AG Mediengeographie

Team: Anton EscherMarion Plien, Elisabeth Sommerlad

 

 

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute,

welche die Welt nie angeschaut haben.“

(Alexander Freiherr von Humboldt (1769 - 1859))

 

 

Ganz gleich, ob wir einen Blick in die Tageszeitung werfen, einen Roman lesen, in einem bunten Reisekatalog schmökern oder einen Film rezipieren: In unserer alltäglichen Lebenswelt sind wir ständig mit Bildern umgeben, die uns eine Vorstellung davon vermitteln, wie „unsere“ Welt aussieht und strukturiert ist. Ein „Erleben aus erster Hand“ (Escher & Zimmermann 2001:228) gerät somit zunehmend in den Hintergrund. Bereits durch Luhmann wissen wir, das „was wir über die Welt (…) wissen, wissen wir (…) durch die Massenmedien“ (Luhmann 2009:9).  Jeder von uns hat Vorstellungen davon, wie es beispielsweise in Neuseeland, New York oder der Sahara aussieht – auch wenn man diese Orte lebensweltlich noch nie bereist hat (vgl. Escher & Zimmermann 2005:162, Cresswell 2004).

Visuelle Medien nehmen einen festen Platz in unserer alltäglichen Wirklichkeitskonstruktion ein, die sich somit immer stärker über das Medium des Bildes vollzieht. Es lässt sich eine „Tendenz zu einer totalisierenden, bildhaften Präsentation von Kultur, einer Verbildlichung des symbolischen Sinnsystems“ feststellen (Müller-Doohm 1993: 441). Dieser Pictoral bzw. Iconic Turn (Mitchell 1992 bzw. Boehm 1994) zeigt sich auch bei der Vermittlung von Bedeutungen zwischen allgemein gesellschaftlichen und speziellen (natur-)wissenschaftlichen Diskursen (Mersch 2006). So setzt sich die Konstruktion von Wissen in der Geographie, in historischer und gegenwärtiger, in fachinterner und öffentlicher Perspektive, aus vielfältigen visuellen Komponenten zusammen, sei es in Form von klassischen Karten, GIS, Grafiken, Fotografien oder Filmen. Die steigende Bedeutung der Visualität bei der Konstruktion unserer  alltäglichen und wissenschaftlichen Lebenswelten wird in der Geographie aktuell immer stärker anerkannt, reflektiert und analysiert (vgl. Schlottmann, Miggelbrink 2009).

Medial vermittelte Geographien sind (also) keine Abbilder der Realität und dürfen nicht mit der Lebenswelt gleichgestellt werden, denn es handelt sich um mediale Konstruktionen, die unsere Welt mit Bedeutungen, Diskursen und Ideologien ausstatten (vgl. Aitken & Zonn 1994: 21). Damit zeigt sich die Relevanz der medialen Raumbilder für die Lebenswelt – stehen sie doch in ständiger Wechselwirkung mit ebendieser. Denn Medien greifen Elemente unserer Lebenswelt(en) auf und setzen diese Referenzen auf spezifische Art und Weise um. Zudem stellen uns medial vermittelte Raumbilder Elemente zur Verfügung, „welche die Art und Weise mitbestimmen, wie wir uns mit der Welt auseinandersetzen“ (Escher & Zimmermann 2001:228). So erweitern diese Erfahrungen die Wahrnehmungen der Rezipienten und werden zu einem Bestandteil materiell-sozialer Praktiken bzw. des alltäglichen Geographie-Machens, das Werlen zufolge der Untersuchungsgegenstand aller handlungstheoretischer, geographischer Studien darstellten sollte.

Ziel der Mediengeographie ist es, theoretische Zugänge zur Dekonstruktion massenmedialer Raumkonstruktionen und Analysen zu den aus medialen Vermittlungen entstandenen Umweltwahrnehmungen zu entwickeln (Zimmermann 2007). Wechselwirkungen zwischen Medien und Lebenswelt stellen einen weiteren Forschungsschwerpunkt in der Mediengeographie dar, wie beispielsweise das Entstehen des Drehorttourismus oder die Inszenierung von Orten und Kulturen.

Die Mediengeographie – als stabiler „Eckpfeiler der neuen Kulturgeographie“ (Escher & Zimmermann 2001:229) – setzt sich mit solch medial vermittelten Raumbildern auseinander. Hierbei nimmt die Mediengeographie unterschiedliche Perspektiven ein und bedient sich unterschiedlichster theoretischer Zugänge und methodischer Ansätze.

In diesem Rahmen lassen sich sehr unterschiedliche Themen und Fragestellungen bearbeiten. Mittlerweile kristallisieren sich neue Teildisziplinen der Mediengeographie heraus –  wie beispielsweise die Filmgeographie, die „am Schnittpunkt zwischen Geographie, Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie der Literatur-, Politik- und Filmwissenschaft“ (Zimmermann 2007:16) positioniert ist.

In der Mainzer AG Mediengeographie am Geographischen Institut werden aktuell unterschiedliche Forschungsschwerpunkte umgesetzt. Dazu gehören beispielweise der Einfluss der filmischen Narration auf die imaginären Geographien von Jugendlichen, Interkulturalität in Spielfilmen, die Landschaftskonstruktion in Bilddiskursen sowie die Simulation filmisch-fiktionaler Welten in Kreuzfahrten.

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Aitken, Stuart & Leo Zonn (1994): Re-Presenting the Place Pastiche. In: Aitken, Stuart & Leo Zonn [Hrsg.]: Place, Power, Situation, and Spectacle. A Geography of Film. London: 3–26.

Boehm, G. (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hrsg.): Was ist ein Bild? München: 11-38.

Cresswell, Tim (2004): Place. A short introduction. Malden, Oxford, Carlton.

Escher, Anton & Stefan Zimmermann (2001): Geography meets Hollywood – Die Rolle der Landschaft im Spielfilm. Geographische Zeitschrift, 89 ( 4): 227-236.

Escher, Anton & Stefan Zimmermann (2005): Drei Riten für Cairo. Wie Hollywood die Stadt Cairo erschafft. In: Escher, Anton & Thomas Koebner [Hrsg.]: Mythos Ägypten. West-Östliche Medienperspektiven II. Remscheid: 162-173.

Mersch, D. (2006): Visuelle Argumente. Zur Rolle der Bilder in den Naturwissenschaften. In: Maasen, S., Mayerhausen, T., Renggli, C. (Hrsg.): Bilder als Diskurse - Bilddiskurse. Weilerswist: 95-116.

Mitchell, W. J. T. (1994): Picture theory: Essays on verbal and visual representation. Chicago, London.

Rössel, J., U. Schimank und G. Vobruba (Hrsg.) (42009): Niklas Luhman. Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden.