Mainz: Die Stadt der drei Kanzler

Deutschland im Herbst: Alle sind im Kanzlerfieber! Von der Uckermark bis Würselen - von München bis Berlin. Alle? Nein, ein kleines Städtchen am Rhein zeigt sich unbeeindruckt. Zwar geben sich auch in Mainz die Kanzlerin und ihr Herausforderer dieser Tage die Klinke in die Hand, doch im Gegensatz zu anderen Städten kann die Mainzerinnen und Mainzer ein Besuch der Kanzlerin nicht in Aufregung versetzen.

Denn mit dem Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches residierte schon einmal ein waschechter Kanzler in Mainz. R-E-I-C-H-S-E-R-Z-K-A-N-Z-L-E-R, das ist doch mal ein Titel. Und was sind schon Merkel und Schulz gegen Albrecht von Brandenburg? Ihr wisst schon, Albrecht von Brandenburg, der Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches, und Erzbischof von Mainz, der den Ablasshandel so übertrieben hat, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Wittenberger Schloßkirche genagelt hat.

Aber wer ist dann der dritte Kanzler der Stadt?
 

Ein Kanzler für die Uni

Nicht nur die Bundesrepublik hat eine Kanzlerin, sondern auch die Uni Mainz. Waltraud Kreuz-Gers ist seit 2014 der fünfte Kanzler  der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Liste gefällig?) und ebenso wie Frau Merkel die erste Frau in ihrem Amt. Aber was macht eine Kanzlerin an der Uni? Bevor jetzt ein vorlauter PoWi-Student oder eine andere Schlaumeierin wieder anfängt mit Richtlinienkompetenz und Bestellung der Bundesminister lösen wir schnell auf:

Der Kanzler bzw. die Kanzlerin ist an der Universität der Kopf der Verwaltung: Hier wird über das Geld der Uni verfügt, Korruption vorgebeugt und die Gebäude der Uni mit ihrer technischen Ausstattung verwaltet. Ebenso fallen der Datenschutz wie auch die Einführung neuer technischer Systeme in den Bereich der Verwaltung. Solltet ihr also keinen Bock mehr auf Jogustine haben – die Kanzlerin kann hier ein Wörtchen mitreden.

„Das könnte ihre Schatztruhe sein“. Diese Kiste bekam das Universitätsarchiv vom Kanzlerbüro überlassen. Wozu sie wohl dient?
Quelle: Universitätsarchiv

Um ihrer Meinung Gewicht zu verleihen, ist die Kanzlerin Mitglied im Senat, dem „Parlament“ der Universität. Außerdem ist sie die Vorgesetzte des Verwaltungspersonals an der Uni und Vorsitzende des Universitätsfonds der JGU,  dem unter anderem die Weinberge der Uni gehören. Während unser aktueller Präsident Georg Krausch sich also um die Universität im Ganzen kümmert und sie nach außen repräsentiert, steht im Kanzlerbüro bei Frau Kreuz-Gers vor allem die Verwaltung des universitären Geldbeutels im Fokus.

 

Und was hat das mit dir zu tun?

Naja zugegeben, erstmal klingt das Ganze so, als hätten die Kanzlerin und Studis nur wenige Berührungspunkte. Aber In ihrer Rolle als Verwaltungschefin könnte sie dich nicht nur für die Ehrenmedaille der JGU vorschlagen (man soll ja immer Ziele im Leben haben 🙂 ), sie hat auch Einfluss darauf, wie viel Personal in den Bibliotheken für dich da sind oder ob genug Leute im Studierendensekretariat arbeiten, damit du nicht lange anstehen musst.

 

Es ist schwer, gutes Personal zu finden

Kurator Eichholz am Telefon. Quelle: Universitätsarchiv S 03, Nr. 447

Heute geht man im Kanzlerbüro neben den vielen Verwaltungsaufgaben auch gegen Korruption und Vetternwirtschaft vor, doch direkt beim ersten Unikanzler scheint es als wäre das noch anders gewesen.

