„KOMMT UND SCHAUT EUCH DIESE TYPEN AN“

Was sich zunächst ganz harmlos liest, war der Aufruf, eine altehrwürdige Institution zu stören und zu einer Diskussionsveranstaltung umzuwidmen. Wovon ich rede? Von einer Rektoratsübergabe natürlich!

 

Bereits im letzten Jahr haben wir Euch an dieser Stelle von solch einer Feier berichtet. Dabei übergab der Rektor (heute: Präsident) als Chef der Universität sein Amt an seinen gewählten Nachfolger. Begleitet wurde diese Veranstaltung von großem Brimborium, bei dem unter anderem die Professorinnen und Professoren im Talar majestätisch ins Stadttheater zogen. Schon vor fünfzig Jahren sah das Ganze irgendwie aus der Zeit gefallen aus. Es  finden sich aber viele solche Bilder im Bestand des Universitätsarchivs.

Dem Rektor der Mainzer Uni muss der Aufruf  wie eine Drohung vorgekommen sein  - und niemand wollte Szenen provozieren, wie man sie sonst aus den Zentren der 68er-Bewegung kannte, wo junge, Studis gegen gestandene Fachvertreter rebellierten, sie an der Ausübung ihrer Amtspflicht und den damit verbundenen Ritualen hinderten.

 

Die unbelehrbaren Lehrenden

Zu dem Zeitpunkt ahnte noch keiner, was kurze Zeit später mit der Rektoratsübergabe passieren sollte. Denn wie Ihr hier im Blog verfolgen konntet, war das Jahr 1968 auch in Mainz geprägt von Protest. Besonders der „heiße Mai“ hielt Studis und Profs in Atem. Trotzdem galt für die Rektoratsübergabe erstmal: „Same procedure as every year“. Der Rektor lud wieder zur feierlichen Rektoratsübergabe und wie stets wurde darauf hingewiesen, dass vor allem Erstsemester dort gerne gesehen werden würden. Die Würdenträger waren bereits geladen und auch die Musik war ausgesucht. Der neue Rektor Mezger sollte einen Vortrag über „Bindung und Freiheit der Musik im Gottesdienst“ halten.

Doch dann kam alles anders.

Für die Übergabe 1967 hatte sich der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) noch auf das Flugblätterverteilen beschränkt. Aber in diesem Jahr wollten die Genossen richtig Rabatz machen! Sie forderten vom Rektor, die Rektoratsübergabe ausfallen zu lassen und stattdessen eine  Universitätsvollversammlung abzuhalten. Dort sollte der scheidende Rektor einen Rechenschaftsbericht vor der gesamten Universität ablegen. Der neue Rektor hingegen sollte, statt mit einer schöngeistigen Rede seine wissenschaftliche Eignung zu beweisen, seine Pläne und Ziele für das anstehende Amtsjahr

Das Philosophicum war direkt nach der Einweihung bereits ein Stein des Anstoßes.
Quelle: Universitätsarchiv Best. 55, Nr. 15

offenlegen.

Nach Ansicht der Studis lief an der Uni nämlich einiges schief. Auf einem Flugblatt mit dem Titel Kommt und schaut euch diese Typen an kritisierten sie einen Neubau der Uni, der bis heute erheblich zur Unzufriedenheit der Mainzer Studis beiträgt: Das Philosophicum! Das Gebäude war damals zwar gerade frisch von der philosophischen Fakultät bezogen worden, doch schon damals war es viel zu klein. So heißt es im Flugblatt: „Der Neubau der phil. Fakultät wurde für 1.950 Studenten geplant – schon jetzt um 500 zu wenig […]. Für diese geringe Zahl Studierender wird eine Groß-Cafeteria mit 24 Plätzen zur Verfügung stehen“. Das kommt euch irgendwie bekannt vor? Platzprobleme im Philo gehören zu den Evergreens der Mainzer Uniprobleme. Auch ich habe in meiner Studizeit zahllose Vorlesungen auf Treppenstufen verbracht.

 

Keine blutigen Köpfe für Rektoratsübergabe

Aber nicht nur der SDS hatte damit gedroht, die Veranstaltung zu stören. Auch die ESG (Evangelische Studierendengemeinde) fand diese Art des Zeremoniells alles andere als zeitgemäß. Um die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen, sagte Rektor Mezger kurzerhand die Feier ab. Begründung: Er könne aufgrund der angekündigten Störmaßnahmen nicht für die Sicherheit der geladenen Gäste garantieren und einen „total umfunktionierten Festakt“ wollte er seinen Gästen ebenfalls nicht zumuten. Daher kam er zu dem Schluss, dass eine Rektoratsübergabe „keinen einzigen blutigen Kopf wert“ sei. Subtile Drohung oder Unterstellung von Gewaltbereitschaft an die Adresse der Studierenden?

