Meine Zeit als Laborratte – was beim Übersetzen im Kopf passiert

Das kühle, glitschige Gefühl auf meinem Kopf weicht einem Kribbeln, das meinen ganzen Körper durchdringt. Ich stelle mir vor, wie eine neue Sorte schleimiger, gehirnfressender Egel versuchen, sich mit Hilfe ihrer scharfen Zähnchen durch meine Kopfhaut zu sägen, um anschließend große Teile meines Gehirns rauszureißen.

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

 

Die Szene erinnert an einen Science-Fiction-Blockbuster der 90er-Jahre, bei dem der Mensch durch eine klitzekleine, aber umso bedrohlichere Tierart ausgerottet wird, die fortan die Erde besiedelt. Tatsächlich befinden wir uns in einem fensterlosen, 6 Quadratmeter großen Raum in der beschaulichen Kreisstadt Germersheim in der Südpfalz, genauer gesagt im Altbau des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft.

Dort bin ich heute zu Besuch in einem der europaweit ersten neurolinguistischen Labore in der translationswissenschaftlichen Forschung. Seit der Eröffnung Ende April 2016 werden hier neurolinguistische Forschungstechnologien eingesetzt, um Erkenntnisse über kognitive Prozesse beim Übersetzen und Dolmetschen zu gewinnen. Im Labor wird mit Hilfe der Elektroenzephalografie, kurz EEG, und mehrerer Eyetracker daran gearbeitet, Antworten auf translationswissenschaftliche Fragestellungen zu finden. Über das EEG-Gerät können Hirnströme gemessen und am Bildschirm visualisiert werden. Eyetracker zeichnen Blick- und Tastaturbewegungen auf.

 

Von Laborratten und -mäusen

„Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, schießt es mir durch den Kopf. Der kammerartige Raum ist zwar hellerleuchtet, der Stuhl sieht bequem aus und die Mitarbeiterin des EEG-Labors lächelt mich sehr freundlich an, aber das komische Gefühl in der Bauchgegend möchte trotzdem nicht weggehen. Der Ursprung meines Unbehagens liegt ganz unscheinbar auf einem Metallwagen: eine 150 ml fassende Spritze. Ich hasse Spritzen! Ich stelle mir vor, an welcher Körperstelle der Spritzenansatz in den nächsten Minuten meine Haut durchdringen wird. Ging es hier nicht um translationswissenschaftliche Versuche? Sofort habe ich mehr Mitleid für all die Laborratten und -mäuse dieses Planeten.

Ich werde gebeten, Platz zu nehmen, und ich höre eine der Mitarbeiterinnen, wie sie ihrer Kollegin zuruft: „mittlere Haubengröße dürfte passen!“ Verstohlen fahre ich mir durch die Haare, während meine Kollegin neben mir steht und Fotos knipst, sie hat sichtlich Spaß dabei. Ich zwinge mich, den Ausführungen der zuvorkommenden Laborantin zu folgen, die mir erklärt, welche Graphen, die der Computer anzeigt, für ihre Zwecke interessant sind. „Wenn Sie sich anschließen lassen, können wir sehen, dass die oberen Linien Motorisches aufzeichnen und die unteren die Gehirnströme messen, die für unsere Versuche relevant sind. Wollen Sie sich denn anschließen lassen?“

Ich schlucke. „Ja“, höre ich mich sagen. Gezielt greift die Mitarbeiterin zur Spritze und zieht sie mit einer zähen, durchsichtigen Flüssigkeit auf. Sie erklärt, dass diese Flüssigkeit Salz enthalte, das die elektrische Spannung leitet. Mit sicherer Hand und ruhiger Miene füllt sie die winzig kleinen Löcher in der Haube mit Flüssigkeit, zu meiner großen Erleichterung entpuppt sich die mir so Furcht einflößende Spritze als völlig harmlos. Ich spüre, wie das Gemisch ein kühlendes Gefühl auf meiner Kopfhaut hinterlässt.

In Verbindung mit den an der Haube angebrachten Elektroden können die Gehirnströme aufgenommen und anschließend am Computer visualisiert werden. Die Versuchsleiterin beginnt wieder mit Ihren Erklärungen: „Trockene Kopfhaut eignet sich für unser Experiment besonders gut, fettige Kopfhaut ist hingegen ein Nachteil. Daher sind auch Experimente mit Glatzenträgern schwierig, denn hier bildet die Haut einen natürlichen Schutzfilm.“ Ich überlege mir, wann ich das letzte Mal meine Haare gewaschen habe. Sobald eine Elektrode angeschlossen ist, wird auf dem Bildschirm der elektrische Widerstand sichtbar. Dieser sollte möglichst niedrig sein. Die Labormitarbeiterin nickt zufrieden und macht mir ein Kompliment für meine tolle Kopfhaut. Ich bin erleichtert.

