Germersheim

Meine Zeit als Laborratte – was beim Übersetzen im Kopf passiert

Das kühle, glitschige Gefühl auf meinem Kopf weicht einem Kribbeln, das meinen ganzen Körper durchdringt. Ich stelle mir vor, wie eine neue Sorte schleimiger, gehirnfressender Egel versuchen, sich mit Hilfe ihrer scharfen Zähnchen durch meine Kopfhaut zu sägen, um anschließend große Teile meines Gehirns rauszureißen.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

 

Die Szene erinnert an einen Science-Fiction-Blockbuster der 90er-Jahre, bei dem der Mensch durch eine klitzekleine, aber umso bedrohlichere Tierart ausgerottet wird, die fortan die Erde besiedelt. Tatsächlich befinden wir uns in einem fensterlosen, 6 Quadratmeter großen Raum in der beschaulichen Kreisstadt Germersheim in der Südpfalz, genauer gesagt im Altbau des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft.

Dort bin ich heute zu Besuch in einem der europaweit ersten neurolinguistischen Labore in der translationswissenschaftlichen Forschung. Seit der Eröffnung Ende April 2016 werden hier neurolinguistische Forschungstechnologien eingesetzt, um Erkenntnisse über kognitive Prozesse beim Übersetzen und Dolmetschen zu gewinnen. Im Labor wird mit Hilfe der Elektroenzephalografie, kurz EEG, und mehrerer Eyetracker daran gearbeitet, Antworten auf translationswissenschaftliche Fragestellungen zu finden. Über das EEG-Gerät können Hirnströme gemessen und am Bildschirm visualisiert werden. Eyetracker zeichnen Blick- und Tastaturbewegungen auf.

 

Von Laborratten und -mäusen

„Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, schießt es mir durch den Kopf. Der kammerartige Raum ist zwar hellerleuchtet, der Stuhl sieht bequem aus und die Mitarbeiterin des EEG-Labors lächelt mich sehr freundlich an, aber das komische Gefühl in der Bauchgegend möchte trotzdem nicht weggehen. Der Ursprung meines Unbehagens liegt ganz unscheinbar auf einem Metallwagen: eine 150 ml fassende Spritze. Ich hasse Spritzen! Ich stelle mir vor, an welcher Körperstelle der Spritzenansatz in den nächsten Minuten meine Haut durchdringen wird. Ging es hier nicht um translationswissenschaftliche Versuche? Sofort habe ich mehr Mitleid für all die Laborratten und -mäuse dieses Planeten.

Ich werde gebeten, Platz zu nehmen, und ich höre eine der Mitarbeiterinnen, wie sie ihrer Kollegin zuruft: „mittlere Haubengröße dürfte passen!“ Verstohlen fahre ich mir durch die Haare, während meine Kollegin neben mir steht und Fotos knipst, sie hat sichtlich Spaß dabei. Ich zwinge mich, den Ausführungen der zuvorkommenden Laborantin zu folgen, die mir erklärt, welche Graphen, die der Computer anzeigt, für ihre Zwecke interessant sind. „Wenn Sie sich anschließen lassen, können wir sehen, dass die oberen Linien Motorisches aufzeichnen und die unteren die Gehirnströme messen, die für unsere Versuche relevant sind. Wollen Sie sich denn anschließen lassen?“

Ich schlucke. „Ja“, höre ich mich sagen. Gezielt greift die Mitarbeiterin zur Spritze und zieht sie mit einer zähen, durchsichtigen Flüssigkeit auf. Sie erklärt, dass diese Flüssigkeit Salz enthalte, das die elektrische Spannung leitet. Mit sicherer Hand und ruhiger Miene füllt sie die winzig kleinen Löcher in der Haube mit Flüssigkeit, zu meiner großen Erleichterung entpuppt sich die mir so Furcht einflößende Spritze als völlig harmlos. Ich spüre, wie das Gemisch ein kühlendes Gefühl auf meiner Kopfhaut hinterlässt.

