Von Mainzer Böhmermännern und -frauen, Despoten sowie lästigen Paragraphen

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann in Rostock 2014 (Foto: Jonas Rogowski, Lizenz: CC BY- SA 3.0)

Mainz kann Böhmermann. So richtig. Schon vor 50 Jahren. Vielen ist gar nicht bekannt, dass Jan Böhmermann eigentlich nur ein Nacheiferer und Nachmacher von etwas viel Größerem und er überhaupt nicht originell ist. Denn was er kann, konnten unsere Mainzer Kommilitonen und Kommilitoninnen 1967 schon lange.

Vor 50 Jahren, unweit vom ReWi, in dem heute Abend Jan Böhmermann zu Gast im SWR Unitalk sein wird, spielte sich Denkwürdiges ab. Vor der (Alten) Mensa im Forum der JGU bildet sich eine Traube Menschen um die Initiatoren einer Unterschriftenaktion. Nein, hier ging es ausnahmsweise mal nicht, um Banalitäten, wie die Verbesserung des Mensaessens: Wer hier seine Signatur setzte, nannte den Schah von Persien Mohammad Reza Pahlavi einen „Schreibtischmörder von Studenten, Professoren und Politikern“. In einem Land wie Deutschland, wo die Meinungsfreiheit ganz weit vorn im Grundgesetzt steht, sollte das doch eigentlich kein Problem sein, oder?

Nicht ganz. Denn jene 100 Mainzer Studierenden, die zugaben, den Schah beleidigt zu haben, bezichtigten sich somit einer Straftat! Nämlich der „Verunglimpfung eines ausländischen Staatsgastes“. Außerdem baten sie um „gerechte Bestrafung“ wie es der Paragraf 103 des Strafgesetzbuchs in solchen Fällen vorsieht. Auf jenen Paragrafen, der seit jeher als Schah-Paragraf bekannt ist, berief sich auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als er gegen das von Böhmermann verfasste Schmähgedicht klagte.

Im Umgang mit den jeweiligen Strafanträgen haben sich die Bundesregierungen von 1967 und von 2017 Kritik gefallen lassen müssen. Mancherorts herrschte die Ansicht vor, dass sich die Volksvertreter nicht mit Ruhm bekleckert hätten und sich gar vor den Karren der Autokraten spannen lassen haben. Angela Merkel wurde vorgeworfen, die Aufrechterhaltung des sogenannten „Flüchtlingsdeals“ mit der Türkei auf keinen Fall durch die Causa Böhmermann gefährden zu wollen.

Demonstrationen gegen Schah

Demonstration gegen den Schah vor der Alten Mensa 1968 (Quelle: Universitätsarchiv, Foto: Manfred Schumacher)

Auch 1967 hatte der Kläger vermeintliche Druckmittel in der Hand: Der iranische Presseattaché ließ damals verlauten, dass der Iran diplomatische Beziehungen zu Ost-Berlin aufnähme, sollte die Bundesregierung den Anträgen auf Strafverfolgung nicht stattgeben. Die Unterstützer der Bundesregierungen sahen und sehen in dem Okay zur Strafverfolgung eher ein Zeichen von Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz.

Die Justiz hatte 1967 aber die Rechnung ohne jenen Teil der Bevölkerung gemacht, der bereit war das Kind, also den Schah, beim Namen, also einen Mörder zu nennen und die Staatsanwaltschaft mit tausenden Selbstanzeigen zu überfluten. Die Unterzeichner waren Teil bundesweiter Kampagnen, wie der von Frankfurt ausgehenden „Aktionsgemeinschaft Paragraph 103“.

Unsere Mainzer Böhmermänner und –frauen haben 1967 ihren Teil dazu beigetragen, dass die Strafverfolgung, vor allem gegen iranische Studierende, die von Spitzeln des Schahs auf den unzähligen Anti-Schah-Demonstrationen ausgemacht wurden, im Sande verlief. Nachträglich reihen sich diese Ereignisse in eine Zeit ein, die Historiker als die „68er“ bezeichnen. Diese Periode wird allgemein mit Auflehnung gegen die Obrigkeit, jugendlichem Ungehorsam, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, sexueller Selbstbestimmung und der Friedensbewegung in Verbindung gebracht.

So sehr wir alle eine Meinung zu den „68ern“ haben, so wenig wissen wir tatsächlich, welche Formen diese Bewegung vor unserer Haustür, auf dem Mainzer Campus, angenommen hat. Dieser Frage möchte ich nachgehen und habe für euch das Mainzer Universitätsarchiv nach spannenden Geschichten und starken Bildern durchforstet und kann euch jetzt schon verraten, dass auch unser Campus Schauplatz von so manch einem Skandal wurde.

Wenn ihr den Mainzer Campus, etwa wie den Eingang zur Alten Mensa in Folge dieses Artikels, mit anderen Augen sehen wollt, dann bleibt einfach an der Beitragsreihe „68 in Mainz“ dran.
Anlässlich des 50jährigen Todestags des Berliner Studenten Benno Ohnesorgs am 02.Juni werde ich euch im nächsten Beitrag beschreiben, wie die Mainzer Studierendenschaft 1967 auf die bestürzenden Nachrichten aus der Hauptstadt reagiert hat.

 


Autorin Filiz Yildirim

Filiz Yildirim studiert Geschichte und Französisch Bachelor of Arts im Mainz-Dijon-Studiengang. Sie arbeitet zurzeit als Hilfswissenschaftlerin im Universitätsarchiv und schreibt dort hauptsächlich Beiträge zur Reihe "68er in Mainz".

 

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