Unter Mainzer Talaren – Vergangenes aus 1000 Jahren?

Wer kennt nicht den griffigen Slogan „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“? Dieses Spruchband trugen die Hamburger Studenten Gert Hinnerk Behlmer und Detlev Albers bei der Rektoratsübergabe am 09. November 1967 vor ihren Professoren her. Aber was meinten Sie damit? Wurde an der Hamburger Uni nie gelüftet und geputzt, oder geht es hierbei eher um die tiefen gesellschaftlichen Umwälzungen der frühen Bundesrepublik? Wie war das denn in Mainz? Haben unsere vorangegangenen Kommilitonen ebenso gegen das „Establishment“ aufbegehrt, oder war in der piefigen Bischofsstadt alles nur halb so wild?

Die Studis wehrten sich damals vor allem gegen die „verkrusteten Rituale“ der Universität, wie zum Beispiel den Rektoratsübergaben. So etwas gab es auch in Mainz. Besonders interessant ist hier die Übergabe im Jahr 1967, denn es war die letzte, welche die Uni Mainz in dieser Form erleben sollte. Im Vorfeld kam es aufgrund eines Interviews des Rektors Adolf Adam im Gutenbergbrief zu Aufregungen; der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) verteilte an dem Morgen Flugblätter an die Ehrengäste der Veranstaltung.

Was könnte damals in den Köpfen der Profs und vor allem der Studis vorgegangen sein? Wir wollen uns in die fiktive Gedankenwelt eines Professors und einer Studentin vor der Rektoratsübergabe heute vor 50 Jahren hineinversetzen.

Zur Sicht des Professors
Zur Sicht der Studentin


Der Professor:

„Wieder einmal ist es so weit. Die Rektoratsübergabe ist einer der Höhepunkte des akademischen Jahres. Gaudeamus igitur. Seit meine collegae und ich die alma mater moguntiensis, heute bekannt als Johannes Gutenberg-Universität Mainz, aus einem 150 jährigen Dornröschenschlaf wiedererweckt haben, wird dieser Festakt stets im Stadttheater [heute: Staatstheater] ausgerichtet. Denn hier hat nicht nur das akademische Publikum die Gelegenheit den neuen Rector magnificus [heute: Universitätspräsident] im Amtsjahr zu begrüßen, sondern auch die Honoratioren der Stadt und des Landes nehmen gerne Anteil an dieser ehrwürdigen Veranstaltung. Diese orientiert sich an der fast 500 jährigen Tradition unserer Universität. 

Die Zeremonie läuft daher nach folgendem Ritual ab: Zu Beginn kleiden wir uns in der domus universitatis um. Über unseren Anzügen legen wir Talare an, um klar als Vertreter des akademischen Standes erkennbar zu sein. Hierbei handelt es sich um ein weites schwarzes Gewand mit farbigen Abnähungen, die die Fakultät des Trägers erkennen lassen. Meine Zugehörigkeit zur Philosophischen Fakultät wird durch blaue Abnähungen repräsentiert. Dazu gehört ein kleidsames Barrett. Anschließend zieht der Zug feierlich hinüber zum Stadttheater. Die schon einmal von der Mainzer Bürgerschaft ergangenen, sicher gut gemeinten, „Helau-Akklamationen“ schädigen nicht nur den guten Ruf der Universität, sondern geben dieses ehrwürdige Ritual der Lächerlichkeit preis. Uns voraus gehen zwei Pedelle, die die Zepter der Universität tragen. Diese, an die römischen fasces angelehnten Stäbe dienen aber nicht mehr dazu Angreifer abzuwehren, sondern repräsentieren die Macht (oder sollte man besser sagen: „auctoritas“?) des Rektors. Im Stadttheater angekommen gehen wir zu unseren durch rote Bänder abgetrennten, reservierten Plätzen. Um als Amtsträger schneller erkennbar zu sein, trägt der Rektor einen roten Talar.

