Habilitationsprojekt Dr. Annette Hilt

Strukturen menschlicher Selbsterfahrung und Selbstdeutung in Grundkategorien phänomenologischer Anthropologie

Anknüpfend an den anthropologischen Topos des ‚offenen Wesens des Menschen’ befasst sich das Projekt mit Grundkategorien menschlichen Selbstverständnisses, seiner Bildungsdynamik und Ausdrucksformen. Hier rekonstruiere ich verschiedene Ansätze innerhalb der Philosophischen Anthropologie, in denen v.a. über eine phänomenologische Methodik die Frage nach dem Menschen zum Ausgangspunkt sowohl philosophischer Systematik als auch ethischer Verständigung genommen wird.

Anthropologie wird hier weiter gefasst als nur ein Teilgebiet der Philosophie. Vielmehr geht es darum, grundsätzliche Ansätze, philosophische und ethische Reflexion aus der Selbsterfahrung des Menschen heraus zu bestimmen, in einen kritischen Dialog zu bringen. Problemstellungen sind hier u.a., was konzeptionelle und methodische Voraussetzungen für die Frage nach dem Menschen und für das Bild vom Menschen sind und wie sie sich als Verständigungskategorien über menschliche Grunderfahrungen systematisieren lassen, welche impliziten Wertungen in sie eingehen und wie diese in kritischer Absicht transparent gemacht werden können, um sie in ethische Diskurse über Lebensgestaltung und ihren gesellschaftlichen Kontext einzubringen.

Autoren wie Helmuth Plessner, Martin Heidegger, Emmanuel Levinas, Eugen Fink und MichelHenry haben im Laufe des 20. Jahrhunderts die Reflexion über die Tradition und Wirkungsgeschichte

philosophischer Kategorien wie Sein und Werden, Sein und Nichts, Möglichkeit und Wirklichkeit mit der Frage nach Ort und Dynamik von Selbstverhältnis und Selbstverständnis verknüpft. Verständigung darüber verläuft vor allem über den praktischen Lebensvollzug und seine sinnhaften Entstehungs- und Wirkungsstrukturen. Für den Zusammenhang dieser Strukturen der Sinnerfahrung, -deutung, -gestaltung gilt es, Verständnis- und Reflexionskategorien zu gewinnen. Dieser implizite ‚existenziellen Grund’ der Verständigung, der Grundlagen und der Bildung der Kategorien unserer Selbst- und Fremdbilder ist

zentral für anthropologische Philosophie. Und hier greift sie auf das Methodenbewusstsein der Phänomenologie als ‚Reflexionswissenschaft’ (Plessner) zurück.

Die Bedeutung der Phänomenologie für systematische Fragestellungen gerade der praktischen Philosophie ist bis jetzt nur unzureichend betrachtet und vor allem auch weitergeführt worden; vor allem wurde die Entwicklung ganz unterschiedlicher Ansätze aus der Phänomenologie heraus, eine in der menschlichen Praxis verortete Selbstverständigung über das menschliche Dasein für sozialwissenschaftliche und ethische Problemfelder fruchtbar zu machen (neben den oben genannten auch Hannah Arendt, Thomas Luckmann u.a.), nicht auf ihre gemeinsamen Anliegen aber auch unterschiedlichen Problemdimensionen untersucht, die sich gerade in ihrer sehr detaillierten Methodenreflexion niederschlagen. Und es ist gerade diese methodische Stärke, die über die Philosophie hinaus für die Wissenschaften vom Menschen

starkt gemacht werden können.

So lassen sich Kategorien menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses aus dem Horizont eines Vor- und Grundverständnisses eigener Existenzerfahrung heraus rekonstruieren. Hier fließen nicht allein Tatsachen und Sachverhalte ein, sondern auch irreduzibel subjektive Erlebnisse, Gefühle und Wertschätzung, die sich in Sinnhorizonten zusammenschließen: Gerade in diesem der rationalen Objektivierung nie vollständig zugänglichen Bereich konstituieren sich Interpretation und Kommunikation menschlicher Selbsterfahrung und deren unterschiedliche Formen des Ausdrucks.

Hier wird für mich neben der philosophischen Anthropologie noch ein zweiter Hintergrund bedeutsam: die medizinische Anthropologie, v.a. die Verbindung psychopathologischer und psychotherapeutischer Reflexion mit der Philosophie in einer eng mit der Phänomenologie verbundenen psychosomatischen und daseinsanalytischen Tradition (Straus, Minkowski, Gebsattel, V. v. Weizsäcker, die an Merleau-Ponty orientierte Phänomenologie des Leiblichen). Diese betrachtet nicht nur wie die ‚klassische’ Phänomenologie den Menschen im Ausschnitt seiner Bewusstseinsstrukturen; vielmehr greift das in der Praxis und der Erfahrungswissenschaft von Pathologie und Therapeutik angereicherte Fragen vielschichtigere Strukturen von Existenz, Erfahrung und Sinnbildung auf: so werden z.B. Affektivität und ihr Ausdruck, Leiblichkeit, Zeit- und Raumerfahrung zu Schwerpunkten phänomenologischer Analysen. Dieser interdisziplinäre Austausch trägt gerade der grundlegenden Erfahrung Rechnung, dass sich die Frage nach dem Menschen nicht zuletzt in Grenz- und Krisenerfahrungen entwickelt und verschärft, in denen Sinnstrukturen in Frage gestellt werden oder gar zerbrechen. Erst in solchem Austausch erweist sich die philosophische Anthropologie schließlich als menschliche Praxis, die im gemeinsamen Nachvollzug von Erfahrungen und in therapeutischpädagogischen Handlungsstrukturen philosophische Reflexionskategorien auch inhaltlich und kritisch konkretisiert.