Do’s and Don’ts zum Studienstart

 

Heute ist für viele Erstsemestlerinnen und Erstsemestler der erste Tag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. An dieser Stelle spare ich mir, als alte Häsin, meine Beileidsbekundungen und gebe euch lieber einen nützlichen Ratgeber mit an die Hand, der euch sicher durch die bevorstehenden turbulenten Zeiten bringen wird.

 

Vorab ist es vielleicht ganz gut, sich klar zu machen, dass vor euch auch schon andere durch die ehrwürdigen Hallen der Universität wandelten und sich dabei zu Beginn genau so unsicher gefühlt haben, wie so manch eine oder einer unter euch.

 

Aller Anfang ist schwer. Do: Tief durchatmen!

Am Studialltag und der Institution Uni hat sich natürlich sehr viel verändert. Hättet ihr euch vor 50 Jahren, also 1967, eingeschrieben, wärt ihr nicht am höchstkomplizierten Einrichten eines Druckkontos gescheitert, sondern vielleicht sogar schon an der Immatrikulation selbst, Bafög gab es damals nämlich noch nicht und dementsprechend kostspieliger war das Studium in diesen Zeiten also. Dass das Bafög allerdings auch so seine Nachteile hat und noch weit davon entfernt ist, auf gerechte Art und Weise die Studienfinanzierung für möglichst viele Studis sicherzustellen, ist allseits bekannt. Trotzdem: Falls du zu den Auserkorenen gehörst und dich daher durch den ganzen Papierkram kämpfen musst, denk immer daran, dass es das wert ist. Du wirst sehen, dass man sich im Laufe des Studiums eine umfassende Expertise in Sachen Bafög aneignet und man mit jedem Verlängerungsantrag routinierter wird.

1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

1967: Feierliche Immatrikulation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Und was den Akt der Einschreibung selbst angeht, habt ihr es heute deutlich einfacher als jene Studienanfängerinnen und Anfänger, die 1967 nicht um den ganz großen Auftritt herumgekommen sind. Zwar nicht à la Harry Potter mit sprechendem Hut und so, aber bis Ende der 60er Jahre gehörte es zum guten Ton in der rheinlandpfälzischen Hauptstadt, die neuen Mitglieder des Campusvolks bei einer feierlichen Immatrikulation im Großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses mit einem Festakt offiziell in der akademischen Gemeinschaft willkommen zu heißen. Zu den Programmpunkten gehörten etwa der Einzug des Lehrkörpers, Musikeinlagen des Mainzer Collegium Musicum und der für die Neuankömmlinge wohl ergreifendste Teil: die feierliche Verpflichtung der Neuimmatrikulierten.

 

Gestern Vietnam, heute Syrien. Do: Redet miteinander!

Abseits von Prunk und Fanfaren, in den mehr oder weniger ansehnlichen Toilettenräumen auf den Gängen unterwegs zur nächsten Veranstaltung, oder wo auch immer, blieb und bleibt Platz für Gespräche an der Uni, die nicht zwangsläufig auf dem Lehrplan stehen. Als Ersti bietet es sich insbesondere an, deine Mitstudis in Gespräche zu verwickeln und euch auszutauschen. Vor 50 Jahren drehten sich viele Diskussionen um den immer verheerender werdenden Vietnamkrieg, die nicht aufgearbeitete Nazivergangenheit der vorigen Generation und die, in den Augen vieler Studierender, hetzerisch berichtende „Springerpresse“. Der Schock über die Ermordung des Berliner Studenten Benno Ohnesorg saß noch immer tief. Natürlich finden auch weiterhin, wie 1967, eben jene weltpolitischen Themen Eingang in unsere universitäre Blase und zwingen uns, uns mit dem Krieg in Syrien, dem Erstarken verfassungsfeindlicher Positionen im gesellschaftlichen Diskurs und den vielen sozialen Ungerechtigkeiten in der Republik auseinanderzusetzen.

 

„Im Staat mündig, in der Universität ein bevormundetes Kind“. Do: Engagier dich!

Neben den Diskussionen bringen sich auch viele Studierenden selbst ein, um an den vielen Baustellen unserer Gesellschaft mitwirken zu können. Auch an der Uni. Jetzt nicht unbedingt bei der Neubepflasterung des Unieinganges sondern im übertragenen Sinne. Schau dich doch mal bei deiner Fachschaft um, bring dich im AStA ein oder gestalte eine der unzähligen Hochschulgruppen in Mainz mit. Ganz nebenbei kannst du hier natürlich Kontakte knüpfen, aus denen vielleicht sogar Freundschaften entstehen.

