art. 12a Abs. 1 mussten diejenigen, die nicht ausgemustert worden waren, zunächst zum Bund oder, falls sie von ihrem Kriegsdienstverweigerungsrecht (Art. 4 Abs. 3) Gebrauch gemacht hatten, den so genannten Zivildienst absolvieren.

„Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ (Art. 5 Abs. 3)

Schon mit der Einschreibung kam ich in den Genuss einer Reihe von Freiheiten, ohne dass es mir bewusst war. Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre (Art. 5 Abs. 3) wirkt sich auch auf das Studium aus. Doch was bedeutet das konkret für meinen Studienalltag? Am Bologna-Prozess wurde immer wieder kritisiert, er habe zu einer „Verschulung“ der Studiengänge geführt. Trotzdem konnte ich Veranstaltungen im Rahmen der Studienordnung selbstbestimmt wählen. Art. 5 Abs. 3 ermöglichte mir sogar, meinen Schwerpunkt auf buchhistorische Themen zu setzen.

Informationsfreiheit, ForschungsfreiheitAufgrund der Lehrfreiheit konnten meine Dozierenden wiederum ihre Seminare frei gestalten und ihre Meinung frei äußern, solange sie nicht verfassungsfeindlich war. Der freie Zugang zu Informationen erlaubte mir umfangreiche Recherchen zu wissenschaftlichen Themen und war somit zentraler Bestandteil meines Studiums. Die Informationsfreiheit ließ zu, dass ich mich mit unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auseinandersetzte. So konnte ich einen eigenständigen wissenschaftlichen Standpunkt entwickeln. Die Forschungsfreiheit, last but not least, ist zudem Voraussetzung dafür, dass ich Fragestellung und methodisches Herangehen meiner Doktorarbeit unabhängig von politischer Wetterlage sowie Interessen Dritter wählen und dank der Meinungsfreiheit frei formulieren und publizieren kann.

„Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ (Art. 8 Abs. 1)

Grundgesetz - Meinungsfreiheit, Demonstrations- und VersammlungsrechtWenn wir Studierende mit dem Unisystem nicht zufrieden sind, können wir uns auf verschiedene Grundrechte berufen. Die Meinungsfreiheit ermöglicht uns Kritik zu äußern (Art. 5 Abs. 1); wir können uns auf das Demonstrations- und Versammlungsrecht berufen (Art. 8 Abs. 1); falls wir uns in unseren Grundrechten verletzt fühlen, steht uns sogar die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht offen (Art. 19 Abs. 4). Ich selbst nahm beispielsweise 2009 am Bildungsstreik teil, um gegen die Missstände der Bachelor- und Masterreform zu protestieren. Des Weiteren berechtigt das Grundgesetz zur Bildung von Interessensgemeinschaften (Art. 9 Abs. 3). Für die Belange der Studis setzen sich u. a. die Fachschaften bzw. universitäre Gremien an der JGU ein. Dort können wir bspw. über Änderungen von Studienordnungen oder die Berufung von Professorinnen und Professoren mitbestimmen.

Durch das Wahlrecht (Art. 38 Abs. 2) beeinflussen wir auf Landes-, Bundes- sowie EU-Ebene die Bildungs- bzw. Wissenschaftspolitik. Dank dieser Politik konnte ich nicht nur in Rheinland-Pfalz gebührenfrei studieren, sondern auch die ersten beiden Jahre meiner Promotion durch die Stipendienstiftung Rheinland-Pfalz finanzieren. Leider wurden deren Stipendien mittlerweile eingestellt. Aber das ist ein anderes Thema... Apropos, am Sonntag stehen ja die Europawahlen an: Das Erasmus-Programm ermöglichte mir ein Auslandssemester in den Niederlanden. Eine der besten Erfahrungen meiner Unilaufbahn!

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (Art. 2 Abs. 1)

Aber die Verfassung wirkt sich natürlich auch über den universitären Alltag auf unser Leben aus. Stelle Dir vor, du schaust gerade zu Hause, nach einem langen stressigen Uni-Tag, eine deiner Lieblingsserien an – und plötzlich steht die Polizei vor der Tür, um deine Wohnung auf den Kopf zu stellen. Art. 13 Abs. 1 verhindert das, selbst wenn dein letzter Tweet etwas zu offen und ehrlich gewesen sein sollte: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Zumindest so lange die Durchsuchung nicht richterlich angeordnet wurde, weil du wirklich Mist gebaut hast.

Persönlichkeitsentfaltung - Gilmore Girls, Parks and Rec, Game of ThronesDass gerade Gilmore Girls, Parks and Rec oder bspw. Game of Thrones zu meinen Lieblingsserien gehören, dafür kann das Grundgesetz natürlich nichts. Oder höchstens indirekt. Denn es sichert mir die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu (Art. 2 Abs. 1). Das gilt übrigens auch für meine Vorliebe für Punk- und Post-Hardcore-Konzerte, deutsch- und englischsprachige Gegenwartsliteratur oder True-Crime-Dokus. Ich brauche keine Angst zu haben, deswegen benachteiligt zu werden.

Frei entfalten kann ich mich natürlich auch außerhalb der eigenen vier Wände. An der Uni können sich alle Angehörigen der JGU entsprechend ihrer Interessen, Überzeugungen oder Weltanschauungen verwirklichen – sofern sich das Ganze im Rahmen des Grundgesetzes bewegt. So gibt es zahllose politische, religiöse, kulturelle und sportliche Hochschulgruppen, in denen man sich einbringen kann. Art. 9 Abs. 1 des Grundgesetzes gibt uns das Recht, Vereine und Gesellschaften zu gründen, im Fall der Uni bspw. Flüchtlingsinitiativen, Studentenverbindungen, Unterstützungsvereine für Arbeiterkinder oder den Verein der Freunde der Universität.

