Campus-Leben

Nicht ohne mein Grundgesetz oder: Bekenntnis zu einem Buch, das kaum einer gelesen hat

Jeder von uns kennt Art. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Aber ansonsten? Hand aufs Herz, könntet ihr alle Grundgesetzartikel aufzählen? Ich jedenfalls nicht. Dabei wirken sie sich auf unseren gesamten Alltag aus – auch auf den an der JGU. Wie sich anhand meiner eigenen Unilaufbahn – vom Studienstart bis zum Promotionsstudium – leicht zeigen lässt.

Vor 70 Jahren wurde ein Dokument unterzeichnet, das bis heute maßgeblichen Einfluss auf unser gesellschaftliches Miteinander in Deutschland hat. 70 Abgeordnete des Parlamentarischen Rates – darunter gerade mal vier Frauen – hatten acht Monate an seiner Ausarbeitung gefeilt. Die Rede ist vom Grundgesetz, der Grundlage der demokratischen Ordnung und Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Man wollte aus den Fehlern der Weimarer Republik und den zwölf Schreckensjahren des NS-Regimes lernen: Die Bundesrepublik berief sich besonders auf die Wahrung der Menschenrechte, wollte sich als Teil der Weltgemeinschaft für Freiheit und Frieden einsetzen. Man stellte dem Grundgesetz daher 19 Grundrechte voran. Aber was hat das mit mir zu tun?

„Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ (Art. 12 Abs. 1)

Grundgesetz - freie Wahl der AusbildungsstätteWährend meiner Schulzeit war mir schon früh klar, dass ich einmal studieren möchte. Nur was und wo stand zunächst noch nicht fest. Die Entscheidung lag ganz bei mir. Höchstens mein Abi-Schnitt hätte mir bei der Wahl des Studienfachs einen Strich durch die Rechnung machen können. Mein Kindheitstraum war es gewesen, Meeresbiologin zu werden. Dank Art. 12 Abs. 1 konnte ich Biowissenschaften an der TU Kaiserslautern studieren. Als ich aber merkte, dass ein naturwissenschaftlicher Studiengang doch nichts für mich ist, wechselte ich nach Mainz zum buch- und geschichtswissenschaftlichen Studium. Alles kein Problem, denn schon bei der Studienorts- und Berufswahl sichert uns das Grundgesetz Selbstbestimmung zu.

Das war jedoch nicht immer so, vor allem in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik: Zwar wurde bereits in der ersten Fassung des Grundgesetzes die Gleichberechtigung von Frauen und Männern verankert (Art. 3 Abs. 2). Frauen brauchten dennoch bis in die 1970er-Jahre eine Einwilligung ihres Vaters oder Ehemanns, um zu studieren. Im Sommersemester 1947 wurde an der JGU sogar für eine kurze Zeit eine Quote eingeführt, damit die Anzahl der weiblichen Studis einen gewissen Prozentsatz nicht überstieg. Aber auch meine männlichen Mitschüler konnten nach dem Abi nicht ohne Weiteres ins Studium ihrer Wahl durchstarten. Aufgrund von Art. 12a Abs. 1 mussten diejenigen, die nicht ausgemustert worden waren, zunächst zum Bund oder, falls sie von ihrem Kriegsdienstverweigerungsrecht (Art. 4 Abs. 3) Gebrauch gemacht hatten, den so genannten Zivildienst absolvieren.

„Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ (Art. 5 Abs. 3)

Schon mit der Einschreibung kam ich in den Genuss einer Reihe von Freiheiten, ohne dass es mir bewusst war. Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre (Art. 5 Abs. 3) wirkt sich auch auf das Studium aus. Doch was bedeutet das konkret für meinen Studienalltag? Am Bologna-Prozess wurde immer wieder kritisiert, er habe zu einer „Verschulung“ der Studiengänge geführt. Trotzdem konnte ich Veranstaltungen im Rahmen der Studienordnung selbstbestimmt wählen. Art. 5 Abs. 3 ermöglichte mir sogar, meinen Schwerpunkt auf buchhistorische Themen zu setzen.

Informationsfreiheit, ForschungsfreiheitAufgrund der Lehrfreiheit konnten meine Dozierenden wiederum ihre Seminare frei gestalten und ihre Meinung frei äußern, solange sie nicht verfassungsfeindlich war. Der freie Zugang zu Informationen erlaubte mir umfangreiche Recherchen zu wissenschaftlichen Themen und war somit zentraler Bestandteil meines Studiums. Die Informationsfreiheit ließ zu, dass ich mich mit unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auseinandersetzte. So konnte ich einen eigenständigen wissenschaftlichen Standpunkt entwickeln. Die Forschungsfreiheit, last but not least, ist zudem Voraussetzung dafür, dass ich Fragestellung und methodisches Herangehen meiner Doktorarbeit unabhängig von politischer Wetterlage sowie Interessen Dritter wählen und dank der Meinungsfreiheit frei formulieren und publizieren kann.

„Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ (Art. 8 Abs. 1)

Grundgesetz - Meinungsfreiheit, Demonstrations- und VersammlungsrechtWenn wir Studierende mit dem Unisystem nicht zufrieden sind, können wir uns auf verschiedene Grundrechte berufen. Die Meinungsfreiheit ermöglicht uns Kritik zu äußern (Art. 5 Abs. 1); wir können uns auf das Demonstrations- und Versammlungsrecht berufen (Art. 8 Abs. 1); falls wir uns in unseren Grundrechten verletzt fühlen, steht uns sogar die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht offen (Art. 19 Abs. 4). Ich selbst nahm beispielsweise 2009 am Bildungsstreik teil, um gegen die Missstände der Bachelor- und Masterreform zu protestieren. Des Weiteren berechtigt das Grundgesetz zur Bildung von Interessensgemeinschaften (Art. 9 Abs. 3). Für die Belange der Studis setzen sich u. a. die Fachschaften bzw. universitäre Gremien an der JGU ein. Dort können wir bspw. über Änderungen von Studienordnungen oder die Berufung von Professorinnen und Professoren mitbestimmen.

Durch das Wahlrecht (Art. 38 Abs. 2) beeinflussen wir auf Landes-, Bundes- sowie EU-Ebene die Bildungs- bzw. Wissenschaftspolitik. Dank dieser Politik konnte ich nicht nur in Rheinland-Pfalz gebührenfrei studieren, sondern auch die ersten beiden Jahre meiner Promotion durch die Stipendienstiftung Rheinland-Pfalz finanzieren. Leider wurden deren Stipendien mittlerweile eingestellt. Aber das ist ein anderes Thema... Apropos, am Sonntag stehen ja die Europawahlen an: Das Erasmus-Programm ermöglichte mir ein Auslandssemester in den Niederlanden. Eine der besten Erfahrungen meiner Unilaufbahn!

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (Art. 2 Abs. 1)

Aber die Verfassung wirkt sich natürlich auch über den universitären Alltag auf unser Leben aus. Stelle Dir vor, du schaust gerade zu Hause, nach einem langen stressigen Uni-Tag, eine deiner Lieblingsserien an – und plötzlich steht die Polizei vor der Tür, um deine Wohnung auf den Kopf zu stellen. Art. 13 Abs. 1 verhindert das, selbst wenn dein letzter Tweet etwas zu offen und ehrlich gewesen sein sollte: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Zumindest so lange die Durchsuchung nicht richterlich angeordnet wurde, weil du wirklich Mist gebaut hast.

Persönlichkeitsentfaltung - Gilmore Girls, Parks and Rec, Game of ThronesDass gerade Gilmore Girls, Parks and Rec oder bspw. Game of Thrones zu meinen Lieblingsserien gehören, dafür kann das Grundgesetz natürlich nichts. Oder höchstens indirekt. Denn es sichert mir die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu (Art. 2 Abs. 1). Das gilt übrigens auch für meine Vorliebe für Punk- und Post-Hardcore-Konzerte, deutsch- und englischsprachige Gegenwartsliteratur oder True-Crime-Dokus. Ich brauche keine Angst zu haben, deswegen benachteiligt zu werden.

Frei entfalten kann ich mich natürlich auch außerhalb der eigenen vier Wände. An der Uni können sich alle Angehörigen der JGU entsprechend ihrer Interessen, Überzeugungen oder Weltanschauungen verwirklichen – sofern sich das Ganze im Rahmen des Grundgesetzes bewegt. So gibt es zahllose politische, religiöse, kulturelle und sportliche Hochschulgruppen, in denen man sich einbringen kann. Art. 9 Abs. 1 des Grundgesetzes gibt uns das Recht, Vereine und Gesellschaften zu gründen, im Fall der Uni bspw. Flüchtlingsinitiativen, Studentenverbindungen, Unterstützungsvereine für Arbeiterkinder oder den Verein der Freunde der Universität.

Die Presse- und Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1) erlaubt es uns, über den Alltag an der Uni zu berichten und das auch mal kontrovers. Ein Beleg hierfür sind die verschiedenen Studierendenpublikationen. Das Recht auf individuelle Persönlichkeitsentwicklung hält uns gleichzeitig dazu an, tolerant gegenüber abweichenden Interessen, Einstellungen oder Lebensmodellen zu sein. So heißt es ebenfalls in Art. 3 Abs. 3 explizit, dass niemand „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“ darf.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ (Art. 3 Abs. 2)

Und was bringt die Zukunft? Nach Abschluss meiner Promotion werde ich erneut vor der Wahl stehen: Bleibe ich an der Uni oder werde ich mir einen Job in einem anderen Bereich suchen? Bei den Bewerbungsverfahren bin ich entsprechend des Grundgesetzes gegenüber identisch qualifizierten männlichen Mitbewerbern mindestens gleichgestellt. Dass wir in dem Punkt noch nicht am Ziel angekommen sind, sieht man z. B. an der unterschiedlichen Bezahlung von Frauen und Männern oder des Männerüberhangs in den Führungsetagen vieler Unternehmen. Aber auch in der Geschichte der JGU konnte lange Zeit von einer Gleichstellung von Frau und Mann in Wissenschaft und Lehre nur bedingt die Rede sein: Anders als heute, gab es in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens fast keine ordentlichen Professorinnen.

Gemacht für die Ewigkeit?

