„Heute Student, morgen tot?“ Mainzer Studis trauern um Benno Ohnesorg

Der Tod des Demonstranten von Alfred Hrdlicka: Relief vor der Deutschen Oper, Berlin (Urheber: Von Tod_des_Demonstranten.jpg: Originaltext: Lorem ipsum 19:09, 15. Jul. 2007 (CEST))derivative work: Emdee (talk) - Tod_des_Demonstranten.jpg, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8335786)

Die Vorwürfe, die Presse sei nicht objektiv genug in ihrer Berichterstattung, sie befeuere geradezu die Polarisierung gesellschaftlicher Gruppen und diffamiere letztlich alle, die nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, lesen wir besonders in den letzten Jahren häufig. Wenn das die „besorgten“ PEGIDA-Mitmarschierenden in die unzähligen Mikrofone verkünden, die man ihnen hinzuhalten bereit ist, lässt sich das meist auf ein Wort herunterbrechen: Lügenpresse.
Mehr oder weniger berechtigte Kritik an der sogenannten vierten Gewalt, übten auch Mainzer Studierende im Anschluss an ein tragisches Ereignis, das sich heute vor genau 50 Jahren, also am 2 Juni 1967, abgespielt hat.

„Der Tod…“, Strafrechtler der Uni Mainz Prof. Peter Schneider schaut auf und blickt in die Menschenmenge, die sich vor dem städtischen Theater Mainz [heute Staatstheater] versammelt hatte. Er sieht in bedrückte Gesichter. „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg betrifft jeden von uns persönlich, obwohl kaum einer von uns ihn persönlich gekannt hat.“

Die Nachricht aus Westberlin, dass anlässlich einer Anti-Schah Demo der Berliner Student Benno Ohnesorg von der Kugel des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras in den Hinterkopf getroffen worden war, wird auch in Mainz vielfältig diskutiert. Während Prof. Schneider im weiteren Verlauf seiner Rede vor dem Theater zur Besonnenheit mahnte und betonte, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen „unter welchen Umständen, aus welchen Motiven und äußeren Veranlassungen es zum tödlichen Schuss kam“, stand für die Mainzer Studierendenschaft fest, dass vor allem die Berliner Presse eine moralische Schuld für den Tod eines jungen Menschen zu tragen habe. Die hetzerische Berichterstattung über die Proteste in Blättern wie der BILD Zeitung habe die breite Öffentlichkeit gegen die Studierendenschaft aufgebracht. Die Verantwortlichen hätten somit die Eskalation in Kauf genommen, wenn nicht gar bewusst betrieben.

 

Und was macht Mainz?

Es ist beachtlich, wie schnell die Sprecher der Mainzer Studierenden reagiert haben und sich bereits am 4. Juni, also zwei Tage nach der Demonstration, im Gutenbergexpress zu Wort meldeten: Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, einte die Hochschulgruppen 1967 die Überzeugung, dass die Studierendenschaft und ihre Anliegen seitens der Presse verunglimpft werden sollten um im Rest der Bevölkerung Abneigung und Vorbehalte gegen die angehenden Akademikerinnen und Akademiker zu schüren.
Oder um es mit den Worten des eigentlich nicht als sehr revoluzzeraffin bekannten RCDS zu sagen: Fahrah Diba [die Gattin des autokratischen Schahs von Persien, die ihren Mann auf seiner Deutschlandreise begleitete] wird weiter durch die Regenbogenpresse lächeln. Studenten werden weiter durch die Springerpresse verketzert.“

Dementsprechend ordneten die Mainzer Studierenden auch die Anschuldigungen, ihre Berliner Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten die Polizei mit Messern attackiert, als weiteres Mittel zur öffentlichen Hetze ein. Der damalige 1. AStA-Vorsitzende Jürgen Büscher meinte hierin sogar eine neue Dimension der Diffamierung von Studierenden zu erkennen.

Neben der Presse wurden natürlich auch die Berliner Polizei und die politischen Verantwortlichen für den dramatischen Ausgang dieser Anti-Schah-Demo verantwortlich gemacht. Man könne fast meinen, die Beamten hätten sich von den Methoden ihrer Kollegen im Heimatland des Schahs, also dem Iran, inspirieren lassen und die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD getrost vor Dienstbeginn zu Hause gelassen, so Büscher.