Die Presse- und Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1) erlaubt es uns, über den Alltag an der Uni zu berichten und das auch mal kontrovers. Ein Beleg hierfür sind die verschiedenen Studierendenpublikationen. Das Recht auf individuelle Persönlichkeitsentwicklung hält uns gleichzeitig dazu an, tolerant gegenüber abweichenden Interessen, Einstellungen oder Lebensmodellen zu sein. So heißt es ebenfalls in Art. 3 Abs. 3 explizit, dass niemand „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“ darf.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ (Art. 3 Abs. 2)

Und was bringt die Zukunft? Nach Abschluss meiner Promotion werde ich erneut vor der Wahl stehen: Bleibe ich an der Uni oder werde ich mir einen Job in einem anderen Bereich suchen? Bei den Bewerbungsverfahren bin ich entsprechend des Grundgesetzes gegenüber identisch qualifizierten männlichen Mitbewerbern mindestens gleichgestellt. Dass wir in dem Punkt noch nicht am Ziel angekommen sind, sieht man z. B. an der unterschiedlichen Bezahlung von Frauen und Männern oder des Männerüberhangs in den Führungsetagen vieler Unternehmen. Aber auch in der Geschichte der JGU konnte lange Zeit von einer Gleichstellung von Frau und Mann in Wissenschaft und Lehre nur bedingt die Rede sein: Anders als heute, gab es in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens fast keine ordentlichen Professorinnen.

Gemacht für die Ewigkeit?

Demo für Europa in Frankfurt - wir sind viele, jeder einzelne von unsNichts hält länger als ein Provisorium – diese Alltagsweisheit greift auch beim Grundgesetz. Seine Mütter und Väter hatten vor 70 Jahren nicht damit gerechnet, dass es so lange Bestand haben würde. Ausgelegt für die Zeit bis zur deutschen Wiedervereinigung, ist es bis heute in Kraft als Fundament für ein Deutschland, das als „gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt“ dient. Bis auf die Zeit der RAF wurde unsere Verfassung auch noch nicht wirklich auf den Prüfstand gestellt, nicht zuletzt dank der anhaltenden stabilen wirtschaftlichen Lage.

Doch in den letzten Jahren sind in Deutschland Stimmen lauter geworden, die das Parteiensystem, die Meinungs- und Pressefreiheit, das Asylrecht und sogar die demokratische Grundordnung insgesamt in Frage stellen. Und auf globaler Ebene stellen Phänomene wie der Klimawandel, die Digitalisierung oder Flüchtlingsströme das Grundgesetz zusätzlich vor neue Herausforderungen. Wie kann es geschützt werden?

Die Antwort liefert die demokratische Grundordnung im Grunde selbst: Indem wir das Grundgesetz in jeder Lebenssituation, im Alltag wie bei Wahlentscheidungen, leben und verteidigen. Denn so lange das Grundgesetz nicht selbst im Sinne des Art. 146 durch eine andere Verfassung ersetzt wird, können die Grundprinzipien des Grundgesetzes auch nicht durch parlamentarische Mehrheiten geändert werden (sog. „Ewigkeitsklausel“, Art. 79 Abs. 3).

Also: Geht wählen!

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und ist Mitarbeiterin der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften

 

Les Bleusailles: eine Tradition spaltet die Campus Belgiens

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Neben den ungewohnt anmutenden roten Backsteinhäusern, den Verkehrsschildern, die Radfahrerinnen und Radfahrer explizit dazu berechtigen, in entgegengesetzter Richtung in eine Einbahnstraße zu radeln, hält das Monser Stadtbild eine weitere Kuriosität bereit: les bleus (die Blauen). Und nein, damit meine ich nicht die französische Fußballnationalmannschaft… Das ist übrigens ein heikles Thema hier, die Zeit heilt eben wirklich nicht alle Wunden, denn die Enttäuschung der belgischen Fans sitzt noch tief.

 

 

Ersti ist nicht gleich Ersti: Fresse zum Boden, bleus!

Les bleus sind Erstis, die sich über mehrere Wochen hinweg Mutproben und Aufgaben stellen, der sogenannten baptême (Taufe), um abschließend in einem cercle (Kreis) aufgenommen zu werden. Jede belgische Uni beherbergt solche Studierendenvereinigungen und die baptême, die man auch bleusailles nennt, ist hierfür die Eintrittskarte.

Die ersten Taufen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Studenten der Universität Löwen hatten sich damals zu Kreisen zusammengeschlossen, um sich gegenseitig vor Diebstählen und Überfällen zu schützen. Da diese Zusammenschlüsse aber immer wieder infiltriert wurden, beschloss man Neulinge Prüfungen zu unterziehen. Bis heute sind diese Initiationsrituale integraler Bestandteil der belgischen Studierendenkultur. Ein sehr kontrovers diskutierter noch dazu. Denn um den Status der bleus hinter sich zu lassen und gegen jenen des baptisé einzutauschen, müssen die Erstis einiges über sich ergehen lassen. Ein erheblicher Teil der bis zu drei Monate andauernden Taufe findet im Verborgenen statt und den Neulingen ist es auch nicht erlaubt, über die Prüfungen zu reden. Einige Rituale werden hingegen in aller Öffentlichkeit vollzogen, so hört man dieser Zeiten in ganz Belgien den Schlachtruf "Gueule en terre, bleus!" (sowas wie "Fresse zum Boden"). Sobald die blaugekleideten bleus dieses Kommando hören, heißt es, auf die Knie, Kopf einziehen, Hände in die Luft recken und mit den Händen wedeln. Erst wenn die comitards (Leiter einzelner Zirkel) die Parole "Satis" (von Satisfaktion) lassen, dürfen die Blauen sich wieder aufrichten.

Während die Verfechterinnen und Verfechter der baptême argumentieren, dass die Taufe die Studis zusammenschweiße, ihnen Lektionen für das weitere Leben mit auf den Weg gebe und der Charakterbildung nur förderlich sei, fordern kritische Stimmen ein Verbot bzw. schärfere Gesetze, da die baptême die körperliche und seelische Unversehrtheit der bleus antaste.

In der Tat machen die bleusailles jedes Jahr aufs Neue landesweit negative Schlagzeilen mit aus dem Ruder gelaufenen Prüfungen: exzessiver Alkoholkonsum, sexualisierte Gewalt und Autoritätsmissbrauch fordern immer wieder Todesopfer. So auch letzten November an der Universität Lüttich (Liège), wo ein bleu nach einer Prüfung zusammenbrach. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Hirntod festgestellt werden. Die Maschinen wurden mittlerweile abgeschaltet.

 

Ein harmloses Foto?

