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Les Bleusailles: eine Tradition spaltet die Campus Belgiens

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Neben den ungewohnt anmutenden roten Backsteinhäusern, den Verkehrsschildern, die Radfahrerinnen und Radfahrer explizit dazu berechtigen, in entgegengesetzter Richtung in eine Einbahnstraße zu radeln, hält das Monser Stadtbild eine weitere Kuriosität bereit: les bleus (die Blauen). Und nein, damit meine ich nicht die französische Fußballnationalmannschaft… Das ist übrigens ein heikles Thema hier, die Zeit heilt eben wirklich nicht alle Wunden, denn die Enttäuschung der belgischen Fans sitzt noch tief.

 

 

Ersti ist nicht gleich Ersti: Fresse zum Boden, bleus!

Les bleus sind Erstis, die sich über mehrere Wochen hinweg Mutproben und Aufgaben stellen, der sogenannten baptême (Taufe), um abschließend in einem cercle (Kreis) aufgenommen zu werden. Jede belgische Uni beherbergt solche Studierendenvereinigungen und die baptême, die man auch bleusailles nennt, ist hierfür die Eintrittskarte.

Die ersten Taufen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Studenten der Universität Löwen hatten sich damals zu Kreisen zusammengeschlossen, um sich gegenseitig vor Diebstählen und Überfällen zu schützen. Da diese Zusammenschlüsse aber immer wieder infiltriert wurden, beschloss man Neulinge Prüfungen zu unterziehen. Bis heute sind diese Initiationsrituale integraler Bestandteil der belgischen Studierendenkultur. Ein sehr kontrovers diskutierter noch dazu. Denn um den Status der bleus hinter sich zu lassen und gegen jenen des baptisé einzutauschen, müssen die Erstis einiges über sich ergehen lassen. Ein erheblicher Teil der bis zu drei Monate andauernden Taufe findet im Verborgenen statt und den Neulingen ist es auch nicht erlaubt, über die Prüfungen zu reden. Einige Rituale werden hingegen in aller Öffentlichkeit vollzogen, so hört man dieser Zeiten in ganz Belgien den Schlachtruf "Gueule en terre, bleus!" (sowas wie "Fresse zum Boden"). Sobald die blaugekleideten bleus dieses Kommando hören, heißt es, auf die Knie, Kopf einziehen, Hände in die Luft recken und mit den Händen wedeln. Erst wenn die comitards (Leiter einzelner Zirkel) die Parole "Satis" (von Satisfaktion) lassen, dürfen die Blauen sich wieder aufrichten.

Während die Verfechterinnen und Verfechter der baptême argumentieren, dass die Taufe die Studis zusammenschweiße, ihnen Lektionen für das weitere Leben mit auf den Weg gebe und der Charakterbildung nur förderlich sei, fordern kritische Stimmen ein Verbot bzw. schärfere Gesetze, da die baptême die körperliche und seelische Unversehrtheit der bleus antaste.

In der Tat machen die bleusailles jedes Jahr aufs Neue landesweit negative Schlagzeilen mit aus dem Ruder gelaufenen Prüfungen: exzessiver Alkoholkonsum, sexualisierte Gewalt und Autoritätsmissbrauch fordern immer wieder Todesopfer. So auch letzten November an der Universität Lüttich (Liège), wo ein bleu nach einer Prüfung zusammenbrach. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Hirntod festgestellt werden. Die Maschinen wurden mittlerweile abgeschaltet.

 

Ein harmloses Foto?

Auch in Mons gibt es an fast jedem Fachbereich einen cercle, der berühmt berüchtigtste ist sicherlich jener der Ingenieurwissenschaften der Uni Mons. Vor kurzem wurde ich unfreiwillig Zeugin von dem rauen Ton, der Unterwürfigkeit und Erniedrigung, auf den die comitards setzen, um die bleus gefügig zu machen. Es ist ihnen beispielsweise verboten, den bereits getauften Studis in die Augen zu schauen. So erhalten die bleus ihre Befehle mit gesenktem Kopf und nicken alles ab. Bei einer Stadtrallye, an der ich teilgenommen habe, sollten wir ein Bild mit den bleus oder ihren comitards machen. Als mein Team auf eine blaue Menschentraube vor dem Rathaus stieß, baten wir den comitard darum, sich mit auf unser Foto zu stellen. Stattdessen rief er eine Studentin zu sich, die, natürlich ohne jeglichen Augenkontakt, von ihm den Auftrag erhielt, als Fotomodell zu posieren und das zu machen, was wir von ihr verlangten. Natürlich war es nur ein harmloses Foto, aber ich habe mich schlecht gefühlt, dass mein Team ungewollt zur Taufe und ihren, in meinen Augen, grotesken Praktiken beigetragen hat.

 

Ihr wollt Freundschaften fürs Leben, Solidarität und Hilfsbereitschaft?

Die Getauften betonen immer wieder, dass alles auf Freiwilligkeit beruhe, dass man jederzeit aussteigen könne und dass es nun mal eine Tradition sei, die es zu bewahren gelte. Mir hat allerdings gereicht, was ich vor dem Monser Rathaus gesehen und vor allem gefühlt habe, da braucht es die regelmäßig aufkommenden Horrorstories von aus dem Ruder gelaufenen Saufgelagen, Körperverletzungen und Traumata nicht. Gehorsam und Unterwürfigkeit, Machtmissbrauch – das hat für mich nirgends seinen Platz, schon gar nicht an der Uni. Ihr wollt Freundschaften fürs Leben, Solidarität und Hilfsbereitschaft? Gern. Aber nicht so! Und mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Die belgischen Studis mobilisieren sich jedes Jahr aufs Neue, um sich für ein Verbot der baptême stark zu machen. Doch es sieht nicht danach aus, als würde die Politik eine Entscheidung in der nahen Zukunft fällen. Die bleusailles spalten und polarisieren: entweder man ist dafür oder dagegen — ein Dazwischen gibt es nicht.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Neues Jahr, kleiner Rückblick

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Der Übergang zum neuen Jahr dient uns immer auch als Anlass, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Ich habe mich nicht lumpen lassen und euch einige Highlights meines Erasmussemesters in Belgien zusammengetragen. In diesem Sinne: Frohes Neues!

 

Babylon Brüssel

Mein Gepäck war kaum im neuen Heim in Mons verstaut, da setzte ich mich auch schon wieder in den Zug. Mein Ziel: der Multilingualism Day des Europäischen Parlaments in Brüssel, wo man Übersetzerinnen und Übersetzer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen konnte. Also genau den Akteurinnen und Akteuren hinter den Kulissen, ohne die in den mehrsprachigen EU-Institutionen gar nichts liefe. Außer der Besichtigung der Dolmetschkabinen bot sich mir dabei sogar die Gelegenheit, mich mit den Sprachninjas vor Ort auszutauschen.

Doch allein schon im Plenarsaal des Parlaments zu stehen, das hier (und in Straßburg) als die Vertretung von über 500 Millionen europäischen Bürgerinnen und Bürgern tagt, wäre die Reise wert gewesen. Die EU — als Institution — ist hier nichts Abstraktes, sondern greifbar und real. Zu sehen, wie sich Sprachmittlerinnen und Sprachmittler jeden Tag für ein demokratischeres, mehrsprachiges Parlament einsetzen, machte tiefen Eindruck auf mich und stärkte meine persönliche «Beziehung» zur EU. Denn auch wenn ich gerne mal in den Gesang der EU-Lobpreiserinnen und Lobpreiser einstimme, wenn es die Situation erfordert (z. B. bei populistischen Hirngespinsten wie „die EU will das deutsche Volk durch massive Migration ersetzen und islamisieren”), gehört es für mich genauso zum europäischen Gedanken, Selbstkritik zu üben, den europäischen Kolonialismus und Imperialismus aufzuarbeiten und demokratischere Institutionen einzufordern. Und natürlich: Sprachen zu lernen, damit wir weniger aneinander vorbeireden.

 

Eine Sprache ist nie genug

In Deutschland wäre ich natürlich nicht auf die Idee gekommen Niederländisch zu lernen, einfach weil mir bis dato der Bezug zu dieser Sprache gefehlt hat. Weder hatte ich einen niederländischsprachigen Freundeskreis, noch fand ich eine Band aus den Niederlanden oder Belgien besonders cool. Außerdem liegt Mons im französischsprachigen Teil Belgiens. Es brauchte letztendlich aber nur die Durchsage auf Niederländisch am Brüsseler Südbahnhof, dass der Zug nach Mons eine klitzekleine Verspätung von 20 Minuten haben werde. Völlig entzückt von dieser melodischen taal (niederländisch für Sprache), war die Müdigkeit mit einem Mal verflogen, die volle Blase vergessen und mein Rucksack federleicht. Und meine Begeisterung für das Niederländische sollte sich in den kommenden Monaten noch steigern. Nach einigem Hin und Her, so manch einer Stundenplanänderung später, konnte ich mich in einem Sprachkurs des Fachbereichs Dolmetschen und Übersetzen einschreiben. Und hierin bestand auch der einzige Haken an der Sache: Da der Fachbereich davon ausgeht, dass es sich bei den Studierenden in gewisser Weise um Sprachexpertinnen und Sprachexperten handelt und weil man in Belgien Niederländisch auch schon in der Schule lernen kann, gab es keinen Kurs für Anfängerinnen und Anfänger.