In Verbindung mit den an der Haube angebrachten Elektroden können die Gehirnströme aufgenommen und anschließend am Computer visualisiert werden. Die Versuchsleiterin beginnt wieder mit Ihren Erklärungen: „Trockene Kopfhaut eignet sich für unser Experiment besonders gut, fettige Kopfhaut ist hingegen ein Nachteil. Daher sind auch Experimente mit Glatzenträgern schwierig, denn hier bildet die Haut einen natürlichen Schutzfilm.“ Ich überlege mir, wann ich das letzte Mal meine Haare gewaschen habe. Sobald eine Elektrode angeschlossen ist, wird auf dem Bildschirm der elektrische Widerstand sichtbar. Dieser sollte möglichst niedrig sein. Die Labormitarbeiterin nickt zufrieden und macht mir ein Kompliment für meine tolle Kopfhaut. Ich bin erleichtert.

 

Mein Gehirn spricht

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Auf dem Bildschirm werden verschiedene Linien sichtbar, die sich in Wellen fortbewegen. Blinzele oder knirsche ich beispielsweise mit den Zähnen, schlagen die oberen Graphen aus. Um eine möglichst unverfälschte Aufzeichnung zu erhalten, werden die Probandinnen und Probanden im EEG-Labor Germersheim gebeten, das Blinzeln so gut es geht zu unterbinden. Die unteren Linien bilden die Gehirnströme ab. Ich frage mich, ob sich meine Nervosität im Verlauf der Gehirnwellen widerspiegelt. Meine Hände schwitzen. Ich werde mit der Bitte aus meinen Gedanken geholt, meine Augen zuzumachen und zu entspannen.

Während ich darüber nachdenke, wie ich unter den vorherrschenden Umständen – ich trage eine seltsame Haube auf dem Kopf und meine Kollegin hat ein Smartphone in der Hand – entspannen soll, merke ich zu meiner eigenen Überraschung, wie mein Puls herunterfährt und ich ruhiger werde. Auf dem Bildschirm werden langsame, gleichmäßige Gehirnwellen sichtbar. Die Versuchsleiterin erklärt, dass diese auch Alpha-Wellen genannt werden. Ich bin fasziniert, dass sich nur durch das Schließen der Augen eine so große Wirkung entfalten kann und freue mich plötzlich auf das bevorstehende Experiment. Die Versuchsleiterin weist mich ein. „Ich werde Ihnen in kurzen Abständen erst einen Ton und dann ein Wort vorspielen. Sie entscheiden anschließend, ob die Tonhöhe gleich oder unterschiedlich ist.“

 

Musiker sind im Vorteil

Das EEG-Gerät wird in unterschiedlichen translationswissenschaftlichen Studien eingesetzt. Das Wort/Ton-Experiment entstammt einer aktuellen Studie, bei der Testpersonen mit und ohne musikalische Erfahrung untersucht werden. Ziel der Studie ist es, herauszufinden, ob Menschen mit musikalischer Erfahrung Tonhöhen besser erkennen. Da Sprache viel mit dem Klang der Stimme zu tun hat, liegt die Vermutung nahe, dass die musikalische Prägung das Übersetzen positiv beeinflussen könnte. In einer bereits abgeschlossenen Studie wurden Testpersonen Wörter aus zwei verschiedenen Kategorien gezeigt, die sie vom Englischen ins Deutsche übersetzen sollten. Dabei handelte es sich zum einen um Wörter, die sich in den beiden Sprachen sehr ähnlich sind, wie beispielsweise system und System, zum anderen um Wörter, die ganz verschieden klingen, wie draft und Entwurf. Die Hypothese, dass das Übersetzen von in beiden Sprachen ähnlich klingenden Wörtern ein höheres Maß an Kontrolle erfordert, konnte durch das Beobachten der Gehirnströme bestätigt werden. Diese Kontrolle zeigte sich in einer kurzen zeitlichen Verzögerung, die durch das Reflektieren entsteht, ob der Begriff richtig übertragen wurde.