Auch in Mons gibt es an fast jedem Fachbereich einen cercle, der berühmt berüchtigtste ist sicherlich jener der Ingenieurwissenschaften der Uni Mons. Vor kurzem wurde ich unfreiwillig Zeugin von dem rauen Ton, der Unterwürfigkeit und Erniedrigung, auf den die comitards setzen, um die bleus gefügig zu machen. Es ist ihnen beispielsweise verboten, den bereits getauften Studis in die Augen zu schauen. So erhalten die bleus ihre Befehle mit gesenktem Kopf und nicken alles ab. Bei einer Stadtrallye, an der ich teilgenommen habe, sollten wir ein Bild mit den bleus oder ihren comitards machen. Als mein Team auf eine blaue Menschentraube vor dem Rathaus stieß, baten wir den comitard darum, sich mit auf unser Foto zu stellen. Stattdessen rief er eine Studentin zu sich, die, natürlich ohne jeglichen Augenkontakt, von ihm den Auftrag erhielt, als Fotomodell zu posieren und das zu machen, was wir von ihr verlangten. Natürlich war es nur ein harmloses Foto, aber ich habe mich schlecht gefühlt, dass mein Team ungewollt zur Taufe und ihren, in meinen Augen, grotesken Praktiken beigetragen hat.

 

Ihr wollt Freundschaften fürs Leben, Solidarität und Hilfsbereitschaft?

Die Getauften betonen immer wieder, dass alles auf Freiwilligkeit beruhe, dass man jederzeit aussteigen könne und dass es nun mal eine Tradition sei, die es zu bewahren gelte. Mir hat allerdings gereicht, was ich vor dem Monser Rathaus gesehen und vor allem gefühlt habe, da braucht es die regelmäßig aufkommenden Horrorstories von aus dem Ruder gelaufenen Saufgelagen, Körperverletzungen und Traumata nicht. Gehorsam und Unterwürfigkeit, Machtmissbrauch – das hat für mich nirgends seinen Platz, schon gar nicht an der Uni. Ihr wollt Freundschaften fürs Leben, Solidarität und Hilfsbereitschaft? Gern. Aber nicht so! Und mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Die belgischen Studis mobilisieren sich jedes Jahr aufs Neue, um sich für ein Verbot der baptême stark zu machen. Doch es sieht nicht danach aus, als würde die Politik eine Entscheidung in der nahen Zukunft fällen. Die bleusailles spalten und polarisieren: entweder man ist dafür oder dagegen — ein Dazwischen gibt es nicht.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Neues Jahr, kleiner Rückblick

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Der Übergang zum neuen Jahr dient uns immer auch als Anlass, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Ich habe mich nicht lumpen lassen und euch einige Highlights meines Erasmussemesters in Belgien zusammengetragen. In diesem Sinne: Frohes Neues!

 

Babylon Brüssel

Mein Gepäck war kaum im neuen Heim in Mons verstaut, da setzte ich mich auch schon wieder in den Zug. Mein Ziel: der Multilingualism Day des Europäischen Parlaments in Brüssel, wo man Übersetzerinnen und Übersetzer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen konnte. Also genau den Akteurinnen und Akteuren hinter den Kulissen, ohne die in den mehrsprachigen EU-Institutionen gar nichts liefe. Außer der Besichtigung der Dolmetschkabinen bot sich mir dabei sogar die Gelegenheit, mich mit den Sprachninjas vor Ort auszutauschen.

Doch allein schon im Plenarsaal des Parlaments zu stehen, das hier (und in Straßburg) als die Vertretung von über 500 Millionen europäischen Bürgerinnen und Bürgern tagt, wäre die Reise wert gewesen. Die EU — als Institution — ist hier nichts Abstraktes, sondern greifbar und real. Zu sehen, wie sich Sprachmittlerinnen und Sprachmittler jeden Tag für ein demokratischeres, mehrsprachiges Parlament einsetzen, machte tiefen Eindruck auf mich und stärkte meine persönliche «Beziehung» zur EU. Denn auch wenn ich gerne mal in den Gesang der EU-Lobpreiserinnen und Lobpreiser einstimme, wenn es die Situation erfordert (z. B. bei populistischen Hirngespinsten wie „die EU will das deutsche Volk durch massive Migration ersetzen und islamisieren”), gehört es für mich genauso zum europäischen Gedanken, Selbstkritik zu üben, den europäischen Kolonialismus und Imperialismus aufzuarbeiten und demokratischere Institutionen einzufordern. Und natürlich: Sprachen zu lernen, damit wir weniger aneinander vorbeireden.

 

Eine Sprache ist nie genug

In Deutschland wäre ich natürlich nicht auf die Idee gekommen Niederländisch zu lernen, einfach weil mir bis dato der Bezug zu dieser Sprache gefehlt hat. Weder hatte ich einen niederländischsprachigen Freundeskreis, noch fand ich eine Band aus den Niederlanden oder Belgien besonders cool. Außerdem liegt Mons im französischsprachigen Teil Belgiens. Es brauchte letztendlich aber nur die Durchsage auf Niederländisch am Brüsseler Südbahnhof, dass der Zug nach Mons eine klitzekleine Verspätung von 20 Minuten haben werde. Völlig entzückt von dieser melodischen taal (niederländisch für Sprache), war die Müdigkeit mit einem Mal verflogen, die volle Blase vergessen und mein Rucksack federleicht. Und meine Begeisterung für das Niederländische sollte sich in den kommenden Monaten noch steigern. Nach einigem Hin und Her, so manch einer Stundenplanänderung später, konnte ich mich in einem Sprachkurs des Fachbereichs Dolmetschen und Übersetzen einschreiben. Und hierin bestand auch der einzige Haken an der Sache: Da der Fachbereich davon ausgeht, dass es sich bei den Studierenden in gewisser Weise um Sprachexpertinnen und Sprachexperten handelt und weil man in Belgien Niederländisch auch schon in der Schule lernen kann, gab es keinen Kurs für Anfängerinnen und Anfänger.

So fand ich mich in einer Gruppe hochmotivierter Studis wieder, die schon vor Kursbeginn auf Nederlands parlierten und die nichts sagende, scheu daher schauende Erasmusstudentin misstrauisch beäugten. Als die Dozentin uns mit den ersten Arbeitsaufträgen betraute, stellte ich erleichtert fest, dass das Niederländische die wohl einzige Sprache ist, die man als deutschsprachiges Wesen auch mit 0 Sprachkenntnissen entschlüsseln kann. Um die Sprache auch außerhalb des Klassenzimmers aufzusaugen, aber natürlich auch, um in Belgien rumzukommen, zog es mich mehr als einmal im Lauf des Jahres in den Norden des Landes.

