Die Einheitslieder der deutschen Bistümer (1947)

Vom großdeutschen Entwurf zur Integrationshilfe nach Krieg und Vertreibung
(DFG-Projekt)

Projektleitung: Prof. Dr. Ansgar Franz
Wiss. Mitarbeiterin: Dipl.-Theol. Andrea Ackermann

Im Jahr 1947 wurden in den deutschen Diözesen die Einheitslieder der deutschen Bistümer (E-Lieder) eingeführt. Sie stellten einen allen Katholiken Deutschlands gemeinsamen Kanon von 74 einheitlichen Liedfassungen bereit. Ca. 1950 folgten dann Die Einheitslieder der Österreichischen Bistümer. Damit war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Einheitsgesangbuch erreicht, das mit dem Gotteslob 1975 erstmals realisiert wurde.
Zu Beginn des 20. Jh. besaßen die deutschsprachigen Diözesen untereinander kaum eine einheitliche Liedtradition; Liedrepertoire, Text- und Melodiefassungen differierten enorm. Das Fehlen eines gemeinsamen überdiözesanen Liedguts wurde besonders ab Mitte der 1930er-Jahre infolge großer Binnenmigration virulent (Reichsarbeitsdienst, Landjahr, NS-Industrialisierungsprojekte, Umsiedlungsprogramme usw.). In der Diskussion hob man stark die praktisch-seelsorgliche Notwendigkeit eines gemeinsamen deutschsprachigen katholischen Kanons hervor (so v.a. durch den Seelsorgedienst für die „Wandernde Kirche“ und ab 1939 auch durch die Wehrmachtsseelsorge). Es gab auch Stimmen, die einen „Reichsliederkanon“ zur Stärkung des deutschen Volksbewusstseins forderten. Kritiker wiederum wandten ein, dass die katholische Identität im Bereich des Kirchenliedes zutiefst regional geprägt sei und die Unterschiede kaum überwunden werden könnten in einem Geltungsbereich, der sich erstreckte vom ostpreußischen Ermland, Berlin und Hildesheim im Norden bis zu den österreichischen Diözesen im Süden, von Trier, Köln und Aachen im Westen bis nach Breslau und den böhmischen Bistümern im Osten. Vereinheitlichungsbestrebungen, die zwangsläufig das Umlernen beliebter Lieder in eine andere Fassung mit sich bringen müssten, würden sich identitätszerstörend auswirken.
Ab ca. 1940 wurden verschiedene Vorschläge zur Lösung dieses Problems erarbeitet. Bereits 1943 legte eine ca. 20köpfige, von der Fuldaer Bischofskonferenz beauftragte Kommission eine Liedliste vor, an der auch drei Vertreter aus Österreich mitgearbeitet hatten. Die endgültige Verabschiedung der E-Lieder erfolgte erst nach einer kriegsbedingten Unterbrechung 1947. Zu diesem Zeitpunkt gehörten die österreichischen Bistümer nicht mehr der Fuldaer Konferenz an und gingen parallele, aber eigene Wege.
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt (Laufzeit: 2016-2019) zielt auf eine hymnologische Untersuchung des 1947 verabschiedeten E-Lied-Kanons. Dieser wird hinsichtlich seiner Gestalt, seiner Quellen und seiner Entstehungsgeschichte erforscht anhand von bisher zumeist unberücksichtigtem Archivmaterial. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der 1947er E-Lieder, zu der sowohl die Nachkriegsdiözesangesangbücher als auch die österreichischen E-Lieder und schließlich das Gotteslob 1975 und 2013 gehören.