 

Eyetracker – wenn Blicke mehr verraten als tausend Worte

Ich nehme mir die Haube vom Kopf und wir verlassen die Kammer mit dem EEG-Gerät. Mein Blick fällt in einen Spiegel und ich wühle mir kurz durch die zerzausten Haare, bis die Frisur wieder sitzt. Meine Experimentierlaune ist geweckt. Als nächstes wollen wir uns ansehen, was man mit einem Eyetracker herausfinden kann. Den Begriff Eyetracking habe ich schon oft gehört und er klingt in meinen Ohren nicht halb so bedrohlich wie Elektroenzephalografie. Doch was macht denn nun ein Eyetracker genau? Die Labormitarbeiterin kommt mit einem handlichen, recht unscheinbarem Gerät an: „Darf ich vorstellen? Das ist Tobii. Mit diesem Eyetracker lassen sich Blick- und Tastaturbewegungen aufzeichnen. Die Blickbewegungen werden über die einzelnen Blickpunkte festgehalten, die Aufzeichnungen können anschließend analysiert werden. „Haben Sie Lust auf ein kurzes Experiment?“. Ich nicke.

„Bevor wir mit dem Experiment starten, müssen wir kalibrieren. Das Gerät benötigt zunächst einige Informationen über Ihre Augen, damit es optimal auf Sie eingestellt ist.“ Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, kann es losgehen. Die Laborantin fragt mich, ob ich Walter kenne. Der Name kommt mir bekannt vor, ich erinnere mich jedoch nicht. Sie erklärt mir, dass sie mir jetzt Bilder zeige und meine Aufgabe darin bestehe, das Männchen mit dem rot-weiß-gestreiften Pullover namens Walter zu suchen – klingt eigentlich simpel. Auf dem ersten völlig überfüllten Motiv sehe ich Unmengen kleiner Männchen, Hunde, Katzen, Bäume, aber weit und breit keinen Walter. Mir fällt wieder ein, weshalb ich die Wimmelbücher meiner Tochter nicht mag. Ich wette, sie hätte Walter schon längst entdeckt. Da sehe ich ihn, winzig klein, versteckt hinter einem Baum grinst er mich an. Mit jedem Bild finde ich ihn schneller. Nach dem Experiment sehen wir uns Tobiis Aufzeichnungen an. Sie zeigen, wie meine Augen auf der Suche nach Walter von links nach rechts über das Bild springen.

 

Wer übersetzt liest anders

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Die Eyetracking-Methode wird in den Translationswissenschaften unterschiedlich angewendet. So wurde beispielsweise untersucht, ob Übersetzerinnen und Übersetzer einen Text anders lesen, wenn man sie im Vorfeld darüber informiert, dass sie diesen später übersetzen müssen. Die Aufzeichnungen verraten, dass sie mit dem Wissen, dass sie den Text anschließend übersetzen müssen, längst nicht so linear lesen, als ohne das Wissen. Vielmehr bereiten sie die Übersetzung schon gedanklich vor, indem sie beim Lesen des Texts öfter zurückspringen. Außerdem wurde nach einer Studie mit dem Eyetracker eine neue Form von zentral im Bildschirm integrierten Titeln entwickelt. Die Studie sieht das Problem von klassischen Untertiteln darin, dass das Auge zwischen der Handlung, die sich normalerweise in der Mitte des Bildschirms abspielt, und den Untertiteln hin- und herspringen muss.

Ein spannender Labortag geht zu Ende. Unter der Dusche schießen mir immer wieder Bilder von Spritzen, Laborratten und dem rot-weiß-gestreiften Walter durch den Kopf, während ich dreimal Shampoo nachlege, um die hartnäckigen Überreste der eingetrockneten Flüssigkeit aus meinen Haaren zu schrubben. Mein Bett ruft nach mir. Bestimmt werde ich heute Nacht von winzig kleinen Egeln träumen, die sich auf meinem Kopf hin und her wälzen, bis sie die richtige Position gefunden haben, um kräftig zuzubeißen.

