Juli 1967: Als Mainz zum Schauplatz des Kalten Krieges wurde

Es sind Szenen wie aus Kafkas "Der Prozess", die sich vor 50 Jahren in Mainz abspielten: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“.

Wie Josef K. im Roman, muss sich der Mainzer Kinderarzt und Radiologe Dr. Sukil Lee auch gefragt haben, was er sich zu Schulden kommen lassen hat. Er war nie bei Rot über die Ampel gegangen, hatte immer ordentlich seine Steuern gezahlt – natürlich auch die Hundesteuer; wusste er doch, wie viel Wert seine deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger darauf legten. Außerdem hatte er dazu beigetragen, dass…. „Aber natürlich“, schoss es ihm durch den Kopf.

Zwischen Verdienstorden und Lebensgefahr

Alles hatte mit quengelnden Babys auf der pädiatrischen Abteilung der Mainzer Universitätsmedizin begonnen. Es herrschte akuter Fachkräftemangel in der noch jungen Bundesrepublik der 60er Jahre, es fehlten rund 30.000 Krankenschwestern in westdeutschen Hospitälern. Auch in Mainz kamen sie mit der Arbeit kaum hinterher. Dass die Neugeborenen quasi rund um die Uhr schrien, liege sicherlich an der zu geringen Zahl an Pflegerinnen, stellte Dr. Lee fest.

20 Jahre Dr. Lee und die "Krankenschwesternaktion". Ob die Herren im Hintergrund wohl nordkoreanische Spitzel sind?
Quelle: Universitätsarchiv

Der aus Südkorea stammende Arzt wusste, dass sich 10.000 km östlich von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein anderes Bild bot: In Seoul und anderswo im Land fanden zu viele koreanische Krankenschwestern trotz ihrer hervorragenden Ausbildung keine Anstellung. Es müsse doch irgendwie möglich sein, diese Bedürfnisse miteinander zu verknüpfen und eine Win-Win-Situation für seine beiden Heimatländer zu schaffen, dachte sich Dr. Lee. Wäre nicht allen geholfen, wenn man koreanische Schwestern in deutschen Krankenhäusern arbeiten ließ, die doch so dringend geschultes Personal benötigten?  Dass diese Überlegung ihm einmal das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland bescheren und in gleichzeitig in große Gefahr bringen sollte, konnte er damals nicht ahnen.

Ein junger Arzt packt an

Doch der Reihe nach: In Folge eines immensen, für deutsche Verhältnisse sicherlich nicht untypischen bürokratischen Aufwands, wurde aus einer vagen Idee eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt weil der 39- jährige Dr. Lee es sich nicht nehmen ließ, selbst nach Korea zu fliegen, um sich dort mit dem damaligen Gesundheitsminister zu treffen. Der versprach nach 10 Minuten, alles Nötige auf koreanischer Seite in die Wege zu leiten, sodass schon bald koreanisches Pflegepersonal in Deutschland zum Einsatz kommen würde.

Und tatsächlich, Anfang des Jahres 1966 konnten über hundert Koreanerinnen nach Deutschland reisen. Sie wurden persönlich vom Verwaltungsdirektor der Mainzer Klinik Dr. Reinhold Rörig in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz mit einer Chartermaschine in Seoul abgeholt.

Die Menschen, die im Juni 1967, also ein Jahr nach der Ankunft der ersten Schwestern, an der Türschwelle des Arztes standen, waren ihm weniger freundlich gesinnt.

Menschenraub im ach so beschaulichen Mainz

Es klingelt. Er schaut auf. Sein Blick huscht zum Herd. Der Kohl zum Fisch dürfte jeden Moment fertig sein. Sein Bauch knurrt. Wer mag das zu so später Stunde sein? Er hatte doch schon seinen Pyjama angezogen. Dr. Lee öffnet die Tür. Drei dunkle Anzüge bauen sich vor ihm auf. Der Doktor zupft seinen Schlafanzug zurecht.

Dann ereignete sich etwas, was der damalige rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters als „Menschenraub“ bezeichnete. Die drei Herren, die sich als südkoreanische Staatsbürger ausgaben, bitten Lee höflich in die Botschaft mitzukommen. Man müsse etwas besprechen. Dr. Lee geht mit, er scheint ohnehin keine Wahl zu haben. Die Herdflamme erlischt. Er zieht die Tür hinter sich zu.

In der Botschaft angekommen, wird er stundenlang verhört. Ihm wird gedroht, dass er und seine Familie die Heimat nicht wiedersehen würden, wenn er nicht mit nach Südkorea komme und sich der dortigen Justiz stelle. Er sei verdächtigt, Beziehungen zum kommunistischen Nordkorea zu unterhalten, mit der Absicht, eine Revolution in Südkorea anzustiften. Die sogenannte „Krankenschwesteraktion“, die er aus Mainz gesteuert habe, gehöre zu diesem perfiden Plan. Dem Mainzer Doktor bleibt nichts anderes übrig als den Forderungen der Agenten Folge zu leisten.

Und damit war er nicht der Einzige: Im Jahr 1967 wurden deutschlandweit 17 südkoreanische Staatsbürger entführt, die auf deutschem Territorium lebten. Ihnen allen wurden revolutionäre Umtriebe im Dienste des Erzfeindes Nordkorea vorgeworfen. Von offizieller Seite hieß es, dass die Kollaborateure freiwillig nach Südkorea zurückgekehrt seien. Familienmitglieder und der Freundeskreis der Betroffenen hielten das für unglaubwürdig, im Gegensatz zur damaligen Bundesregierung.

Der deutsche Rechtsstaat außer Kraft? Nicht in Rheinland-Pfalz

An vielen deutschen Universitäten fanden Podiumsdiskussionen statt, die nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung zum Protest gegen das stillschweigende Zusehen ihrer gewählten Vertreter mobilisieren konnten. In Mainz verfasste der AStA unter dem Vorsitz von Jürgen Büscher kurzerhand einen an den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gerichteten Brief, in dem er den Regierungschef dazu aufforderten „die Bundesrepublik als Rechtsstaat wieder herzustellen.“

Die unterzeichnenden Wissenschaftler der Uni Mainz regten sich besonders darüber auf, dass die Bundesregierung dem neuen südkoreanischen Botschafter die Akkreditierung erteilt hatte, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt immer noch von deutschem Boden entführte südkoreanische Staatsbürger in der Gewalt ihrer Regierung befanden. Bundespräsident Heinrich Lübke hielt das nicht davon ab, den Botschafter mit den Worten: „Unsere beiden Völker bekennen sich zu den gleichen Werten“ zu begrüßen. Wie der Spiegel 1967 berichtete, sei es auch Lübke gewesen, der seine Leute dazu angehalten hatte, sich nicht zu sehr für die Rückführung der Verschleppten einsetzen, um die „freundschaftlichen Beziehungen“ nicht zu belasten.

Die Mainzer Uniklinik wie Dr. Lee sie kannte.
Quelle: Universitätsarchiv

Dr. Lee hatte das Glück, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung sich nicht an den Ratschlag des Bundespräsidenten hielt und sich für die Befreiung ihres Arztes einsetzte, ebenso wie der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Am 20. Juli 1967, heute also vor genau 50 Jahren, konnte der Radiologe nach vier Wochen Gefangenschaft tatsächlich wieder deutschen Boden betreten.

Er schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Der Topf mit dem Kohl steht noch immer auf dem Herd. Ihm war das Schicksal Josef K. erspart geblieben:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.“

Aufgepasst:
Wer sich das Werk Kafkas "Der Prozess" (nochmal) anschauen möchte, wird unter anderem hier fündig:

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

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