Meine erste Vorlesungswoche in Belgien oder wie ich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolperte

Einfach mal raus für ein Semester, weit weg. Oder zumindest ein kleines Stück: nach Belgien. Wo Import und Export so ausgeglichen sind wie die Menschen und es sich entspannter studieren lässt als in Germersheim oder Mainz. Echt? Kommt darauf an. Hier blogt Filiz, live and direct aus Mons.

 

Sie ist die Schlüsselqualifikation unserer sich selbst in Frage stellenden Generation überhaupt. Sie gibt uns Halt und ist wie ein Fels in der Brandung. Jeder Lebenslauf, der heute etwas auf sich hält, erwähnt sie mindestens einmal unter all den zahllosen zweimonatigen Berufserfahrungen („Das unbezahlte 40-Stundenwoche Praktikum hat mir gezeigt, dass ich mich gut und gerne auch mal nur von Nudeln ernähren kann“):

Die interkulturelle Kompetenz!

Den Spagat zwischen zwei, drei Kulturen in unterschiedlichen Kontexten hinzubekommen und diesen Drahtseilakt wie eine Selbstverständlichkeit aussehen zu lassen, gehört, seit ich mich erinnern kann, zu meinem täglich Brot. Dementsprechend gelassen ging ich an mein ERASMUS-Semester in Belgien heran und rechnete, wenn überhaupt, mit Missverständnissen sprachlicher Natur: Das französische téléphone portable etwa nennt man hier GSM und der französische maire ist in Belgien ein bourgmestre.

 

Mein wunderschöner Weg zur Uni

Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

Mein erster Fauxpas barg tatsächlich auch eine sprachliche Komponente in sich. Die Wallonen haben irgendwann, sicherlich aus Mitleid mit all den Fremden, die an der französischen Zählweise ab 70 verzweifelten, eine logischere und einfachere Façon des Zählens eingeführt und konnten sich somit der ewigen Dankbarkeit aller nachfolgenden Generationen Französischstudierender sicher sein. Im Laufe einer Konsekutivverdolmetschung in der ersten Woche tauchte die Jahreszahl 1991 auf. Entgegen all meiner hartantrainierten Reflexe zwang ich mich dazu, das belgische Pendant für 91, nonante et un, also Neunzig und eins, statt des Französischen quatre vingt onze, was so viel bedeutet wie 4x20 plus 11, zu benutzen. Landesspezifische Anpassung und so, ihr wisst schon.

Gerade war ich im Redefluss, klopfte mir innerlich selbst für meine Geistesgegenwart auf die Schulter, als ich jäh von meiner Dozentin unterbrochen wurde. „Non, non!“, rief diese entsetzt und schüttelte vehement den Kopf, während sich zehn weitere zu mir umdrehten und mich mit tiefem Unbehagen anschauten. Ich glaube, selbst meine Tischnachbarin ist hastig mit ihrem Stuhl um einige Zentimeter von mir weggerutscht, fast so, als wolle sie verhindern, dass die nonante et un auch von ihr Besitz ergreift. Ich ahnte, dass mein Vergehen dazu benutzt werden würde, ein Exempel zu statuieren. Und richtig: die Dozentin erklärte uns, dass wir uns, obwohl wir uns in Belgien befänden, an das Vokabular des Frankreich-Französisch halten müssten. Dolmetschseminare in Belgien sind also nonante-freie Zone, wer hätte das gedacht und warum wusste ich nichts davon?

 

Merke: Husten schützt vor Tadel nicht

Nur 24h später stand ich erneut unfreiwillig im Rampenlicht. Während der Verdolmetschung einer Kommilitonin überkam mich plötzlich ein starker Hustenreiz.

Dolmetschraum in Mons

Um sie nicht zu stören, blieb ich auf meinem Platz und unterdrückte den Husten für die nächsten Minuten. Sobald meine Kommilitonin fertig war, verließ ich so unauffällig wie möglich den Raum, um endlich aus vollem Leibe husten und mir die Tränen aus den Augen wischen zu können. Ich war der Ansicht, alles richtig gemacht und den Verlauf der Stunde nicht gestört zu haben. Ich schlich mich wieder an meinen Sitzplatz, lächelte der Dozentin freundlich zu und notierte unbehelligt Vokabeln, die bei der Besprechung der vorangegangenen Verdolmetschung fielen.

Nach der Stunde bat mich die Dozentin zu sich. „Ce comportement n’est pas toléré dans les universités en Belgique, mademoiselle“, tadelte sie mich. In Belgien dürften Studierende den Raum während des Unterrichts nicht verlassen. Das sei sehr unhöflich. In Notfällen ginge es mal, aber man müsste vorher um Erlaubnis bitten — auch wenn es sich um einen Hustenanfall handele. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich hatte doch tatsächlich gedacht, mich nach allen Regeln der (deutschen?) Kunst höflich verhalten zu haben. Eh bien, non!

 

Bei der Bise hört die Freundschaft auf

Nach all dem Trubel freute ich mich umso mehr auf einen kleinen belgischen Umtrunk mit ein paar Freunden. Als ich als Letzte zu der Gruppe stieß, entdeckte ich ein mir unbekanntes Gesicht. Freundlich wie ich nun mal so bin, streckte ich der Person einladend meine Hand entgegen. Eine unangenehme und plötzliche Kälte machte sich breit. Jegliches Gelächter in der Bar erstarb, die Gespräche verstummten. Dem Barkeeper entglitt ein Glas, das mit lautem Getöse und doch wie in Zeitlupe auf den Boden fiel. Er starrte mich unverhohlen an. Ich ließ meinen Blick langsam zu meiner immer noch ausgestreckten Hand wandern, als es mich jäh überkam. Wirklich Filiz? Das ist nun wirklich ein Anfängerfehler.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.