Demo für Europa in Frankfurt - wir sind viele, jeder einzelne von unsNichts hält länger als ein Provisorium – diese Alltagsweisheit greift auch beim Grundgesetz. Seine Mütter und Väter hatten vor 70 Jahren nicht damit gerechnet, dass es so lange Bestand haben würde. Ausgelegt für die Zeit bis zur deutschen Wiedervereinigung, ist es bis heute in Kraft als Fundament für ein Deutschland, das als „gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt“ dient. Bis auf die Zeit der RAF wurde unsere Verfassung auch noch nicht wirklich auf den Prüfstand gestellt, nicht zuletzt dank der anhaltenden stabilen wirtschaftlichen Lage.

Doch in den letzten Jahren sind in Deutschland Stimmen lauter geworden, die das Parteiensystem, die Meinungs- und Pressefreiheit, das Asylrecht und sogar die demokratische Grundordnung insgesamt in Frage stellen. Und auf globaler Ebene stellen Phänomene wie der Klimawandel, die Digitalisierung oder Flüchtlingsströme das Grundgesetz zusätzlich vor neue Herausforderungen. Wie kann es geschützt werden?

Die Antwort liefert die demokratische Grundordnung im Grunde selbst: Indem wir das Grundgesetz in jeder Lebenssituation, im Alltag wie bei Wahlentscheidungen, leben und verteidigen. Denn so lange das Grundgesetz nicht selbst im Sinne des Art. 146 durch eine andere Verfassung ersetzt wird, können die Grundprinzipien des Grundgesetzes auch nicht durch parlamentarische Mehrheiten geändert werden (sog. „Ewigkeitsklausel“, Art. 79 Abs. 3).

Also: Geht wählen!

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und ist Mitarbeiterin der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften

 

Annalena Augustin oder das Bauchgefühl macht‘s

Wer sind die Neuen, die seit Semesterbeginn den Germersheimer Campus fluten? Wo kommen sie her, was führt sie an diesen bunten Fachbereich? In kurzen Interviews stellen wir euch in den kommenden Wochen eine Reihe von ihnen vor.

In einer Kleinstadt, wie Germersheim zu studieren, war für Annalena Augustin anfangs undenkbar. Die Neustudentin hatte nach dem Abitur erstmal einen dreimonatigen Sprachaufenthalt im spanischen Alicante gemacht und dort entdeckt, dass sie sich sehr gerne in einem internationalen Milieu bewegt. Was genau sie studieren wollte, wusste sie aber trotzdem nicht bei ihrer Rückkehr nach Deutschland. Sie begann ein FSJ, merkte jedoch schnell, dass das nichts für sie war. „Ich habe mich verloren gefühlt und mir immer wieder den Druck gemacht, dass ich doch jetzt auch mal anfangen müsste zu studieren, so wie meine ehemaligen Schulkameradinnen und -kameraden“. Im Rahmen eines Schnuppertages an der JGU, erfuhr sie vom sagenumwobenen Fachbereich 06. Getrieben von ihrer Leidenschaft für Fremdsprachen (Spanisch ist ihre Lieblingssprache!), setzte sie sich kurzerhand in den Zug, um sich die Fakultät zu Babel mal näher anzuschauen. „Anfangs hatte ich echt meine Zweifel in einer Kleinstadt zu studieren. Ich befürchtete, dass ich mich langweilen könnte“. Diese Unsicherheit verflog bei Annalena unmittelbar nach Ankunft in Germersheim. „Da war direkt dieses Bauchgefühl. Ja, hier kann ich studieren“.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Foto: Stefan Sämmer

Dieses positive Gefühl bestätigte sich auch mit Beginn der Erstiwoche. Annalena hat zügig neue Leute kennengelernt, darunter auch viele Erasmusstudierende, so dass sie bereits in Genuss des heiß ersehnten „internationalen Feelings“ gekommen ist. Überraschend war allerdings doch, dass trotz Ersti-Lagerfeuer, eifrigem Kennenlernen und Entdeckunsgtouren der Unibetrieb pünktlich zum 16. April einsetzte. Keine Spur von pfälzischer Gemütlichkeit. „Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und hatten direkt Hausaufgaben zu erledigen. Es gibt sogar Mitstudis, die nächste Woche ihre erste Präsentation halten müssen“. Annalena gesteht mir, dass sie in einigen Kursen eingeschüchtert war, als sie feststellte, dass nicht nur mittlerweile bekannte Gesichter im Raum saßen, sondern auch Studierende aus fortgeschrittenen Semestern. Zeit sich darüber zu viele Gedanken zu machen, scheint sie nicht zu haben:

„Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Es gibt so viele tolle Freizeitangebote, ich hatte noch nicht die Möglichkeit, mir alle anzuschauen. Das ist überwältigend. Vielleicht lerne ich spontan Japanisch oder Portugiesisch, das scheinen viele Menschen hier auf dem Campus zu sprechen“.

Unser angeregtes Interview, das eigentlich mehr ein Gespräch ist, wird jäh unterbrochen, als eine Mitstudentin von Annalena sie zum Essen abholt. Einsam wird das kommende Semester sicherlich nicht für sie, denke ich mir, als ich den beiden hinterherblicke.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Dzhessi Pudaeva oder: Kleinstadt? So what!