So fand ich mich in einer Gruppe hochmotivierter Studis wieder, die schon vor Kursbeginn auf Nederlands parlierten und die nichts sagende, scheu daher schauende Erasmusstudentin misstrauisch beäugten. Als die Dozentin uns mit den ersten Arbeitsaufträgen betraute, stellte ich erleichtert fest, dass das Niederländische die wohl einzige Sprache ist, die man als deutschsprachiges Wesen auch mit 0 Sprachkenntnissen entschlüsseln kann. Um die Sprache auch außerhalb des Klassenzimmers aufzusaugen, aber natürlich auch, um in Belgien rumzukommen, zog es mich mehr als einmal im Lauf des Jahres in den Norden des Landes.

 

Die Schöne und das Biest

Jede und jeder, ob Sprachstudi oder nicht, kennt das tolle Gefühl, wenn man sich in einer Fremdsprache, egal wie rudimentär man sie beherrscht, verständlich machen kann und das Gegenüber einen versteht. Aber mit jeder Sprache öffnet sich auch eine neue Tür zu einer anderen Kultur (Klischee sagt ihr? Es stimmt wirklich, probiert es einfach mal aus!). Im Falle des Niederländischen hieß das für mich, dass ich neben wunderbaren Dokus über Jan van Eyck auch in den Genuss kam, mir die fremdenfeindlichen und separatistischen Äußerungen der rechtsextremen flämischen Gruppierung Schild&vrienden unmittelbar und direkt reinziehen zu können. Aber irgendwas ist ja immer...

Bei meinem letzten Besuch in Brüssel hielt mich der Zeitungsverkäufer wahrscheinlich für verrückt, als ich mit breitem Lächeln und meiner ersten flämischen Zeitung in der Hand davon stakste. Das Lachen verging mir selbst dann nicht, als ich die Schlagzeile entziffert hatte: Bom barst in België door migratiepact: Hoe verder?* Denn in dem Moment war für mich vor allem eines wichtig: Ich verstand, was dort stand. Mein kleines, ganz persönliches Erfolgserlebnis war für Belgien bestimmt kein Highlight des letzten Jahres und auch keine Schlagzeile im De Standaard wert. Aber auch für mein Mons-Abenteuer gilt: In einer Sinfonie voller netter Kontakte, unvergesslicher Erfahrungen und glücklicher Momente sollte man nicht allein auf die wenigen schrillen und schrägen Töne hören. Press delete!

* Bombe platzt in Belgien über Migrationspakt: Wie geht es weiter?


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Kommilitonen! Institut für Publizistik befreit! Solidarisiert euch!

Mit diesen Worten beginnt das Flugblatt, mit dem die Fachschaft Publizistik am 5. Januar 1971 über die soeben erfolgte Institutsbesetzung informierte. Vorausgegangen war ein bereits über mehrere Jahre bestehender Konflikt mit der Institutsleiterin Prof. Elisabeth Noelle-Neumann um Lehrinhalte und Studienbedingungen.

 

Die Hydra vom Bodensee

Eilsabeth Noelle-Neumann. Nicht nur eine herausragende Wissenschaftlerin, sondern auch eine Professorin, die stark polarisierte.
Quelle: Universitätsarchiv S 3 Nr. 8354

Elisabeth Noelle-Neumann wurde 1964 auf Initiative Helmut Kohls als Professorin an die JGU berufen und leitete bis zu ihrer Emeritierung 1983 das Institut für Publizistik. Noelle-Neumanns Karriere begann wie viele Karrieren dieser Zeit im Nationalsozialismus. Sie war in führender Position in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen und schrieb von 1940 bis 1942 als Redakteurin für das von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Propagandablatt Das Reich. Nach dem Krieg gelang es Noelle-Neumann aufgrund hervorragender Verbindungen, ihre Karriere fortzusetzen. Für diese engen Kontakte zu den Größen des „Dritten Reichs“ wurde sie aber auch von ihren Studierenden immer wieder angegriffen. Bereits 1947 gründete sie mit dem Institut für Demoskopie Allensbach das erste, mit Repräsentativumfragen arbeitende Meinungsforschungsinstitut in Deutschland. Die Arbeit des Allensbach-Instituts, das sie bis 1996 leitete, war gekennzeichnet durch enge Kontakte zur Wirtschaft und deutliche Nähe zu den Unionsparteien. Durch diese Institutsgründung und ihr Buch „Die Schweigespirale“ stieg sie zu einer der führenden Kommunikationswissenschaftlerinnen der Bundesrepublik auf.

Die Verquickung der Tätigkeit Noelle-Neumanns als Universitätsprofessorin und Direktorin des Instituts für Publizistik mit ihrer profitorientierten Tätigkeit als Leiterin des Allensbach-Instituts stellte einen der Hauptvorwürfe der Studierenden dar. So habe sie ihre Aufgaben an der JGU zugunsten des Allensbach-Instituts vernachlässigt. Durch häufige Abwesenheit Noelle-Neumanns sei das Angebot an Lehrveranstaltungen der Publizistik erheblich eingeschränkt gewesen. Vor allem aber kritisierten die Studierenden, Noelle-Neumann nutze sie als billige Arbeitskräfte für das Allensbach-Institut aus. Tatsächlich war es Praxis, dass die Professorin Befragungen zu kommerziellen Aufträgen des Instituts von Studierenden im Rahmen des Studiums als sogenannte Methodenpraktika durchführen ließ.

Am 9. Dezember 1970 stellte die Fachschaft Publizistik daher der Institutsleiterin ein Ultimatum bis zum 5. Januar, mit der Forderung nach Einrichtung eines drittelparitätisch aus Professoren, Assistenten und Studierenden zusammengesetzten Institutsrats, der erstmals eine studentische Mitbestimmung in Bezug auf Studieninhalte und -bedingungen, Berufung von Lehrkräften und Haushaltsfragen gewährleisten sollte.

 

Befreit das Institut!

Nach Verstreichen dieses Ultimatums beschloss die Vollversammlung der Fachschaft Publizistik die Besetzung des Instituts, um ihre Fähigkeit zur Mitbestimmung unter Beweis zu stellen und die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Heute kaum noch vorstellbar, damals topmodern. So ähnlich könnte der Matrizendrucker des publizistischen Instituts ausgesehen haben.
 Fotograf: Julo, Lizenz: Public Domain

Wie Prof. Peter Schneider, der Rektor der Universität, am 7. Januar 1971 an den Kultusminister berichtete, entwendeten Studierende im Anschluss an die Vollversammlung die Schlüssel aus der Tasche der Institutssekretärin, öffneten Aktenschränke, besetzten sämtliche Räume sowie die Telefonzentrale und benutzten die technischen Geräte des Instituts, unter anderem den Matrizendrucker, auf der dann auch das eingangs zitierte Flugblatt entstand. Schneider zeigte in seinem Bericht an den Minister Verständnis für die Anliegen der Studierenden, deren Forderungen bereits seit zwei Jahren bestünden. Noelle-Neumann komme aufgrund ihrer Arbeitsbelastung durch das Allensbach-Institut ihren Aufgaben an der JGU nur unzureichend nach. Er selbst habe den Studierenden zugesagt, sich für ihre berechtigten Forderungen einzusetzen.

Am 8. Januar beschloss die Vollversammlung, dem ausgehandelten Ergebnis, der Einsetzung einer Fachkommission Publizistik, zuzustimmen und die Institutsbesetzung zu beenden. Diese Fachkommission wurde, abweichend von den ursprünglichen studentischen Forderungen, mit Professoren, Assistenten und Studierenden nicht drittelparitätisch, sondern im Verhältnis 2:1:1 besetzt und sollte für die Übergangszeit bis zur bevorstehenden Hochschulreform die studentische Mitbestimmung gewährleisten.

