Zur Not die Brücke

Foto: Oliver Abels. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Als Neumainzer auf Zeit kann ich schon mal eines bestätigen: Der Wohnungsmarkt in Mainz ist der Vorhof zur Hölle. Dabei dachte ich am Anfang noch, dass man wenigstens ein Zimmer zur Zwischenmiete schnell organisieren könnte. Aber Pustekuchen! Statt einer Unterkunft fand ich viel zu wenige Angebote, viel zu teure Zimmer und viel zu viele Absagen.

Wer hätte auch vorhersehen können, dass in Ballungszentren Platzmangel herrscht? Wahrscheinlich jeder. Aber nicht jeder kann erklären, wann und wie es zur Wohnungsnot unter Mainzer Studierenden kam. Da ich im Archiv direkt an den Quellen sitze, werde ich mich mal daran versuchen. Herausgekommen sind dieser und weitere Artikel, die im Laufe der nächsten Wochen veröffentlicht werde.

Die Saat des Übels

Ok. Wer von Wohnungsnot spricht, muss 1945 beginnen. Ein Großteil des städtischen Wohnraums in Deutschland war während des Kriegs zerstört worden. Mainz war da keine Ausnahme, wie ich in einem kommenden Artikel noch berichten werde. Aber wie ihr euch sicherlich denken könnt, war diese Notlage bis in die 1950er Jahre durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder weitestgehend gedeckelt.

Die Ursachen des Wohnungsnotstands unter uns Studierenden lassen sich hingegen so ziemlich am Ende der 1950er verorten. Damals fing die Universität in Mainz zu wachsen an. Für die JGU war dies zunächst eine erfreuliche Nachricht, war sie doch seit ihrer Gründung um die Hälfte geschrumpft. 1958/59 hatte man jedoch erneut die früheren Spitzenwerte erreicht, ein Jahr später sogar mit über 6.000 Studierenden einen neuen Rekord aufgestellt. Es sollte nicht der letzte gewesen sein.

Blindlings in die Wohnungsnot

Grenzenloses Wachstum? Die Studierendzahlen der JGU nach Recherchen des Universitätsarchivs

Wie wir als Spätgeborene wissen, wuchs die Universität noch die nächsten 50 Jahre weiter. So trudelten jedes Wintersemester mehr und mehr Studierende auf den Campus. Parallel dazu entwickelte sich Mainz nach dem schmerzlichen Verlust von Mainz-Kastell erneut zum Industrie- und Wirtschaftsstandort. Wer jetzt beides zusammenzählt, sieht ein Ballungszentrum entstehen. Doch die Universität war sich den Ausmaßen dieses Problems noch lange nicht bewusst.

Währenddessen wuchs die Studierendenschaft auf über 7.000 Köpfe an. Erst jetzt, 1963, war für die Planungskommission der JGU klar: Viel weiter könne sie nicht mehr wachsen. (Wer hätte auch etwas anderes gedacht?) Falls doch, werde man das schon eindämmen können. Einige zweifelten: Und wenn die Dämme doch brechen? Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission beantwortete die Kritik wie folgt: „Die Dinge kann kein Mensch voraussehen. Sie [Anm.: die Kritiker] sind völlig irrational.“ Eine Haltung mit fatalen Folgen!

Tropfen auf den heißen Stein…

Ähnlich planlos wie die Mainzer Universität war das Mainzer Studentenwerk (damals wurde noch nicht gegendert). Zwar kannte man den Plan des Deutschen Studentenwerks, also dem Dachverband, dass 20 und 30% der Studierenden in Wohnheimen unterkommen sollen, doch schien dies bereits damals utopisch. Den Richtwert hat keine deutsche Universität jemals erreicht. Schon allein aus finanziellen Gründen konnte der Wohnheimbau nicht mit den rapide wachsenden Zahlen mithalten.