Einzug der Professoren: Der Rektor ist gut an seiner Amtskette zu erkennen. Ihm und seinem designierten Nachfolger wird eines der Zepter der Universität vorneweg getragen,
Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 1111

Die Leitung und vor allem Repräsentation der Universität obliegt ihm. Er wird jährlich aus der Reihe der Professoren gewählt, so dass immer ein anderer meiner Kollegen dieses Amt bekleidet. Unterstützt wird er hierbei vom Senat, welcher als Parlament der Universität fungiert. Durch den jährlichen Amtswechsel ist gewährleistet, dass es sich hierbei immer um einen primus inter pares handeln muss. Denn man ist nur kurze Zeit aus dem Kreis der Kollegen enthoben, um nach Ablauf der Amtszeit wieder in ihre Reihe aufgenommen zu werden.  Um Sicherzustellen, dass die Fakultäten alle zu ihrem Recht kommen und nicht einseitig nur eines der Fächer gefördert wird, entstammt der Rektor jedes Jahr einer anderen Fakultät [heute: Fachbereich]. Um sich für dieses Amt zu qualifizieren ist es nötig mindestens vier Semester dem Lehrkörper zuzugehören. Dies sichert die Universität vor heißblütigen Schnellschüssen neu Hinzugekommener und garantiert Kontinuität im universitären Betrieb. Dieses ausgeklügelte System, welches sich in dieser Form schon seit vielen hundert Jahren fortschreibt, ist daher am besten geeignet, den Fortbestand der alma mater moguntiensis zu sichern. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sich an diesem System verbessern lassen sollte, was unsere Vorväter nicht bereits in Angriff genommen haben.

Die Studentenschaft betrachtet diese causa anders und fordert lautstark eine reformatio der Universität. Wie zu Luthers Zeiten überschwemmen sie den Campus mit Flugblättern, auf denen sie ihre überzogenen Forderungen kundtun. So auch heute auf dem Vorplatz des Stadttheaters. Wenig geprägt von den Entbehrungen des Krieges und der straffen Disziplin des Militärs begehren diese Halbstarken in Begleitung studierender und ebenfalls flugblattverteilender Fräuleins auf und gedenken das akademische Leben aus seinen Grundfesten zu heben. Immer wieder hört man die Mär, dass dem Student nicht ausreichend Mitbestimmung zugebilligt werde. Dabei ist es gute Sitte eines Allgemeinwesens, dass stets die älteren, mit mehr Weisheit und Lebenserfahrung ausgestatteten Individuen die Geschicke zu leiten vermögen. Welche Rolle halbwüchsige in Mitten ihrer akademischen Ausbildung stehende Jungen und Mädchen spielen sollen, ist mir immer noch nicht ganz einsichtig. Am Ende kämen wir noch so weit, ihnen ein mit den Professoren gleiches Stimmrecht mit Sitz und Stimme im Senat anbieten zu müssen. Man verstehe mich nicht falsch: Es ist das innigste Anliegen der Universität als Bildungsanstalt die jungen Menschen zu formen und ihnen in ihrer Entwicklung dienlich zu sein. Doch all dies sollte in den hierfür schicklichen Grenzen und mit dem nötigen Respekt vor dem Lehrkörper geschehen.“


Die Studentin:

„Eigentlich hätte ich gerne heute ausgeschlafen, schließlich ist ja Samstag!...Aber was macht man nicht alles für die gute Sache? Noch schnell die Flugblätter eingepackt und schon bin ich aus der Haustür.

Am Gutenberg-Denkmal gegenüber des Stadttheaters treffe ich mich um halb 10 mit den Genossen vom SDS für eine letzte Aktionsbesprechung. Proteste anderer Hochschulgruppen sucht man vergebens. Ein Armutszeugnis! Interessiert sich eigentlich sonst niemand für die Missstände an unserer Uni? Wenigstens wir vom SDS wollen unseren Unmut über die alljährliche Rektoratsübergabe zum Ausdruck bringen. Sie ist nicht weniger als ein Symbol des autoritären Hochschulsystems.

Schon länger setzen wir uns für die Abschaffung dieser vollkommen veralteten Selbstbeweihräucherung der Altnazi-Ordinarien ein, die hier unbeirrt ihre Allmachtsphantasien ausleben. Wacht auf! Wir leben im Jahr 1967 und nicht 1567! Der AltHERRENverein blendet völlig aus, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben und nicht in einer Diktatur. Aber wollen sie das wissen? Mit ihren Taten aus der NS-Zeit mussten SIE sich ja auch nie auseinandersetzen!