Wer sind die Neuen, die seit Semesterbeginn den Germersheimer Campus fluten? Wo kommen sie her, was führt sie an diesen bunten Fachbereich? In kurzen Interviews stellen wir euch in den kommenden Wochen eine Reihe von ihnen vor.

Man sieht Dzhessi nicht an, dass sie gestern mit vollem Einsatz (bzw. Glas) an der Ersti-Kneipentour in Germersheim teilgenommen hat. Sie erzählt mir ganz ungezwungen von ihren bisherigen Eindrücken und ihren Erwartungen an das kommende Semester. Dzhessi Pudaeva studiert seit Beginn des Sommersemesters den Bachelor „Sprache, Kultur, Translation“ mit der Sprachenkombination Russisch, Deutsch, Englisch am Fachbereich 06 der JGU am Standort Germersheim. Um ihren Traum vom Übersetzungsstudium in Deutschland zu verwirklichen, hat sie ihr Pädagogikstudium in Russland nach dem dritten Semester abgebrochen.

Zwecks Anerkennung ihres russischen Schulabschlusses, hat sie für ein Semester am Mainzer Studienkolleg „Sprach- und Geisteswissenschaft“ studiert. Obwohl Dzhessi sehr gerne in der rheinlandpfälzischen Hauptstadt gelebt hat, entschließt sie sich, das Übersetzungsstudium in Germersheim zu beginnen. „Ich hätte auch nach Köln oder Leipzig ziehen können, aber ich wollte in Rheinland-Pfalz bleiben. Hier kenne ich schon einige Leute. Anfangs wusste ich gar nicht, dass das FTSK zur Universität Mainz gehört“.

Trotzdem sei es hier total anders, versichert sie mir. „Im Studienkolleg kamen fast alle Studierenden aus dem Ausland. Hier in Germersheim gibt es viele Deutsche unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Das ist schon eine neue Erfahrung für mich“. Aber auch im Vergleich zum russischen Universitätssystem hat die Studentin bereits Unterschiede feststellen können: In Germersheim könne sie sich ihren Stundenplan und die zu belegenden Kurse selbst zusammenstellen, was in Russland nicht der Fall ist. „Ich mag es auch, dass ich in meinen Germersheimer Kursen nicht nur mit Erstis sitze, sondern auch mit Leuten aus höheren Semestern. Bei uns bleibt man während des gesamten Studiums mit den Studis aus dem gleichen Jahrgang zusammen“. Natürlich gäbe es auch den ein oder anderen Grammatikkurs hier, den man ihrer Ansicht nach ansprechender gestalten könnte.

Als ich Dzhessi auf ihre Pläne für das Semester anspreche, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Mandarin wolle sie unbedingt lernen. Aus dem Kulturangebot des AStAs hat sie sich einen Kurs für Anfänger herausgesucht. Außerdem hat sie vor, auch vom abwechslungsreichen Sportprogramm zu profitieren: Leichtathletik hat es ihr besonders angetan. Sicherlich wird Dzhessi einige Herausforderungen in ihrem ersten Semester am FTSK meistern müssen. Anders als dass für einige andere Erstis der Fall ist, macht sie sich hingegen wenig Sorgen, in einer Kleinstadt wie Germersche zu leben: „Ich bin ein Mensch der auch gut in einer kleineren Stadt leben und studieren kann“.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Germersheim ist kein Mainzer Vorort

Wo JGU draufsteht, ist auch JGU drin?

Germersheim ist nicht Mainz. Sicher, das Hauptgebäude könnte aus demselben architektonischem Guss stammen, wie so manches Bauungetüm auf dem Mainzer Campus und Jogustine kann in der Pfalz genauso unkooperativ sein wie im Rheinland. Trotzdem. Germersheim ist nicht Mainz. Mainz ist nicht Germersheim. Und das in unterschiedlicher Hinsicht.

Hier sitze ich nun in einer schallisolierten Kabine. Die Luft kann schnell stickig werden. Eine Frauenstimme dröhnt aus den Kopfhörern, die ich mir nur über ein Ohr gezogen habe. Ich suche nach den richtigen Wörtern, nach der richtigen Nuance. Und das muss schnell gehen. Sehr schnell. Unaufhaltsam fährt die Stimme fort: "Heute erinnern wir, Franzosen und Deutsche gemeinsam, an das, was hier geschah". "Aujourd’hui nous, Français et Allemands… ähem commémorons ensemble ce qui a eu lieu ici", höre ich mich sagen, fast ganz Frank-Walter-Steinmeier-like.

Nach etwa 20 Minuten lege ich die Kopfhörer ab und verlasse die Dolmetschkabine 12 am Fachbereich 06 der JGU. Mein Puls beruhigt sich wieder.

 

Germersheimer Eigenheiten

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Foto: Stefan Sämmer

Seit einigen Monaten studiere ich nun schon am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) den Master Konferenzdolmetschen, habe Hörsäle gegen Dolmetschräume eingetauscht und auch sonst hat sich an meinem Studienalltag viel verändert. Man sitzt nicht mehr so oft in der Bibliothek, sondern im Sprachlabor, in dem man so genannte Stundenbänder nacharbeiten kann. Man liest weniger Wälzer, dafür jeden Tag Zeitung, auch den Wirtschaftsteil, in möglichst allen Arbeitssprachen.