 

Über das Labor

Das neurolinguistische Labor (TRA&CO Center) ist einem Fellowship von Frau Prof. Dr. Hansen-Schirra zu verdanken, Professorin am Englisch-Arbeitsbereich des Fachbereichs TSK. Seit seiner Gründung 2016 wird das Labor von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einer wissenschaftlichen Hilfskraft betreut, technischen Support bieten die Kollegen des SteFL. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sowohl in der Lehre, als auch in der Forschung aktiv und vertreten die Universität und das Labor mit ihren jüngsten Forschungsergebnissen auf Konferenzen weltweit. Was hier in einer kleinen Kammer herausgefunden wird, bleibt also nicht in der Kammer, sondern das Wissen wird aus dem beschaulichen Germersheim in die Welt getragen. Die Forschungserkenntnisse haben aber auch einen ganz praktischen Nutzen: Sie fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung des Unterrichts am Fachbereich TSK ein.

 

Neugierig geworden?

Zeige, dass Du Mut hast und melde Dich als Proband im neurolinguistischen Labor. Du solltest ca. 1,5 bis 2 Stunden Zeit dafür einkalkulieren. Oder Du arbeitest an einer Abschlussarbeit und möchtest EEG-Gerät oder Eyetracker für deine Studie verwenden? Das Team des EEG-Labors freut sich über jeden Kontakt.

Mehr Infos zum Labor gibt es auf der Webseite des Tra&Co Centers und in diesem Film auf YouTube.

Bücher und Artikel zum Thema Elektroenzephalografie und Eyetracking, auch speziell in der Translationswissenschaft, findet ihr in unserem Rechercheportal.

 



Eva Schiegg ist Bibliothekarin und Informationswissenschaftlerin. Sie ist Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Mainz am Standort Germersheim.

 

Vom Hochschulstudium „Übersetzen“ zum Hochschulübersetzen

Seit 2013 finden mit großem Erfolg die "Germersheimer Praxistage Translation" statt. In spannenden Vorträgen, Diskussionsrunden und mit einem Infomarkt schlägt der Praxistag eine Brücke zwischen Lehre und Praxis – und lockt die Studierenden mit Einblicken in Berufsfelder des Bereichs Übersetzen und Dolmetschen.

Germersheimer Praxistage Translation

Denn es gibt weit mehr als nur die traditionellen Übersetzerstellen. Kennt ihr z. B. den Beruf der Hochschulübersetzerin und des Hochschulübersetzers? Ich persönlich hatte zwar noch nie etwas davon gehört, aber, wie ich im Laufe der Präsentation feststellte, habe ich bereits ihre Dienste in Anspruch genommen: Für eine Bewerbung an einer ausländischen Universität benötigte ich eine englische Version des Transcript of Records. Was ich nicht wusste: Damit die englische Notenübersicht in meinem E-Mail-Fach und meinem Briefkasten landen konnte, leistet sich die JGU ausgewiesenes Personal, das mir und internationalen Studierenden den bürokratischen Aufwand erleichtert, indem es Formulare, Anträge, Nachweise und Informationsflyer ins Englische übersetzt.

Die Zeichen stehen auf Internationalisierung

An deutschen Hochschulen werden aus zwei Gründen Hochschulübersetzerinnen und -übersetzer eingesetzt. Zum einen ist das die so genannte internationalisation @ home: Hiesige Universitäten ziehen immer mehr ausländische Studierende an, die heutzutage die Möglichkeit haben, bei uns ihr gesamtes Studium auf Englisch zu absolvieren. Auch der Anteil internationaler Akademikerinnen und Akademikern, die für reine Forschungszwecke nach Deutschland kommen, steigt permanent. Damit sich diese Klientel vor allem bei ihrer Ankunft an den deutschen Universitäten gut aufgehoben fühlt, besteht ein großer Bedarf an englischsprachigen Broschüren, Infomaterialien und administrativen Dokumenten. Zum anderen folgt die JGU auch dem Bedürfnis einer internationalisation abroad. Darunter fällt beispielsweise eine englischsprachige Webseite, aber auch das Personal zu schulen, wie es mit Studis umgehen soll, die wenig oder kein Deutsch verstehen.