"Hier baut das Land immer noch nicht das 2. Internationale Wohnhiem.“ - Protestaktion des AStA in den 1970er.
Foto: Reiner Wierick. Quelle: Universitätsarchiv Mainz S 3, Nr. 5497

Immerhin regte der Beschluss in den ersten Jahren eine rege Bautätigkeit an. Bereits 1959 eröffneten drei evangelische Landeskirchen (Hessen-Nassau, Westfalen und Pfalz) gemeinsam ein neues Studentenwohnheim in Mainz. Es hatte Platz für insgesamt 35 Studenten. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Zur gleichen Zeit verkündete übrigens der AStA, dass noch ca. 2.000 Studierende eine Bleibe suchten. Zwei weitere, sogar größere Wohnheime entstanden. Doch Mitte der 1960er Jahre erlahmte das Engagement. Das Wohnheim „Inter II“, das für 1968 geplant war, stampfte man erst acht Jahre später aus dem Boden – aus „verschiedenen Gründen“, wie die Quellen der Zeit einstimmig berichten. Welche genau, bleibt für jeden offen.

Dann gab es noch den erwähnten Vorhof zur Hölle, auch bekannt als freier Wohnungsmarkt. Dort war es bis in die 1960er üblich, dass Studierende als Untermieter in Privatwohnungen unterkamen. Die Stadt Mainz unterstützte dieses Phänomen aktiv durch besondere Wohnbauverordnungen. Doch auch in diesem Feld wuchs die Zahl der Studierenden schneller als die der Neubauten. Nur die Mietpreise konnten mit dem Wachstum Schritt halten und drängten die Studierenden an den Rand der Armut.

…und es wurde nicht besser

Wohnalternativen von Studierenden 1973. Aus: JoGu Nr.127 S.16.

Jetzt wissen wir also, wo die Wurzel unseres heutigen Übels zu verorten ist. Zwar hilft das anderen und mir nicht, eine Bude zu finden, doch spendet der Gedanke Trost, dass die Generationen vor uns vor ähnlichen Problemen standen. Trotzdem bleibt eine gewisse Skepsis: Hat sich in einem halben Jahrhundert gar nichts geändert? Nun ja, es wurde zeitweise sogar schlimmer.

Spätestens 1970 wurde die Wohnungsnot derart prekär, dass sich die Studierenden zu wehren begannen: Die Bewohner der Wohnheime rebellierten gegen Mieterhöhungen des Studentenwerks. AStA und linke Hochschulgruppen drohten mit der Besetzung leerstehender Gebäude. Stadt und Land reagierten mit Sozialbauten und Bauförderungen. So entspannte sich die Lage für wenige Semester, bis die Studierendenzahlen wieder in die Höhe schossen. Das Drama spitzte sich Anfang der 1980er Jahre erneut zu, nur um sich nach 1990 nochmals zu wiederholen.

Unverändert wie die Wohnungsnot blieb auch die Neigung der Planungsbehörden, die Entwicklung falsch einzuschätzen. Der Wissenschaftsrat des Bundes erklärte z.B. die hohen Studierendenzahlen mit der geburtenstarken Babyboomer-Generation. Natürlich blieb auch das ein gewaltiger Irrtum. Aber wie wir schon mehrfach festgestellt haben: Solche Dinge kann kein Mensch vorhersehen…

Und heute?

Foto: Werner Wierick. Quelle: Universitätsarchiv S3 Nr. 5338

In den letzten Semestern ging mit den Studierendenzahlen auch die Wohnungsnot zurück. Trotzdem habe ich keine Wohnung gefunden und muss nun täglich vier Stunden pendeln. Konfrontiert mit meiner Notlage, witzelten Kommilitonen: „Warum schläfst du nicht einfach unter der Brücke?“ So absurd es klingen mag: Frühere Studierendengenerationen waren dicht davor. Alteingesessene der JGU erzählten mir während meiner Recherche von Zeltcamps, die vor wenigen Jahren den Mainzer Campus schmückten.

Ich hoffe, dass für euch würdigere Schlafplätze bereitstehen. Aber vielleicht kennt ihr ja auch die eine oder andere Anekdote? Egal ob schreckliche Bruchbuden, schräge Vermieter oder unverschämte Verträge: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn ihr doch mehr Glück hattet als ich, dann umso besser. Schließlich gibt es Wunder immer wieder.