Auch am FTSK werden Vorlesungen und Seminare angeboten, aber mein Studienschwerpunkt liegt auf dem Dolmetschen. Eine typische Dolmetschstunde folgt immer dem gleichen Muster: Wir erhalten eine kurze Einführung in das Thema der zu verdolmetschenden Rede, gehen in die Kabine, geben unser Bestes, versuchen uns zu behaupten, angesichts aberwitziger Wortspiele, Zahlenkolonnen und Wörter, die eigentlich nichtssagend sind. Anschließend werden wir abgehört. Manchmal kommt es vor, dass wir über Begrifflichkeiten diskutieren oder darüber, wie wir Kulturspezifika am Besten in die Zielsprache übertragen.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Foto: Stefan Sämmer

Es ist ein sehr praxisorientierter Master, der viel Disziplin und Eigeninitiative verlangt, denn das Dolmetschen lernt man nicht im Unterricht, sondern durch kontinuierliches Üben zu Hause. Das Lernen in Lerngruppen wird wärmstens empfohlen. Es hilft, am Ball zu bleiben und gestaltet das Lernen angenehmer. Schnell versteht man, Dolmetschen ist Teamwork. Dementsprechend knüpft man schneller Kontakt, schließt einige Freundschaften, die restlichen Studierenden aus dem Master kennt man mittlerweile mindestens vom Sehen. Untertauchen, sein eigenes Ding machen, wie es der manchmal etwas unübersichtliche Betrieb auf dem Mainzer Campus erlaubt, erweist sich im kleinen Germersheim als schwierig. Es ist auch gar nicht ratsam, denn wie ich schnell festgestellt habe, braucht man neben einem dicken Fell auch Freunde, um dem ständigen Bewertungsdruck und dem Feedback der Dozentinnen und Dozenten gewachsen zu sein.

 

Und welche Sprachen studierst du?

Germersheimer Gespräche unterscheiden sich auch von jenen, die ich aus Mainz gewohnt bin. Wenn wir unter den letzten schwachen Strahlen der Herbstsonne nach dem Unterricht beisammensitzen, drehen sich unsere Gespräche oft, einige würden sagen zu oft, ums Dolmetschen. Da fällt es schwerer, das Studium Studium sein zu lassen, als es in Mainz der Fall ist. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, unter einer gläsernen, kunterbunten Kuchenglocke zu leben. In einem Mikrokosmos, in dem wir sehr viel über Sprachen in sehr vielen Sprachen sprechen und in dem beim ersten Kennenlernen immer gefragt wird: "Und welche Sprachen studierst du?". Das kann anstrengend sein.

 

Das Germersheimer Geheimrezept

Diese Abgeschirmtheit lässt sich auch darauf zurückführen, dass man, anders als in Mainz, nicht mit anderen Studienfächern als den drei vertretenen (B.A Sprache, Kultur, Translation, MA Konferenzdolmetschen, MA Translation) in Berührung kommt. In der Germersheimer Mensa brütet niemand über einem Algebrabuch oder dem Schönfelder, beim Unisport kommt man nicht mit Studis der Theologie, der Biologie oder den Sozialwissenschaften zusammen.

Einerseits ist das sehr schade, andererseits herrscht am FTSK gerade deswegen eine sehr besondere Atmosphäre, weil wir alle mindestens eine Leidenschaft teilen, jene für Sprachen und andere Kulturen. Ich möchte auch nicht mehr auf das Privileg verzichten, durch die Uni zu streifen und dabei so viele unterschiedliche Sprachen zu hören.

Mainz ist nicht Germersheim. Germersheim ist nicht Mainz. Nicht besser, nicht schlechter. Anders.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Campuspfade. Geschichten hinter den Namen

 

Foto: Thomas Hartmann

Teil 2: Hanns-Dieter-Hüsch-Weg

Friedrich von Pfeiffer, Jakob Welder, Johann-Joachim Becher und Colonel Kleinmann? Du fragst dich, woher die Straßennamen auf dem Campus kommen? Dann bist du hier genau richtig. Hier erfährst du die Hintergründe zu den Namensgebern, aber auch Tipps und Tricks zu deinem Studium.

Heute…

… der Hanns-Dieter-Hüsch-Weg. Bild: Daniel Fröb

Alle wollen nach Mainz! Oder etwa nicht?

Wolltest du eigentlich gar nicht in Mainz studieren? Waren andere Universitäten auf deiner Wunschliste weiter oben? Falls ja, dann teilst du vermutlich das Schicksal von unzähligen Studenten vor dir. Einer von ihnen war Hanns Dieter Hüsch. Er suchte nach dem Ende des 2. Weltkriegs einen Studienplatz in der Nähe seiner Heimatstadt Moers. Daher standen die Universitäten Köln und Bonn ganz oben auf seiner Liste. Doch diese waren, wie es Hüsch später selbst ausdrückte, „hoffnungslos ausverkauft“. Aber alles der Reihe nach. Fangen wir erstmal von vorne, also bei seiner Geburt, an.

