Drei Schüsse, die die 68er-Bewegung veränderten

Ein junger Familienvater wartet auf seinem Fahrrad sitzend in der Nähe einer Apotheke darauf, dass diese nach der Mittagspause wieder öffnet. Er muss Medikamente für seinen neugeborenen Sohn besorgen. Ein Mann kommt plötzlich auf ihn zu. Nachdem dieser den Studenten nach seiner Identität gefragt hat, zieht er blitzschnell eine Pistole. Es fallen drei Schüsse. Sie treffen das Opfer in die Brust, am Halsansatz und ins Gehirn. Es bricht schwer verletzt zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Nach einer mehrstündigen Notoperation befindet sich der Mann zunächst in Lebensgefahr.

Der Tatort auf dem Berliner Kurfürstendamm
Quelle: Polizei Berlin, Lizenz CC-BY-SA 4.0

Diese Ereignisse fanden heute vor genau 50 Jahren, am Gründonnerstag 1968, statt. Ihr habt es bestimmt schon erkannt: Die Rede ist vom Attentat auf Rudi Dutschke vor der Westberliner Zentrale des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Der Mordversuch löste eine heftige Protestwelle in der ganzen Bundesrepublik aus. Während in den Zentren der 68er-Bewegung in Berlin und Frankfurt heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei entbrannten, blieben die Proteste in Mainz friedlich. Wie kam es dazu? Und vor allem: Wie reagierten die Studis an der JGU auf den politischen Mordanschlag?

 

Teach-Ins und Straßenbarrikaden vs. Wasserwerfer und Schlagknüppel

Die Nachricht vom Attentat auf einen der Anführer der APO (Außerparlamentarische Opposition) verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nur eine Woche nach der Ermordung Martin Luther Kings in Memphis wurden nun auch in der BRD Straßenbarrikaden errichtet. Die heftigen Proteste nahmen zum Teil bürgerkriegsähnliche Zustände an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagknüppel gegen die Demonstranten ein. Über Ostern kam es zu mehreren hundert Festnahmen. Der Pressefotograf Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck verloren bei den Straßenschlachten in München ihr Leben.

Mit dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 hatten die Studentenproteste in der ganzen Republik und auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt an Fahrt aufgenommen. Studierende organisierten das erste Teach-In an der JGU. Im Frühling 1968 gehörte diese Veranstaltungsform in Mainz bereits zum studentischen Alltag. Eine Woche nach dem Dutschke-Attentat wurde ein Teach-In auf dem Forum universitatis organisiert.

 

Gewalt ist keine Lösung, aber…

Auch Rektor Adolf Adam nahm an der Veranstaltung teil, für die er am Nachmittag des 18. April sogar vorlesungsfrei gab. Adam verurteilt das Attentat in einer Stellungnahme als „verabscheuungswürdige Tat“, distanzierte sich aber zugleich „von jeden Gewalttätigkeiten, die dem Verbrechen gefolgt sind.“ Er rief „zu echter Toleranz vor der Überzeugung der Mitmenschen“ und zur Distanzierung „von jeglicher Gewalttätigkeit“ auf.

Auch alle studentischen Hochschulgruppen der JGU sprachen sich gegen die Anwendung von Gewalt zur Durchführung von politischen und gesellschaftlichen Zielen aus. Wobei der SDS zwischen der Gewalt gegen Sachen und Menschen unterschied und zumindest letztere nun „mit noch größerer Entschiedenheit“ ablehnte. Ebenso wie Dutschke, der zwischen diesen Gewaltformen differenzierte, auch wenn er auf das Mittel der Provokation setzte, um auf sein Gesellschaftsbild aufmerksam zu machen.

 

Megafon statt Wasserwerfer

Demonstrierende in Mainz nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke. Quelle: Stadtbuch Mainz

Das Teach-In war aber bei weitem nicht die einzige Veranstaltung in Mainz als Reaktion auf das Attentat. Bereits am Morgen danach fand eine spontane Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz statt, gefolgt von einem Schweigezug durch die Innenstadt sowie einer Kundgebung auf dem Theaterplatz. Unter den rund 200 Teilnehmern befand sich auch der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Die Demonstrierenden benannten auf Spruchbändern, Handzetteln und in ihren Reden vor allem die Große Koalition sowie die drei großen Parteien CDU, SPD und FDP als Schuldige für den Mordanschlag.

Da bei der kurzfristigen Organisation keine Lautsprecheranlage zur Verfügung stand, lieh die Polizei den Studierenden kurzerhand ein Megafon. Dieser Vorfall steht symbolisch für den Charakter der 68er-Bewegung in Mainz und das Verhältnis von Polizei und Studierendenbewegung. Während in anderen Städten Polizisten gegen die Demonstrierenden mit Wasserwerfern und Schlagknüppeln vorgingen, war der Umgang zwischen den Ordnungshütern und Studierenden respektvoll.

 

„Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“

Demonstration nach Attentat auf Rudi Dutschke.
Quelle: Stadtbuch Mainz Bd 2, S. 82

Aber nicht nur die Polizei zeigte sich gegenüber den Protestierenden verständnisvoll. Bereits vor der Demonstration war es am Karfreitag zu einem Zwischenfall in der Christuskirche gekommen. Drei Mitglieder des SDS traten unmittelbar vor dem Gottesdienst vor die Gemeinde. Ihr Anliegen: „den schwerverletzten Dutschke ins Gebet einzuschließen, Aufruf zur Demonstration, Diskussion über Vietnam, den Mord an Dr. Martin Luther King und den Anschlag auf Dutschke.“ Zwar beschwerten sich die Gottesdienstbesucher lautstark über die Aktion und komplimentierten die drei mit „sanfter Gewalt“ nach draußen. Doch am Ostersonntag arrangierte sich Pfarrer Hickel mit den SDSlern. Es kam zu einer Diskussion unter der Leitung des Theologie-Professors Gert Otto. Nach einer Stunde ließ das Interesse nach und man einigte sich darauf, im Wolfgang-Capito-Haus der Gemeinde weiter zu diskutieren.