„Institut für Publizistik befreit!“ - Das Pathos des Flugblattes vom Tag der Institutsbesetzung mag aus heutiger Sicht albern erscheinen. Schließlich ging es nicht um die Weltrevolution, sondern „nur“ um eine Verbesserung der Studienbedingungen. Dass aber genau das Noelle-Neumann nicht verstehen konnte oder wollte, wird deutlich in ihrer Stellungnahme vom 18. Januar, in der sie sich als Opfer einer Verleumdungskampagne linksradikaler Publizistikstudenten darstellte, die, so Noelle-Neumann, studentische Mitbestimmung forderten, um am Institut die marxistische Wissenschaft einzuführen.

 

Was bleibt

Durch die Hochschulreform von 1972 und die Abschaffung der Fakultäten erfolgte an der JGU eine grundlegende Neustrukturierung. Heute ist das Institut für Publizistik im Fachbereich 02 (Sozialwissenschaften, Medien und Sport) angesiedelt.

Mit ihrer Prognose zu den Auswirkungen studentischer Mitbestimmung kann Noelle-Neumann, die „Hydra vom Bodensee“, aus heutiger Sicht uneingeschränkt als widerlegt betrachtet werden: Die marxistische Wissenschaft wurde weder am Institut für Publizistik noch in einem anderen Bereich der JGU eingeführt.

 


Regina Staaden studiert Geschichte MA an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und schrieb diesen Artikel im Rahmen der Übung "Archivnutzung für Historikerinnen und Historiker" im Sommersemester 2018.

 

 

 

Chill mal – unsere Empfehlungen für die Weihnachtsferien

Wenn alle Geschenke überreicht, die Gans verputzt und die Flecken vom Schoko-Weihnachtsmann eingetrocknet sind, braucht es mehr als Espresso oder Grappa, um den Feiertagsmarathon gutgelaunt zu überstehen. Hier kommen Tipps unserer Blog-Redakteurinnen und -Redakteure, womit auch Dein Weihnachten zum Fest wird. Also: Pantoffeln an und ab aufs Sofa!

Wir wünschen eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch.



Filiz
Buchtipp: "Tausend strahlende Sonnen"
Der Nachfolger des Bestsellers "Kite Runner" erzählt die Geschichte von Mariam und Leila. Zwei Frauen, die allen Widrigkeiten zum Trotz, Verbündete werden und gemeinsam miterleben müssen, wie das Schicksal Afghanistans auch ihr Leben auf den Kopf stellt. Statt zu resignieren, werden sie, jede auf ihre Weise, zu Freiheitskämpferinnen.
Geballte Frauenpower, 50 Jahre afghanische Geschichte von der Monarchie bis zur Republik, vom Kommunismus über die Mudjahedin, der sowjetischen und der amerikanischen Intervention bis zur Taliban. Khaled Hosseini schafft es, Afghanistan ein Gesicht zu geben und jene Stimme zu verleihen, die viel zu oft im Kugelhagel untergeht.

Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen, Fischer Taschenbuch Verlag, 2015. ISBN: 978-3-596-52070-1


Markus
Buchtipp: "Mister Pip"
Um was geht es: eine Südseeinsel, die Jugend eines Mädchens, ein exzentrischer europäischer Lehrer, der den Kindern die Liebe zur Literatur näherbringt. So weit eine wunderbar einfühlsam erzählte Geschichte. Dann aber holt die Protagonisten der Krieg ein, es beginnt der Irrsinn des Hasses.
Was mir an diesem Buch gefällt: es erzählt eine Geschichte, die so einfach und zugleich auch so vielfältig ist. Es ist poetisch, kindlich erstaunt und ist dann wieder furchtbar brutal und roh. Und dahinter steckt die großartige Botschaft: Idealismus ist größer und dauerhafter als aller Schmerz.

Lloyd Jones: Mister Pip. Rowohlt, 2008. ISBN: 978-3-498-03229-6


Silke
Serientipp: "Life in Pieces"
Ihr möchtet lachen, entspannen und Euch vielleicht vom Weihnachtsstress mit der eigenen Familie ablenken? Dann ist diese Sitcom perfekt! Jede Folge besteht aus vier Kurzgeschichten und wird in rasantem Tempo erzählt. Es dreht sich dabei alles um die Großfamilie Short-Hughes, die ihre Alltagsprobleme sehr unterhaltsam bewältigt. Die Serie kommt dabei angenehmerweise ohne Einspiellacher aus und ist insgesamt hervorragend besetzt.

Amazon Prime Video
(Foto: © 2016 Fox and its related entities. All rights reserved)


Steffi
Buchtipp: "The Hate U Give"
Die sechzehnjährige Starr wächst in zwei Welten auf: in der armen Nachbarschaft, in der sie lebt und der elitären Privatschule, auf die ansonsten fast nur Weiße gehen. Als sie Zeugin wird, wie ihr ältester Freund unschuldig von einem Polizisten erschossen wird, muss sie sich entscheiden, wie sie damit in der Öffentlichkeit umgehen wird.
Das Buch gibt einen nachhaltigen Eindruck davon, was es für schwarze Jugendliche in den USA heißt, tagtäglich der Polizeigewalt und Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Die Geschichte ist super fesselnd geschrieben und wird mich so schnell nicht mehr loslassen. "The Hate U Give" ist definitiv eines der besten Bücher, das ich 2018 gelesen habe und bin schon sehr auf die Verfilmung gespannt, die bei uns im Januar anlaufen wird!

Angie Thomas: The Hate U Give. cbt, Verlagsgruppe Random House München, 2017. ISBN 978-3-570-16482-2


Stephan
Buchtipp: "Ein angesehener Mann"
Sam Wyndham, ein ehemaliger Scotland Yard-Ermittler, findet sich nach dem Ersten Weltkrieg in Indien wieder. Gerade einmal zwei Wochen in Kalkutta wird er schon in seinen ersten Fall verwickelt. Gemeinsam mit dem Sergeanten Surrender-Not muss er den Mord an einem britischen Beamten aufklären. Dabei führen die Spuren in die unterschiedlichsten Richtungen und auch die Hierarchien der Kolonialmacht müssen beachtet werden. Dies alles geschieht vor der Kulisse Kalkuttas im Jahr 1919 und ist so spannend geschrieben, dass ich mir schon den nächsten Band besorgt habe "Ein notwendiges Übel".

Abir Mukherjee: Ein angesehener Mann. Heyne, 2017. ISBN 978-3-453-42173-8


Manfred
Serientipp: Black Sails
Wer kennt das Buch "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson nicht? Diese Serie ist quasi die Vorgeschichte dazu.
1715. Das goldene Zeitalter der Piraten. Die Karibikinsel New Providence Island ist von entflohenen Sklaven, Gesetzlosen sowie Prostituierten bevölkert und wird von der Familie Guthrie kontrolliert. Der brutale Captain Flint und seine Piraten wollen sich dort zur Ruhe setzen – mit der Beute vom spanischen Schatzschiff Urca de Lima. Doch nicht nur die Flotte des britischen Imperiums wird für Flint zur Gefahr, sondern auch seine Konkurrenten wie die Piraten Charles Vane und Anne Bonny...
Alles drin, was das Piratenherz begehrt. 🙂 Eine gute Story, sehenswerte Action- und Schlachtszenen und auch ein oder zwei Prisen Erotik, vermischt mit historischen Fakten und Figuren.

DVD oder via STARZPLAY auf Amazon Prime Video Channels


Eva
Buchtipp: "Schüttel den Apfelbaum"
Kalle das Kitzelmonster, dem so langweilig ist, weil ihn niemand kitzeln will. Ein böser Bär, der den Hasen fangen will. Und der kleine Junge Tobias, der verzweifelt versucht, Ketchup aus der Flasche zu bekommen. Kitzeln, schütteln, klopfen. In diesem Mitmachbuch können die Kleinen selber aktiv werden – und haben eine große Freude dabei.
Dieses Buch durfte ich im letzten Jahr gefühlte tausend Mal durchblättern, denn Kinder haben ja bekanntlich Ausdauer. Und trotzdem kann ich es mir noch das tausendundeinste Mal ansehen. Es ist für die ganz Kleinen (etwa 2 Bis 4 Jahre), weckt aber auch das Kind im Erwachsenen. Bunte, sehr schöne Illustrationen runden das fröhliche Mitmachbuch ab.

Nico Sternbaum: Schüttel den Apfelbaum, Bassermann, 2017. ISBN 978-3-8094-3672-0


Steffi
Kinotipp: Astrid
Ob Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf oder Kalle Blomquist: Astrid Lindgren hat zahllose meiner Kindheitshelden geschaffen. Bis heute gehört es zu meinen festen Weihnachtsritualen am 24. Dezember mittags Michel dabei zuzuschauen, wie er mal wieder seinen Kopf in die Suppenschüssel steckt und sich mit Knecht Alfred über die wirklich wichtigen Dinge im Leben unterhält. Wer sich für das Leben Lindgrens interessiert, dem kann ich sehr den Film Astrid empfehlen. Dort erfährt man mehr über die turbulenten Jahre der damals jungen Autorin.