Bis vor einigen Jahren noch verwandten Sacharbeiterinnen und -arbeiter einen Großteil ihrer Arbeitszeit und Energie darauf, ausländischen Forscherinnen und Forschern zu erklären, wie sie den deutschen Dienstreiseantrag auszufüllen hatten. Mussten Dokumente übersetzt werden, dann wurde damit Personal betraut, das „eigentlich im Großen und Ganzen schon ganz gut die Sprache beherrschte“. Die Qualität dieser Übersetzungen ließ daher oft zu wünschen übrig und es wurde auch keine einheitliche Terminologie benutzt.

Vielfalt und Abwechslung stehen auf der Tagesordnung

Als Übersetzerin und Übersetzer im Hochschulbereich bekommt man Texte unterschiedlichster Art auf den Schreibtisch gelegt. Dazu gehören juristische Texte wie Prüfungsordnungen und Ablehnungsbescheide, aber auch Informationsbroschüren zur Prüfungsangst, die eher allgemeinsprachlich formuliert und übersetzt werden müssen. Wenn mal gerade nicht übersetzt wird, dann stehen für die Sprachmittlerinnen und -mittler Aufgaben im Bereich Projektmanagement an oder sie pflegen neue Wörter in die Terminologiedatenbank ein. Eine einzige Person kann den gesamten Bedarf an ‚Sprachmittlungen‘, der an der Hochschule anfällt, nicht mehr abdecken, wie sich am Beispiel der JGU zeigt: Für die Presse- und Kommunikationsarbeit muss sie zusätzlich auf externe Übersetzerinnen und Übersetzer zurückgreifen.

Carolin Schrenk, Fotograf: Thomas Hartmann

Oft wird dem Translationsstudium vorgeworfen, zu theoretisch zu sein. Carolin Schrenk, die JGU-eigene Hochschulübersetzerin, ist aber davon überzeugt, dass diese Komponente sehr wichtig ist in ihrem Metier: „Als wir die Transcripts of Records übersetzt haben, wurde vorgeschlagen, die Gesamtnote mit GPA zu übersetzen“. GPA steht für Grade Point Average. Diese Bezeichnung ist vor allem im nordamerikanischen Sprachgebrauch üblich. Da die Benotung aber ganz anders funktioniert als in Deutschland – so ist etwa 4,0 die amerikanische Bestnote –, sprach sich Frau Schrenk gegen diese Übersetzung aus. Ihrer Meinung nach könnten JGU-Studis benachteiligt behandelt werden, wenn sie Zeugnisse bei ausländischen Universitäten einreichen müssten, auf denen etwa GPA 2,0 stände. „Das weckt falsche Assoziationen, weil man versucht, einen Begriff aus einem Hochschulsystem auf ein anderes zu übertragen“. Mit der Argumentation, dass es sich um ein Kulturspezifikum handelte, das man auflösen müsse, konnte Frau Schrenk überzeugen. Ihr Vorschlag „overall grade“ setzte sich durch, auch wenn er sprachlich vielleicht nicht die schönste Variante war.

Nerds oder Netzwerk-Profis?

Im Volksglauben werden Übersetzerinnen und Übersetzer gerne als introvertierte, perfektionistische und nicht sehr umgängliche Zeitgenossen dargestellt. Alles nur Klischees, wie man auch im Umfeld der Hochschulübersetzerinnen und -übersetzer beobachten kann. Eine vortreffliche Vernetzung ist hier ein Muss, um bei Fragen und Problemen stets zu wissen, an wen man sich wenden kann.