 

Die Schöne und das Biest

Jede und jeder, ob Sprachstudi oder nicht, kennt das tolle Gefühl, wenn man sich in einer Fremdsprache, egal wie rudimentär man sie beherrscht, verständlich machen kann und das Gegenüber einen versteht. Aber mit jeder Sprache öffnet sich auch eine neue Tür zu einer anderen Kultur (Klischee sagt ihr? Es stimmt wirklich, probiert es einfach mal aus!). Im Falle des Niederländischen hieß das für mich, dass ich neben wunderbaren Dokus über Jan van Eyck auch in den Genuss kam, mir die fremdenfeindlichen und separatistischen Äußerungen der rechtsextremen flämischen Gruppierung Schild&vrienden unmittelbar und direkt reinziehen zu können. Aber irgendwas ist ja immer...

Bei meinem letzten Besuch in Brüssel hielt mich der Zeitungsverkäufer wahrscheinlich für verrückt, als ich mit breitem Lächeln und meiner ersten flämischen Zeitung in der Hand davon stakste. Das Lachen verging mir selbst dann nicht, als ich die Schlagzeile entziffert hatte: Bom barst in België door migratiepact: Hoe verder?* Denn in dem Moment war für mich vor allem eines wichtig: Ich verstand, was dort stand. Mein kleines, ganz persönliches Erfolgserlebnis war für Belgien bestimmt kein Highlight des letzten Jahres und auch keine Schlagzeile im De Standaard wert. Aber auch für mein Mons-Abenteuer gilt: In einer Sinfonie voller netter Kontakte, unvergesslicher Erfahrungen und glücklicher Momente sollte man nicht allein auf die wenigen schrillen und schrägen Töne hören. Press delete!

* Bombe platzt in Belgien über Migrationspakt: Wie geht es weiter?


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Alle Jahre wieder kommt die Debatte

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Seit Menschengedenken feiert Belgien am 6. Dezember den heiligen Sankt Nikolaus, Schutzpatron der Kinder und der Studis. Bis eine gewisse kokakola-Figur auch im Land der Fritten und des Bieres Einzug gehalten hat, bekamen alle artigen Kiddies am 6., und nicht am 24. Dezember, ihre feschen Eiphones, ääh... ihre Zuckerstangen, meine ich. Und damit am Sankt Nikolaus-Tag auch alle rechtzeitig die verdienten Gaben erhalten, steht dem Bärtigen stets sein Knecht Ruprecht zur Seite.

Je nach Region, in der er Sankt Nikolaus beim Verteilen der Geschenke hilft, trägt Knecht Ruprecht einen anderen Namen: etwa Hans Trapp im Elsass, Père Fouettard im frankophonen, Hans Muff im deutschsprachigen Teil Belgiens. Und da alles in Belgien per se kompliziert sein muss, ist in Flandern Nikolaus‘ linke Hand der Zwarte Piet.

Aus dem Niederländischen übersetzt, bedeutet Zwarte Piet so viel wie ‚Peter der Schwarze‘ oder ‚Schwarzer Peter‘. Diese Figur, die auch in den Niederlanden fest zur Nikolaustradition gehört, gerät seit 2011 alle Jahre wieder in die Schlagzeilen. Der Vorwurf: (un-)geschminkter Rassismus, denn der Zwarte Piet mit seinem schwarz gefärbten Gesicht, seinen überdimensionalen rot angemalten Lippen, seiner Afroperücke und seinen Creolohrringen, so die Kritikerinnen und Kritiker, sei das Relikt einer kolonialistisch-rassistischen Gesellschaft.

„Schwachsinn!“, rufen die Anhängerinnen und Anhänger des Brauches, Zwarte Piet sei schwarz, weil er als fleißiger Helfer auch durch die engsten Schornsteine kletterte, dabei ins Schwitzen komme, bis jeder Zentimeter seiner weißen Haut rußschwarz werde. Wenn dem so sei, werfen die Gegnerinnen und Gegner ein, warum dann diese von rassistischen Stereotypen geprägte Aufmachung des Zwarten Piets? Außerdem sei die Darstellung eines schwarzen, dümmlichen Knechtes, der einem weißen Dude diene, nichts anderes als rassistisch und verharmlose fremdenfeindliche Tendenzen, die vermehrt um sich griffen. 2016 einigte man sich in Belgien dann auf den Zwarte Piet Pakt: alles ist erlaubt, abgesehen von rassistischen Stereotypen. Das heißt, rußgeschwärzte Gesichter ja, komplett schwarz bemalte Antlitze nein!

Dieser Pakt hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, dass es in Belgien meist bei Wortgefechten bleibt, während die Ankunft des Gespanns in den niederländischen Städten Tillburg und Rotterdam vor einigen Wochen zu mehreren Festnahmen geführt hat. In Eindhoven musste die Polizei gar eingreifen, als aufgebrachte Fans des FC Eindhoven Anti-Zwarte-Piet-Demonstrantinnen und -Demonstranten angriffen. An die Kinder, die hoffnungsvoll auf das neueste, mit Kobalt - abgebaut mit Hilfe von kongolesischen Kindern - gefüllte Eiphone warten, denkt dabei wohl niemand.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Wahlkampf à la belge

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

541 Tage ohne Regierung: Belgien ist das Land, das auch schon mal länger für die Regierungsbildung braucht als der Irak. Dementsprechend aufgeregt war ich angesichts der anstehenden Regionalwahlen am 14. Oktober. Sollte ich etwa hautnah miterleben dürfen, wie sich das belgische Bürokratiemonster auf Kommunalebene selbst zerfleischt? Auf meinem täglichen Fahrradparcours zur Uni (dass ich diese Zeilen schreibe, ist angesichts meines hier in Belgien gefährlichen Fahrradfahrerinnendaseins ein Wunder) lächeln mir die Monser Kandidatinnen und Kandidaten schon seit Wochen von Hochglanzplakaten entgegen. Wer aufmerksam die Listenplätze der Parteien studiert, der und dem fällt auf, dass sich Männer und Frauen auf ihnen abwechseln. Das ist dem „principe de la tirette“ geschuldet. Dieses Gesetz verpflichtet die Parteien, paritätische Listen zu erstellen. Der Star der Lokalpolitik in Mons ist aber ohne Zweifel Elio di Rupio. Der Mann mit der Fliege war von 2011 bis 2014 Premierminister des Königreichs Belgien und ist seit 2001, mit Unterbrechungen, nicht nur Sohn, sondern auch Bürgermeister der Stadt Mons.

