Die Jüdische Bibliothek an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Neu: Dokumentation zur Bibliothek im Steiner Verlag von Andreas Lehnardt. Näheres unter:

Seit ca. 1955 befinden sich in der Evangelisch-Theologischen Fakultät im Fachbereich 01 die Reste der jüdischen Gemeindebibliotheken aus Mainz, vor allem die der orthodoxen und der liberalen Gemeinden. Die Bücher sind laut eines Vertrages seit 1955 Leihgabe der jüdischen Gemeinde Mainz an die Johannes Gutenberg-Universität. Offensichtlich sind die Bücher aber schon 1946 an die neu gegründete Universität gekommen. Es handelt sich heute um eine Präsenzbibliothek, die ca. 5500 Bände umfasst, darunter seltene Hebraica und Judaica aus unterschiedlichen Gebieten. Die Geschichte der Bücher ist bislang nicht dokumentiert. Erschwert wird die Rekonstruktion des Werdegangs der Bibliothek durch das Fehlen eines Gemeindearchivs. Auch das Universitätsarchiv weist diesbezüglich Lücken auf. Von dem jüdischen Gemeindearchiv sind kriegsbedingt und aufgrund der Verfolgungen nur Reste erhalten. Immerhin lässt sich einigen Hinweisen in den Büchern selbst entnehmen, woher die Bücher ursprünglich stammten. Offensichtlich handelt es sich vor allem um Bestandteile der Gemeindebibliotheken der liberalen Gemeinde von Mainz und der Israelitischen Religionsgesellschaft, d.h. jener orthodoxen Gruppe, die sich 1857 als die „Gemeinschaft zur Aufrechterhaltung des strenggläubigen Judentums in Mainz“ von der liberaleren Hauptgemeinde abgespalten hatte. Zahlreiche Bücher stammen aus Nachlässen ehemaliger Rabbiner in Mainz, darunter die Bücher von Marcus Lehmann (1831-1890) und Siegmund Salfeld (1843-1926). Auch einige Bücher anderer Rabbiner von Mainz wie Joseph Aub (1805-1880) und Sali Levi (1883-1941) finden sich. Andere Bücher stammen aus der Lehrerbibliothek der Jüdischen Bezirksschule Mainz, die 1942 geschlossen wurde. Neben Druckwerken gehören auch ca. 30 Handschriften zu der Sammlung. Beschrieben wurden die Handschriften von E. Róth, Verzeichnis orientalischer Handschriften in Deutschland VI, 2, Wiesbaden 1965, Nummer 260-290. Das berühmte, von Salfeld veröffentlichte Memorbuch aus der Mainzer Gemeinde, welches sich vormals im Besitz der orthodoxen Gemeinde befand, wird heute in einer privaten Sammlung in London aufbewahrt. Mittlerweile konnten bei den Aufräumarbeiten weitere Manuskripte gefunden werden. Sämtliche Handschriften der Bibliothek sind micro-verfilmt und können im Institute of Microfilmed Hebrew Manuscripts an der National and University Library in Jerusalem, Givat Ram, eingesehen werden.

Im Rahmen eines Projekts unter Leitung von Professor Dr. Andreas Lehnardt werden die Bestände derzeit erschlossen und neu geordnet. Dank der finanziellen Unterstützung des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz, der Freunde der Johannes Gutenberg-Universität, der Denkmalstiftung, der LBS Mainz und des Wissenschaftsministeriums konnten bereits einige der besonders wertvollen Drucke restauriert werden. Eine Dokumentation der Bibliothek im Auftrag des Forschungsfonds Universitätsgeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz befindet sich in Vorbereitung.

Die Erschließung der hebräischen Titel erfolgt mit Mitteln der Rothschild Foundation Europe (London).