Das vergangene Sommersemester war von Protesten seitens der Studierenden geprägt gewesen, die auch hochschulpolitisch mehr Mitbestimmung gefordert hatten, etwa durch studentische Repräsentation im Senat, dem höchsten Entscheidungsgremium der Uni. Diesen Wunsch, mündiger Teil in einer demokratischen Bildungseinrichtung zu sein, hatten auch schon die Studenten und Studentinnen vor 50 Jahren. Persönlich angegriffen fühlten sich daher einige unter ihnen durch die Worte des Mainzer Rektors Professor Adolf Adam in der Hochschulbeilage der Mainzer Allgemeinen Zeitung anlässlich seiner Amtseinführung zum Beginn des Wintersemesters 1967/68:

„Diese Partnerschaft [zwischen Rektor und Studis] bedeutet jedoch nicht, daß jeder gleiche Funktionen und Entscheidungsbefugnisse besitzt. Eine allseitige Gleichmacherei wäre Utopie und müßte der Sache der Universität und in erster Linie den Studenten schaden.“

Wohl gänzlich verscherzt hatte es sich der neue Rektor mit den angehenden Mainzer Akademikerinnen und Akademikern aber vor allem durch seine Aussage ein paar Zeilen weiter unten. Hier sprach er jungen Menschen im Allgemeinen ab, den nötigen „Sachverstand, Erfahrung und Überblick“ zu haben, um sich hochschulpolitisch einzubringen, denn:

„Wer aber wollte bestreiten, daß der junge Mensch zwischen zwanzig und fünfundzwanzig sowohl in Wissenschaftsfragen wie auch im Bereich menschlicher Erfahrung noch ein Lernender ist und ihm das später mögliche Potential an Sachverstand, Erfahrung und Differenzierungsvermögen jetzt noch nicht zugewachsen ist.“

Wer heute als Lernender oder Lernende an die Uni Mainz kommt, findet im Vergleich zu 1967 und dank der 68er-Bewegung demokratisierte Strukturen vor und hat zahlreiche Mitbestimmungsmöglichkeiten, auch auf institutioneller Ebene. Was Rektor Adam wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass heute 8 Studierende als stimmberechtigte Mitglieder des Senats im höchsten Gremium der Universität sitzen und über unirelevante Sachverhalte mitentscheiden?

 

Trillerpfeifen und Transparente. Do: Den Protest auf die Straße bringen!

Wer das Semester gut ausgestattet beginnen möchte, sollte sich auch mit Transparenten und Trillerpfeifen eindecken. Die machen sich immer gut bei Sitzblockaden gegen Erhöhung des Semesterbeitrags und schlechtes Mensaessen. Eure Kommilitoninnen und Kommilitonen von 1967 können ein Lied davon singen. So protestierten sie etwa gegen die Notstandsgesetze, gegen den Krieg in Vietnam oder die Anbiederung der BRD an das autokratische Schahregime des Irans.

 

Traditionen sind wichtig. Do: An der Kneipentour teilnehmen!

Es gibt auch andere Gepflogenheiten, die es sich fortzuführen lohnt, denn Traditionen sind schon was Tolles, also auf jeden Fall, wenn es um die Ersti-Kneipentour geht. Passt hier nur auf, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Denn wenn ihr euch plötzlich zwischen mit Säbel hantierenden und komischen Mützen tragenden Studis wiederfindet, muss das nicht zwangsweise an überhöhtem Alkoholkonsum liegen. Es gibt sie noch – diese Studentenverbindungen, die mit ihren Ritualen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.

Da man sich ja auch mal bei den älteren Jahrgängen umhören kann, wie die ihre Zeit als Erstis überstanden haben, haben wir im Universitätsarchiv uns noch zusätzliche Gedanken gemacht, uns an unsere Ersti-Zeit zurückerinnert. Wenn ihr die Do’s beherzigt seid ihr zwar schon fast Uniprofis, doch hier noch ein paar Dinge die ihr besser bleiben lasst.

 

Don’t!

Deine Tischnachbarin beim Ersti-Frühstück mit „wertes Fräulein, könnten Sie mir bitte die Butter reichen“, ansprechen. Unter Rektor Adam noch völlig normal, heute eher uncool.

Gekauftes Lehrbuch nach Klausur mit Unschuldsmiene in der Campusbuchhandlung  zurückgeben und trotz kunterbunt markierter Passagen und Kaffeeflecken behaupten, man habe es ja gar nicht benutzt – das sei schon so gewesen. Ein Klassiker.

Deinen Ehemann um Erlaubnis bitten, dich an der Universität immatrikulieren zu dürfen. Das ist sooo 1967.

Nein, man belegt einfach keine Vorlesung um acht Uhr morgens – es sei denn diese ist klausurrelevant oder bei einem Professoren wie Walter Holsten, den hält man sich lieber mal warm. (Warum, könnt ihr hier lesen).

Ach ja, Life hack: Fragen wie "Müssen wir das für die Klausur noch wissen?" mögen auch die nettesten Dozierenden nicht.

Gibt’s sonst noch etwas zu wissen? Ne Menge, aber deswegen bist Du ja hier.

 

Viel Spaß beim Studieren!

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.