Die Uni Mainz war damit nicht alleine: Im selben Jahr waren auch die Rektoratsübergaben an zahlreichen anderen Unis in Deutschland entweder ausgefallen oder abgesagt worden, da die Studis nicht länger als Staffage für die Professorenherrlichkeit dienen wollten. Daher lud der Mainzer AStA zusammen mit dem Rektor zur geforderten Univollversammlung ein, wo Rechenschaftsberichte des aktuellen und des zukünftigen Rektors vorgetragen wurden, worüber auch die SWF (heute: SWR) Sendung „Blick ins Land“ berichtete.

 

Tradition versus Fortschritt

Im ganzen Streit um die Rektoratsübergabe begannen sich aber auch die Professoren zu fragen, ob diese Art der Feier denn überhaupt noch zeitgemäß sei und sich in der aktuellen Universität noch halten ließe. Es wurde sogar eine Senatskommission „Rektoratsübergabe und Talartragen“ eingesetzt, die darüber zu beraten hatte, wie in Mainz zukünftig solche Feiern gehandhabt werden sollten. In dieser Kommission schieden sich die Geister: Die einen wollten die traditionelle Universität nicht aufgeben und dafür gerne auch an alten Zeremonien wie der Rektoratsübergabe festhalten. Andere waren gegenüber den Vorschlägen der Studis offener und konnten sich auch eine öffentliche Vollversammlung vorstellen.

Die Studis selbst waren sich untereinander ebenfalls nicht einig. So hatte durch die Absage der Rektoratsübergabe und die Abhaltung der Vollversammlung der SDS sein Ziel erreicht. Der AStA unterstellte ihm aber in einem Flugblatt: „Es geht ja gar nicht mehr um die Sache. Es geht ja gar nicht um Versachlichung“. Denn eine andere, fortschrittlichere Uni wollten alle Studis. Nur über die Mittel war man sich keinesfalls einig.

 

Der Talar, das ungeliebte Kind

So in etwa könnten akademische Veranstaltungen in Mainz dann wieder aussehen. Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 500

Was die Frage der Talare angeht, herrschte auch im Lehrkörper kein eindeutiges Bild. Während die einen darin die stolze Tradition der Universität symbolisiert sahen, befanden andere den Talar für vollkommen überholt. Eine weitere Fraktion fand diese wallenden Gewänder schon immer einfach unpraktisch. Und so konnte man sich sehr schnell in der Senatskommission darauf einigen, die Talarpflicht bei Antrittsvorlesungen abzuschaffen, „bei denen sowieso schon an keiner anderen Universität Talar getragen wird. Zudem ist der Vortrag der Vorlesung in Talar mit Barett für den Vortragenden äußerst lästig“. Zu sehr müsse man darauf achten, dass einem das Barett nicht einfach herunterrutschte.

Wie so oft im Leben schloss man einen Kompromiss. Die Talare wurden in Mainz nicht abgeschafft, man einigte sich nur darauf, sie erstmal nicht mehr zu tragen. Bei akademischen Trauerfeiern wollte man jeweils dem Wunsch der Trauerfamilie folgen und dementsprechend im Talar erscheinen oder nicht. Im Zuge dessen wurde auch die Rektoratsübergabe umgestaltet und fand im darauffolgenden Jahr nicht in der bisherigen Form statt, sondern wurde durch einen Universitätstag in der Rheingoldhalle ersetzt.

 

Ende gut alles gut?

Der „alte Zopf“ war abgeschnitten und die Moderne hielt  Einzug in Mainz. Hiermit könnte die Sache erledigt sein – oder? Aber wie ist das mit den Talaren heute? Schauen wir nicht alle etwas neidisch auf die Zeugnisverleihungen der amerikanischen Unis, wo fröhliche Absolventen ihre Zeugnisse von ehrwürdigen Professoren im Talar überreicht bekommen und wofür sich alle extra schick gemacht haben? Fehlt es uns nicht manchmal etwas an Ritualen, die unsere Leistung würdigen? Und wenn man einem jüngst in der AZ (Allgemeine Zeitung) erschienen Artikel glauben schenken darf, sieht die Uni gerade bei Zeugnisverleihungen Bedarf, diese mit Talaren wieder festlicher zu gestalten.

Wie seht ihr das? Sollten die Professorinnen und Professoren wieder Talar tragen oder ist das wirklich etwas von ganz vorgestern? Denn ausgesetzt bedeutet eben nicht abgeschafft!  😉

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

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