 

 

 


Autor Tobias Heil

Tobias Heil studiert Geschichte und Fachjournalistik in Gießen. Als Praktikant des Universitätsarchivs ist er für einige Wochen nach Mainz gekommen und schreibt in dieser Zeit unter anderem für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Zentralbibliothek: Gruppenarbeitsraum 1 am 22.06. von 9:30 Uhr bis 12 Uhr belegt

Am Freitag, den 22.06.2018, ist der Gruppenarbeitsraum 1 der Zentralbibliothek von 9:30 Uhr bis 12 Uhr belegt.

Gruppenarbeitsraum 2 kann während dieser Zeit genutzt werden und ist über das hintere Treppenhaus erreichbar (Zugang über Lesesaal 1 oder Lesesaal 2).

Zentralbibliothek: Sanierung der Beleuchtung im Freihandbereich

Ab voraussichtlich Dienstag, den 19.06.2018, wird in den öffentlichen Bereichen unseres Magazinturms die Beleuchtung saniert. Die Arbeiten beginnen im 3. Stock des Freihandbereichs und enden im Erdgeschoss mit der Lehrbuchsammlung.

Für die Arbeiten ist es notwendig, nach und nach die Regalgänge zu sperren. Außerdem muss die Beleuchtung in Teilbereichen der jeweiligen Etage mehrfach täglich für kurze Zeit abgeschaltet werden.

Wir versuchen, diese Einschränkungen so gering wie möglich zu halten!

Seine Exzellenz ist auch nur ein Mensch: Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate für Berlin in Germersheim

Man merkt an diesem Freitagmorgen, dass irgendwas anders ist am FTSK in Germersheim. Es stehen nicht nur imposant luxuriöse Fahrzeuge auf dem Campus, auch das babylonische Geschnatter in den Gängen scheint aufgeregter. Die von den angehenden Sprachgenies getragenen T-Shirts sehen gebügelter und die Schuhe sauberer aus als gewöhnlich. Folgt man dieser großen Menschentraube hinunter in den sogenannten Dolmetschkeller im Untergeschoss des Neubaus, entdeckt man den Grund für diesen Rummel:

Er trägt einen marineblauen Anzug, eine farblich abgestimmte Krawatte, ein blütenweißes Hemd und lächelt uns gewinnend an. Die Rede ist von Seiner Exzellenz Ali Al-Ahmed, dem Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Berlin. Er wurde eingeladen, um im Rahmen der sogenannten Freitagskonferenz einen Vortrag zum Thema „From Tents to Skyscrapers“ (Vom Zelt zum Wolkenkratzer) zu halten. In den kommenden 90 Minuten versucht er, die rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung der Emirate über die letzten 50 Jahre nachzuzeichnen.

Die Germersheimer Freitagskonferenz: 90 Minuten babylonische Sprachvielfalt

Die Freitagskonferenz ist eine sprachübergreifende Lehrveranstaltung, die jeden Freitag im Semester von 11.20h bis 12.50h im Dolmetschraum I stattfindet. Sie soll den Studierenden im Master Konferenzdolmetschen (MA KD) ermöglichen, in einem authentischen Konferenzkontext ihre Dolmetschfähigkeiten zu üben und zu verbessern. Hierfür werden Rednerinnen und Redner zu unterschiedlichen Themen eingeladen. Im Idealfall findet jedes Semester mindestens eine Konferenz in jeder im Master angebotenen Sprache statt.

In der anschließenden Diskussion können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in allen vertretenen Sprachen Fragen stellen und Anmerkungen machen. Hierin sieht Rocco Pelaccia, ein italienischer Student, der seit dem Wintersemester 2017 im MA KD eingeschrieben ist, die eigentliche Herausforderung für die Dolmetschstudierenden: „Das ist immer ein zusätzlicher Stressfaktor für die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, da sie während der Diskussion nie wissen können, auf welcher Sprache Fragen gestellt werden. Man kann sich also auch nach dem Ende des Vortrages noch nicht zurücklehnen. Im Gegenteil, hier muss man sehr konzentriert sein.“