Schließlich war Fritz Eichholz nicht nur ein Jurist, und somit für eine Verwaltungsstelle gut qualifiziert, sondern auch der Schwager vom Raymond Schmittlein, seines Zeichens der Leiter der Kulturabteilung bei den französischen Besatzungsbehörden. Man könnte also durchaus sagen diese Personalwahl hätte ein G’schmäckle gehabt. Denn Schmittlein hatte nicht nur eine Funktion bei den Besatzungsbehörden, sondern zählt auch zu den eifrigsten Förderern der jungen Mainzer Uni.

Doch da direkt nach dem Krieg der deutsche Amtsschimmel noch im Stall stand und weniger gesetzliche Regelungen existierten als heute, musste man sich meist auf Leute verlassen, die man kannte und bei denen man dafür bürgen konnte, dass sie nicht die größten Nazis waren. Da kann die Wahl auch mal auf den Schwager fallen. Ein Umstand der uns auch heute nicht fremd ist.
 

Die NSA lässt grüßen

Die kurioseste Geschichte, die sich um ihn spinnt, ist aber sicher die „Abhöraffäre“. Um offizielle Reden und Feierlichkeiten für die Nachwelt festhalten zu können, hatte die Universität ein Supraphon beschafft. Hiermit konnte man Musik und Ton auf einen Draht aufnehmen und hinterher wieder abspielen. Die Professoren beschuldigten Eichholz dieses Gerät in seinem Dienstzimmer einzusetzen, um die Gespräche zwischen den Professoren und ihm mit einem nicht sichtbaren Mikrofon aufzunehmen um sie später gegen die Profs zu verwenden. Deshalb forderten sie den Rücktritt des Kanzlers. Was ein bisschen klingt wie aus dem Grundstudium von James Bond konnte freilich nie bewiesen werden. Die nichtwissenschaftlichen Universitätsbediensteten versicherten aber, dass ein solches Gerät weder bei Eichholz im Büro gestanden hatte, noch von ihm an seinem Schreibtisch hätte bedient werden können.

Nach 21 Jahren in den Diensten der Universität ging Eichholz 1967 in Rente. Neben seiner direkten Art blieb vor allem sein Einsatz für den Aufbau der Uni im Gedächtnis. Zum 80. Geburtstag vermerkte die JOGU über Eichholz: „die Universität gefalle ihm heute nicht mehr so, aber das gehe ihn ja gottlob nichts mehr an“.

Mit ihm ging nicht nur ein Gründungsmitglied der Universität, sondern ein echter „Charakterkopf“ verloren. Heute wäre so jemand wohl als Kanzler nicht mehr denkbar, da alles in geregelten Bahnen verläuft und strenge Qualifikationsvorgaben zu erfüllen sind um dieses Amt überhaupt besetzen zu dürfen. So braucht man entweder die Befähigung zum Richteramt, eine Prüfung für des vierten Einstiegsamt im Verwaltungsdienst oder eine andere abgeschlossene Hochschulausbildung besitzen. Nicht zuletzt muss „sie oder er [...] aufgrund einer mehrjährigen beruflichen Tätigkeit, insbesondere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung, erwarten lassen, den Aufgaben des Amtes gewachsen zu sein.“ Aber manchmal sehnt man sich ja doch noch nach diesen eigensinnigen und deshalb irgendwie liebenswerten Persönlichkeiten, die mit klarer Kante sagen, was ihnen nicht passt.

Die Auswahl des Unikanzlers obliegt dem Unipräsident in Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium, weshalb wir keinen Einfluss darauf haben, wer dieses Amt innehat. Aber ob Angela Merkel und Martin Schulz zur Kategorie „klare Kante“ gehören und sich damit als Kanzler einer ganzen Republik empfehlen, dürft ihr am 24. September selbst entscheiden. Daher:

 
Geht wählen!
 


Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv

Dieser Artikel wurde am 19. September 2017 publiziert und unter Universitätsarchiv abgelegt.

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