Oli
Buchtipp: Das hier ist Wasser / This is Water. Anstiftung zum Denken
Moralreden unterm Weihnachtsbaum? Trau dich! Wer hier redet, hat was zu sagen. Scharfsinnig, auf den Punkt und dabei unverkrampft. Genau so, wie man sich die Vorlesungen seiner Professorinnen und Professoren wünscht. David Foster Wallace' Abschlussrede für Absolventen des Kenyon College ist aus gutem Grund mittlerweile ein Klassiker. Eine kleines, unscheinbares Büchlein mit einer großen, furiosen Rede gegen akademischen Dünkel, vorgefertigte Haltungen und das Erwachsenendasein auf Autopilot. Was es aber vor allem ist: Ein Augenöffner, ein Plädoyer fürs Geradeausdenken und dafür, sein Leben für kein Dogma der Welt aus der Hand zu geben. Auch wenn der Autor es später dann leider doch getan hat.

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / This is Water. Zweisprachige Ausgabe (Engl./Dt.), Kiwi, 2012. ISBN: 978-3-462-04418-8

 

Alle Jahre wieder kommt die Debatte

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Seit Menschengedenken feiert Belgien am 6. Dezember den heiligen Sankt Nikolaus, Schutzpatron der Kinder und der Studis. Bis eine gewisse kokakola-Figur auch im Land der Fritten und des Bieres Einzug gehalten hat, bekamen alle artigen Kiddies am 6., und nicht am 24. Dezember, ihre feschen Eiphones, ääh... ihre Zuckerstangen, meine ich. Und damit am Sankt Nikolaus-Tag auch alle rechtzeitig die verdienten Gaben erhalten, steht dem Bärtigen stets sein Knecht Ruprecht zur Seite.

Je nach Region, in der er Sankt Nikolaus beim Verteilen der Geschenke hilft, trägt Knecht Ruprecht einen anderen Namen: etwa Hans Trapp im Elsass, Père Fouettard im frankophonen, Hans Muff im deutschsprachigen Teil Belgiens. Und da alles in Belgien per se kompliziert sein muss, ist in Flandern Nikolaus‘ linke Hand der Zwarte Piet.

Aus dem Niederländischen übersetzt, bedeutet Zwarte Piet so viel wie ‚Peter der Schwarze‘ oder ‚Schwarzer Peter‘. Diese Figur, die auch in den Niederlanden fest zur Nikolaustradition gehört, gerät seit 2011 alle Jahre wieder in die Schlagzeilen. Der Vorwurf: (un-)geschminkter Rassismus, denn der Zwarte Piet mit seinem schwarz gefärbten Gesicht, seinen überdimensionalen rot angemalten Lippen, seiner Afroperücke und seinen Creolohrringen, so die Kritikerinnen und Kritiker, sei das Relikt einer kolonialistisch-rassistischen Gesellschaft.

„Schwachsinn!“, rufen die Anhängerinnen und Anhänger des Brauches, Zwarte Piet sei schwarz, weil er als fleißiger Helfer auch durch die engsten Schornsteine kletterte, dabei ins Schwitzen komme, bis jeder Zentimeter seiner weißen Haut rußschwarz werde. Wenn dem so sei, werfen die Gegnerinnen und Gegner ein, warum dann diese von rassistischen Stereotypen geprägte Aufmachung des Zwarten Piets? Außerdem sei die Darstellung eines schwarzen, dümmlichen Knechtes, der einem weißen Dude diene, nichts anderes als rassistisch und verharmlose fremdenfeindliche Tendenzen, die vermehrt um sich griffen. 2016 einigte man sich in Belgien dann auf den Zwarte Piet Pakt: alles ist erlaubt, abgesehen von rassistischen Stereotypen. Das heißt, rußgeschwärzte Gesichter ja, komplett schwarz bemalte Antlitze nein!

Dieser Pakt hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, dass es in Belgien meist bei Wortgefechten bleibt, während die Ankunft des Gespanns in den niederländischen Städten Tillburg und Rotterdam vor einigen Wochen zu mehreren Festnahmen geführt hat. In Eindhoven musste die Polizei gar eingreifen, als aufgebrachte Fans des FC Eindhoven Anti-Zwarte-Piet-Demonstrantinnen und -Demonstranten angriffen. An die Kinder, die hoffnungsvoll auf das neueste, mit Kobalt - abgebaut mit Hilfe von kongolesischen Kindern - gefüllte Eiphone warten, denkt dabei wohl niemand.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Meine Zeit als Laborratte – was beim Übersetzen im Kopf passiert

Das kühle, glitschige Gefühl auf meinem Kopf weicht einem Kribbeln, das meinen ganzen Körper durchdringt. Ich stelle mir vor, wie eine neue Sorte schleimiger, gehirnfressender Egel versuchen, sich mit Hilfe ihrer scharfen Zähnchen durch meine Kopfhaut zu sägen, um anschließend große Teile meines Gehirns rauszureißen.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

 

Die Szene erinnert an einen Science-Fiction-Blockbuster der 90er-Jahre, bei dem der Mensch durch eine klitzekleine, aber umso bedrohlichere Tierart ausgerottet wird, die fortan die Erde besiedelt. Tatsächlich befinden wir uns in einem fensterlosen, 6 Quadratmeter großen Raum in der beschaulichen Kreisstadt Germersheim in der Südpfalz, genauer gesagt im Altbau des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft.

Dort bin ich heute zu Besuch in einem der europaweit ersten neurolinguistischen Labore in der translationswissenschaftlichen Forschung. Seit der Eröffnung Ende April 2016 werden hier neurolinguistische Forschungstechnologien eingesetzt, um Erkenntnisse über kognitive Prozesse beim Übersetzen und Dolmetschen zu gewinnen. Im Labor wird mit Hilfe der Elektroenzephalografie, kurz EEG, und mehrerer Eyetracker daran gearbeitet, Antworten auf translationswissenschaftliche Fragestellungen zu finden. Über das EEG-Gerät können Hirnströme gemessen und am Bildschirm visualisiert werden. Eyetracker zeichnen Blick- und Tastaturbewegungen auf.

 

Von Laborratten und -mäusen

„Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, schießt es mir durch den Kopf. Der kammerartige Raum ist zwar hellerleuchtet, der Stuhl sieht bequem aus und die Mitarbeiterin des EEG-Labors lächelt mich sehr freundlich an, aber das komische Gefühl in der Bauchgegend möchte trotzdem nicht weggehen. Der Ursprung meines Unbehagens liegt ganz unscheinbar auf einem Metallwagen: eine 150 ml fassende Spritze. Ich hasse Spritzen! Ich stelle mir vor, an welcher Körperstelle der Spritzenansatz in den nächsten Minuten meine Haut durchdringen wird. Ging es hier nicht um translationswissenschaftliche Versuche? Sofort habe ich mehr Mitleid für all die Laborratten und -mäuse dieses Planeten.

Ich werde gebeten, Platz zu nehmen, und ich höre eine der Mitarbeiterinnen, wie sie ihrer Kollegin zuruft: „mittlere Haubengröße dürfte passen!“ Verstohlen fahre ich mir durch die Haare, während meine Kollegin neben mir steht und Fotos knipst, sie hat sichtlich Spaß dabei. Ich zwinge mich, den Ausführungen der zuvorkommenden Laborantin zu folgen, die mir erklärt, welche Graphen, die der Computer anzeigt, für ihre Zwecke interessant sind. „Wenn Sie sich anschließen lassen, können wir sehen, dass die oberen Linien Motorisches aufzeichnen und die unteren die Gehirnströme messen, die für unsere Versuche relevant sind. Wollen Sie sich denn anschließen lassen?“

Ich schlucke. „Ja“, höre ich mich sagen. Gezielt greift die Mitarbeiterin zur Spritze und zieht sie mit einer zähen, durchsichtigen Flüssigkeit auf. Sie erklärt, dass diese Flüssigkeit Salz enthalte, das die elektrische Spannung leitet. Mit sicherer Hand und ruhiger Miene füllt sie die winzig kleinen Löcher in der Haube mit Flüssigkeit, zu meiner großen Erleichterung entpuppt sich die mir so Furcht einflößende Spritze als völlig harmlos. Ich spüre, wie das Gemisch ein kühlendes Gefühl auf meiner Kopfhaut hinterlässt.