Der Botschafter und die Russische Kabine

Adrenalinschübe garantiert

Das war auch bei einigen der an den Botschafter gerichteten Fragen der Fall: Die Konferenzsprache war Englisch. Das heißt, dass die englische Kabine die Präsentation des Botschafters aus dem Englischen ins Deutsche gedolmetscht hat. Die anderen Kabinen haben diese Verdolmetschung benutzt, um das Gesagte aus dem Deutschen ins Französische, Russische, Griechische, Italienische, Spanische, Niederländische und Polnische zu dolmetschen. Das nennt man Relais. Wenn das Publikum Fragen stellt, kann es aber dazu kommen, dass sich das Relais verschiebt: Wird eine Frage auf Französisch gestellt, muss die Französische Kabine diese ins Deutsche übertragen. Die Verdolmetschung wird dann beispielsweise von der Englischen Kabine genutzt, um die Frage ins Englische zu bringen, damit der Botschafter sie versteht und antworten kann. Es kann also große Adrenalinschübe verursachen, wenn man plötzlich in eine andere Sprachrichtung dolmetschen muss, als man es über die letzten 60 Minuten gewohnt war. „Aber so ist es auch im echten Berufsleben einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers“, stellt Rocco Pelaccia fachmännisch fest.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Diskussion thematisch in alle Richtungen gehen kann. So löcherte die interessierte Zuhörerschaft am Freitag den Botschafter mit Fragen zur Nuklearenergie in den Emiraten, zur Vielsprachigkeit seiner Kinder, zu seinem Botschafteralltag, aber auch zu den schwierigen Lebensverhältnissen der Gastarbeiter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Obwohl Seine Exzellenz erst seit Mai 2016 Botschafter ist, verstand er es, sehr diplomatisch auf heikle Angelegenheiten einzugehen und stets einen Witz parat zu haben, um sich die Gunst des Raumes zu sichern.

Geschenke aus Berlin

Der Weg in die Herzen der Dolmetscherzunft

Witze und Wortspiele sind zwar der Dolmetscherin und des Dolmetschers Graus, aber Seine Exzellenz Ali Al-Ahmad gewann die Herzen der offiziellen Kabine spätestens, als er verkündete, als kleines Dankeschön für die Studis Geschenke aus Berlin mitgebracht zu haben. „Wow, dass die Redner der Freiko an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher denken, ist bisher erst einmal vorgekommen seit ich am FTSK studiere“, erzählt mir Zwetelina Steinbach aufgeregt. Sie saß in der offiziellen Englischen Kabine und war dementsprechend dafür mitverantwortlich, dem Publikum eine Verdolmetschung ins Deutsche anzubieten.

Obwohl sie nach vielen Trockenübungen im Unterricht nun endlich mal einen „echten Botschafter“ verdolmetschen musste, war ihr keinerlei Nervosität anzumerken.

„Ich habe mich sehr intensiv auf den Vortrag vorbereitet, schließlich haben wir nicht jeden Freitag eine so hochranginge Persönlichkeit bei uns am Fachbereich. Aber es hat mir beim Dolmetschen auch geholfen, im Hinterkopf zu behalten, dass seine Exzellenz auch nur ein Mensch ist“.

Und trotzdem, ein klein wenig Stolz meine ich in ihrer Stimme ausmachen zu können. Zu Recht.

PS: Seid selbst mit dabei – alle Freitagskonferenzen findet ihr auf dem Youtube-Kanal des Fachbereichs in Germersheim.


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.

 

Verlängerte Öffnungszeiten GFG und Zentralbibliothek vom 18.06. bis 05.08.2018

Wir verlängern unsere Öffnungszeiten während der Prüfungs- und Hausarbeitenphase.

Vom 18.06. bis 05.08.2018 sind die Bibliotheksbereiche Georg Forster-Gebäude und Zentralbibliothek geöffnet:
Montag – Sonntag ab 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts

Bitte beachten Sie:
Die PCs werden weiterhin um 23:59 Uhr heruntergefahren. Speichern Sie Ihre Dateien bitte rechtzeitig. Nach dem automatischen Shutdown können die Geräte wieder gestartet werden.