Als der Vortrag zum Hochschulübersetzen im Rahmen des Germersheimer Praxistags 2018 beendet ist, beginnen die zukünftigen Sprachmittlerinnen und Sprachmittler aufgeregt miteinander zu tuscheln, nehmen sich Infobroschüren mit und unterhalten sich noch angeregter auf dem Gang. Ich schaue mich um, wer weiß? Vielleicht saßen im Publikum bereits einige zukünftige Kolleginnen und Kollegen von Frau Schrenk.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Happy together: Mainz und Germersheim nun in einem Katalog vereint

Ab 20. Juli 2018 wird unser Rechercheportal durch die Bestände der Bereichsbibliothek Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, ergänzt.

Alles auf einen Blick

Damit können künftig die Bestände aller Bibliotheksstandorte der Universitätsbibliothek Mainz gleichzeitig durchsucht werden.

Campusübergreifende Ausleihe Mainz - Germersheim

Germersheimer Nutzer*innen können dadurch ganz einfach Medien aus Mainz nach Germersheim bestellen:
Für sie gibt es bei den Mainzer Beständen in der Regel nun einen Link „Bestellen“. Und natürlich gilt das Ganze auch umgekehrt: Mainzer Nutzer*innen können genauso Medien aus Germersheim nach Mainz bestellen.

Vor Ort gilt jeweils: Bitte selbst am Regal holen.

Einer für alle

Ein Bibliotheksausweis für alle: Germersheimer Nutzer*innen benötigen keinen Extraausweis für das Ausleihen Mainzer Bestände mehr.

Sie haben Fragen?

Wir helfen Ihnen gerne weiter.
Wenden Sie sich vor Ort persönlich an uns oder schreiben Sie uns eine E-Mail an:

Seine Exzellenz ist auch nur ein Mensch: Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate für Berlin in Germersheim

Man merkt an diesem Freitagmorgen, dass irgendwas anders ist am FTSK in Germersheim. Es stehen nicht nur imposant luxuriöse Fahrzeuge auf dem Campus, auch das babylonische Geschnatter in den Gängen scheint aufgeregter. Die von den angehenden Sprachgenies getragenen T-Shirts sehen gebügelter und die Schuhe sauberer aus als gewöhnlich. Folgt man dieser großen Menschentraube hinunter in den sogenannten Dolmetschkeller im Untergeschoss des Neubaus, entdeckt man den Grund für diesen Rummel:

Er trägt einen marineblauen Anzug, eine farblich abgestimmte Krawatte, ein blütenweißes Hemd und lächelt uns gewinnend an. Die Rede ist von Seiner Exzellenz Ali Al-Ahmed, dem Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Berlin. Er wurde eingeladen, um im Rahmen der sogenannten Freitagskonferenz einen Vortrag zum Thema „From Tents to Skyscrapers“ (Vom Zelt zum Wolkenkratzer) zu halten. In den kommenden 90 Minuten versucht er, die rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung der Emirate über die letzten 50 Jahre nachzuzeichnen.

Die Germersheimer Freitagskonferenz: 90 Minuten babylonische Sprachvielfalt

Die Freitagskonferenz ist eine sprachübergreifende Lehrveranstaltung, die jeden Freitag im Semester von 11.20h bis 12.50h im Dolmetschraum I stattfindet. Sie soll den Studierenden im Master Konferenzdolmetschen (MA KD) ermöglichen, in einem authentischen Konferenzkontext ihre Dolmetschfähigkeiten zu üben und zu verbessern. Hierfür werden Rednerinnen und Redner zu unterschiedlichen Themen eingeladen. Im Idealfall findet jedes Semester mindestens eine Konferenz in jeder im Master angebotenen Sprache statt.