 

Belgien – wählen ist hier Pflicht

Am Wahlsonntag bin ich schon früh wach, mein Herz klopft. Der erste Blick wandert zum Schreibtisch. Dort stapeln sich die Wahlbroschüren jeglicher Parteien – und Bewegungen natürlich – die heutzutage zum guten Ton aller Urnengangsveranstaltungen gehören. Mittlerweile kenne ich die Infoblätter alle auswendig, flatterten sie mir doch über die letzten Wochen pünktlich zum und aufs Frühstücksbrot ins Haus. Zugegeben, hin und wieder spielte ich mit dem Gedanken, es Onkel Vernon gleichzutun und den Briefschlitz der massiven Eingangstür zuzunageln (ich weiß auch nicht, warum ich neuerdings das Bedürfnis habe, meine Blogbeiträge mit Harry-Potter-Vergleichen zu spicken, siehe: Erasmus mit 25?). In schwachen Momenten dieser Art langte ich nach meinem Handy und zog mir schnell eine Demokratiekickoffrede auf DuTube rein, um mir die Wichtigkeit von politischer Partizipation durch Wahlzettelankreuzen wieder vor Augen zu führen. Apropos politische Partizipation: In Belgien ist die Ausübung dieses Rechts eine Pflicht und das seit 1893 (jedenfalls für das männliche Geschlecht). All jene, die am W-day im Königreich Belgien ihrer Bürgerinnen- und Bürgerpflicht nicht nachkommen, müssen damit rechnen, eine Strafe von 25 bis zu 50 Euro entrichten zu müssen. Verweigert man sich mehrmals der Stimmausübung, läuft man gar Gefahr, für einige Jahre von der Wahlliste gestrichen zu werden. Da verstehen die so sonst so zuvorkommenden Belgierinnen und Belgier eben keinen Spaß.

Nach einer schnell hinuntergestürzten Tasse Kaffee schmeiße ich mich in meinen schönsten Sonntagsmantel und begleite meine Mitbewohnerin zur Schule in der Nachbarschaft, die am diesem sonnengetränkten Sonntag als Wahllokal dient. Und tatsächlich, es bildet sich bereits um diese frühe Uhrzeit eine Schlange. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die heiligen Stätten der Demokratie nicht im Dauerbetrieb sind und ihre Pforten schon um 13h schließen. Wer wo wählt, wird hier übrigens nach alphabetischer Zuordnung festgelegt und nicht etwa nach Wohnsitz, wie ich das aus heimischen Gefilden kenne. Meine Mitbewohnerin hatte also Glück, dass sich ihr Wahllokal direkt um die Ecke befindet.

 

Belgien 2019: ein unregierbarer Vielvölkerstaat?

Nach den langsam eintrudelnden Ergebnissen am Abend zeichnen sich drei Trends ab: Wallonien, also die französischsprachige Region, rückt weiter nach links, das niederländischsprachige Flandern weiter nach rechts und die Hauptstadt Brüssel wird grüner. Diese ideologischen Gräben veranlassen politische Beobachterinnen und Beobachter nicht mal 24h nach der Wahl dazu, sich zu fragen, ob mit Blick auf den Super-Wahl-Sonntag im Mai 2019, an dem auch eine neue Regierung gewählt wird, Belgien nicht wieder zum unregierbaren Vielvölkerstaat im Herzen Europas wird.

Abwarten und Bier trinken!

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Meine erste Vorlesungswoche in Belgien oder wie ich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolperte

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz, live and direct aus Mons.

 

Sie ist die Schlüsselqualifikation unserer sich selbst in Frage stellenden Generation überhaupt. Sie gibt uns Halt und ist wie ein Fels in der Brandung. Jeder Lebenslauf, der heute etwas auf sich hält, erwähnt sie mindestens einmal unter all den zahllosen zweimonatigen Berufserfahrungen („Das unbezahlte 40-Stundenwoche Praktikum hat mir gezeigt, dass ich mich gut und gerne auch mal nur von Nudeln ernähren kann“):

Die interkulturelle Kompetenz!

Den Spagat zwischen zwei, drei Kulturen in unterschiedlichen Kontexten hinzubekommen und diesen Drahtseilakt wie eine Selbstverständlichkeit aussehen zu lassen, gehört, seit ich mich erinnern kann, zu meinem täglich Brot. Dementsprechend gelassen ging ich an mein ERASMUS-Semester in Belgien heran und rechnete, wenn überhaupt, mit Missverständnissen sprachlicher Natur: Das französische téléphone portable etwa nennt man hier GSM und der französische maire ist in Belgien ein bourgmestre.

 

Mein wunderschöner Weg zur Uni

Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

Mein erster Fauxpas barg tatsächlich auch eine sprachliche Komponente in sich. Die Wallonen haben irgendwann, sicherlich aus Mitleid mit all den Fremden, die an der französischen Zählweise ab 70 verzweifelten, eine logischere und einfachere Façon des Zählens eingeführt und konnten sich somit der ewigen Dankbarkeit aller nachfolgenden Generationen Französischstudierender sicher sein. Im Laufe einer Konsekutivverdolmetschung in der ersten Woche tauchte die Jahreszahl 1991 auf. Entgegen all meiner hartantrainierten Reflexe zwang ich mich dazu, das belgische Pendant für 91, nonante et un, also Neunzig und eins, statt des Französischen quatre vingt onze, was so viel bedeutet wie 4x20 plus 11, zu benutzen. Landesspezifische Anpassung und so, ihr wisst schon.