Dass der SDS einen Gottesdienst als Rahmen für eine seiner Aktionen nutzte, ist nicht weiter verwunderlich. Rund ein Viertel seiner damaligen 55 Mitglieder waren Studierende der Evangelischen Theologie. Das Albert-Schweitzer-Haus der ESG (Evangelische Studierendengemeine) entwickelte sich sogar zu einem Zentrum der Mainzer 68er-Bewegung.

Aber auch die KHG (Katholische Hochschulgemeinde war nach dem Attentat aktiv. Am 19. April mobilisierte sie 250 Menschen zu einen Schweigemarsch unter dem Motto „Gegen Terror – für Gewaltlosigkeit“. Rudi Dutschke selbst war nicht nur überzeugter Sozialist, sondern auch Christ. So ist er in der Jungen Gemeinde, der Jugendorganisation der evangelischen Kirche der DDR, aktiv gewesen, bevor er nach Westberlin floh. Das christliche Ideal der Gerechtigkeit wurde zum Leitmotiv seines politischen Handelns.

 

„Leute, macht die Fackeln aus, wir brauchen sie fürs Springer-Haus“

Die Wut der Demonstrierenden in der ganzen Republik richtet sich vor allem auch gegen den Axel Springer Verlag und dessen Zeitungen wie BILD und Welt. Der Medienkonzern hatte immer wieder zu Maßnahmen gegen die 68er-Bewegung aufgerufen. So hieß es in der BILD-Zeitung vom 07.02.1968 beispielsweise im Artikel „Stoppt den Terror der Jungen-Roten jetzt!“, dass „man […] nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen [darf].“ Neben dem Artikel war ein Foto von Rudi Dutschke abgedruckt. Für die Studierenden stand fest: Der Attentäter hat nur ausgeführt, wozu die Springer-Presse zuvor animiert hatte. In der ganzen Bundesrepublik versuchten die Demonstrierenden daher durch Barrikaden die Auslieferung der Zeitungen des Verlags zu verhindern. Teile des Verlagsfuhrparks gingen in Flammen auf. Redaktionsräume wurden verwüstet.

So kam es auch ganz in der Nähe von Mainz, vor der Frankfurter Societäts-Druckerei, die für die Herstellung der BILD-Zeitung mitverantwortlich war, zu Ausschreitungen. Einer der möglichen Gründe, warum die Mainzer Proteste vergleichsweise friedlich verliefen: In Mainz wurden schlicht keine Blätter des Springer Verlags gedruckt. Dennoch wurde auch hier starke Kritik geäußert. In einer ersten Stellungnahme der ESG hieß es, dass „[d]ie Springerpresse […] ungestraft eine Hetzkampagne gegen alle treibt, die die bestehende Ordnung nicht bedingungslos anerkennt.“ Der 3. Vorsitzende des AStA, Erwin Kreim, rief daher zum Widerstand „gegen die Vergewaltigung der Sprache“ auf. Auch Dutschke hatte zuvor scharfe Kritik geäußert, da Axel Springer für ihn „Garant und Propagandist des sozialen Scheinfriedens“ gewesen sei.

 

Die Auswirkungen des Attentats

Nach dem Anschlag verließ Dutschke Deutschland und ging ins Exil nach Dänemark
Quelle: Nationaal Archief
Fotograf: Hans Peters (Anefo)                                   Lizenz: CC-BY-SA 4.0

 

Die Studierenden in Mainz nahmen am tragischen Attentat auf Rudi Dutschke auf vielfältige Weise und in zahlreichen Veranstaltungen Anteil. Die Proteste ragten dabei oftmals von der Universität in die Stadt hinein. Während es in anderen Städten jedoch zu massiven Gewaltausbrüchen kam, blieben die Proteste an der JGU vergleichsweise ruhig. Dass die Proteste hier nicht eskalierten, lag nicht zuletzt am besonnenen Verhalten der Polizei und an der Tatsache, dass hier keine Zeitungen des Springer Verlags hergestellt wurden. Zudem sprachen sich die Mainzer Studis klar gegen die Anwendung von Gewalt aus.

Dutschke selbst überlebte den Angriff zwar schwerverletzt, zog sich danach aber ins Exil nach Dänemark zurück, wo er Weihnachten 1979 an den Spätfolgen des Mordversuchs starb. Während die APO mit dem Attentat eine ihrer Führungsfiguren verlor, fanden in Mainz die Ereignisse rund um die Studierendenbewegung im Mai 1968 erst während der Proteste gegen die Notstandsgesetze ihren Höhepunkt.

 

…Dutschke und Mainz?

Eine Frage konnte ich im Rahmen meiner Recherchen leider nicht beantworten: In welcher Beziehung stand Dutschke eigentlich zu Mainz? Hatte Dutschke Mainz besucht? Und wenn ja, in welchem Kontext? Falls ihr Informationen dazu habt, würde ich mich über eure Nachricht oder euren Kommentar freuen!

 

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften

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