 

Mein Gehirn spricht

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Auf dem Bildschirm werden verschiedene Linien sichtbar, die sich in Wellen fortbewegen. Blinzele oder knirsche ich beispielsweise mit den Zähnen, schlagen die oberen Graphen aus. Um eine möglichst unverfälschte Aufzeichnung zu erhalten, werden die Probandinnen und Probanden im EEG-Labor Germersheim gebeten, das Blinzeln so gut es geht zu unterbinden. Die unteren Linien bilden die Gehirnströme ab. Ich frage mich, ob sich meine Nervosität im Verlauf der Gehirnwellen widerspiegelt. Meine Hände schwitzen. Ich werde mit der Bitte aus meinen Gedanken geholt, meine Augen zuzumachen und zu entspannen.

Während ich darüber nachdenke, wie ich unter den vorherrschenden Umständen – ich trage eine seltsame Haube auf dem Kopf und meine Kollegin hat ein Smartphone in der Hand – entspannen soll, merke ich zu meiner eigenen Überraschung, wie mein Puls herunterfährt und ich ruhiger werde. Auf dem Bildschirm werden langsame, gleichmäßige Gehirnwellen sichtbar. Die Versuchsleiterin erklärt, dass diese auch Alpha-Wellen genannt werden. Ich bin fasziniert, dass sich nur durch das Schließen der Augen eine so große Wirkung entfalten kann und freue mich plötzlich auf das bevorstehende Experiment. Die Versuchsleiterin weist mich ein. „Ich werde Ihnen in kurzen Abständen erst einen Ton und dann ein Wort vorspielen. Sie entscheiden anschließend, ob die Tonhöhe gleich oder unterschiedlich ist.“

 

Musiker sind im Vorteil

Das EEG-Gerät wird in unterschiedlichen translationswissenschaftlichen Studien eingesetzt. Das Wort/Ton-Experiment entstammt einer aktuellen Studie, bei der Testpersonen mit und ohne musikalische Erfahrung untersucht werden. Ziel der Studie ist es, herauszufinden, ob Menschen mit musikalischer Erfahrung Tonhöhen besser erkennen. Da Sprache viel mit dem Klang der Stimme zu tun hat, liegt die Vermutung nahe, dass die musikalische Prägung das Übersetzen positiv beeinflussen könnte. In einer bereits abgeschlossenen Studie wurden Testpersonen Wörter aus zwei verschiedenen Kategorien gezeigt, die sie vom Englischen ins Deutsche übersetzen sollten. Dabei handelte es sich zum einen um Wörter, die sich in den beiden Sprachen sehr ähnlich sind, wie beispielsweise system und System, zum anderen um Wörter, die ganz verschieden klingen, wie draft und Entwurf. Die Hypothese, dass das Übersetzen von in beiden Sprachen ähnlich klingenden Wörtern ein höheres Maß an Kontrolle erfordert, konnte durch das Beobachten der Gehirnströme bestätigt werden. Diese Kontrolle zeigte sich in einer kurzen zeitlichen Verzögerung, die durch das Reflektieren entsteht, ob der Begriff richtig übertragen wurde.

 

Eyetracker – wenn Blicke mehr verraten als tausend Worte

Ich nehme mir die Haube vom Kopf und wir verlassen die Kammer mit dem EEG-Gerät. Mein Blick fällt in einen Spiegel und ich wühle mir kurz durch die zerzausten Haare, bis die Frisur wieder sitzt. Meine Experimentierlaune ist geweckt. Als nächstes wollen wir uns ansehen, was man mit einem Eyetracker herausfinden kann. Den Begriff Eyetracking habe ich schon oft gehört und er klingt in meinen Ohren nicht halb so bedrohlich wie Elektroenzephalografie. Doch was macht denn nun ein Eyetracker genau? Die Labormitarbeiterin kommt mit einem handlichen, recht unscheinbarem Gerät an: „Darf ich vorstellen? Das ist Tobii. Mit diesem Eyetracker lassen sich Blick- und Tastaturbewegungen aufzeichnen. Die Blickbewegungen werden über die einzelnen Blickpunkte festgehalten, die Aufzeichnungen können anschließend analysiert werden. „Haben Sie Lust auf ein kurzes Experiment?“. Ich nicke.

