Skandal im Kunstbezirk

Als diese Postkarten der Universitätssammlungen vor einiger Zeit in der Uni auslagen, hat sich mancher gefragt, an was man da eigentlich denken soll. Manchmal sind die Dinge eben weniger offensichtlich als sie aussehen. Ich will euch daher eine Geschichte über die Macht von Klopapier erzählen: Es kann nicht nur Retter in höchster Not sein, sondern auch eine Universität blamieren. Und mit Kunst hat es selbstverständlich auch zu tun.

Das glaubt ihr nicht?

 

Ein Märchen aus tausend und einer Rolle

Vor langer Zeit, in einer kleinen Stadt am Rhein, in der sich viel um Wein, Fassenacht und Studium drehte, gab es nicht nur Fabriken für Wein, Pappnasen und Unibedarf sondern noch eine entscheidendere Industrie: Die HAKLE-Werke. Dort wurde ein Papierprodukt hergestellt, zu dem jeder von uns engen Kontakt pflegt: Klopapier. Nachdem Hans Klenk (HAns KLEnk, darauf muss man erst einmal kommen☺) 1928 den Papierbetrieb in seiner Heimatstadt Ludwigsburg gegründet hatte, verlagerte er ihn 1934 nach Mainz, wo Klenk im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Und zwar als Kommandant eben jener Flakkaserne, die später den Grundstein der JGU bilden sollte.

Der von Hans Klenk gestiftete Bürgerbrunnen am Forum universitatis.
Foto: Axel Stephan. Quelle Universitätsarchiv Mainz S3, Nr. 2403

Klenk setzte auf ein Produkt, das immer Konjunktur hat. Dieser unternehmerische Erfolg kam auch seiner neuen Wahlheimat zu Gute. Als Mäzen schenkte er der Stadt Mainz viele Dinge, die halfen, Mainz noch schöner zu machen: neue Chorfenster für St. Stephan, ein Kriegerdenkmal für seine Wohngemeinde Gonsenheim und einiges mehr.

Dabei vergaß er auch in Friedenszeiten seine alte Kriegs-Wirkungsstätte nicht. Hans Klenk schenkte der Uni nicht nur den Bürgerbrunnen am Forum universitatis, sondern griff der JGU öfter auch finanziell unter die Arme, wie zahlreiche Aktenbelege im Universitätsarchiv zeigen, was die JGU ihm unter anderem mit der Ehrenbürgerwürde dankte. Denn nicht nur die Stadt Mainz verleiht diese Würde (wie vor kurzem an Margit Sponheimer, um nur nochmal auf die Fassenacht zurückzukommen), sondern auch die Universität selbst. Nebenbei vertrat der Papierfabrikant auch noch die Republik Panama in der Bundesrepublik als Honorarkonsul.

 

Werke alter Meister?

Unter dem Titel „Werke alter Meister in Privatbesitz“, eröffnete heute vor 50 Jahren, am 07.05.1968, eine Ausstellung mit etwas unrühmlicher Geschichte im Kunstgeschichtlichen Institut der JGU. Die gezeigten Gemälde stammten aus der Klenk‘schen Privatsammlung, ins Leben gerufen, da er der Meinung war, dass auch anderen Menschen diese Kunstwerke zugänglich sein müssten.

Gekauft hatte er diese beim Stuttgarter Kunsthändler Friedrich Kohn, der sich selbst den etwas anachronistisch wirkenden Titel „Hausjude mehrerer Adelsgeschlechter und erster Fürstenhäuser“ gab. Was damals noch nicht bekannt war: Kohn verkaufte oft Bilder zu stark überhöhten Preisen, indem er Werkstattarbeiten oder Kopien von berühmten Malern als Originalbilder der Künstler ausgab. Gemogelt wurde in der Kunstwelt eben schon immer und es ist kein Ende in Sicht, wie der Fall Wolfgang Beltracchi  zeigt. So auch in diesem Fall, der in Teilen an die Filmsatire „Schtonk!“ denken lässt.

Richard Hamann-Mac Lean, Direktor des Kunstgeschichtlichen Instituts der JGU beteiligte sich an der Organisation der Ausstellung in seinem Institut und steuerte ein Vorwort für den Ausstellungskatalog bei. In der ersten Version des Katalogs schlug dieser zunächst vorsichtige Töne an: Die großen Meister, deren Namen in diesem Katalog erscheinen, wie - „Robert Campin, Rubens, Rembrandt, Velazquez - sind [...] nicht mit eigenen Werken vertreten“. Was ihre Kunst einst bedeutet habe, sei jedoch "auch einer Replik anzusehen".