Gerade war ich im Redefluss, klopfte mir innerlich selbst für meine Geistesgegenwart auf die Schulter, als ich jäh von meiner Dozentin unterbrochen wurde. „Non, non!“, rief diese entsetzt und schüttelte vehement den Kopf, während sich zehn weitere zu mir umdrehten und mich mit tiefem Unbehagen anschauten. Ich glaube, selbst meine Tischnachbarin ist hastig mit ihrem Stuhl um einige Zentimeter von mir weggerutscht, fast so, als wolle sie verhindern, dass die nonante et un auch von ihr Besitz ergreift. Ich ahnte, dass mein Vergehen dazu benutzt werden würde, ein Exempel zu statuieren. Und richtig: die Dozentin erklärte uns, dass wir uns, obwohl wir uns in Belgien befänden, an das Vokabular des Frankreich-Französisch halten müssten. Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

 

Merke: Husten schützt vor Tadel nicht

Nur 24h später stand ich erneut unfreiwillig im Rampenlicht. Während der Verdolmetschung einer Kommilitonin überkam mich plötzlich ein starker Hustenreiz.

Dolmetschraum in Mons

Um sie nicht zu stören, blieb ich auf meinem Platz und unterdrückte den Husten für die nächsten Minuten. Sobald meine Kommilitonin fertig war, verließ ich so unauffällig wie möglich den Raum, um endlich aus vollem Leibe husten und mir die Tränen aus den Augen wischen zu können. Ich war der Ansicht, alles richtig gemacht und den Verlauf der Stunde nicht gestört zu haben. Ich schlich mich wieder an meinen Sitzplatz, lächelte der Dozentin freundlich zu und notierte unbehelligt Vokabeln, die bei der Besprechung der vorangegangenen Verdolmetschung fielen.

Nach der Stunde bat mich die Dozentin zu sich. „Ce comportement n’est pas toléré dans les universités en Belgique, mademoiselle“, tadelte sie mich. In Belgien dürften Studierende den Raum während des Unterrichts nicht verlassen. Das sei sehr unhöflich. In Notfällen ginge es mal, aber man müsste vorher um Erlaubnis bitten — auch wenn es sich um einen Hustenanfall handele. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich hatte doch tatsächlich gedacht, mich nach allen Regeln der (deutschen?) Kunst höflich verhalten zu haben. Eh bien, non!

 

Bei der Bise hört die Freundschaft auf

Nach all dem Trubel freute ich mich umso mehr auf einen kleinen belgischen Umtrunk mit ein paar Freunden. Als ich als Letzte zu der Gruppe stieß, entdeckte ich ein mir unbekanntes Gesicht. Freundlich wie ich nun mal so bin, streckte ich der Person einladend meine Hand entgegen. Eine unangenehme und plötzliche Kälte machte sich breit. Jegliches Gelächter in der Bar erstarb, die Gespräche verstummten. Dem Barkeeper entglitt ein Glas, das mit lautem Getöse und doch wie in Zeitlupe auf den Boden fiel. Er starrte mich unverhohlen an. Ich ließ meinen Blick langsam zu meiner immer noch ausgestreckten Hand wandern, als es mich jäh überkam. Wirklich Filiz? Das ist nun wirklich ein Anfängerfehler.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Erasmus mit 25?

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

 

Ich bin zu alt für den Scheiß!

Am Rande meiner Nerven und der Innenstadt der belgischen Metropole Mons (das andere Brüssel) warte ich auf meinen Flinksbus, der mittlerweile schon eine Stunde Verspätung hat und mich gar nicht mal so flink ("Ihre Fahrtzeit beträgt 18 1/2 Stunden, vielen Dank für Ihre Reservierung mit Flinksbus") zurück nach Karlsruhe bringen soll. Auf die Idee eine Direktverbindung Mons – Germersheim einzurichten, scheint, warum auch immer, bisher noch niemand gekommen sein. Es weht ein starker Wind und beim letzten Versuch, die einzig vorhandene Sitzmöglichkeit, die Bordsteinkante, in Anspruch zu nehmen, attackiert mich eine furiose Feuerameise. Ach ja, dann ist da noch diese unheimliche Gestalt, die so vertrauenserweckend aussieht wie einer der unzähligen Bösewichte in den Romanen Joanne K. Rowlings und mir unbedingt die Information entlocken möchte, wo meine nächtliche Reise denn hingehe.

 

Ich bin einfach zu alt für den Scheiß!

Zwischen Prüfungsvorbereitung und Abgabe der nächsten Hausarbeit hatte ich meine vertrauten vier Wände in der Pfalz für ganze 36 Stunden verlassen, um eine neue Bleibe für die nächsten sechs Monate hier in Mons zu finden. Mit meinem Rucksack hechte ich den gesamten Tag von Besichtigung zu Besichtigung, finde heraus, dass man Zweck-WGs hier "kot" nennt und das eigentlich nicht das ist, was ich suche. "Dooooch, doch, die Heizung funktioniert". "Normalerweise ist es hier aufgeräumter und die Herdplatten sauberer". "Lust auf ‘nen Joint?" Vor ein paar Jahren noch hätte mich das nicht gestört, oder? Und war nicht ich es, die meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner stets zu unzähligen WG-Partys animiert hatte? ("Filiz, wir hatten unsere Einweihungs-, Weltfriedens-, und Origamiparty doch schon letztes Semester!").

 

Ich bin einfach zu alt für den Scheiß!

Ich habe die Hoffnung schon fast aufgegeben, als ich bei Madame Dernier-Espoir klopfe, eine ältere Dame, die ich über eine Organisation für intergenerationelles Wohnen kontaktiert habe. Mir schlägt ein wunderbar angenehmer Blumenduft entgegen, aus dem Radio trällern die lieblichten Töne Joseph Jongens und die Küche strahlt mit Madame Dernier-Espoir um die Wette. Ich solle mich hier wie zu Hause fühlen und selbstverständlich stünde mir die hauseigene Privatbibliothek zu Studienzwecken zu Verfügung. Eine kleine Bitte hätte Madame Dernier-Espoir aber doch: Nach 23 Uhr herrsche in ihrem Hause Nachtruhe, ob das ein Problem für mich darstelle, erkundigt sie sich freundlich . "Mais nooon! Pas du tout!", höre ich mich erleichtert parlieren.