Die Redakteure der berühmtberüchtigten Mainzer Studentenzeitung nobis urteilten, man müsse geografisch gar nicht so weit schauen, um im Verhalten der Polizisten frappierende Parallelen zu einem anderen Unrechtsstaat zu entdecken:

„In Berlin werden jetzt nicht nur an der Mauer Menschen erschossen. In Ost-Berlin herrscht Demonstrationsverbot, in West-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In Ost-Berlin gibt es eine Einheitspresse, in West-Berlin gibt es eine Einheitspresse. In Ost- und in West-Berlin ist nur gestattet, was die Polizei erlaubt. In Ost-Berlin erklärt man sich mit dem Nationalsozialisten Nasser solidarisch, in West-Berlin mit dem Monarcho-Faschisten Reza Pahlevi. In Ost-Berlin wird unterdrückt, was dem Magistrat nicht paßt. In West-Berlin wird unterdrückt, was dem Senat nicht paßt. In Ost-Berlin, in West-Berlin. Berlin bleibt Berlin.“

Der Mainzer Ableger des Liberalen Studentenbund Deutschlands wähnte sich gar an die NS-Zeit erinnert und schrieb im Gutenbergexpress vom 4. Juni: „Jede Meinungsäußerung, die dem Establishment widerspricht, ist verdächtig, Demonstranten kommen wieder ins Gefängnis.“

Die Conföderation Iranischer Studenten, die als eine der wichtigsten Anti-Schah- Gruppierungen im Ausland agierte und auch in Mainz vertreten war, wählte in ihrer Presseerklärung vom 5. Juni klare Worte. Die Schuld an dem Tode Ohnesorgs läge allein bei der aus Teheran „eingeführten Schlägertruppe und jenen, die dieser Truppe von Beginn des Schah-Besuches an Aktionsmöglichkeiten verschafft haben“.

 

Der trauernde Student und sein Dreschflegel

Um der Trauer auch öffentlich Ausdruck zu verleihen organisierte der AStA Mainz einen Trauermarsch vom Forum universitatis ausgehend über den Hauptbahnhof, am Münster- und Schillerplatz entlang bis zum Gutenbergplatz, wo der Marsch mit einer Kundgebung seinen Abschluss finden sollte. In diesem Rahmen hielt der bereits eingangs erwähnte Mainzer Professor Peter Schneider seine Rede, ebenso wie der AStA Vorsitzende Büscher.

Der damalige Rektor der JGU Hans Rohrbach bestand bei einer dem Trauermarsch vorangegangenen Besprechung mit allen Hochschulgruppen darauf, dass „kein anderes Transparent“ benutzt werden solle, als „Wir trauern um Benno Ohnesorg“. Im Gegenzug bewilligte er die Veranstaltung des ersten Mainzer teach-ins, in dem es Platz und Gelegenheit für die politische und gesellschaftliche Diskussion geben solle.
Rund 2000 Studenten und Studentinnen, einige Mainzer Professoren und Mitarbeiter der Uni nahmen an dem Trauerzug durch die Mainzer Innenstadt teil. Im Vorlauf wurden circa 7000 Flugblätter verteilt, in dem der AStA gemeinsam mit den Hochschulgruppen etwa den Rücktritt des regierenden Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, des Innensenators Wolfgang Büsch, die Suspendierung des Polizeipräsidenten und des polizeilichen Einsatzleiters forderte.

Fluglatt Benno Ohnesorg

Flugblatt zu Ohnesorgs Tod herausgegeben vom AStA und den Hochschulgruppen der JGU (Quelle: Universitätsarchiv Mainz)

Laut der Mainzer Allgemeinen Zeitung verhielt sich die Mainzer Bevölkerung „entlang der Marschroute zögernd und abwartend“. Zwar hielten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Vereinbarung, keine politischen Parolen auf die Plakate zu schreiben, ein Demonstrant jedoch trug einen Dreschflegel mit sich, wohl um seinen Protest gegen die Gewaltbereitschaft der Berliner Polizei zu unterstreichen. Nach Beendigung der studentischen Aktion wurden spontan noch knapp 1700 DM für die Witwe Ohnesorgs gesammelt.
Am Tag der Beisetzung Ohnesorgs am 9. Juni 1967, war der gesamte Lehrbetrieb eingestellt worden, und ab 14 Uhr fand das erste Mainzer teach-in im Forum universitatis statt. Etwa 400 Kommilitoninnen und Kommilitonen nahmen hieran teil und diskutierten über Themen wie „Autoritäre Universität?“ „Zerschlagung des Springer Konzerns?“ „Was geht uns Persien an?“ „Studieren oder politisieren?“ „Einigkeit und Recht und Freiheit?“

Auch auf dem Programm stand die Rede eines ehemaligen Berliner Studenten, der berichtete, dass fast alle Kundgebungen in Berlin mit Verhaftungen und Verletzten verbunden gewesen seien, dass das fast schon normal gewesen sei.
So lässt sich auch der Kommentar von Hans Georg Claussen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund Mainz verstehen, der die Tragödie einige Tage vorher wie folgt kommentiert hatte:

„Wir trauern um Benno Ohnesorg, aber wir wundern uns nicht mehr.“

 

Aufgepasst:
Wenn ihr noch mehr über Benno Ohnesorg erfahren wollt haben wir noch zwei spannende Literaturhinweise:

Die Stasi und der Westen von Sven Felix Kellerhof. Hier gehts um die Stasi-Verstrickungen von Karl-Heinz Kurras.

Der Freund und der Fremde von Uwe Timm. Ein ehemaliger Mitschüler Ohnesorgs erzählt von ihrer gemeinsamen Schulzeit.

 

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

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