In Verbindung mit den an der Haube angebrachten Elektroden können die Gehirnströme aufgenommen und anschließend am Computer visualisiert werden. Die Versuchsleiterin beginnt wieder mit Ihren Erklärungen: „Trockene Kopfhaut eignet sich für unser Experiment besonders gut, fettige Kopfhaut ist hingegen ein Nachteil. Daher sind auch Experimente mit Glatzenträgern schwierig, denn hier bildet die Haut einen natürlichen Schutzfilm.“ Ich überlege mir, wann ich das letzte Mal meine Haare gewaschen habe. Sobald eine Elektrode angeschlossen ist, wird auf dem Bildschirm der elektrische Widerstand sichtbar. Dieser sollte möglichst niedrig sein. Die Labormitarbeiterin nickt zufrieden und macht mir ein Kompliment für meine tolle Kopfhaut. Ich bin erleichtert.

 

Mein Gehirn spricht

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Auf dem Bildschirm werden verschiedene Linien sichtbar, die sich in Wellen fortbewegen. Blinzele oder knirsche ich beispielsweise mit den Zähnen, schlagen die oberen Graphen aus. Um eine möglichst unverfälschte Aufzeichnung zu erhalten, werden die Probandinnen und Probanden im EEG-Labor Germersheim gebeten, das Blinzeln so gut es geht zu unterbinden. Die unteren Linien bilden die Gehirnströme ab. Ich frage mich, ob sich meine Nervosität im Verlauf der Gehirnwellen widerspiegelt. Meine Hände schwitzen. Ich werde mit der Bitte aus meinen Gedanken geholt, meine Augen zuzumachen und zu entspannen.

Während ich darüber nachdenke, wie ich unter den vorherrschenden Umständen – ich trage eine seltsame Haube auf dem Kopf und meine Kollegin hat ein Smartphone in der Hand – entspannen soll, merke ich zu meiner eigenen Überraschung, wie mein Puls herunterfährt und ich ruhiger werde. Auf dem Bildschirm werden langsame, gleichmäßige Gehirnwellen sichtbar. Die Versuchsleiterin erklärt, dass diese auch Alpha-Wellen genannt werden. Ich bin fasziniert, dass sich nur durch das Schließen der Augen eine so große Wirkung entfalten kann und freue mich plötzlich auf das bevorstehende Experiment. Die Versuchsleiterin weist mich ein. „Ich werde Ihnen in kurzen Abständen erst einen Ton und dann ein Wort vorspielen. Sie entscheiden anschließend, ob die Tonhöhe gleich oder unterschiedlich ist.“

 

Musiker sind im Vorteil

Das EEG-Gerät wird in unterschiedlichen translationswissenschaftlichen Studien eingesetzt. Das Wort/Ton-Experiment entstammt einer aktuellen Studie, bei der Testpersonen mit und ohne musikalische Erfahrung untersucht werden. Ziel der Studie ist es, herauszufinden, ob Menschen mit musikalischer Erfahrung Tonhöhen besser erkennen. Da Sprache viel mit dem Klang der Stimme zu tun hat, liegt die Vermutung nahe, dass die musikalische Prägung das Übersetzen positiv beeinflussen könnte. In einer bereits abgeschlossenen Studie wurden Testpersonen Wörter aus zwei verschiedenen Kategorien gezeigt, die sie vom Englischen ins Deutsche übersetzen sollten. Dabei handelte es sich zum einen um Wörter, die sich in den beiden Sprachen sehr ähnlich sind, wie beispielsweise system und System, zum anderen um Wörter, die ganz verschieden klingen, wie draft und Entwurf. Die Hypothese, dass das Übersetzen von in beiden Sprachen ähnlich klingenden Wörtern ein höheres Maß an Kontrolle erfordert, konnte durch das Beobachten der Gehirnströme bestätigt werden. Diese Kontrolle zeigte sich in einer kurzen zeitlichen Verzögerung, die durch das Reflektieren entsteht, ob der Begriff richtig übertragen wurde.

 

Eyetracker – wenn Blicke mehr verraten als tausend Worte

Ich nehme mir die Haube vom Kopf und wir verlassen die Kammer mit dem EEG-Gerät. Mein Blick fällt in einen Spiegel und ich wühle mir kurz durch die zerzausten Haare, bis die Frisur wieder sitzt. Meine Experimentierlaune ist geweckt. Als nächstes wollen wir uns ansehen, was man mit einem Eyetracker herausfinden kann. Den Begriff Eyetracking habe ich schon oft gehört und er klingt in meinen Ohren nicht halb so bedrohlich wie Elektroenzephalografie. Doch was macht denn nun ein Eyetracker genau? Die Labormitarbeiterin kommt mit einem handlichen, recht unscheinbarem Gerät an: „Darf ich vorstellen? Das ist Tobii. Mit diesem Eyetracker lassen sich Blick- und Tastaturbewegungen aufzeichnen. Die Blickbewegungen werden über die einzelnen Blickpunkte festgehalten, die Aufzeichnungen können anschließend analysiert werden. „Haben Sie Lust auf ein kurzes Experiment?“. Ich nicke.

„Bevor wir mit dem Experiment starten, müssen wir kalibrieren. Das Gerät benötigt zunächst einige Informationen über Ihre Augen, damit es optimal auf Sie eingestellt ist.“ Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, kann es losgehen. Die Laborantin fragt mich, ob ich Walter kenne. Der Name kommt mir bekannt vor, ich erinnere mich jedoch nicht. Sie erklärt mir, dass sie mir jetzt Bilder zeige und meine Aufgabe darin bestehe, das Männchen mit dem rot-weiß-gestreiften Pullover namens Walter zu suchen – klingt eigentlich simpel. Auf dem ersten völlig überfüllten Motiv sehe ich Unmengen kleiner Männchen, Hunde, Katzen, Bäume, aber weit und breit keinen Walter. Mir fällt wieder ein, weshalb ich die Wimmelbücher meiner Tochter nicht mag. Ich wette, sie hätte Walter schon längst entdeckt. Da sehe ich ihn, winzig klein, versteckt hinter einem Baum grinst er mich an. Mit jedem Bild finde ich ihn schneller. Nach dem Experiment sehen wir uns Tobiis Aufzeichnungen an. Sie zeigen, wie meine Augen auf der Suche nach Walter von links nach rechts über das Bild springen.

 

Wer übersetzt liest anders

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Die Eyetracking-Methode wird in den Translationswissenschaften unterschiedlich angewendet. So wurde beispielsweise untersucht, ob Übersetzerinnen und Übersetzer einen Text anders lesen, wenn man sie im Vorfeld darüber informiert, dass sie diesen später übersetzen müssen. Die Aufzeichnungen verraten, dass sie mit dem Wissen, dass sie den Text anschließend übersetzen müssen, längst nicht so linear lesen, als ohne das Wissen. Vielmehr bereiten sie die Übersetzung schon gedanklich vor, indem sie beim Lesen des Texts öfter zurückspringen. Außerdem wurde nach einer Studie mit dem Eyetracker eine neue Form von zentral im Bildschirm integrierten Titeln entwickelt. Die Studie sieht das Problem von klassischen Untertiteln darin, dass das Auge zwischen der Handlung, die sich normalerweise in der Mitte des Bildschirms abspielt, und den Untertiteln hin- und herspringen muss.

Ein spannender Labortag geht zu Ende. Unter der Dusche schießen mir immer wieder Bilder von Spritzen, Laborratten und dem rot-weiß-gestreiften Walter durch den Kopf, während ich dreimal Shampoo nachlege, um die hartnäckigen Überreste der eingetrockneten Flüssigkeit aus meinen Haaren zu schrubben. Mein Bett ruft nach mir. Bestimmt werde ich heute Nacht von winzig kleinen Egeln träumen, die sich auf meinem Kopf hin und her wälzen, bis sie die richtige Position gefunden haben, um kräftig zuzubeißen.

 

Über das Labor

Das neurolinguistische Labor (TRA&CO Center) ist einem Fellowship von Frau Prof. Dr. Hansen-Schirra zu verdanken, Professorin am Englisch-Arbeitsbereich des Fachbereichs TSK. Seit seiner Gründung 2016 wird das Labor von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einer wissenschaftlichen Hilfskraft betreut, technischen Support bieten die Kollegen des SteFL. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sowohl in der Lehre, als auch in der Forschung aktiv und vertreten die Universität und das Labor mit ihren jüngsten Forschungsergebnissen auf Konferenzen weltweit. Was hier in einer kleinen Kammer herausgefunden wird, bleibt also nicht in der Kammer, sondern das Wissen wird aus dem beschaulichen Germersheim in die Welt getragen. Die Forschungserkenntnisse haben aber auch einen ganz praktischen Nutzen: Sie fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung des Unterrichts am Fachbereich TSK ein.