 

Hüschs Familie? Inzucht und Trinksucht!

Am 6. Mai 1925 beginnt die Geschichte von Hanns Dieter Hüsch. Und sie hätte kaum einen schlimmeren Prolog finden können. Denn seine Geburt löste eine Familienfehde aus. So attestierte die Familie seiner Mutter Adele der des Vaters Heinrich jahrtausendlange Inzucht. Diese wiederum erwiderten, dass Adele „am Zapfhahn großgezogen wurde“ und aus einer Familie von Trinksüchtigen stamme. Was sich wie eine niederrheinische Version von Romeo und Julia anhört, hatte einen tragischen Hintergrund: Hüschs Füße standen bei der Geburt exakt 180 Grad nach hinten und in der Achse 90 Grad nach innen und daher suchten beide Familien die Schuld jeweils bei der anderen. Unzählige Operationen musste Klein-Hanns Dieter über sich ergehen lassen. Seine Kindheit verbrachte er aus diesem Grunde weitestgehend isoliert von anderen Kindern. In den Wirren des 2. Weltkriegs erlangte er im Februar 1943 das Abitur und studierte anschließend auf Wunsch seines Vaters ein Semester lang Medizin in Gießen, ehe der Krieg dies unmöglich machte.

 

Die Akte Hüsch. Quelle: Universitätsarchiv Mainz (Best. 91 Nr. 4144).

Hüschs Zweifel. Letzter Ausweg Mainz.

Als der Krieg vorbei war und die ersten Universitäten ihren Betrieb wiederaufnahmen, bewarb sich Hüsch, wie oben erwähnt, erfolglos in Bonn und Köln. Er sah sich bereits ein Leben als mittlerer Beamter in seiner Heimatstadt Moers führen, als Freunde von ihm erfuhren, dass in Mainz eine neue Universität öffne. Sie erkannten die Chance und überredeten Hüsch, mit nach Mainz zu kommen. Begleitet von seinen Freunden, aber in erster Linie von Zweifeln, machte er sich auf den Weg nach Mainz „an das andere Ende der Welt“. Diesmal meinte es das Schicksal gut mit Hüsch und so erhielt er noch am selben Tag die Zusage für den gewünschten Studienplatz. Damit gehörte er zu den rund 1200 studentischen Pionieren der Johannes Gutenberg-Universität.

 

Hüschs Suche. Wohnungen in Mainz.

Noch am Tag seiner Ankunft in Mainz fand Hüsch eine Wohnung in Mainz-Bretzenheim. Dies war in Anbetracht der Wohnungsknappheit in Mainz nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs keine Selbstverständlichkeit. 30 Reichsmark musste Hüsch für seinen Schlafplatz bezahlen, denn um viel mehr dürfte es sich nicht gehandelt haben.

Achtung! Die Wohnungen gerade für Studenten sind in Mainz noch immer knapp und die Mieten sind dementsprechend hoch. Willst du eine eigene kleine Wohnung mieten (ca. 30 qm), zahlst du aktuell durchschnittlich etwa 13,50 € pro qm und Monat. Die günstigere Alternative ist eine Wohngemeinschaft. Bist du WG-tauglich? Falls ja, findest du hier vielleicht die passende WG.

 

Hüschs Anpassung. Mainzer Dialekt.

Während sich die Wohnungssuche schnell erledigt hatte, gab es eine weitere Herausforderung für den Zugezogenen: „Als ich zum erstenmal in einer Straßenbahn in Mainz saß und von der Stadt nach Bretzenheim fuhr, da verstand ich „werklisch“ kein Wort, ich dachte, ich bin auf einem anderen Kontinent, nicht nur in einem anderen Land, sondern in einer anderen Welt.“

TIPP: Hast du auch Probleme, dich mit den Einheimischen zu verständigen? Für den ersten Einblick ins Meenzerische findest du hier ein paar Vokabeln. Hat dich das noch nicht abgeschreckt, dann schau dir doch dieses Buch in der Zentralbibliothek mal an.

 

Hüschs Studien? Versuche!

Hüsch begann sein Studium mit dem Ziel Dramaturg bzw. Opernregisseur zu werden. Literaturgeschichte, Theaterwissenschaften und Philosophie schienen daher die richtige Studienwahl für ihn zu sein. In den Proseminaren und Vorlesungen war der junge Student jedoch selten zu finden. Lediglich die Feature-Vorlesung von Gehrke und Kühn mit dem Titel „Picasso in uns“ besuchte er gerne und regelmäßig. Beide Dozenten müssen einen großen Unterhaltungswert besessen haben, denn sie „wechselten sich manchmal satzweise oder sogar wortweise ab und sprachen manchmal kurze Passagen synchron zusammen“. Diese Vorlesung blieb aber die Ausnahme und schon bald besuchte Hüsch gar keine Lehrveranstaltungen mehr.