Da treffen auch schon die ersten Ehrengäste wie Ministerialdirektor Altmeier und Kultusminister Vogel ein. Wir drücken Ihnen unsere Flugblätter in die Hand. Auf denen steht geschrieben „Dieser Rektor ist nicht unser Rektor“.

In den letzten Wochen wurde immer deutlicher, wie untragbar der neue Führer der Uni ist. Der neugewählte Rektor Adolf Adam – was für ein passender Vorname! – machte immer wieder deutlich, dass er ein Verfechter des autoritären Hochschulsystems ist. Er meinte ernsthaft, dass wir Studierende weder ein politisches Mandat hätten, noch in der Lage seien, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Wer, wenn nicht wir, soll denn auf die ganzen politischen und gesellschaftlichen Missstände hinweisen? Nur die Masse klein halten und ja nicht zum kritischen Denken verführen! Hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eigentlich irgendetwas verändert? Zuhause und in der Schule musste ich mir immer wieder anhören, dass unter‘m Führer ja nicht alles schlecht war – nur das mit den Juden hätte halt nicht sein müssen. Alles Quatsch mit brauner Soße. Der Nationalsozialismus war ein imperialistisch-reaktionäres System unter Führung des Großkapitals - da gibt’s nix zu beschönigen!

Meine letzte Hoffnung war die Uni! Progressive Kräfte unter den Intellektuellen dieses Altnazi-Landes! Aber ich wurde in kürzester Zeit desillusioniert. Hier sind die Strukturen ja noch autoritärer als daheim! Die Student_Innen stellen zwar die größte Gruppe der Uniangehörigen, haben aber nahezu keine Mitsprache. Der AltHERRENverein bestimmt und wir sollen zu allem Ja und Amen sagen. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Eine gleichberechtigte Mitsprache wäre doch das Mindeste! Schließlich geht es um unsere Ausbildung und Zukunft. Auch beim heutigen Brimborium spielen die Studenten_Innen überhaupt keine Rolle. Man sucht sie hier nahezu vergebens. Eine der wenigen Ausnahmen: Ein paar revisionistische Burschenschaftler, die dem tausendjährigen Reich im Vollwichs hinterher trauern, betreten gerade das Theater. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

So sehen sie aus, die Zepter der Universität. Bild: Thomas Hartmann

Es ist jetzt kurz vor 10. Die Professoren ziehen in ihren Talaren ein. Vor ihnen laufen zwei Zepterträger, die aussehen als würden sie ein verziertes Eis am Stil tragen. Das Lächerlichste an der ganzen Geschichte? Diese wurden erst vor ein paar Jahren angefertigt. Die Ewiggestrigen versuchen so ihre Macht zu zementieren und spielen munter Mittelalter. Mal abwarten, wie lange die noch im Gebrauch sein werden! Schön ist ohnehin anders. Die Professoren werden im Theater durch ein rotes Band abgetrennt sitzen. Bloß keinen Kontakt zum normalen Volk! Um die anwesenden ProfessorINNEN zu zählen, brauche ich übrigens nicht einmal eine ganze Hand. Eine Rektorin gab es bisher ebenfalls nicht. Aber wen wundert’s bei den patriarchalischen Strukturen unserer Uni und Gesellschaft? Ich brauchte ja auch eine Unterschrift von meinem Vater, um mich überhaupt einschreiben zu können. Allein schon deshalb ist das nicht mein Rektor!“

Völker hört die Signale!

 

Und anderswo?

Überall in Deutschland waren die Studis im Aufbruch und stemmten sich gegen die veralteten Strukturen von Universität und Gesellschaft – auch in Mainz. Wie die Geschichte weitergeht, erzählen wir euch demnächst weiter.
68 ist für euch Schnee von gestern? Dann erzählt uns, welche Reformen die Uni heute dringend braucht. Vielleicht haben wir mit der Situation im Mainz 1967 heute mehr gemein als wir denken!

 


"Autorenkollektiv"

Stefanie Martin ist Doktorandin der Buchwissenschaft. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv und in der Bereichsbibliothek Physik Mathematik Chemie.

 

 

Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

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