Ich bin wohl doch ERASMUS-Material.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Seine Exzellenz ist auch nur ein Mensch: Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate für Berlin in Germersheim

Man merkt an diesem Freitagmorgen, dass irgendwas anders ist am FTSK in Germersheim. Es stehen nicht nur imposant luxuriöse Fahrzeuge auf dem Campus, auch das babylonische Geschnatter in den Gängen scheint aufgeregter. Die von den angehenden Sprachgenies getragenen T-Shirts sehen gebügelter und die Schuhe sauberer aus als gewöhnlich. Folgt man dieser großen Menschentraube hinunter in den sogenannten Dolmetschkeller im Untergeschoss des Neubaus, entdeckt man den Grund für diesen Rummel:

Er trägt einen marineblauen Anzug, eine farblich abgestimmte Krawatte, ein blütenweißes Hemd und lächelt uns gewinnend an. Die Rede ist von Seiner Exzellenz Ali Al-Ahmed, dem Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Berlin. Er wurde eingeladen, um im Rahmen der sogenannten Freitagskonferenz einen Vortrag zum Thema „From Tents to Skyscrapers“ (Vom Zelt zum Wolkenkratzer) zu halten. In den kommenden 90 Minuten versucht er, die rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung der Emirate über die letzten 50 Jahre nachzuzeichnen.

Die Germersheimer Freitagskonferenz: 90 Minuten babylonische Sprachvielfalt

Die Freitagskonferenz ist eine sprachübergreifende Lehrveranstaltung, die jeden Freitag im Semester von 11.20h bis 12.50h im Dolmetschraum I stattfindet. Sie soll den Studierenden im Master Konferenzdolmetschen (MA KD) ermöglichen, in einem authentischen Konferenzkontext ihre Dolmetschfähigkeiten zu üben und zu verbessern. Hierfür werden Rednerinnen und Redner zu unterschiedlichen Themen eingeladen. Im Idealfall findet jedes Semester mindestens eine Konferenz in jeder im Master angebotenen Sprache statt.

In der anschließenden Diskussion können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in allen vertretenen Sprachen Fragen stellen und Anmerkungen machen. Hierin sieht Rocco Pelaccia, ein italienischer Student, der seit dem Wintersemester 2017 im MA KD eingeschrieben ist, die eigentliche Herausforderung für die Dolmetschstudierenden: „Das ist immer ein zusätzlicher Stressfaktor für die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, da sie während der Diskussion nie wissen können, auf welcher Sprache Fragen gestellt werden. Man kann sich also auch nach dem Ende des Vortrages noch nicht zurücklehnen. Im Gegenteil, hier muss man sehr konzentriert sein.“

Der Botschafter und die Russische Kabine

Adrenalinschübe garantiert

Das war auch bei einigen der an den Botschafter gerichteten Fragen der Fall: Die Konferenzsprache war Englisch. Das heißt, dass die englische Kabine die Präsentation des Botschafters aus dem Englischen ins Deutsche gedolmetscht hat. Die anderen Kabinen haben diese Verdolmetschung benutzt, um das Gesagte aus dem Deutschen ins Französische, Russische, Griechische, Italienische, Spanische, Niederländische und Polnische zu dolmetschen. Das nennt man Relais. Wenn das Publikum Fragen stellt, kann es aber dazu kommen, dass sich das Relais verschiebt: Wird eine Frage auf Französisch gestellt, muss die Französische Kabine diese ins Deutsche übertragen. Die Verdolmetschung wird dann beispielsweise von der Englischen Kabine genutzt, um die Frage ins Englische zu bringen, damit der Botschafter sie versteht und antworten kann. Es kann also große Adrenalinschübe verursachen, wenn man plötzlich in eine andere Sprachrichtung dolmetschen muss, als man es über die letzten 60 Minuten gewohnt war. „Aber so ist es auch im echten Berufsleben einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers“, stellt Rocco Pelaccia fachmännisch fest.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Diskussion thematisch in alle Richtungen gehen kann. So löcherte die interessierte Zuhörerschaft am Freitag den Botschafter mit Fragen zur Nuklearenergie in den Emiraten, zur Vielsprachigkeit seiner Kinder, zu seinem Botschafteralltag, aber auch zu den schwierigen Lebensverhältnissen der Gastarbeiter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Obwohl Seine Exzellenz erst seit Mai 2016 Botschafter ist, verstand er es, sehr diplomatisch auf heikle Angelegenheiten einzugehen und stets einen Witz parat zu haben, um sich die Gunst des Raumes zu sichern.

Geschenke aus Berlin

Der Weg in die Herzen der Dolmetscherzunft

Witze und Wortspiele sind zwar der Dolmetscherin und des Dolmetschers Graus, aber Seine Exzellenz Ali Al-Ahmad gewann die Herzen der offiziellen Kabine spätestens, als er verkündete, als kleines Dankeschön für die Studis Geschenke aus Berlin mitgebracht zu haben. „Wow, dass die Redner der Freiko an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher denken, ist bisher erst einmal vorgekommen seit ich am FTSK studiere“, erzählt mir Zwetelina Steinbach aufgeregt. Sie saß in der offiziellen Englischen Kabine und war dementsprechend dafür mitverantwortlich, dem Publikum eine Verdolmetschung ins Deutsche anzubieten.

Obwohl sie nach vielen Trockenübungen im Unterricht nun endlich mal einen „echten Botschafter“ verdolmetschen musste, war ihr keinerlei Nervosität anzumerken.

„Ich habe mich sehr intensiv auf den Vortrag vorbereitet, schließlich haben wir nicht jeden Freitag eine so hochranginge Persönlichkeit bei uns am Fachbereich. Aber es hat mir beim Dolmetschen auch geholfen, im Hinterkopf zu behalten, dass seine Exzellenz auch nur ein Mensch ist“.

Und trotzdem, ein klein wenig Stolz meine ich in ihrer Stimme ausmachen zu können. Zu Recht.

PS: Seid selbst mit dabei – alle Freitagskonferenzen findet ihr auf dem Youtube-Kanal des Fachbereichs in Germersheim.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Annalena Augustin oder das Bauchgefühl macht‘s

Wer sind die Neuen, die seit Semesterbeginn den Germersheimer Campus fluten? Wo kommen sie her, was führt sie an diesen bunten Fachbereich? In kurzen Interviews stellen wir euch in den kommenden Wochen eine Reihe von ihnen vor.

