Die Personifikation des Bösen als anti-aufklärerisches Prinzip

Einleitend steht die Feststellung der "Allgemeinen Dämonisierung der Gesellschaft". Gerade in Literatur und Film ist in den letzten Jahren der Teufel los: Beschränkt man die Betrachtungen allein auf die letzten zwanzig Jahre, so finden wir hier eine steigende Zahl von Werken, die den Teufel in seiner Verkörperung darstellen oder ihn zumindest im Titel tragen. Allein bei Amazon findet man unter dem Stichwort Teufel über 1300 Buchtitel angeführt, dem Teufel im Film ist sogar eine eigene Webpage gewidmet. Auch die Wissenschaft interessiert sich zunehmend für das literarische Motiv: So gibt es Studien des Tübinger Professors Schnierer zum Teufel in der englischsprachigen Literatur und von Khalil Shaikh zum Teufel in der modernen arabischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Geschäft mit dem Teufel boomt in jeder Hinsicht.

Hieraus ergeben sich die leitenden Fragen: Woher kommt das Interesse an der Figur des Teufels? Was bedeutet die Personifikation des Prinzips des Bösen in philosophischer Hinsicht? Und welche mögliche Instrumentalisierung der Teufelsfigur wird gerade heute zu welchem Zweck angewendet?

Ein erster Hauptteil mit dem Titel "Der Teufel der Philosophen" widmet sich dem philosophiegeschichtlichen Hintergrund. Hier leistet Günther Mahal in seiner Studie "Mephistos Metamorphosen. Fausts Partner als Repräsentant literarischer Teufelsgestaltung" von 1972 aufbauend auf Gustav Roskoffs "Geschichte des Teufels" von 1869 schon wichtige Vorarbeit, die einem ersten Kapitel "Wie der Teufel in die Philosophie kam" zugrunde gelegt wird. Ausgehend von einer theoretischen Darstellung der Genese der Teufelsfigur analysiert er die Figur des Mephistopheles im literarischen Faust-Stoff im Hinblick auf ihre unterschiedliche Repräsentation, was sowohl charakteristische als auch - soweit im Text vorgegeben - phänotypische Merkmale betrifft. Da es sich hier um eine literaturwissenschaftliche Arbeit handelt, fehlt allerdings die philosophische Hinterfragung des Phänomens. Zudem ist der Bezug zur Aktualität der Problematik aufgrund des Erscheinungsjahres der Studie nicht mehr gegeben.

Wie Mahal richtig bemerkt, fehlt zur Zeit der Aufklärung jegliche Repräsentation des Teufels in der Literatur. Dies lässt sich in einem zweiten Kapitel "Der Aufklärungsoptimismus als Vertilger des Bösen" durch die philosophische Position erklären: Begründet Leibniz in seiner "Théodicée" die Idee der besten aller Welten, in der alles zum Guten strebt, so wird diese optimistische und positive Überlegung neben anderen Philosophen seiner Zeit auch von Johann Gottfried Herder übernommen und zu einem Prinzip der Harmonie erweitert, das die Grundlage seiner philosophischen Reflexion bildet. Dabei ist für Herder eindeutig, dass das Gute in der Welt dominiert und das Negative auf natürliche Weise überwunden wird, sei es in geschichts- oder sprachphilosophischer, ästhetischer oder ethischer Hinsicht, und somit ist das Böse nicht nur aus der Welt, sondern auch aus Herders eignem Denken eliminiert.

Ein drittes Kapitel untersucht "Die Auferstehung des Bösen im deutschen Idealismus". Erst durch Kants Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" von 1793 zu Ende der Aufklärungsepoche erfährt das Prinzip des Bösen eine Wiederformulierung, insofern als das Böse dem menschlichen Wesen immanent ist und nicht durch die Moral allein zum Guten gebracht werden kann.

Auch Schelling gibt in seiner Schrift "Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände" von 1809 eine Legitimation des Bösen, die gnostisch zu nennen ist. Er greift hier den gnostischen Mythos auf, nach dem die Freiheit als inneres Prinzip vom Menschen vereinnahmt wird, indem der Mensch die Rolle des Schöpfers übernehmen will. Dieser Missbrauch, nämlich die Radikalisierung der Autonomie, führt nun zum Bösen. Gnostisch ist die Position Schellings zu nennen, da sich hier nicht nur die Grundmotive aufweisen lassen, die Hans Jonas zusammengestellt hat: nämlich unter anderem der Dualismus von Licht und Finsternis, Geist und Materie, sondern insbesondere die Verselbstung, Aneignung und damit letztlich auch Anmaßung des Lichtes als eigenmächtiges Prinzip der Freiheit.

