Kommilitonen! Institut für Publizistik befreit! Solidarisiert euch!

Mit diesen Worten beginnt das Flugblatt, mit dem die Fachschaft Publizistik am 5. Januar 1971 über die soeben erfolgte Institutsbesetzung informierte. Vorausgegangen war ein bereits über mehrere Jahre bestehender Konflikt mit der Institutsleiterin Prof. Elisabeth Noelle-Neumann um Lehrinhalte und Studienbedingungen.

 

Die Pythia vom Bodensee

Eilsabeth Noelle-Neumann. Nicht nur eine herausragende Wissenschaftlerin, sondern auch eine Professorin, die stark polarisierte.
Quelle: Universitätsarchiv S 3 Nr. 8354

Elisabeth Noelle-Neumann wurde 1964 auf Initiative Helmut Kohls als Professorin an die JGU berufen und leitete bis zu ihrer Emeritierung 1983 das Institut für Publizistik. Noelle-Neumanns Karriere begann wie viele Karrieren dieser Zeit im Nationalsozialismus. Sie war in führender Position in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen und schrieb von 1940 bis 1942 als Redakteurin für das von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Propagandablatt Das Reich. Nach dem Krieg gelang es Noelle-Neumann aufgrund hervorragender Verbindungen, ihre Karriere fortzusetzen. Für diese engen Kontakte zu den Größen des „Dritten Reichs“ wurde sie aber auch von ihren Studierenden immer wieder angegriffen. Bereits 1947 gründete sie mit dem Institut für Demoskopie Allensbach das erste, mit Repräsentativumfragen arbeitende Meinungsforschungsinstitut in Deutschland. Die Arbeit des Allensbach-Instituts, das sie bis 1996 leitete, war gekennzeichnet durch enge Kontakte zur Wirtschaft und deutliche Nähe zu den Unionsparteien. Durch diese Institutsgründung und ihr Buch „Die Schweigespirale“ stieg sie zu einer der führenden Kommunikationswissenschaftlerinnen der Bundesrepublik auf.

Die Verquickung der Tätigkeit Noelle-Neumanns als Universitätsprofessorin und Direktorin des Instituts für Publizistik mit ihrer profitorientierten Tätigkeit als Leiterin des Allensbach-Instituts stellte einen der Hauptvorwürfe der Studierenden dar. So habe sie ihre Aufgaben an der JGU zugunsten des Allensbach-Instituts vernachlässigt. Durch häufige Abwesenheit Noelle-Neumanns sei das Angebot an Lehrveranstaltungen der Publizistik erheblich eingeschränkt gewesen. Vor allem aber kritisierten die Studierenden, Noelle-Neumann nutze sie als billige Arbeitskräfte für das Allensbach-Institut aus. Tatsächlich war es Praxis, dass die Professorin Befragungen zu kommerziellen Aufträgen des Instituts von Studierenden im Rahmen des Studiums als sogenannte Methodenpraktika durchführen ließ.

Am 9. Dezember 1970 stellte die Fachschaft Publizistik daher der Institutsleiterin ein Ultimatum bis zum 5. Januar, mit der Forderung nach Einrichtung eines drittelparitätisch aus Professoren, Assistenten und Studierenden zusammengesetzten Institutsrats, der erstmals eine studentische Mitbestimmung in Bezug auf Studieninhalte und -bedingungen, Berufung von Lehrkräften und Haushaltsfragen gewährleisten sollte.

 

Befreit das Institut!

Nach Verstreichen dieses Ultimatums beschloss die Vollversammlung der Fachschaft Publizistik die Besetzung des Instituts, um ihre Fähigkeit zur Mitbestimmung unter Beweis zu stellen und die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Heute kaum noch vorstellbar, damals topmodern. So ähnlich könnte der Matrizendrucker des publizistischen Instituts ausgesehen haben.
 Fotograf: Julo, Lizenz: Public Domain

Wie Prof. Peter Schneider, der Rektor der Universität, am 7. Januar 1971 an den Kultusminister berichtete, entwendeten Studierende im Anschluss an die Vollversammlung die Schlüssel aus der Tasche der Institutssekretärin, öffneten Aktenschränke, besetzten sämtliche Räume sowie die Telefonzentrale und benutzten die technischen Geräte des Instituts, unter anderem den Matrizendrucker, auf der dann auch das eingangs zitierte Flugblatt entstand. Schneider zeigte in seinem Bericht an den Minister Verständnis für die Anliegen der Studierenden, deren Forderungen bereits seit zwei Jahren bestünden. Noelle-Neumann komme aufgrund ihrer Arbeitsbelastung durch das Allensbach-Institut ihren Aufgaben an der JGU nur unzureichend nach. Er selbst habe den Studierenden zugesagt, sich für ihre berechtigten Forderungen einzusetzen.