In der anschließenden Diskussion können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in allen vertretenen Sprachen Fragen stellen und Anmerkungen machen. Hierin sieht Rocco Pelaccia, ein italienischer Student, der seit dem Wintersemester 2017 im MA KD eingeschrieben ist, die eigentliche Herausforderung für die Dolmetschstudierenden: „Das ist immer ein zusätzlicher Stressfaktor für die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, da sie während der Diskussion nie wissen können, auf welcher Sprache Fragen gestellt werden. Man kann sich also auch nach dem Ende des Vortrages noch nicht zurücklehnen. Im Gegenteil, hier muss man sehr konzentriert sein.“

Der Botschafter und die Russische Kabine

Adrenalinschübe garantiert

Das war auch bei einigen der an den Botschafter gerichteten Fragen der Fall: Die Konferenzsprache war Englisch. Das heißt, dass die englische Kabine die Präsentation des Botschafters aus dem Englischen ins Deutsche gedolmetscht hat. Die anderen Kabinen haben diese Verdolmetschung benutzt, um das Gesagte aus dem Deutschen ins Französische, Russische, Griechische, Italienische, Spanische, Niederländische und Polnische zu dolmetschen. Das nennt man Relais. Wenn das Publikum Fragen stellt, kann es aber dazu kommen, dass sich das Relais verschiebt: Wird eine Frage auf Französisch gestellt, muss die Französische Kabine diese ins Deutsche übertragen. Die Verdolmetschung wird dann beispielsweise von der Englischen Kabine genutzt, um die Frage ins Englische zu bringen, damit der Botschafter sie versteht und antworten kann. Es kann also große Adrenalinschübe verursachen, wenn man plötzlich in eine andere Sprachrichtung dolmetschen muss, als man es über die letzten 60 Minuten gewohnt war. „Aber so ist es auch im echten Berufsleben einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers“, stellt Rocco Pelaccia fachmännisch fest.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Diskussion thematisch in alle Richtungen gehen kann. So löcherte die interessierte Zuhörerschaft am Freitag den Botschafter mit Fragen zur Nuklearenergie in den Emiraten, zur Vielsprachigkeit seiner Kinder, zu seinem Botschafteralltag, aber auch zu den schwierigen Lebensverhältnissen der Gastarbeiter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Obwohl Seine Exzellenz erst seit Mai 2016 Botschafter ist, verstand er es, sehr diplomatisch auf heikle Angelegenheiten einzugehen und stets einen Witz parat zu haben, um sich die Gunst des Raumes zu sichern.

Geschenke aus Berlin

Der Weg in die Herzen der Dolmetscherzunft

Witze und Wortspiele sind zwar der Dolmetscherin und des Dolmetschers Graus, aber Seine Exzellenz Ali Al-Ahmad gewann die Herzen der offiziellen Kabine spätestens, als er verkündete, als kleines Dankeschön für die Studis Geschenke aus Berlin mitgebracht zu haben. „Wow, dass die Redner der Freiko an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher denken, ist bisher erst einmal vorgekommen seit ich am FTSK studiere“, erzählt mir Zwetelina Steinbach aufgeregt. Sie saß in der offiziellen Englischen Kabine und war dementsprechend dafür mitverantwortlich, dem Publikum eine Verdolmetschung ins Deutsche anzubieten.

Obwohl sie nach vielen Trockenübungen im Unterricht nun endlich mal einen „echten Botschafter“ verdolmetschen musste, war ihr keinerlei Nervosität anzumerken.

„Ich habe mich sehr intensiv auf den Vortrag vorbereitet, schließlich haben wir nicht jeden Freitag eine so hochranginge Persönlichkeit bei uns am Fachbereich. Aber es hat mir beim Dolmetschen auch geholfen, im Hinterkopf zu behalten, dass seine Exzellenz auch nur ein Mensch ist“.

Und trotzdem, ein klein wenig Stolz meine ich in ihrer Stimme ausmachen zu können. Zu Recht.

PS: Seid selbst mit dabei – alle Freitagskonferenzen findet ihr auf dem Youtube-Kanal des Fachbereichs in Germersheim.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.