Es ist also schon hier eine veränderte Form des Denkens in Bezug auf das Prinzip des Bösen zu erkennen. Während die Philosophie vor der Aufklärung den Menschen als im Bösen gefangen begreift, wird das Böse seit der Aufklärung als Modifikation des freiheitlichen Gebrauchs der Vernunft und somit als Radikalisierung der Freiheit gesehen.

Von hier aus ist in einem vierten Kapitel "Die philosophische Existenz des Teufels im 20. Jahrhundert" die Radikalisierung des Freiheitsbegriffes in jüngster Gegenwart zu untersuchen. Dies geschieht auf der Grundlage der philosophischen Analysen von Hans Jonas "Gnosis und spätantiker Geist" Band I und II sowie "The gnostic religion" ("Gnosis"). Jonas unternimmt hier den Versuch, die Existenzphilosophie Heideggers und Jaspers' als gnostische Weltanschauung auf zu zeigen. Es stellt sich also die Frage, ob der Freiheitsbegriff der Existenzphilosophen, einschließlich Sartres, die satanische Freiheit beinhaltet.

Der Analyse des Prinzips des Bösen soll in einem zweiten Hauptteil mit dem Titel "Die Figuration als Veranschaulichungsform des Bösen" die geschlechtliche Konkretisierung des Neutrums folgen. Es geht dann also um die Personifikation: das Böse, welches der oder die Böse wird. Auf der Grundlage der Feststellung einer verstärkten Präsentation des Teufels in Literatur und Film und der damit einhergehenden immer größer werdenden moralischen Akzeptanz des Teufels soll dieses kulturelle und gesellschaftliche Phänomen analysiert werden.

Ein erstes Kapitel "Die ästhetischen Aspekte des modernen Teufels" behandelt die Frage, wie der moderne Teufel aussieht. Dies soll anhand ausgewählter Beispiele aus Literatur und Film seit 1985 geschehen. Einerseits wird die Darstellung des Teufels an sich untersucht. Dies bedeutet die Analyse der traditionellen Züge, welche die Darstellung des Teufels der christlichen Tradition und deren Bekämpfung des Dionysoskult entnimmt. Dabei soll die Verfremdung dieser typischen Züge und deren eventuelle Umkehrung in positive Kategorien wie erotische Anziehung, Reichtum oder Macht aufgezeigt werden. Andererseits soll auch die geschlechterspezifische Unterscheidung in der Teufel und die Teufelin untersucht werden.

Daraus ergibt sich ein zweites Kapitel, welches die "Bedeutung der Personifikation des Prinzips des Bösen" behandelt, wobei festzuhalten ist, dass die Personifikation eines Menschen mit dem Bösen immer die gesellschaftliche Ächtung und somit die ideologische Ausgrenzung bedeutet, die den sozialen Tod und in letzter Konsequenz den realen Tod mit sich führt. Insofern ermöglicht die Personifikation des Bösen auch eine "Instrumentalisierung der Personifikation des Bösen", die in einem dritten Kapitel zu reflektieren ist. Gerade heute wird diese in ihrer negativen Konnotation politisch genutzt, um Widersacher ein für alle Mal unschädlich zu machen. Dies ist gegenwärtig z.B. an der Personifikation des Bösen an Sadam Husseins oder Ossama Bin Ladens durch George W. Bush zu beobachten.

Im ästhetischen Bereich, nämlich in Literatur und vor allem im Film, dient die Personifizierung des Teufels weniger der Abschreckung, denn eher dem kommerziellen Faktor durch Erweckung von Interesse. Das Gute siegt immer, ist aber an sich langweilig. Interessant wird es erst durch den Gegenpol, und höchstes Interesse erzielt eben das höchste Prinzip der dunklen Macht, der Fürst der Finsternis. Die Personifikation des Teufels steht hier für Spannung, Action und Event und ist somit positiv konnotiert.

Auffällig ist jedoch vor allem das wachsende Interesse am Satanismus. Schon Houellebecq lässt die Figur des David die Meola in den "Particule élémentaires" in diesem Zusammenhang erkennen, dass die Anführer des Satanskultes eigentlich an nichts und schon gar nicht an den Teufel glauben, sondern die Struktur des Kultes für eigene manipulative oder unmoralische Machenschaften nutzen. Jedoch wird der Teufel hier instrumentalisiert, um vor dem Hintergrund der Idee des radikal freien Menschen einen Sozialdarwinismus wiederzubeleben, der das Recht des Stärkeren fördert. Dabei kennt der radikal freie Mensch keine Grenzen außer den biologischen. Insofern werden die Anführer des Satanskultes durch ihre - meist auch rechtsideologischen - Tendenzen zu Vorbildern und somit zu Protagonisten einer neuen Ethik.