In einer Kleinstadt, wie Germersheim zu studieren, war für Annalena Augustin anfangs undenkbar. Die Neustudentin hatte nach dem Abitur erstmal einen dreimonatigen Sprachaufenthalt im spanischen Alicante gemacht und dort entdeckt, dass sie sich sehr gerne in einem internationalen Milieu bewegt. Was genau sie studieren wollte, wusste sie aber trotzdem nicht bei ihrer Rückkehr nach Deutschland. Sie begann ein FSJ, merkte jedoch schnell, dass das nichts für sie war. „Ich habe mich verloren gefühlt und mir immer wieder den Druck gemacht, dass ich doch jetzt auch mal anfangen müsste zu studieren, so wie meine ehemaligen Schulkameradinnen und -kameraden“. Im Rahmen eines Schnuppertages an der JGU, erfuhr sie vom sagenumwobenen Fachbereich 06. Getrieben von ihrer Leidenschaft für Fremdsprachen (Spanisch ist ihre Lieblingssprache!), setzte sie sich kurzerhand in den Zug, um sich die Fakultät zu Babel mal näher anzuschauen. „Anfangs hatte ich echt meine Zweifel in einer Kleinstadt zu studieren. Ich befürchtete, dass ich mich langweilen könnte“. Diese Unsicherheit verflog bei Annalena unmittelbar nach Ankunft in Germersheim. „Da war direkt dieses Bauchgefühl. Ja, hier kann ich studieren“.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Foto: Stefan Sämmer

Dieses positive Gefühl bestätigte sich auch mit Beginn der Erstiwoche. Annalena hat zügig neue Leute kennengelernt, darunter auch viele Erasmusstudierende, so dass sie bereits in Genuss des heiß ersehnten „internationalen Feelings“ gekommen ist. Überraschend war allerdings doch, dass trotz Ersti-Lagerfeuer, eifrigem Kennenlernen und Entdeckunsgtouren der Unibetrieb pünktlich zum 16. April einsetzte. Keine Spur von pfälzischer Gemütlichkeit. „Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und hatten direkt Hausaufgaben zu erledigen. Es gibt sogar Mitstudis, die nächste Woche ihre erste Präsentation halten müssen“. Annalena gesteht mir, dass sie in einigen Kursen eingeschüchtert war, als sie feststellte, dass nicht nur mittlerweile bekannte Gesichter im Raum saßen, sondern auch Studierende aus fortgeschrittenen Semestern. Zeit sich darüber zu viele Gedanken zu machen, scheint sie nicht zu haben:

„Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Es gibt so viele tolle Freizeitangebote, ich hatte noch nicht die Möglichkeit, mir alle anzuschauen. Das ist überwältigend. Vielleicht lerne ich spontan Japanisch oder Portugiesisch, das scheinen viele Menschen hier auf dem Campus zu sprechen“.

Unser angeregtes Interview, das eigentlich mehr ein Gespräch ist, wird jäh unterbrochen, als eine Mitstudentin von Annalena sie zum Essen abholt. Einsam wird das kommende Semester sicherlich nicht für sie, denke ich mir, als ich den beiden hinterherblicke.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Dzhessi Pudaeva oder: Kleinstadt? So what!

Wer sind die Neuen, die seit Semesterbeginn den Germersheimer Campus fluten? Wo kommen sie her, was führt sie an diesen bunten Fachbereich? In kurzen Interviews stellen wir euch in den kommenden Wochen eine Reihe von ihnen vor.

Man sieht Dzhessi nicht an, dass sie gestern mit vollem Einsatz (bzw. Glas) an der Ersti-Kneipentour in Germersheim teilgenommen hat. Sie erzählt mir ganz ungezwungen von ihren bisherigen Eindrücken und ihren Erwartungen an das kommende Semester. Dzhessi Pudaeva studiert seit Beginn des Sommersemesters den Bachelor „Sprache, Kultur, Translation“ mit der Sprachenkombination Russisch, Deutsch, Englisch am Fachbereich 06 der JGU am Standort Germersheim. Um ihren Traum vom Übersetzungsstudium in Deutschland zu verwirklichen, hat sie ihr Pädagogikstudium in Russland nach dem dritten Semester abgebrochen.

Zwecks Anerkennung ihres russischen Schulabschlusses, hat sie für ein Semester am Mainzer Studienkolleg „Sprach- und Geisteswissenschaft“ studiert. Obwohl Dzhessi sehr gerne in der rheinlandpfälzischen Hauptstadt gelebt hat, entschließt sie sich, das Übersetzungsstudium in Germersheim zu beginnen. „Ich hätte auch nach Köln oder Leipzig ziehen können, aber ich wollte in Rheinland-Pfalz bleiben. Hier kenne ich schon einige Leute. Anfangs wusste ich gar nicht, dass das FTSK zur Universität Mainz gehört“.

Trotzdem sei es hier total anders, versichert sie mir. „Im Studienkolleg kamen fast alle Studierenden aus dem Ausland. Hier in Germersheim gibt es viele Deutsche unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Das ist schon eine neue Erfahrung für mich“. Aber auch im Vergleich zum russischen Universitätssystem hat die Studentin bereits Unterschiede feststellen können: In Germersheim könne sie sich ihren Stundenplan und die zu belegenden Kurse selbst zusammenstellen, was in Russland nicht der Fall ist. „Ich mag es auch, dass ich in meinen Germersheimer Kursen nicht nur mit Erstis sitze, sondern auch mit Leuten aus höheren Semestern. Bei uns bleibt man während des gesamten Studiums mit den Studis aus dem gleichen Jahrgang zusammen“. Natürlich gäbe es auch den ein oder anderen Grammatikkurs hier, den man ihrer Ansicht nach ansprechender gestalten könnte.

Als ich Dzhessi auf ihre Pläne für das Semester anspreche, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Mandarin wolle sie unbedingt lernen. Aus dem Kulturangebot des AStAs hat sie sich einen Kurs für Anfänger herausgesucht. Außerdem hat sie vor, auch vom abwechslungsreichen Sportprogramm zu profitieren: Leichtathletik hat es ihr besonders angetan. Sicherlich wird Dzhessi einige Herausforderungen in ihrem ersten Semester am FTSK meistern müssen. Anders als dass für einige andere Erstis der Fall ist, macht sie sich hingegen wenig Sorgen, in einer Kleinstadt wie Germersche zu leben: „Ich bin ein Mensch der auch gut in einer kleineren Stadt leben und studieren kann“.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.