„Bevor wir mit dem Experiment starten, müssen wir kalibrieren. Das Gerät benötigt zunächst einige Informationen über Ihre Augen, damit es optimal auf Sie eingestellt ist.“ Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, kann es losgehen. Die Laborantin fragt mich, ob ich Walter kenne. Der Name kommt mir bekannt vor, ich erinnere mich jedoch nicht. Sie erklärt mir, dass sie mir jetzt Bilder zeige und meine Aufgabe darin bestehe, das Männchen mit dem rot-weiß-gestreiften Pullover namens Walter zu suchen – klingt eigentlich simpel. Auf dem ersten völlig überfüllten Motiv sehe ich Unmengen kleiner Männchen, Hunde, Katzen, Bäume, aber weit und breit keinen Walter. Mir fällt wieder ein, weshalb ich die Wimmelbücher meiner Tochter nicht mag. Ich wette, sie hätte Walter schon längst entdeckt. Da sehe ich ihn, winzig klein, versteckt hinter einem Baum grinst er mich an. Mit jedem Bild finde ich ihn schneller. Nach dem Experiment sehen wir uns Tobiis Aufzeichnungen an. Sie zeigen, wie meine Augen auf der Suche nach Walter von links nach rechts über das Bild springen.

 

Wer übersetzt liest anders

Copyright: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fotografie: Britta Hoff

Die Eyetracking-Methode wird in den Translationswissenschaften unterschiedlich angewendet. So wurde beispielsweise untersucht, ob Übersetzerinnen und Übersetzer einen Text anders lesen, wenn man sie im Vorfeld darüber informiert, dass sie diesen später übersetzen müssen. Die Aufzeichnungen verraten, dass sie mit dem Wissen, dass sie den Text anschließend übersetzen müssen, längst nicht so linear lesen, als ohne das Wissen. Vielmehr bereiten sie die Übersetzung schon gedanklich vor, indem sie beim Lesen des Texts öfter zurückspringen. Außerdem wurde nach einer Studie mit dem Eyetracker eine neue Form von zentral im Bildschirm integrierten Titeln entwickelt. Die Studie sieht das Problem von klassischen Untertiteln darin, dass das Auge zwischen der Handlung, die sich normalerweise in der Mitte des Bildschirms abspielt, und den Untertiteln hin- und herspringen muss.

Ein spannender Labortag geht zu Ende. Unter der Dusche schießen mir immer wieder Bilder von Spritzen, Laborratten und dem rot-weiß-gestreiften Walter durch den Kopf, während ich dreimal Shampoo nachlege, um die hartnäckigen Überreste der eingetrockneten Flüssigkeit aus meinen Haaren zu schrubben. Mein Bett ruft nach mir. Bestimmt werde ich heute Nacht von winzig kleinen Egeln träumen, die sich auf meinem Kopf hin und her wälzen, bis sie die richtige Position gefunden haben, um kräftig zuzubeißen.

 

Über das Labor

Das neurolinguistische Labor (TRA&CO Center) ist einem Fellowship von Frau Prof. Dr. Hansen-Schirra zu verdanken, Professorin am Englisch-Arbeitsbereich des Fachbereichs TSK. Seit seiner Gründung 2016 wird das Labor von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einer wissenschaftlichen Hilfskraft betreut, technischen Support bieten die Kollegen des SteFL. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sowohl in der Lehre, als auch in der Forschung aktiv und vertreten die Universität und das Labor mit ihren jüngsten Forschungsergebnissen auf Konferenzen weltweit. Was hier in einer kleinen Kammer herausgefunden wird, bleibt also nicht in der Kammer, sondern das Wissen wird aus dem beschaulichen Germersheim in die Welt getragen. Die Forschungserkenntnisse haben aber auch einen ganz praktischen Nutzen: Sie fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung des Unterrichts am Fachbereich TSK ein.

 

Neugierig geworden?

Zeige, dass Du Mut hast und melde Dich als Proband im neurolinguistischen Labor. Du solltest ca. 1,5 bis 2 Stunden Zeit dafür einkalkulieren. Oder Du arbeitest an einer Abschlussarbeit und möchtest EEG-Gerät oder Eyetracker für deine Studie verwenden? Das Team des EEG-Labors freut sich über jeden Kontakt.

Mehr Infos zum Labor gibt es auf der Webseite des Tra&Co Centers und in diesem Film auf YouTube.

Bücher und Artikel zum Thema Elektroenzephalografie und Eyetracking, auch speziell in der Translationswissenschaft, findet ihr in unserem Rechercheportal.

 



Eva Schiegg ist Bibliothekarin und Informationswissenschaftlerin. Sie ist Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Mainz am Standort Germersheim.

 

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Germersheim

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