Doch Klenk wollte nicht wahrhaben, dass er sich hatte übers Ohr hauen lassen. Auf Wunsch des Fabrikanten änderte Hamann-Mac Lean diesen Passus und formulierte, dass Rubens und die anderen vorgenannten alten Meister „nicht mit Spitzenleistungen“ vertreten seien. Um die Bedeutungsverschiebung dieser eher kleinen Umformulierung zu begreifen, muss man freilich kein Sprachwissenschaftler sein: Hamann-Mac Lean, der seiner Darstellung nach nie davon überzeugt gewesen war, dass die ausgestellten Bilder Originalarbeiten der alten Meister waren, konnte nun auch so verstanden werden, dass es sich bei Klenks Exponaten um Originalarbeiten handelte. In einem hierüber verfassten Spiegel-Artikel wird Hamann-Mac Lean zitiert,  diese sprachliche Anpassung sei "nach langem Zögern, innerlich widerstrebend, nur mit Rücksicht auf vermeintliche Verpflichtungen der Universität gegenüber ihrem Mäzen" geschehen.

 

Wer den Schaden hat…

Dem Vorfall wurde eine enorme mediale Aufmerksamkeit zuteil. Plötzlich wollte jeder Autor vorher längst gewusst haben, dass es sich bei den Werken höchstens um Werkstattarbeiten handeln konnte. Nur gesagt hatte dies natürlich keiner in dieser Deutlichkeit.

Klenks Schaden war vor allem finanzieller Natur, denn die gezeigten Werke hätte er bei richtiger Etikettierung deutlich günstiger erstehen können. Seinen Ruf als Ehrenmann verteidigte er mit zahlreichen Empfehlungsschreiben Mainzer Honoratioren.

Da die Ausstellung in den Räumen der Universität stattfand, erklärte sich der Kultusminister Bernhard Vogel in dieser Sache ebenfalls als betroffen. Hamann-Mac Lean schrammte nur knapp an einem Disziplinarverfahren vorbei, da man seine Umformulierung durchaus als unlautere wissenschaftliche Praxis auslegen konnte. Der Kultusminister sah dann aber doch davon ab.

 

… braucht für den Spott nicht zu Sorgen

Wie viele Dinge in Mainz fand die Angelegenheit zur Fassenacht einen krönenden Abschluss. Noch bis in den Februar 1969 beschäftigte der Vorfall die Zeitungen. Für den Straßenkarneval wurde ein eigener Motivwagen gefertigt. Er zeigte eine große Klopapierrolle und trug den Titel „Mainzer Neuheit. 1000 Blatt mit Expertisen“. Doch der Wagen kam nicht zum Einsatz. Angeblich hatte eine sehr großzügige Spende (ein Artikel der AZ spricht von 50.000 DM) die Organisatoren des Zuges dazu veranlasst, den Wagen zurückzuziehen.

Sie hatten aber die Rechnung ohne die Mainzer Studierenden gemacht. Einige von ihnen reihten sich kurzerhand in den Zug ein und zeigten Plakate mit der Aufschrift „Perlkrepp hält den Hintern reine, den Fastnachtszug des Konsuls Scheine“. Dies stieß auf großem Zuspruch der Bevölkerung, die den Studis zur Seite stand, als man die „Störenfriede“ aus dem Zug entfernen wollte.

Was lernen wir daraus? Klopapier kann einiges für die Kunst tun, sie aber nicht in jedem Fall blank polieren. Und irgendwie geht dreht sich Mainz am Ende doch alles wieder um die Fassenacht.

Im nächsten Artikel erfahrt ihr, warum der Mai vor fünfzig Jahren in Mainz besonders heiß war…

 

Wer sich bis dahin noch ein bisschen die Zeit vertreiben oder mehr über die „Werke alter Meister in Privatbesitz“ erfahren will, kann ja mal in den Ausstellungskatalog und den dazugehörigen Ergänzungsband schauen.

 

 


Frank HütherFrank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

 

1 Kommentar zu “Skandal im Kunstbezirk

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