15% Rabatt auf Publikationsgebühren: Rahmenvertrag mit Frontiers

Zum 1. Juni 2018 hat die Universitätsbibliothek einen Rahmenvertrag mit Frontiers abgeschlossen, einem der führenden Open-Access-Verlage mit einem Portfolio von ca. 60 goldenen Open-Access-Zeitschriften. Auf der Grundlage der Vereinbarung erhalten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universitätsmedizin aus Mitteln des Publikationsfonds einen Rabatt von 15% auf die Publikationsgebühren (APCs) aller von Ihnen eingereichten und akzeptierten Artikel bei Frontiers. Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der UB zum Thema Sonderkonditionen bei Publikationsgebühren.

Open Access Publizieren

Zusätzlich ist eine Erstattung der APCs aus dem Publikationsfonds möglich, wie bei anderen Open-Access-Publikationen auch. Das Antragsverfahren für Artikel bei Frontiers unterscheidet sich jedoch von dem sonst üblichen - wir helfen Ihnen dabei gerne weiter. Und auch für alle weiteren Fragen zu Fördermöglichkeiten steht Ihnen das Open-Access-Team der UB und der UM selbstverständlich zur Verfügung

Mit dem Open-Access-Publikationsfonds finanzieren Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und Universitätsmedizin der JGU seit 2012 Veröffentlichungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Open-Access-Zeitschriften. Der Fonds wird im Rahmen des DFG-Programms Open Access Publizieren gefördert. Für das Jahr 2018 stehen insgesamt 134.000 € zur Verfügung.

Neue Datenbank: „Bibliography of British and Irish History“

Die Datenbank „Bibliography of British and Irish History“ informiert über die Geschichte Großbritanniens und Irlands aller Epochen seit der römisch-britischen Frühzeit. Sie enthält ca. 570.000 Literaturnachweise, die jährlich um etwa 10.000 Einträge ergänzt werden und entsteht in Kooperation zwischen dem Verlag Brepols, der Royal Historical Society und dem Institute of Historical Research.

Der Zugriff erfolgt über das Datenbankinformationssystem DBIS.

Germersheim 1968: Ein bisschen Revolution, ein bisschen Translation

Wir schreiben das Jahr 1968 n. Chr. Auf der ganzen Welt gehen Studentinnen und Studenten auf die Straßen, um ihren Forderungen nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen Gehör zu verleihen. Auf der ganzen Welt? Ja! Denn sogar im gemütlichen Germersheim formierte sich der Protest - wohin wir unseren Blick im letzten Artikel unserer Mai-1968-Reihe richten wollen.

Mai 1968 - Mai 2018: 50 Jahre

 

Im April 1968 gingen hier rund 75 Studierende auf die Straße, um den Mordanschlag auf Rudi Dutschke, dem schillernden Berliner APOler, zu verurteilen. Nur so wenige? Immerhin 10% der Studierendenschaft, meint Wilfried Becker, ein ehemaliger Germersheimer Student. Man müsse hier den Germersheimer Kontext berücksichtigen. Das Auslands- und Dolmetscherinstitut (ADI) zählte damals nur ca. 750 Studierende, weswegen die Zahl der potenziell mobilisierbaren Menschen weitaus geringer als am Campus in Mainz war. Dort versammelten sich rund 200 Teilnehmer zu einem Schweigezug durch die Innenstadt sowie einer Kundgebung auf dem Theaterplatz.

Ludwigsplatz in Germersheim heute
Freibier für alle: Ludwigsplatz in Germersheim heute

Was die Kritik an der als reißerisch und hetzerisch empfundenen Berichterstattung der Bildzeitung angeht, konnte Germersheim mit Städten wie Frankfurt und Mainz mithalten: Auf der oben erwähnten Demonstration verbrannten Germersheimer Studierende öffentlichkeitswirksam Zeitungen und Artikel der Springerpresse.

Es gab aber auch Widerstand gegen die Revoluzzer: Mit der Parole „Freibier für alle“ legten es die konservativen Kräfte darauf an, die Kundgebung aufzumischen. Wilfrid Becker, der an einem Demonstrationszug von der Alten Kaserne bis zum Ludwigsplatz teilgenommen hatte, erinnert sich, dass auch dort ein Bierfass auf die Protestierenden gewartet hatte.