 

Neugierig geworden?

Zeige, dass Du Mut hast und melde Dich als Proband im neurolinguistischen Labor. Du solltest ca. 1,5 bis 2 Stunden Zeit dafür einkalkulieren. Oder Du arbeitest an einer Abschlussarbeit und möchtest EEG-Gerät oder Eyetracker für deine Studie verwenden? Das Team des EEG-Labors freut sich über jeden Kontakt.

Mehr Infos zum Labor gibt es auf der Webseite des Tra&Co Centers und in diesem Film auf YouTube.

Bücher und Artikel zum Thema Elektroenzephalografie und Eyetracking, auch speziell in der Translationswissenschaft, findet ihr in unserem Rechercheportal.

 



Eva Schiegg ist Bibliothekarin und Informationswissenschaftlerin. Sie ist Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Mainz am Standort Germersheim.

 

Ruhe sanft, Professor

Heute, am Totensonntag, möchte ich euch mit einem besonderen Ort der Universität vertraut machen. Er liegt nicht auf dem Campus, sondern auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Ein Ort für die Ewigkeit, dessen Zukunft ungewiss zu sein scheint.

Nachdem die Mainzer Uni 1946 wiedergegründet wurde, berief man zahlreiche Professoren aus aller Welt, die in Mainz arbeiten und leben sollten. Doch schon im Oktober 1946 starb mit Karl Reutti der erste dieser Professoren. Seitdem stellte man sich an der Uni die Frage, wie für den Nachruhm der Professorinnen und Professoren gesorgt werden könnte. Die Antwort vieler Unis war ein Gräberfeld innerhalb des städtischen Friedhofs oder sogar (wie an der Uni Hohenheim) ein eigener Universitätsfriedhof oder ein separates Gräberfeld. Was heute verwundern mag, erschien damals als durchaus angemessen: Professorinnen und Professoren, aber auch Studentinnen und Studenten, fühlten sich in dieser Zeit enger mit ihrer Universität verbunden, als das heute für gewöhnlich der Fall ist.

 

Ein Überblick über das Gräberfeld - und gleichzeitig eine Reise durch die Mainzer Unigeschichte
Quelle: Universitätsarchiv S3, Nr. 10808

Nur wenige Schritte bis ins Grab

Mit dem Tod des Sprachwissenschaftlers Franz Specht im November 1949 beschloss die noch junge JGU nun ebenfalls ein solches Gräberfeld einzurichten – und zwar auf dem Mainzer Städtischen Friedhof, der nur durch eine Straße vom Universitätscampus getrennt ist. Franz Specht wurde dort als erster auf dem Gräberfeld 71 begraben, das die Stadt für die hiesigen Professoren reservierte.

Vermutlich war die JGU damit die einzige westdeutsche Uni, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dazu entschieden hat, selbst für die letzte Ruhe ihrer Professorinnen und Professoren zu sorgen. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe des Forums an der Albert-Schweitzer-Straße und ist über einen Seiteneingang schnell zu erreichen. Starb ein Prof, war es üblich, dass die Uni eine akademische Trauerfeier abhielt, bei der das wissenschaftliche Lebenswerk des Verstorbenen gewürdigt wurde. Um der Zeremonie eine besondere Festlichkeit zu verleihen, erschienen die Professoren im Talar.

 

Die wenigen Glücklichen

Nachdem 1950 versehentlich ein Historiker der Uni Bonn auf dem Gräberfeld beigesetzt wurde, setzte der Rektor (heute: Präsident) der Uni durch, dass eine Beisetzung auf dem Gräberfeld nur nach seiner Genehmigung durchgeführt werden durfte. 1952 schloss die Uni dann einen Vertrag mit der Stadt Mainz ab, damit sie das Gräberfeld auch langfristig nutzen durfte. Seitdem sind dort viele namhafte Wissenschaftler begraben, die in Mainz wirkten, lebten und vor allem auch an der Gründung der Universität beteiligt waren. Auf dem Gräberfeld liegen ausnahmslos Professoren mit ihren Ehegattinnen, sowie der Mainzer Bürgermeister Emil Kraus, der sich um den Aufbau der Universität besonders verdient gemacht hatte. Nach Angaben der Mainzer Professoren Jürgen Falter und Hans Buchheim dürfen auf dem Gräberfeld der Universität nur Personen beerdigt werden, die einen der Gründungslehrstühle innehatten. Bekannt ist, dass neuberufene Professorinnen und Professoren dieser Lehrstühle bis mindestens Anfang der 1990er Jahre das Angebot erhielten, sich auf dem Grabfeld der Universität beerdigen zu lassen.

 

Zuletzt wurde der ehemalige ZDF-Intendant und Mainzer Philosophieprofessor Karl Holzamer auf dem Gräberfeld bestattet.
Quelle: Universitätsarchiv S3, Nr. 10758

The times they are a changin’

Es bleibt zu vermuten, dass nur noch wenige emeritierte Professorinnen und Professoren von diesem Recht Gebrauch machen werden. Zuletzt wurde dort 2007 der ehemalige ZDF-Intendant und JGU-Professor Karl Holzamer beigesetzt.

Denn in einer globalisierten und vernetzten Welt ist die Bindung an die eigene Uni längst nicht mehr so eng wie noch vor 70 Jahren, als das Gräberfeld eingerichtet wurde. Zudem wohnen viele der Angehörigen nicht in Mainz und haben nicht die Möglichkeit, die Gräber ihrer Vorfahren zu pflegen. Und nicht zuletzt unterliegen auch Beerdigungsformen einem gesellschaftlichen Wandel: Viele Menschen ziehen die Urnenbestattung einer Erdbestattung vor, die auf diesem Gräberfeld aber nicht möglich ist. Zudem müssen die Kosten für die Einrichtung oder Verlängerung eines Grabs auch auf dem Professorengräberfeld von den Angehörigen geschultert werden, ebenso die Grabpflege. Daher sind bereits die ersten Grabstätten eingeebnet worden. In einigen Jahren wird das Gräberfeld daher wohl leer sein.

Aber wäre dieser Ort, an dem die Gründer der Uni begraben liegen, nicht ein erhaltenswertes Kulturdenkmal? Denn es ist vermutlich das letzte seiner Art, das im Nachkriegsdeutschland zu Ehren der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer Universität eingerichtet wurde.

Auf jeden Fall ist das Gräberfeld einen Besuch wert. Die Zeit um Volkstrauertag und Totensonntag ist vielleicht ein guter Anlass zu einem kleinen Abstecher über die Straße. Schaut doch mal vorbei!

Das Gräberfeld ist nur einen Steinwurf von der Uni entfernt.
Karte: Open Street Map

 

Ihr wollt noch mehr zum Gräberfeld der Uni wissen? Dann guckt doch mal hier rein:

Giebeler, Marcus: Grabfeld 71: Professorengräber auf dem Mainzer Hauptfriedhof seit 1946, Stuttgart 2012.

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Wahlkampf à la belge

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

541 Tage ohne Regierung: Belgien ist das Land, das auch schon mal länger für die Regierungsbildung braucht als der Irak. Dementsprechend aufgeregt war ich angesichts der anstehenden Regionalwahlen am 14. Oktober. Sollte ich etwa hautnah miterleben dürfen, wie sich das belgische Bürokratiemonster auf Kommunalebene selbst zerfleischt? Auf meinem täglichen Fahrradparcours zur Uni (dass ich diese Zeilen schreibe, ist angesichts meines hier in Belgien gefährlichen Fahrradfahrerinnendaseins ein Wunder) lächeln mir die Monser Kandidatinnen und Kandidaten schon seit Wochen von Hochglanzplakaten entgegen. Wer aufmerksam die Listenplätze der Parteien studiert, der und dem fällt auf, dass sich Männer und Frauen auf ihnen abwechseln. Das ist dem „principe de la tirette“ geschuldet. Dieses Gesetz verpflichtet die Parteien, paritätische Listen zu erstellen. Der Star der Lokalpolitik in Mons ist aber ohne Zweifel Elio di Rupio. Der Mann mit der Fliege war von 2011 bis 2014 Premierminister des Königreichs Belgien und ist seit 2001, mit Unterbrechungen, nicht nur Sohn, sondern auch Bürgermeister der Stadt Mons.

