Neues Jahr, kleiner Rückblick

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz aus Mons.

Der Übergang zum neuen Jahr dient uns immer auch als Anlass, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Ich habe mich nicht lumpen lassen und euch einige Highlights meines Erasmussemesters in Belgien zusammengetragen. In diesem Sinne: Frohes Neues!

 

Babylon Brüssel

Mein Gepäck war kaum im neuen Heim in Mons verstaut, da setzte ich mich auch schon wieder in den Zug. Mein Ziel: der Multilingualism Day des Europäischen Parlaments in Brüssel, wo man Übersetzerinnen und Übersetzer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen konnte. Also genau den Akteurinnen und Akteuren hinter den Kulissen, ohne die in den mehrsprachigen EU-Institutionen gar nichts liefe. Außer der Besichtigung der Dolmetschkabinen bot sich mir dabei sogar die Gelegenheit, mich mit den Sprachninjas vor Ort auszutauschen.

Doch allein schon im Plenarsaal des Parlaments zu stehen, das hier (und in Straßburg) als die Vertretung von über 500 Millionen europäischen Bürgerinnen und Bürgern tagt, wäre die Reise wert gewesen. Die EU — als Institution — ist hier nichts Abstraktes, sondern greifbar und real. Zu sehen, wie sich Sprachmittlerinnen und Sprachmittler jeden Tag für ein demokratischeres, mehrsprachiges Parlament einsetzen, machte tiefen Eindruck auf mich und stärkte meine persönliche «Beziehung» zur EU. Denn auch wenn ich gerne mal in den Gesang der EU-Lobpreiserinnen und Lobpreiser einstimme, wenn es die Situation erfordert (z. B. bei populistischen Hirngespinsten wie „die EU will das deutsche Volk durch massive Migration ersetzen und islamisieren”), gehört es für mich genauso zum europäischen Gedanken, Selbstkritik zu üben, den europäischen Kolonialismus und Imperialismus aufzuarbeiten und demokratischere Institutionen einzufordern. Und natürlich: Sprachen zu lernen, damit wir weniger aneinander vorbeireden.

 

Eine Sprache ist nie genug

In Deutschland wäre ich natürlich nicht auf die Idee gekommen Niederländisch zu lernen, einfach weil mir bis dato der Bezug zu dieser Sprache gefehlt hat. Weder hatte ich einen niederländischsprachigen Freundeskreis, noch fand ich eine Band aus den Niederlanden oder Belgien besonders cool. Außerdem liegt Mons im französischsprachigen Teil Belgiens. Es brauchte letztendlich aber nur die Durchsage auf Niederländisch am Brüsseler Südbahnhof, dass der Zug nach Mons eine klitzekleine Verspätung von 20 Minuten haben werde. Völlig entzückt von dieser melodischen taal (niederländisch für Sprache), war die Müdigkeit mit einem Mal verflogen, die volle Blase vergessen und mein Rucksack federleicht. Und meine Begeisterung für das Niederländische sollte sich in den kommenden Monaten noch steigern. Nach einigem Hin und Her, so manch einer Stundenplanänderung später, konnte ich mich in einem Sprachkurs des Fachbereichs Dolmetschen und Übersetzen einschreiben. Und hierin bestand auch der einzige Haken an der Sache: Da der Fachbereich davon ausgeht, dass es sich bei den Studierenden in gewisser Weise um Sprachexpertinnen und Sprachexperten handelt und weil man in Belgien Niederländisch auch schon in der Schule lernen kann, gab es keinen Kurs für Anfängerinnen und Anfänger.

So fand ich mich in einer Gruppe hochmotivierter Studis wieder, die schon vor Kursbeginn auf Nederlands parlierten und die nichts sagende, scheu daher schauende Erasmusstudentin misstrauisch beäugten. Als die Dozentin uns mit den ersten Arbeitsaufträgen betraute, stellte ich erleichtert fest, dass das Niederländische die wohl einzige Sprache ist, die man als deutschsprachiges Wesen auch mit 0 Sprachkenntnissen entschlüsseln kann. Um die Sprache auch außerhalb des Klassenzimmers aufzusaugen, aber natürlich auch, um in Belgien rumzukommen, zog es mich mehr als einmal im Lauf des Jahres in den Norden des Landes.

 

Die Schöne und das Biest

Jede und jeder, ob Sprachstudi oder nicht, kennt das tolle Gefühl, wenn man sich in einer Fremdsprache, egal wie rudimentär man sie beherrscht, verständlich machen kann und das Gegenüber einen versteht. Aber mit jeder Sprache öffnet sich auch eine neue Tür zu einer anderen Kultur (Klischee sagt ihr? Es stimmt wirklich, probiert es einfach mal aus!). Im Falle des Niederländischen hieß das für mich, dass ich neben wunderbaren Dokus über Jan van Eyck auch in den Genuss kam, mir die fremdenfeindlichen und separatistischen Äußerungen der rechtsextremen flämischen Gruppierung Schild&vrienden unmittelbar und direkt reinziehen zu können. Aber irgendwas ist ja immer...

Bei meinem letzten Besuch in Brüssel hielt mich der Zeitungsverkäufer wahrscheinlich für verrückt, als ich mit breitem Lächeln und meiner ersten flämischen Zeitung in der Hand davon stakste. Das Lachen verging mir selbst dann nicht, als ich die Schlagzeile entziffert hatte: Bom barst in België door migratiepact: Hoe verder?* Denn in dem Moment war für mich vor allem eines wichtig: Ich verstand, was dort stand. Mein kleines, ganz persönliches Erfolgserlebnis war für Belgien bestimmt kein Highlight des letzten Jahres und auch keine Schlagzeile im De Standaard wert. Aber auch für mein Mons-Abenteuer gilt: In einer Sinfonie voller netter Kontakte, unvergesslicher Erfahrungen und glücklicher Momente sollte man nicht allein auf die wenigen schrillen und schrägen Töne hören. Press delete!

* Bombe platzt in Belgien über Migrationspakt: Wie geht es weiter?


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

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