Aktenzeichen JGU… ungelöst!

 

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Schaulustige,

im folgenden Kriminalfall bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe:

Donnerstagabend, 21.00 Uhr: Die Dunkelheit hat bereits seit einigen Stunden ihren Schleier über Mainz gelegt. Doch plötzlich steigt sichtbar Rauch auf. Vor der Haupteinfahrt der Johannes Gutenberg-Universität wurde ein Feuer gelegt. Lodernd fallen mehrere hundert Exemplare einer Zeitung den Flammen zum Opfer und erhellen die Nacht. Augenzeugen eilen stürmisch herbei. Die Polizei wird gerufen. Diese Szenerie erinnert an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten und könnte sich auch 1933 so abgespielt haben. Tatsächlich fand sie aber genau heute vor 50 Jahren an unserer Universität statt.

 

Es brennt so schön

Hier befindet sich der mutmaßliche Tatort. Quelle: Universitätsarchiv Mainz

Am Abend des 4. Januar 1968 wurden hunderte ausgelegte Exemplare der Studentenzeitung nobis vermutlich aus der Alten Mensa entwendet. Anschließend wurden die Zeitungen gegen 21.00 Uhr vor der nahegelegenen damaligen Haupteinfahrt der Universität verbrannt. Mehrere Augenzeugen wurden durch das Feuer angelockt. Darunter einer der beiden Studentenpfarrer und ein Redakteur der Zeitung, deren Räumlichkeiten sich im nahegelegenen Forum befanden. Nur rund 150 Exemplare konnten geborgen werden.

Das Opfer war eine 29,6 cm große, zwei Tage alte nobis-Ausgabe. Am Tatabend war sie in weiß-lilafarbenes Gewand gekleidet und enthielt u. a. kritische Beiträge zu den Vorstellungen des akademischen Senats über die geplante neue Fassung der Universitätssatzung. War dies der Grund, warum sie den Flammen zum Opfer fallen musste?

Eine Polizeistreife wurde unmittelbar nach Bekanntwerden herbeigerufen. Die Täter konnten dennoch im Dunkeln der Nacht unbemerkt fliehen. Der Allgemeine Studentenausschuss erstattete daher Strafanzeige gegen unbekannt. In einem Flugblatt stellte der AStA klar, dass er hinter der Aktion ein politisches Motiv und Parallelen zu den Nazi-Bücherverbrennungen sehen würde. Der AStA rief alle Gruppen der Universität zu Stellungnahmen auf. Gruppierungen des gesamten politischen Spektrums – vom SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbund) bis zum RMK (Ring Mainzer Korporationen) – nahmen Stellung und verurteilten die Aktion. Für den SHB (Sozialistischer Hochschulbund) war die Verbrennung „praktizierter Faschismus“, der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) lehnte die Aktion „auf das Schärfste“ ab.

 

Keiner will‘s gewesen sein

Da der bzw. die Täter unerkannt entkommen konnte(n), schoben sich beide politischen Lager gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Die Verbrennung wurde in zahlreichen Flugblättern während des restlichen Wahlkampfes der Mitte Januar anstehenden StuPa-Wahlen thematisiert. Für den AStA stand die Verbrennung dabei in direktem Zusammenhang mit dem Wahlkampf: „Wer die Wahlversammlungen vor Weihnachten besuchte, weiß, dass bei der Anti-nobis-Kampagne nicht nur rationale Gründe eine Rolle gespielt haben, sondern auch die irrationale Abneigung gegen ein ‚linksintellektuelles‘ Blatt.“ Der RCDS hatte bei Wahlkampfveranstaltungen heftige Kritik an der Studentenzeitung geäußert.

Die Mainzer Allgemeine Zeitung ging in ihrer Ausgabe  vom 6./7. Januar 1968 auf die Verbrennung ein. Dabei wurden auch die Angriffe des RCDS auf die nobis und die Vermutungen des AStA thematisiert. Wegen dieser Vorwürfe sahen sich der RCDS und zwei Studentenverbindungen genötigt, in der AZ Stellung zu beziehen. Der RCDS verwies auf Spekulationen zahlreicher Studierender, dass die Redaktion ihre Zeitung selbst den Flammen zum Opfer gegeben habe. Schließlich hätten nur linksgerichtete Gruppierungen ein Motiv: Kurz vor den Wahlen hätten nur sie einen Nutzen, da man die Verbrennung den Kritikern des Blattes anhängen würde. Die Studentenverbindungen Merovinga Gießen zu Mainz und Hercynia Jenensis et Hallensis zu Mainz sahen in den Schuldzuweisungen gar einen Versuch der „primitiven Diffamierung“ seitens linker Gruppierungen. Erst mit dem SDS seien radikale Praktiken an deutschen Hochschulen eingezogen.