Textauszug:
„Mein Vater denkt
Ich werde Studienrat
Deutsch Englisch Französisch
In Wahrheit
Schlendere ich nur
Durch die langen Gänge der Universität
Von Flügel A bis Flügel B
Und Flügel C bis Flügel D
Immer im Kreise
Vorbei an vielen Räumen
Manchmal bleibe ich stehen und horche
Jemand spricht
Aha Anglistik I

So bin ich oft stundenlang
Von einer Tür zur anderen gegangen
Monatelang
Habe Stimmen und Klopfen und Scharren
Gehört
Selbst die wichtigen Proseminare
Habe ich nicht besucht

In der Mensa denkt jeder
Alle haben es begriffen
Nur ich nicht

[…]

Mein Vater denkt
Ich werde Studienrat
Deutsch Englisch Französisch
Alles vergessen.“

Fortan studierte er lieber das Leben. Das Leben der Studenten, das kleinbürgerliche Leben und das Stadtleben. Daraus schöpfte er seine Inspiration für erste Gedichte und Chansons. Doch es genügte Hüsch nicht diese zu verfassen, er wollte sie vortragen. Und so nutze er jedes verwaiste Klavier um seine Stücke einem kleinen Kreis von Studenten vorzuspielen.

 

Hüschs Körper? Unmuskulös!

Durch seine spontanen Auftritte fiel Hüsch auch den Machern des Mainzer Studenten-Kabarett „Die Tol(l)eranten“ auf. Diese baten Hüsch zur Fastnachts-Kampagne 1948 Teil ihrer Truppe zu werden. Hüsch sagte „Ja“ und führte beim Stück „Der B(r)ettl-Student“ seine selbstironische Ballade „Ich bin ja so unmuskulös“ mit großem Erfolg auf.

Textauszug:
„[…] Ich bin ja so unmuskulös,
Wie kommt denn, wie kommt denn, wie kommt denn dös?
Immer, wenn ich starke Männer sehe,
Sag ich zu mir streng, gestehe:
Du bist nun mal kein Mann vom Format des Turnvater Jahn.
Wenn du mal stirbst, dann kräht nach dir, dann
Kräht nach dir kein Hahn;
Denn nur in gesunden Körpern haust auch ein gesunder Geist.
Ich möchte so gerne einen Mann verkörpern
Der wie Siegfried und Achill
Etwas Großes leisten will.
Aber ich, aber ich, aber ich hab keinen Mut,
denn mir fehlen alle Tropfen Kämpferblut.
Immer, wenn ich mich im Spiegel sehe,
Sag ich unter Tränen mir, gestehe:
Du bist so unmuskulös.

Dieserhalb sind mir auch alle Frauen bös.
Die erste sagt, ich hätte keine Heldenbrust.
Die zweite sagt, wenn sie mich sieht: hab keine Lust!
Die dritte sagt: Ich sähe ja so kindisch drein,
Und so leb ich ganz allein.
[…]“

 

Hüschs Liebe? Marianne!

Und so lebte er ganz allein… bis zum Fastnachtsdienstag 1949. An diesem Tag forderte ihn eine junge Studentin zum Tanzen auf. Sie hieß Marianne Lüttgenau und studierte im ersten Semester Germanistik an der JGU. Obwohl er beim Tanzen aufgrund seiner Behinderung keine gute Figur abgab, blieb Marianne zunächst den ganzen Abend und anschließend sogar ihr ganzes Leben bei ihm. 1951 heiratet das Paar und die Geburt der Tochter Anna vervollständigte das Glück. Wäre da nur nicht diese finanzielle Not gewesen. Also entschloss sich Hüsch 1951 das Studium abzubrechen, um sich voll auf das Geldverdienen konzentrieren zu können.

TIPP: Du trägst dich auch mit dem Gedanken das Studium abzubrechen? Die JGU hat hilfreiche Links zusammengestellt, die dir bei der Entscheidung helfen.

 

Hüsch-Plakat zum Universitätsjubiläum von 1977. Quelle: Universitätsarchiv

Hüschs Kariere? Ausgezeichnet!

Fortan verdiente er sich als Rundfunkmoderator, Schauspieler, Schriftsteller, Synchronsprecher und nicht zuletzt als Kabarettist. Sein erstes Soloprogramm mit dem Titel „Das literarische Klavier“ brachte er 1954 auf die Bühne. Insgesamt präsentierte Hüsch in über 50 Bühnenjahren etwa 70 eigene Soloprogramme. Oft zeichnete er darin ein lebensnahes und gleichsam lustiges Bild vom Milieu (kleinbürgerlich) und der Region (Niederrhein), aus der er stammte. Bestes Beispiel hierfür ist dieser Auftritt. Mit seinen Programmen tingelte Hüsch durch ganz Deutschland, doch sein Lebensmittelpunkt blieb vorerst Mainz. Hier feierten in der Regel seine Stücke Premiere und hier wurde er immer wieder mit Auszeichnungen geehrt. 1972 wurde ihm der erste Deutsche Kleinkunstpreis vom Mainzer unterhaus verliehen. Fünf Jahre später wurde Hanns Dieter Hüsch im Rahmen der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Universität Mainz zum Ehrenbürger der Universität ernannt. 1982 wurde er abermals mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

 

 

TIPP: Etwas Kultur gefällig? Neben dem unterhaus bieten auch die Junge Bühne Mainz, die Mainzer Kammerspiele und das Staatstheater Mainz gelungene Unterhaltung. Während die ersten beiden Spielstätten Ermäßigungen für Studenten anbieten, kannst du beim Staatstheater als eingeschriebener Student der JGU ab drei Tage vor einer Vorstellung eine kostenlose Eintrittskarte für das jeweilige Stück erhalten (ausgenommen sind Premieren und Sondervorstellungen).

