Knast an der Uni? Was Studis und Kriegsgefangene gemeinsam haben

Ihr kennt das sicher auch: Manchmal fühle ich mich als Studentin wie eine Gefangene der Universität. Ich kann sie zwar verlassen, aber mit ihren strengen, unbedingt einzuhaltenden Fristen und Sitzungsterminen kann die Uni mitunter doch das Gefühl von Gefangenschaft hervorrufen. Oder in der Bibliothek: Bücher, die man – weil Präsenzbestand – nicht ausleihen darf und deren Benutzung einen nach dem Prinzip der Massenstudentenhaltung in die viel zu vollen Lesesäle von ZB und GFG einkerkert. Zum Trost sage ich da nur: Früher war es viel schlimmer, denn da gab es an der JGU tatsächlich ein Gefangenenlager!

Bahntrasse vor dem Pharmazeutischen Institut für den Abtransport der Trümmer, 1946 (Fotograf: Sulzmann)

Mit Stacheldraht, karger Kost und schwerer körperlicher Arbeit tagein, tagaus. Heute ist das kaum vorstellbar, 1946 war es Realität. Den gefangenen deutschen Soldaten verdanken wir den Ausbau der ehemaligen Flakkaserne zu unserem Forum Universitatis. Auch wenn die Situation der Studis heute eine ganz andere ist, so empfindet mancher Studierende während der Prüfungsphase ganz ähnlich. Auch ihm kommt der Gedanke, auszubrechen. Zum Beispiel indem er stapelweise Kopien seiner Literatur erstellt, um sie zu Hause durchzuackern, während die Kriegsgefangenen damals Pläne schmiedeten, um bei Nacht und Nebel über den Stacheldrahtzaun zu klettern.

 

Die Sache mit dem Stacheldraht

Das erfuhr auch der französische Stadtkommandant Colonel Louis Theodore Kleinmann (ja, genau, der vom Kleinmann-Weg, in dem heute das SB II steht), als er nach der Fluchtursache fragte. „Machen Sie den Stacheldraht weg und wir geben Ihnen das Versprechen, dass kein Ausbruch mehr da sein wird.“, antworteten die ältesten der rund 800 Kriegsgefangenen, die alle ausgebildete Handwerker oder vom Baufach waren und ab Januar 1946 beim Aufbau der neuen Universität Mainz mithalfen. Denn bereits nach drei Tagen hatten 20 von ihnen die Stacheldrahtgrenze hinter sich gelassen.

Einzug der Ehrengäste bei der Eröffnung der Universität 1946, Personen: General Marie-Pierre Koenig, Josef Schmid, Otto Eichenlaub, Fritz Eichholz (Fotograf: Foto Laufer)

Was Colonel Kleinmann besonders Sorge bereitete: Der Zeitdruck des Unternehmens „Aufbau Universität Mainz“ war enorm. Bereits am 15. Mai 1946 sollte der erste Teil der Uni eröffnet werden. Ihm war bewusst, dass es ohne motivierte und fleißige Arbeiter nicht zu schaffen war. Also wandte sich der gebürtige Elsäßer an die gesamte Mannschaft: „Ihr habt mein Vertrauen, trachtet danach, dass auch Ihr Vertrauen in mich habt. Ich werde für Ihre Verpflegung, gute Unterkunft und sanitäre Betreuung sorgen. Denkt daran, dass Sie hier kein militärisches Objekt bauen, sondern an der Errichtung eines Werkes mitwirken, von dem Ihre Söhne und Töchter vielleicht profitieren können.

Die Worte zeigten Wirkung: Nachdem der Zaun entfernt worden war, floh tatsächlich niemand mehr. Die Gefangenen bewegten sich frei auf dem Gelände und bekamen Besuch von ihren Familien. Die meisten stammten aus dem direkten Umland oder dem nahen Hessen. Daher war die Versuchung groß, den Zwangsaufenthalt frühzeitig zu beenden. Aber es hieß, wer jetzt gut arbeite, werde nach der Eröffnung von offizieller Seite vorzeitig entlassen. Eine Hoffnung, die sich jedoch als unbegründet erweisen sollte...

 

Die Hoffnung auf Freiheit dahin?

Auch Colonel Kleinmann hörte von diesem Gerücht. Er hatte sich noch über die bewundernswerte Arbeitsmoral der Gefangenen gewundert, die selbst bei schlechtem Wetter und Eiseskälte Tag und Nacht schufteten. Doch er sah sich zur Richtigstellung gezwungen, denn er hatte nicht die entsprechende Befugnis. Die Enttäuschung der Männer, die mit gesenkten Köpfen auf dem Innenhof des Forums standen, war sofort spürbar. Sie wirkte sich auch auf die Arbeitsleistung an den nächsten Tagen aus. Der baldige Eröffnungstermin geriet in Gefahr. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung (auf Freilassung) zuletzt und dank ihr konnte die Uni am 22. Mai, eine Woche später als angesetzt, eröffnet werden.

Mainz hatte nach fast 150 Jahren wieder eine Universität. Zumindest für die Planer und die Stadt schon mal ein Happy End. Und was wurde aus den Kriegsgefangenen? Am Ende der Eröffnungsveranstaltung lobte der Kommandeur der französischen Militärregierung, General Marie-Pierre Koenig, die großartige Arbeit von Colonel Kleinmann und fragte, ob er ihm zum Dank einen Wunsch erfüllen könne? Kleinmann wünschte sich nicht etwa, dass eine Straße auf dem Campus nach ihm benannt werden würde, sondern ihm ging es – bescheiden wie er war – um die Kriegsgefangenen.

 

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Bereits zuvor hatte er sich in Baden-Baden, dem Sitz der französischen Militärregierung, für ihre Entlassung eingesetzt und nun wiederholte er diesen Wunsch. Der General zögerte zuerst, gab dann aber doch seine Zustimmung. Kleinmann war erleichtert. Er musste die Gefangenen nicht enttäuschen, die so fest an ihre Freilassung nach der Eröffnung geglaubt hatten. Die Botschaft führte zu Freudentränen im Innenhof. Am 20.Oktober 1948 – heute vor 70 Jahren - erfolgte die Auflösung des Kriegsgefangenenkommandos.

PS: Was wäre für euch eine Befreiung oder worin seht ihr euch gefangen? Schreibt’s in die Kommentare! 😉

 

Tipp zum Weiterlesen:
Erinnerungen von Ludwig Theodor Kleinmann, in: Helmut Mathy (Bearb.): Die Wiedereröffnung der Mainzer Universität 1945/46. Dokumente, Bericht, Aufzeichnungen, Erinnerungen, Mainz 1966, S. 67–73.


Autorin Johanna Körner

Johanna Körner studiert Geschichte M.A. an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und schrieb diesen Artikel im Rahmen der Übung „Archivnutzung für Historikerinnen und Historiker“.

 

1 Kommentar zu “Knast an der Uni? Was Studis und Kriegsgefangene gemeinsam haben

  1. Hallo Frau Körner,
    sehr interessant hab über 40. Jahre auf dem Campus gearbeitet ( Techn.Abtl. )
    aber das kam mir so nicht zu Ohren.

    Gruß
    Gerd Klos

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