Maritime Geographien

Eine Auseinandersetzung mit dem Ozean aus humangeographischer Perspektive

Das Meer umfasst ungefähr 70% der Erdoberfläche. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat es lange Zeit jedoch nur einen kleinen Raum eingenommen und gilt daher als weniger erforscht, als die Oberfläche des Mondes. Ozeanographie und Meeresbiologie sind dabei sicher die Teildisziplinen, die einem als erstes in den Sinn kommen, wenn es darum geht, Expert_innen für den Ozean zu finden. Grundsätzlich scheint das Meer zunächst vor allem ein Forschungsgegenstand für Naturwissenschaftler_innen zu sein, schließlich wirkt er wie ein „Naturraum“ par excellence. Seit einigen Jahren wird der Ozean jedoch auch von Humangeograph_innen verstärkt thematisiert. Doch warum sollte man sich als Humangeograph_in mit einem Raum auseinandersetzen, der für den Menschen unbewohnbar ist?
Mediale Debatten um Plastikmüll im Ozean, Überfischung, Meeresspiegelanstieg und kostbare Rohstoffe am Meeresgrund betonen die aktuelle Relevanz des Ozeans im Kontext von Klimawandel und nachhaltiger Ressourcennutzung. Um diese Phänomene zu verstehen, bedarf es nicht nur einer naturwissenschaftlichen Untersuchung, sondern auch einer Betrachtung der sozio-politischen Zusammenhänge. Die immense Zunahme an Kreuzschifffahrten, schwimmenden Städten, der Bau riesiger neuer Container-Häfen sowie die zahlreichen Seenotrettungen z.B. im Mittelmeer und die damit zusammenhängenden Problematiken weisen darüber hinaus ganz direkt auf die große gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung der Ozeane hin. Im Gegensatz zu Ökonom_innen, Politikwissenschaftler_innen oder Jurist_innen, die sich seit einigen Jahren diesen und weiteren maritimen Themen zuwenden, sind es jedoch Humangeograph_innen, die aufgrund ihrer Sensibilität für die spezifische Beschaffenheit des maritimen Raumes besonders gut dazu in der Lage sind, die komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Meer herauszuarbeiten.
Diese Überzeugung vertritt auch die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Julia Verne, die im Rahmen unterschiedlicher Forschungsprojekte der Frage nachgeht, inwieweit ein Blick auf maritime Räume nicht nur dazu dient, das Verständnis von Mensch-Umwelt-Beziehungen und der Zukunft der Ozeane zu erweitern, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zu aktuellen theoretisch-konzeptionellen Überlegungen in der Humangeographie leisten kann.

Im Gegensatz zu früheren Auffassungen, dass die Ozeane die Kontinente voneinander trennen würden, verfolgt die Arbeitsgruppe neuere Ansätze, die untersuchen, inwieweit transozeanische Verbindungen zu einer engen Verwobenheit von Orten, sowohl in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht geführt haben und nach wie vor führen. So stellen nicht nur ‚landscapes‘, sondern auch ‚seascapes‘ Verbindungen zwischen Menschen (und Tieren), Dingen und Wissen her. Ein empirischer Fokus liegt dabei auf materiellem Austausch im Indischen Ozean.

Der Indische Ozean dient der Arbeitsgruppe auch als Ausgangspunkt für Beiträge zur aktuellen Debatte um die Revitalisierung und Neuausrichtung der Regionalwissenschaften. Statt an kolonialen Grenzziehungen und „Container-Räumen“ festzuhalten, bringt ein Fokus auf tatsächliche Verbindungen dynamische, maritime Regionen zum Vorschein, die eine alternative Sicht auf globalhistorische Prozesse und Globalisierung ermöglichen, und in denen Wasser und Land eng miteinander verwoben sind.

Im Rahmen eines internationalen Verbundprojekts untersucht die Arbeitsgruppe, inwieweit ein Blick auf die Region des Indischen Ozeans auch ein besseres Verständnis geteilter umweltbezogener Risiken und ihren Folgen ermöglicht. Ziel ist es dabei, historische und ethnographische Einblicke aus diesem maritimen Raum für aktuelles Risiko-Management fruchtbar zu machen (siehe www.appraisingrisk.com). Ebenso untersucht Dr. Lisa Krieg in ihrem Projekt, unterschiedliche Praktiken der Wissensgenerierung zum Schutz von Insel-Ökosystemen im westlichen Indischen Ozean und führt dabei ökologische und kulturelle Fragen transozeanischer Mobilität zusammen.

Die Besonderheit des Ozeans liegt vor allem in der Tatsache, dass sich der Mensch ohne Hilfsmittel nur für kurze Zeit in ihm aufhalten kann. Aus diesem Grund spielen technologische Innovationen zur Erforschung des Ozeans eine wesentliche Rolle. Die Arbeitsgruppe setzt sich in diesem Zusammenhang vor allem mit der Frage auseinander, wie der Ozean mithilfe unterschiedlicher Technologien zunehmend für den Menschen erfahrbar gemacht wird und welche Implikationen dies für das Verhältnis von Mensch, Meer und Technologien hat. Ein besonderes Interesse gilt dabei zum einen der Einbeziehung von Daten aus besenderten Meerestieren, zum anderen den Versuchen, den Ozean durch den Einsatz unterschiedlicher Technologien berechenbarer und sicherer zu machen (z.B. Tsunami Frühwarnsysteme, Schutz vor Haiangriffen).

Diese Themenfelder machen deutlich, wie ein Fokus auf maritime Geographien sowohl zu aktuellen theoretischen Debatten um Mobilität, Relationalität, (Post-)Humanismus und (Post-)Phänomenologie in den Sozial- und Geisteswissenschaften spricht, aber auch anwendungsorientierte Fragen nach dem Austausch von „best practices“ bei Infrastrukturprojekten und Ressourcenschutzmaßnahmen behandelt. Und schließlich sehen wir in maritimen Geographien ein großes Potential für integrative Forschungsansätze und würden uns freuen, diese in den nächsten Jahren gemeinsam mit anderen Arbeitsgruppen weiter zu erkunden!

Julia Verne