 

Unnachahmlich Hüsch! Quelle: Universitätsarchiv Mainz. Foto. Reiner Wierick (1990).

Hüschs Abschied...

1985 begann für Hüsch die Zeit des Abschiedes. Sechs Tage nach seinem 60. Geburtstag musste Hüsch von seiner Frau Marianne Abschied nehmen. Sie erlag am 11. Mai gegen 10 Uhr in Anwesenheit ihres Mannes und ihrer Tochter einem Krebsleiden. Ihre letzte Ruhestätte fand Marianne Hüsch auf dem Bretzenheimer Friedhof. Dieser Verlust veranlasste Hüsch sich 1988 nun auch aus Mainz zu verabschieden: „ich bin von Mainz weggegangen [… ] weil […] meine Frau gestorben [war], mit der ich 34 Jahre verheiratet war nach einer sehr schweren, schweren Krankheit und dann habe ich auf einmal festgestellt, dass dieses Mainz, oder dieser Vorort Bretzenheim, indem ich gelebt habe, in einem kleinen Reiheneckhaus, das der für mich kein zuhause mehr war. D.h. der Mensch war weg, das Haus stand zwar mit allen vier Wänden, mit allen Möbeln und drum und dran, aber der Mensch war weg.“ (aus: "Zu Gast bei Hanns Dieter Hüsch"). Ihn zog es den Rhein abwärts nach Köln. Dort lernte er seine zweite Frau Christiane Rasche kennen, die er 1991 heiratete.

 

 

Hüschs Stern auf dem Walk of fame des Kabaretts. Foto: Daniel Fröb

Hüschs Ende? Wir sehen uns wieder!

Die letzten Jahre Hüschs waren geprägt von Krankheiten. 1998 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. 1999 kehrte er nochmal auf die Bühne zurück. Im Jahr 2000 folgte seine Abschiedstournee „Wir sehen uns wieder“. Im November 2001 erlitt Hüsch einen Schlaganfall, der fortan alle weiteren Auftritte Hüschs in der Öffentlichkeit verhinderte. Auch bei der Enthüllung seines Sterns auf dem Mainzer Walk of fame des Kabaretts am 27. April 2005 konnte er nicht mehr teilnehmen. Am 6. Dezember desselben Jahres starb er in Windeck-Werfen. Sein Grab befindet sich in seiner Heimatstadt Moers.

 

Hüschs Weg? Hanns-Dieter-Hüsch-Weg!

Im Mai 2006 würdigte die JGU ihren Ehrenbürger, indem sie die neu fertiggestellte Verbindungstraße zwischen Ackermannweg und Bentzelweg nach dem „Schwarzen Schaf vom Niederrhein“ benannte. Seit diesem Datum fristet der Hanns-Dieter-Hüsch-Weg ein recht ruhiges Leben, denn vor Ort befindet sich aktuell mit dem Translational Animal Research Center (TARC) nur ein fertiggestelltes Gebäude. Doch neben dem TARC herrschen zurzeit heftige Bautätigkeiten. Hier entsteht aktuell das 42 Millionen € teure BioZentrum I. Ab Sommer 2018 sollen hier auf einer Fläche von 4.700 Quadratmetern die Biologen der Universität ihre neue Heimat finden. Bei den Ausgrabungen stießen die Bauarbeiter auf Fundamente der römischen Wasserleitung (aquaeductus). Diese versorgte das römische Mainz (Mogontiacum) mit frischen Quellwasser aus Finthen (ad Fontes). Die Steine wurden durch die Denkmalpflege in Augenschein genommen und verbleiben an Ort und Stelle (in situ). Zu sehen sein werden die Steine auf dem Grundstück und im Gebäude des BioZentrums allerdings nicht.

Die hinterlassen, die Römer! Bild: https://www.campus-digital-mainz.de/

TIPP: Interessierst du dich für das römische Mainz? Dann schau dir doch mal das Isis- und Mater Magna-Heiligtum in der Römerpassage oder das Museum für Antike Schifffahrt beim Cinestar an. Beide Einrichtungen kosten keinen Eintritt!

 

Dein Weg, sofern du tatsächlich an der JGU studierst, hat dich ebenso nach Mainz geführt, wie einst Hanns-Dieter-Hüsch. Und falls du wirklich nicht in Mainz studieren wolltest, dient dir seine Geschichte vielleicht als Mutmacher. Vielleicht lernst du ja auch die Stadt lieben und die Liebe in der Stadt kennen. Und ganz vielleicht kannst du ja auch eines Tages sagen, dass dein „Weg nach Mainz ein ganz wichtiger und ein ganz wertvoller gewesen“ und „dieses Mainz wirklich [dein] zweites zu Hause geworden [ist].“

 

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Daniel Fröb
Daniel Fröb studierte Geschichte und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Sommersemester 2017 schloss er dieses Studium ab. Er ist Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Mainz.