 

Burn NOBIS Burn

Die Redaktion bezichtigte sich unter dem Motto „Burn NOBIS Burn“ kurz darauf ebenfalls scherzhaft (?) selbst. Mit diesem „Heiz-Happening“ wolle man sich beim Axel Springer-Verlag entschuldigen, den die Studentenzeitung häufig kritisiert hatte.

In der darauffolgenden nobis-Ausgabe wurde die Verbrennung jedoch nicht näher thematisiert. Ausnahmen finden sich lediglich in der Leserbrief-Rubrik. Auf der einen Seite gab es nach dieser „Autodafé-Aktion“  Solidaritätsbekundungen der Heidelberger Studentenzeitung Forum Academicum. Auf der anderen Seite sorgte der Vergleich mit den Nazi-Bücherverbrennungen als „größenwahnsinnige Reaktion“ für Unverständnis.

 

Die bewegte Geschichte der „ältesten Studentenzeitung Westdeutschlands“

Hier seht ihr ein Portrait des Opfers. Quelle Universitätsarchiv Mainz

Das Opfer bezeichnete sich selbst als „älteste Studentenzeitung Westdeutschlands“ und konnte zum Tatzeitpunkt auf eine turbulente zwanzigjährige Geschichte zurückblicken. Die Zeitung und ihre Mitarbeiter eckten immer wieder an. So wurde der nobis-Redakteur Jörg Bilke 1961 beim Besuch der Leipziger Buchmesse wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Haft im DDR-Zuchthaus verurteilt. Auslöser hierfür waren DDR-kritische Artikel, die er in der nobis veröffentlicht hatte. Da man sich in den 1960er Jahren der APO zugehörig fühlte, organisierten nobis-Mitarbeiter verschiedentlich Protestaktionen mit, beispielsweise gegen die große Koalition im November 1966.

Die nobis wurde zwar vom AStA in Auftrag gegeben, agierte laut dem ehemaligen Chefredakteur Thomas Schneider aber weitestgehend unabhängig. Sie erschien sieben Mal im Jahr in einer Auflage von 8.000 Exemplaren. Ihre Leserschaft fand sie überwiegend unter den Angehörigen der JGU, aber ein kleiner Teil der Abonnenten war über die ganze Republik verteilt. Einige Leser hatte die Zeitung zudem auch im „Ostblock“, Westeuropa und sogar in Afrika. Dass ein Teil des Semesterbeitrags eines jeden Studierenden in die Finanzierung der Zeitung floss, war einer der Kritikpunkte, die im Vorfeld der Verbrennung geäußert wurden. Nicht selten fiel das Wort „Zwangsfinanzierung“, das uns ja auch heute immer mal wieder begegnet.

Im Januar 1969 nahm der alljährliche nobis-Presseball (ehemals „Ball der Nationen“) orgienhafte Züge an: Eine junge Frau soll sich „blitzartig“ ausgezogen und anschließend ein „heftiges Liebesspiel“ mit einem nur in Socken gekleideten Mann begonnen haben. Die Veranstaltung schlug daraufhin derart hohe Wellen, dass nicht nur der Universitätsrichter eingeschaltet wurde, sondern auch die Kriminalpolizei ermittelte. Wenig später kündigte der nun vom RCDS dominierte AStA den Vertrag mit der Zeitung auf. Begründung: „unklares Finanzgebahren und anstößige Gestaltung der Zeitschrift.“ Die nobis stellte daraufhin Ende März 1969 ihre Arbeit ein. Eine Ära fand ihr Ende.

 

Um sachdienliche Hinweise wird gebeten

Die Verbrennung der nobis hatte auf den Ausgang der Wahlen vermutlich nur bedingt Einfluss. Trotz der Schuldzuweisungen seitens des AStA konnte der RCDS als stärkste Fraktion ins StuPa einziehen. Bis heute ist nicht geklärt, wer letztendlich hinter dieser Aktion steckte.

Daher bittet das Universitätsarchiv um eure Mithilfe. Jeder Hinweisgeber, der zur Aufklärung des Falls oder zur Ergreifung des, bzw. der Täter beiträgt, wird mit einem Mensagutschein belohnt.

 

Sachdienliche Hinweise nehmen das Universitätsarchiv sowie die Kommentarspalte des UB-Blogs entgegen.

 


 

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

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