Am 8. Januar beschloss die Vollversammlung, dem ausgehandelten Ergebnis, der Einsetzung einer Fachkommission Publizistik, zuzustimmen und die Institutsbesetzung zu beenden. Diese Fachkommission wurde, abweichend von den ursprünglichen studentischen Forderungen, mit Professoren, Assistenten und Studierenden nicht drittelparitätisch, sondern im Verhältnis 2:1:1 besetzt und sollte für die Übergangszeit bis zur bevorstehenden Hochschulreform die studentische Mitbestimmung gewährleisten.

„Institut für Publizistik befreit!“ - Das Pathos des Flugblattes vom Tag der Institutsbesetzung mag aus heutiger Sicht albern erscheinen. Schließlich ging es nicht um die Weltrevolution, sondern „nur“ um eine Verbesserung der Studienbedingungen. Dass aber genau das Noelle-Neumann nicht verstehen konnte oder wollte, wird deutlich in ihrer Stellungnahme vom 18. Januar, in der sie sich als Opfer einer Verleumdungskampagne linksradikaler Publizistikstudenten darstellte, die, so Noelle-Neumann, studentische Mitbestimmung forderten, um am Institut die marxistische Wissenschaft einzuführen.

 

Was bleibt

Durch die Hochschulreform von 1972 und die Abschaffung der Fakultäten erfolgte an der JGU eine grundlegende Neustrukturierung. Heute ist das Institut für Publizistik im Fachbereich 02 (Sozialwissenschaften, Medien und Sport) angesiedelt.

Mit ihrer Prognose zu den Auswirkungen studentischer Mitbestimmung kann Noelle-Neumann, die „Pythia vom Bodensee“, aus heutiger Sicht uneingeschränkt als widerlegt betrachtet werden: Die marxistische Wissenschaft wurde weder am Institut für Publizistik noch in einem anderen Bereich der JGU eingeführt.

 


Regina Staaden studiert Geschichte MA an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und schrieb diesen Artikel im Rahmen der Übung "Archivnutzung für Historikerinnen und Historiker" im Sommersemester 2018.

 

 

 

2 Kommentare zu “Kommilitonen! Institut für Publizistik befreit! Solidarisiert euch!

  1. Liebe Frau Staaden,

    Ihr Beitrag enthält mindestens einen Fehler, den ich auf einer Website der Universität unerfreulich finde: Es muss „Pythia“ vom Bodensee heißen und nicht „Hydra“. Dieser Lapsus zeugt auch von einer gewissen Unkenntnis der historisch-mythologischen Hintergründe des Begriffs. Auch finde ich insgesamt den Beitrag tendenziös, insb. weil er die zahlreichen (auch internationalen) Verdienste von Frau Prof. Noelle unerwähnt lässt und die Zeitumstände (und das als Historikerin!) nicht beachtet. Es gäbe an dieser Publikation noch mehr zu beanstanden, aber das passt nicht alles in eine Mail.

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Jackob,
      vielen Dank für Ihre Rückmeldung und den Hinweis auf die bedauerliche Verwechslung der beiden mythologischen Figuren. Wir haben eine entsprechende Änderung bereits vorgenommen. Den Vorwurf, der Text sei tendenziös und die Zeitumstände zu wenig berücksichtigt, kann ich jedoch nicht nachvollziehen: Im Text ging es um die Besetzung des Instituts, nicht um ein Portrait Prof. Noelle-Neumanns. Um die Zeitumstände deutlich zu machen, wurden daher die damaligen studentischen Kritikpunkte an Prof. Noelle-Neumann in den Vordergrund gerückt. Dennoch wird die Bedeutung Prof. Noelle-Neumanns im Text durchaus angesprochen. Ein ausführlicheres Portrait, das auch ihre wissenschaftlichen Leistungen würdigt, wird in der für die 75-Jahrfeier der Universität geplanten Jubiläumspublikation erscheinen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Christian George

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