 

Belgien – wählen ist hier Pflicht

Am Wahlsonntag bin ich schon früh wach, mein Herz klopft. Der erste Blick wandert zum Schreibtisch. Dort stapeln sich die Wahlbroschüren jeglicher Parteien – und Bewegungen natürlich – die heutzutage zum guten Ton aller Urnengangsveranstaltungen gehören. Mittlerweile kenne ich die Infoblätter alle auswendig, flatterten sie mir doch über die letzten Wochen pünktlich zum und aufs Frühstücksbrot ins Haus. Zugegeben, hin und wieder spielte ich mit dem Gedanken, es Onkel Vernon gleichzutun und den Briefschlitz der massiven Eingangstür zuzunageln (ich weiß auch nicht, warum ich neuerdings das Bedürfnis habe, meine Blogbeiträge mit Harry-Potter-Vergleichen zu spicken, siehe: Erasmus mit 25?). In schwachen Momenten dieser Art langte ich nach meinem Handy und zog mir schnell eine Demokratiekickoffrede auf DuTube rein, um mir die Wichtigkeit von politischer Partizipation durch Wahlzettelankreuzen wieder vor Augen zu führen. Apropos politische Partizipation: In Belgien ist die Ausübung dieses Rechts eine Pflicht und das seit 1893 (jedenfalls für das männliche Geschlecht). All jene, die am W-day im Königreich Belgien ihrer Bürgerinnen- und Bürgerpflicht nicht nachkommen, müssen damit rechnen, eine Strafe von 25 bis zu 50 Euro entrichten zu müssen. Verweigert man sich mehrmals der Stimmausübung, läuft man gar Gefahr, für einige Jahre von der Wahlliste gestrichen zu werden. Da verstehen die so sonst so zuvorkommenden Belgierinnen und Belgier eben keinen Spaß.

Nach einer schnell hinuntergestürzten Tasse Kaffee schmeiße ich mich in meinen schönsten Sonntagsmantel und begleite meine Mitbewohnerin zur Schule in der Nachbarschaft, die am diesem sonnengetränkten Sonntag als Wahllokal dient. Und tatsächlich, es bildet sich bereits um diese frühe Uhrzeit eine Schlange. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die heiligen Stätten der Demokratie nicht im Dauerbetrieb sind und ihre Pforten schon um 13h schließen. Wer wo wählt, wird hier übrigens nach alphabetischer Zuordnung festgelegt und nicht etwa nach Wohnsitz, wie ich das aus heimischen Gefilden kenne. Meine Mitbewohnerin hatte also Glück, dass sich ihr Wahllokal direkt um die Ecke befindet.

 

Belgien 2019: ein unregierbarer Vielvölkerstaat?

Nach den langsam eintrudelnden Ergebnissen am Abend zeichnen sich drei Trends ab: Wallonien, also die französischsprachige Region, rückt weiter nach links, das niederländischsprachige Flandern weiter nach rechts und die Hauptstadt Brüssel wird grüner. Diese ideologischen Gräben veranlassen politische Beobachterinnen und Beobachter nicht mal 24h nach der Wahl dazu, sich zu fragen, ob mit Blick auf den Super-Wahl-Sonntag im Mai 2019, an dem auch eine neue Regierung gewählt wird, Belgien nicht wieder zum unregierbaren Vielvölkerstaat im Herzen Europas wird.

Abwarten und Bier trinken!

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

„KOMMT UND SCHAUT EUCH DIESE TYPEN AN“

Was sich zunächst ganz harmlos liest, war der Aufruf, eine altehrwürdige Institution zu stören und zu einer Diskussionsveranstaltung umzuwidmen. Wovon ich rede? Von einer Rektoratsübergabe natürlich!

 

Bereits im letzten Jahr haben wir Euch an dieser Stelle von solch einer Feier berichtet. Dabei übergab der Rektor (heute: Präsident) als Chef der Universität sein Amt an seinen gewählten Nachfolger. Begleitet wurde diese Veranstaltung von großem Brimborium, bei dem unter anderem die Professorinnen und Professoren im Talar majestätisch ins Stadttheater zogen. Schon vor fünfzig Jahren sah das Ganze irgendwie aus der Zeit gefallen aus. Es  finden sich aber viele solche Bilder im Bestand des Universitätsarchivs.

Dem Rektor der Mainzer Uni muss der Aufruf  wie eine Drohung vorgekommen sein  - und niemand wollte Szenen provozieren, wie man sie sonst aus den Zentren der 68er-Bewegung kannte, wo junge, Studis gegen gestandene Fachvertreter rebellierten, sie an der Ausübung ihrer Amtspflicht und den damit verbundenen Ritualen hinderten.

 

Die unbelehrbaren Lehrenden

Zu dem Zeitpunkt ahnte noch keiner, was kurze Zeit später mit der Rektoratsübergabe passieren sollte. Denn wie Ihr hier im Blog verfolgen konntet, war das Jahr 1968 auch in Mainz geprägt von Protest. Besonders der „heiße Mai“ hielt Studis und Profs in Atem. Trotzdem galt für die Rektoratsübergabe erstmal: „Same procedure as every year“. Der Rektor lud wieder zur feierlichen Rektoratsübergabe und wie stets wurde darauf hingewiesen, dass vor allem Erstsemester dort gerne gesehen werden würden. Die Würdenträger waren bereits geladen und auch die Musik war ausgesucht. Der neue Rektor Mezger sollte einen Vortrag über „Bindung und Freiheit der Musik im Gottesdienst“ halten.

Doch dann kam alles anders.

Für die Übergabe 1967 hatte sich der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) noch auf das Flugblätterverteilen beschränkt. Aber in diesem Jahr wollten die Genossen richtig Rabatz machen! Sie forderten vom Rektor, die Rektoratsübergabe ausfallen zu lassen und stattdessen eine  Universitätsvollversammlung abzuhalten. Dort sollte der scheidende Rektor einen Rechenschaftsbericht vor der gesamten Universität ablegen. Der neue Rektor hingegen sollte, statt mit einer schöngeistigen Rede seine wissenschaftliche Eignung zu beweisen, seine Pläne und Ziele für das anstehende Amtsjahr

Das Philosophicum war direkt nach der Einweihung bereits ein Stein des Anstoßes.
Quelle: Universitätsarchiv Best. 55, Nr. 15

offenlegen.

Nach Ansicht der Studis lief an der Uni nämlich einiges schief. Auf einem Flugblatt mit dem Titel Kommt und schaut euch diese Typen an kritisierten sie einen Neubau der Uni, der bis heute erheblich zur Unzufriedenheit der Mainzer Studis beiträgt: Das Philosophicum! Das Gebäude war damals zwar gerade frisch von der philosophischen Fakultät bezogen worden, doch schon damals war es viel zu klein. So heißt es im Flugblatt: „Der Neubau der phil. Fakultät wurde für 1.950 Studenten geplant – schon jetzt um 500 zu wenig […]. Für diese geringe Zahl Studierender wird eine Groß-Cafeteria mit 24 Plätzen zur Verfügung stehen“. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Platzprobleme im Philo gehören zu den Evergreens der Mainzer Uniprobleme. Auch ich habe in meiner Studizeit zahllose Vorlesungen auf Treppenstufen verbracht.

 

Keine blutigen Köpfe für Rektoratsübergabe

Aber nicht nur der SDS hatte damit gedroht, die Veranstaltung zu stören. Auch die ESG (Evangelische Studierendengemeinde) fand diese Art des Zeremoniells alles andere als zeitgemäß. Um die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen, sagte Rektor Mezger kurzerhand die Feier ab. Begründung: Er könne aufgrund der angekündigten Störmaßnahmen nicht für die Sicherheit der geladenen Gäste garantieren und einen „total umfunktionierten Festakt“ wollte er seinen Gästen ebenfalls nicht zumuten. Daher kam er zu dem Schluss, dass eine Rektoratsübergabe „keinen einzigen blutigen Kopf wert“ sei. Subtile Drohung oder Unterstellung von Gewaltbereitschaft an die Adresse der Studierenden?

Die Uni Mainz war damit nicht alleine: Im selben Jahr waren auch die Rektoratsübergaben an zahlreichen anderen Unis in Deutschland entweder ausgefallen oder abgesagt worden, da die Studis nicht länger als Staffage für die Professorenherrlichkeit dienen wollten. Daher lud der Mainzer AStA zusammen mit dem Rektor zur geforderten Univollversammlung ein, wo Rechenschaftsberichte des aktuellen und des zukünftigen Rektors vorgetragen wurden, worüber auch die SWF (heute: SWR) Sendung „Blick ins Land“ berichtete.

 

Tradition versus Fortschritt

Im ganzen Streit um die Rektoratsübergabe begannen sich aber auch die Professoren zu fragen, ob diese Art der Feier denn überhaupt noch zeitgemäß sei und sich in der aktuellen Universität noch halten ließe. Es wurde sogar eine Senatskommission „Rektoratsübergabe und Talartragen“ eingesetzt, die darüber zu beraten hatte, wie in Mainz zukünftig solche Feiern gehandhabt werden sollten. In dieser Kommission schieden sich die Geister: Die einen wollten die traditionelle Universität nicht aufgeben und dafür gerne auch an alten Zeremonien wie der Rektoratsübergabe festhalten. Andere waren gegenüber den Vorschlägen der Studis offener und konnten sich auch eine öffentliche Vollversammlung vorstellen.