Das ADI brauchte den großen Bruder aus Mainz nicht

Damals wie heute, fand nur ein spärlicher Austausch zwischen den Standorten Mainz und Germersheim der JGU statt, was einem etwaigen Zusammenschluss Germersheimer und Mainzer Protestaktionen nicht zuträglich war. (Stichwort: SEMESTERTICKET AUCH FUER DIE STUDIERENDEN DES FACHBEREICH 06 JETZT!!!!!!!). Das führte aber immerhin dazu, dass sich die örtliche Studierendenschaft selbst organisierte und am 28. Mai 1968 eine Allgemeine Studentenversammlung abhielt. Wie überall im Land, übten die örtlichen Studierende scharfe Kritik an den Notstandsgesetzen und formulierten sogar ein Telegramm, das sich an Bundeskanzler Kiesinger richtete. Hierin sprach man dem Staatsmann das Misstrauen der Germersheimer Studierendenschaft aus. Es wurde sogar ein zweitägiger Boykott der Lehrveranstaltungen beschlossen. In Mainz wurde der Vorlesungsbetrieb hingegen nur für wenige Stunden bestreikt.

Auch wenn die Aktionen in Germersheim und Mainz weitgehend unabhängig voneinander organisiert und ausgeführt wurden, war zumindest die Reaktion der Bevölkerung sehr ähnlich: in ihrer Unterstützung der Studierenden. Die bis dato eher skeptischen Germersheimer Bürgerinnen und Bürger waren angesichts des sehr disziplinierten Schweigemarsches versöhnlich gestimmt und so konnten rund 800 Unterschriften gegen die Notstandsgesetze gesammelt werden.

Freundschaftlicher Umgang statt Oberlehrermentalität

Dass Exzesse und die ganz große Revolution in der pfälzischen Kleinstadt ausgeblieben sind, überrascht kaum, wenn man sich vor Augen führt, wie die allgemeine Lernatmosphäre am ADI war. Es war gang und gäbe, dass Dozierende ihre Dolmetschzöglinge nach dem Unterricht auf einen Kaffee einluden.

Wilfried Becker erinnert sich, dass ein Dozent sogar dazu überging, nach getaner Arbeit den Rest der Unterrichtszeit mit einem kleinen Umtrunk ausklingen zu lassen. Eine Dolmetscherin war für ihre Obstbrandsammlung bekannt, die sie ohne Umschweife mit ihren Studentinnen und Studenten teilte. „Unsere Dozenten damals, das waren noch echte Charaktere“, schwärmt Herr Becker. „Der Umgang zwischen ihnen und uns Studenten war absolut freundschaftlich. Geduzt hat man sich aber nicht.“

Insofern traf der für die 68er Proteste so bezeichnende Satz „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ und die Kritik an verkrusteten Strukturen und Hierarchien, die damit einhergeht, nicht auf die Germersheimer Realität zu: „Die Mehrheit unserer Dozierenden waren Quereinsteiger und mehr Dolmetscherinnen und Dolmetscher als unantastbare Autoritätspersonen“, bestätigt Herr Becker.

Macht die Grenzen auf!

Ein Hauch von Revolution kam dann doch noch in Germersheim auf, zumindest für einen Moment. Als im Rundfunk zu hören war, dass die französische Grenzpolizei den Grenzübertritt für deutsche Studierende untersagte, formierte sich unter den Germersheimer Studierenden spontaner Protest. Eine Gruppe fuhr kurzerhand nach Lauterburg, dem deutsch-französischen Grenzübergang. Ob es an den hervorragenden Sprach- und interkulturellen Kenntnissen der Germersheimer Studis lag, ist nicht überliefert: Aber die französischen Zollbeamten ließen sie gewähren und erlaubten sogar, dass Flyer gegen die Notstandsgesetze verteilt wurden.

Geschlossene Grenzen? Da hört für uns in Germersheim der Spaß eben auf! 1968 wie im Jahr 2018 gilt:

Festung Europa, mach die Tore auf!


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Konferenzdolmetschen (Master) am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Germersheim, mit der Sprachenkombination Deutsch, Französisch, Englisch. Sie schreibt regelmäßig für den Blog der Universitätsbibliothek.