Seine Exzellenz ist auch nur ein Mensch: Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate für Berlin in Germersheim

Man merkt an diesem Freitagmorgen, dass irgendwas anders ist am FTSK in Germersheim. Es stehen nicht nur imposant luxuriöse Fahrzeuge auf dem Campus, auch das babylonische Geschnatter in den Gängen scheint aufgeregter. Die von den angehenden Sprachgenies getragenen T-Shirts sehen gebügelter und die Schuhe sauberer aus als gewöhnlich. Folgt man dieser großen Menschentraube hinunter in den sogenannten Dolmetschkeller im Untergeschoss des Neubaus, entdeckt man den Grund für diesen Rummel:

Er trägt einen marineblauen Anzug, eine farblich abgestimmte Krawatte, ein blütenweißes Hemd und lächelt uns gewinnend an. Die Rede ist von Seiner Exzellenz Ali Al-Ahmed, dem Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Berlin. Er wurde eingeladen, um im Rahmen der sogenannten Freitagskonferenz einen Vortrag zum Thema „From Tents to Skyscrapers“ (Vom Zelt zum Wolkenkratzer) zu halten. In den kommenden 90 Minuten versucht er, die rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung der Emirate über die letzten 50 Jahre nachzuzeichnen.

Die Germersheimer Freitagskonferenz: 90 Minuten babylonische Sprachvielfalt

Die Freitagskonferenz ist eine sprachübergreifende Lehrveranstaltung, die jeden Freitag im Semester von 11.20h bis 12.50h im Dolmetschraum I stattfindet. Sie soll den Studierenden im Master Konferenzdolmetschen (MA KD) ermöglichen, in einem authentischen Konferenzkontext ihre Dolmetschfähigkeiten zu üben und zu verbessern. Hierfür werden Rednerinnen und Redner zu unterschiedlichen Themen eingeladen. Im Idealfall findet jedes Semester mindestens eine Konferenz in jeder im Master angebotenen Sprache statt.

In der anschließenden Diskussion können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in allen vertretenen Sprachen Fragen stellen und Anmerkungen machen. Hierin sieht Rocco Pelaccia, ein italienischer Student, der seit dem Wintersemester 2017 im MA KD eingeschrieben ist, die eigentliche Herausforderung für die Dolmetschstudierenden: „Das ist immer ein zusätzlicher Stressfaktor für die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, da sie während der Diskussion nie wissen können, auf welcher Sprache Fragen gestellt werden. Man kann sich also auch nach dem Ende des Vortrages noch nicht zurücklehnen. Im Gegenteil, hier muss man sehr konzentriert sein.“

Der Botschafter und die Russische Kabine

Adrenalinschübe garantiert

Das war auch bei einigen der an den Botschafter gerichteten Fragen der Fall: Die Konferenzsprache war Englisch. Das heißt, dass die englische Kabine die Präsentation des Botschafters aus dem Englischen ins Deutsche gedolmetscht hat. Die anderen Kabinen haben diese Verdolmetschung benutzt, um das Gesagte aus dem Deutschen ins Französische, Russische, Griechische, Italienische, Spanische, Niederländische und Polnische zu dolmetschen. Das nennt man Relais. Wenn das Publikum Fragen stellt, kann es aber dazu kommen, dass sich das Relais verschiebt: Wird eine Frage auf Französisch gestellt, muss die Französische Kabine diese ins Deutsche übertragen. Die Verdolmetschung wird dann beispielsweise von der Englischen Kabine genutzt, um die Frage ins Englische zu bringen, damit der Botschafter sie versteht und antworten kann. Es kann also große Adrenalinschübe verursachen, wenn man plötzlich in eine andere Sprachrichtung dolmetschen muss, als man es über die letzten 60 Minuten gewohnt war. „Aber so ist es auch im echten Berufsleben einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers“, stellt Rocco Pelaccia fachmännisch fest.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Diskussion thematisch in alle Richtungen gehen kann. So löcherte die interessierte Zuhörerschaft am Freitag den Botschafter mit Fragen zur Nuklearenergie in den Emiraten, zur Vielsprachigkeit seiner Kinder, zu seinem Botschafteralltag, aber auch zu den schwierigen Lebensverhältnissen der Gastarbeiter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Obwohl Seine Exzellenz erst seit Mai 2016 Botschafter ist, verstand er es, sehr diplomatisch auf heikle Angelegenheiten einzugehen und stets einen Witz parat zu haben, um sich die Gunst des Raumes zu sichern.

Geschenke aus Berlin

Der Weg in die Herzen der Dolmetscherzunft

Witze und Wortspiele sind zwar der Dolmetscherin und des Dolmetschers Graus, aber Seine Exzellenz Ali Al-Ahmad gewann die Herzen der offiziellen Kabine spätestens, als er verkündete, als kleines Dankeschön für die Studis Geschenke aus Berlin mitgebracht zu haben. „Wow, dass die Redner der Freiko an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher denken, ist bisher erst einmal vorgekommen seit ich am FTSK studiere“, erzählt mir Zwetelina Steinbach aufgeregt. Sie saß in der offiziellen Englischen Kabine und war dementsprechend dafür mitverantwortlich, dem Publikum eine Verdolmetschung ins Deutsche anzubieten.

Obwohl sie nach vielen Trockenübungen im Unterricht nun endlich mal einen „echten Botschafter“ verdolmetschen musste, war ihr keinerlei Nervosität anzumerken.

„Ich habe mich sehr intensiv auf den Vortrag vorbereitet, schließlich haben wir nicht jeden Freitag eine so hochranginge Persönlichkeit bei uns am Fachbereich. Aber es hat mir beim Dolmetschen auch geholfen, im Hinterkopf zu behalten, dass seine Exzellenz auch nur ein Mensch ist“.

Und trotzdem, ein klein wenig Stolz meine ich in ihrer Stimme ausmachen zu können. Zu Recht.

PS: Seid selbst mit dabei – alle Freitagskonferenzen findet ihr auf dem Youtube-Kanal des Fachbereichs in Germersheim.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

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