Die Studis selbst waren sich untereinander ebenfalls nicht einig. So hatte durch die Absage der Rektoratsübergabe und die Abhaltung der Vollversammlung der SDS sein Ziel erreicht. Der AStA unterstellte ihm aber in einem Flugblatt: „Es geht ja gar nicht mehr um die Sache. Es geht ja gar nicht um Versachlichung“. Denn eine andere, fortschrittlichere Uni wollten alle Studis. Nur über die Mittel war man sich keinesfalls einig.

 

Der Talar, das ungeliebte Kind

So in etwa könnten akademische Veranstaltungen in Mainz dann wieder aussehen. Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 500

Was die Frage der Talare angeht, herrschte auch im Lehrkörper kein eindeutiges Bild. Während die einen darin die stolze Tradition der Universität symbolisiert sahen, befanden andere den Talar für vollkommen überholt. Eine weitere Fraktion fand diese wallenden Gewänder schon immer einfach unpraktisch. Und so konnte man sich sehr schnell in der Senatskommission darauf einigen, die Talarpflicht bei Antrittsvorlesungen abzuschaffen, „bei denen sowieso schon an keiner anderen Universität Talar getragen wird. Zudem ist der Vortrag der Vorlesung in Talar mit Barett für den Vortragenden äußerst lästig“. Zu sehr müsse man darauf achten, dass einem das Barett nicht einfach herunterrutschte.

Wie so oft im Leben schloss man einen Kompromiss. Die Talare wurden in Mainz nicht abgeschafft, man einigte sich nur darauf, sie erstmal nicht mehr zu tragen. Bei akademischen Trauerfeiern wollte man jeweils dem Wunsch der Trauerfamilie folgen und dementsprechend im Talar erscheinen oder nicht. Im Zuge dessen wurde auch die Rektoratsübergabe umgestaltet und fand im darauffolgenden Jahr nicht in der bisherigen Form statt, sondern wurde durch einen Universitätstag in der Rheingoldhalle ersetzt.

 

Ende gut alles gut?

Der „alte Zopf“ war abgeschnitten und die Moderne hielt  Einzug in Mainz. Hiermit könnte die Sache erledigt sein – oder? Aber wie ist das mit den Talaren heute? Schauen wir nicht alle etwas neidisch auf die Zeugnisverleihungen der amerikanischen Unis, wo fröhliche Absolventen ihre Zeugnisse von ehrwürdigen Professoren im Talar überreicht bekommen und wofür sich alle extra schick gemacht haben? Fehlt es uns nicht manchmal etwas an Ritualen, die unsere Leistung würdigen? Und wenn man einem jüngst in der AZ (Allgemeine Zeitung) erschienen Artikel glauben schenken darf, sieht die Uni gerade bei Zeugnisverleihungen Bedarf, diese mit Talaren wieder festlicher zu gestalten.

Wie seht ihr das? Sollten die Professorinnen und Professoren wieder Talar tragen oder ist das wirklich etwas von ganz vorgestern? Denn ausgesetzt bedeutet eben nicht abgeschafft!  😉

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

Meine erste Vorlesungswoche in Belgien oder wie ich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolperte

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz, live and direct aus Mons.

 

Sie ist die Schlüsselqualifikation unserer sich selbst in Frage stellenden Generation überhaupt. Sie gibt uns Halt und ist wie ein Fels in der Brandung. Jeder Lebenslauf, der heute etwas auf sich hält, erwähnt sie mindestens einmal unter all den zahllosen zweimonatigen Berufserfahrungen („Das unbezahlte 40-Stundenwoche Praktikum hat mir gezeigt, dass ich mich gut und gerne auch mal nur von Nudeln ernähren kann“):

Die interkulturelle Kompetenz!

Den Spagat zwischen zwei, drei Kulturen in unterschiedlichen Kontexten hinzubekommen und diesen Drahtseilakt wie eine Selbstverständlichkeit aussehen zu lassen, gehört, seit ich mich erinnern kann, zu meinem täglich Brot. Dementsprechend gelassen ging ich an mein ERASMUS-Semester in Belgien heran und rechnete, wenn überhaupt, mit Missverständnissen sprachlicher Natur: Das französische téléphone portable etwa nennt man hier GSM und der französische maire ist in Belgien ein bourgmestre.

 

Mein wunderschöner Weg zur Uni

Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

Mein erster Fauxpas barg tatsächlich auch eine sprachliche Komponente in sich. Die Wallonen haben irgendwann, sicherlich aus Mitleid mit all den Fremden, die an der französischen Zählweise ab 70 verzweifelten, eine logischere und einfachere Façon des Zählens eingeführt und konnten sich somit der ewigen Dankbarkeit aller nachfolgenden Generationen Französischstudierender sicher sein. Im Laufe einer Konsekutivverdolmetschung in der ersten Woche tauchte die Jahreszahl 1991 auf. Entgegen all meiner hartantrainierten Reflexe zwang ich mich dazu, das belgische Pendant für 91, nonante et un, also Neunzig und eins, statt des Französischen quatre vingt onze, was so viel bedeutet wie 4x20 plus 11, zu benutzen. Landesspezifische Anpassung und so, ihr wisst schon.

Gerade war ich im Redefluss, klopfte mir innerlich selbst für meine Geistesgegenwart auf die Schulter, als ich jäh von meiner Dozentin unterbrochen wurde. „Non, non!“, rief diese entsetzt und schüttelte vehement den Kopf, während sich zehn weitere zu mir umdrehten und mich mit tiefem Unbehagen anschauten. Ich glaube, selbst meine Tischnachbarin ist hastig mit ihrem Stuhl um einige Zentimeter von mir weggerutscht, fast so, als wolle sie verhindern, dass die nonante et un auch von ihr Besitz ergreift. Ich ahnte, dass mein Vergehen dazu benutzt werden würde, ein Exempel zu statuieren. Und richtig: die Dozentin erklärte uns, dass wir uns, obwohl wir uns in Belgien befänden, an das Vokabular des Frankreich-Französisch halten müssten. Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

 

Merke: Husten schützt vor Tadel nicht

Nur 24h später stand ich erneut unfreiwillig im Rampenlicht. Während der Verdolmetschung einer Kommilitonin überkam mich plötzlich ein starker Hustenreiz.

Dolmetschraum in Mons

Um sie nicht zu stören, blieb ich auf meinem Platz und unterdrückte den Husten für die nächsten Minuten. Sobald meine Kommilitonin fertig war, verließ ich so unauffällig wie möglich den Raum, um endlich aus vollem Leibe husten und mir die Tränen aus den Augen wischen zu können. Ich war der Ansicht, alles richtig gemacht und den Verlauf der Stunde nicht gestört zu haben. Ich schlich mich wieder an meinen Sitzplatz, lächelte der Dozentin freundlich zu und notierte unbehelligt Vokabeln, die bei der Besprechung der vorangegangenen Verdolmetschung fielen.

Nach der Stunde bat mich die Dozentin zu sich. „Ce comportement n’est pas toléré dans les universités en Belgique, mademoiselle“, tadelte sie mich. In Belgien dürften Studierende den Raum während des Unterrichts nicht verlassen. Das sei sehr unhöflich. In Notfällen ginge es mal, aber man müsste vorher um Erlaubnis bitten — auch wenn es sich um einen Hustenanfall handele. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich hatte doch tatsächlich gedacht, mich nach allen Regeln der (deutschen?) Kunst höflich verhalten zu haben. Eh bien, non!

 

Bei der Bise hört die Freundschaft auf

Nach all dem Trubel freute ich mich umso mehr auf einen kleinen belgischen Umtrunk mit ein paar Freunden. Als ich als Letzte zu der Gruppe stieß, entdeckte ich ein mir unbekanntes Gesicht. Freundlich wie ich nun mal so bin, streckte ich der Person einladend meine Hand entgegen. Eine unangenehme und plötzliche Kälte machte sich breit. Jegliches Gelächter in der Bar erstarb, die Gespräche verstummten. Dem Barkeeper entglitt ein Glas, das mit lautem Getöse und doch wie in Zeitlupe auf den Boden fiel. Er starrte mich unverhohlen an. Ich ließ meinen Blick langsam zu meiner immer noch ausgestreckten Hand wandern, als es mich jäh überkam. Wirklich Filiz? Das ist nun wirklich ein Anfängerfehler.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.